Um so zwischen Gut und Böse zu scheiden, darf aber nur eine Normen-Gesamtheit als Richtschnur gelten. Gibt es davon zwei oder mehrere, dann ist der sittliche Kodex genau der Eigenschaft beraubt, die ihn überhaupt zur Moral macht: seine universelle Geltung, seine Verbindlichkeit. Das ist wie bei Gesetzen: Wenn sie – gleiche Bedingungen vorausgesetzt – mal gelten und mal nicht, wenn sie »selektiv« angewendet werden, dann sind Gesetze alles Mögliche, Handlungsempfehlungen vielleicht, aber keine Gesetze. Auch keine »Doppelgesetze«.
Dass der Westen eine »Doppelmoral« anwendet oder »Moralselektion« betreibt, bedeutet damit schlicht, dass es keine Moral ist, die sein Handeln leitet. Die Moral dient nur der Legitimation des Handelns, das durch ganz andere Dinge bestimmt wird. Zum Beispiel durch wirtschaftliche Interessen. Daher müssten Kritiker des Krieges übergehen zu einer Kritik eben dieser Interessen, die der Moral widersprechen. Rügen sie stattdessen die »Doppelmoral«, so beharren sie schlicht auf ihrem Standpunkt, der Westen habe moralisch zu handeln. Genau in dem Moment, in dem die Herrschenden klarstellen, dass sie Moral nur als Propagandamittel nutzen, appellieren die Kriegskritiker an sie, der Moral zu folgen, und stützen so die Fiktion, »eigentlich« ginge es den Herrschenden doch um das Gute.
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