VĂ€terrechtler: Wenn Medien eine Pseudowissenschaft verteidigen
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VĂ€terrechtler: Wenn Medien eine Pseudowissenschaft verteidigen
von Matthias Meisner | Juni 20, 2025 | Aktuelles
Es ist ein Kampfbegriff der VĂ€terrechtler: Eltern-Kind-Entfremdung. Das Konzept, laut dem ein Kind ein Elternteil ablehne, weil es vom anderen manipuliert werde, gilt als ĂŒberkommen und fachwissenschaftlich ĂŒberholt. Dennoch machen sich auch QualitĂ€tsmedien immer wieder zum Lautsprecher der Theorie.
Der Fall sticht heraus: Anfang Oktober 2024 veröffentlichte der âSpiegelâ im gedruckten Heft ein mehrseitiges PortrĂ€t eines Umgangspflegers, der bei Konflikten von Trennungseltern vermitteln soll.
Der im âSpiegelâ geschilderte Fall ist krass. Ein zehnjĂ€hriger Junge soll laut Gerichtsbeschluss Umgang mit seinem Vater haben, obwohl dieser die Halbschwester sexuell missbrauchte und deshalb drei Jahre im GefĂ€ngnis saĂ. Der Umgangspfleger findet das gut â obwohl ein Gutachten nicht ausschlieĂen konnte, dass der Vater pĂ€dophil sei.
Umgang mit SexualstraftÀter
Der Umgangspfleger wird von der âSpiegelâ-Redakteurin Heike Klovert damit zitiert, dass er nicht glaube, dass der Junge âbei seinem Papa sexuelle Ăbergriffe fĂŒrchten mussâ. Er habe die beiden mehr als drei Jahre lang viele Stunden beobachtet, und âkein einziges Indiz dafĂŒr gesehenâ, dass der Junge âbei seinem Vater nicht gut aufgehoben wĂ€reâ, sagt dieser.
Klovert fragt in ihrem Beitrag: âKönnte er sich trotzdem irren?â Und lĂ€sst den Umgangspfleger antworten: âJa, ein Restrisiko bleibt immer. WĂŒrden wir das auf null setzen wollen, mĂŒssten wir andere Rechte einschrĂ€nken, etwa das Recht eines Kindes, Zeit mit seinem Vater zu verbringen.â Mit anderen Worten: Er hĂ€lt das Risiko eines sexuellen Missbrauchs fĂŒr weniger gefĂ€hrlich ist als das Risiko eines Kontaktabbruchs zum Vater.
Der Umgangspfleger heiĂt Jorge Guerra GonzĂĄlez. Er ist in der Szene recht bekannt, denn er ist ein wichtiger Apologet der Theorie der Eltern-Kind-Entfremdung, die zurĂŒckgeht auf das vom US-Kinderpsychologen Richard Gardner in den 1980er Jahren beschriebene sogenannte Parental Alienation Syndrome (PAS).
Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem Beschluss im November 2023 festgehalten, das Konzept gelte âfachwissenschaftlich als widerlegt geltendes Konzeptâ, es biete âkeine hinreichend tragfĂ€hige Grundlage fĂŒr eine am Kindeswohl orientierte Entscheidungâ.
Waghalsige Thesen
Und knapp ein Jahr spĂ€ter bringt der âSpiegelâ einen Mann groĂ raus, der den Umgang eines Kindes mit einem verurteilten SexualstraftĂ€ter verteidigt? Einen, der in AufsĂ€tzen und VortrĂ€gen sagt, die âLebenszufriedenheit der ehemaligen Entfremdungskinder ist deutlich geringer als die von Erwachsenen, die in intakten VerhĂ€ltnissen aufgewachsen sindâ. Der behauptet, ihre psychische und physische Gesundheit seien âerheblich schlechterâ.
Wer nicht mit beiden leiblichen Eltern aufwachse, ist Guerra zufolge in deutlich höherem MaĂ Gefahren wie âpsychischen Störungen, SubtanzabhĂ€ngigkeiten und KriminalitĂ€tâ ausgesetzt. Guerra fordert, Eltern-Kind-Entfremdung zu bestrafen: âOhne stĂ€rkeres Unrechtsbewusstseinâ werde es schwierig bleiben, die âderzeitige De-facto-Toleranzâ gegenĂŒber den Strategien der Eltern-Kind-Entfremdung zu durchbrechen, schreibt er auf LinkedIn.
Im September 2024 â also vor dem Erscheinen des âSpiegelâ-Textes â trat Guerra als Redner auf einer internationalen Konferenz zum Thema in der norwegischen Hauptstadt Oslo auf. Dort wurde er angekĂŒndigt als einer, der âdie Langzeitauswirkungen der Elternentfremdung auf die kindliche Gehirnentwicklungâ analysiert habe. Es war nur eine weitere seiner vielen waghalsigen Thesen.
In der Fachwelt wunderten sich viele nach Erscheinen des âSpiegelâ-PortrĂ€ts ĂŒber Guerra. Die Buchautorin Sonja Howard (âIm Zweifel gegen das Kind. Wie Gerichte, JugendĂ€mter und Polizei die Kinderrechte mit FĂŒĂen tretenâ) kommentierte irritiert ein Instagram-Posting des âSpiegelsâ: âDer kriegt eine Plattform?â, dazu ein trauriges Emoji. Guerra verwende das unwissenschaftliche Konzept des PAS und poste âabstruse Studienâ, nach denen Frauen in Beziehungen ebenso hĂ€ufig gewalttĂ€tig seien wie MĂ€nner, schrieb Howard. Es sei âeinfach so krank, wie im Familienrecht am laufenden Meter Kinder gegen ihren Willen in UmgĂ€nge gezwungen werdenâ. Immer wieder poche der Staat auf âdas Elternrecht. Dieser Wahnsinn muss endlich ein Ende haben.â
Beschwerde des WeiĂen Rings
Viola Worsch, eine FunktionĂ€rin der Opferschutzorganisation WeiĂer Ring aus ThĂŒringen, formulierte eine Beschwerde an den âSpiegelâ. Sie schrieb in ihrer dem Volksverpetzer vorliegenden Mail, der Text sei ein âSchlag ins Gesichtâ von Frauen und Kindern, die von physischer und/oder psychischer hĂ€uslicher Gewalt betroffen seien. und die darum kĂ€mpfen mĂŒssten, dass ihnen geglaubt werde. Die damit zurechtkommen mĂŒssten, dass Kinder immer wieder âins Heim gesteckt werden, wenn sie sich weigern, den gewalttĂ€tigen Vater zu treffen oder gar bei ihm zu lebenâ. Der Kinderschutz solle tatsĂ€chlich nachrangig zum Persönlichkeitsschutz eines StraftĂ€ters gehen? Die âSpiegelâ-Autorin âhat sich scheinbar nicht mit TĂ€terstrategien im pĂ€dokriminellen Milieu beschĂ€ftigtâ, kritisiert Worsch.
Die âSpiegelâ-Geschichte ĂŒber Guerra und seine fragwĂŒrdigen Positionen ist kein Einzelfall. Immer wieder wird in etablierten Medien vermeintlichen Expert:innen zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung Glauben geschenkt, von den âKieler Nachrichtenâ ĂŒber die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) bis zur âNeuen ZĂŒrcher Zeitungâ. Manchmal werden sie in diesem Zusammenhang dann als Fachleute âzum Thema Kindeswohlâ aufgewertet oder stellvertretend fĂŒr âdie Wissenschaftâ zitiert.
Die VĂ€terrechtler-Lobby
Die VĂ€terrechtler-Lobby, die 2023 in einer Correctiv-Recherche âVĂ€terrechtler auf dem Vormarschâ ausfĂŒhrlich seziert wurde, leistet mit der Platzierung von solchen âExpertenâ in den Medien ganze Arbeit. Der Einsatz von Organisationen, die gegen diese Einflussnahme kĂ€mpfen, wirkt dann oft wie einer gegen WindmĂŒhlenflĂŒgel.
âDass Kinder gegen ihren Willen zum Vater geschickt werden, selbst wenn der gegen die Mutter oder die Kinder gewalttĂ€tig ist, ist kein Einzelfallâ, warnt der Deutsche Juristinnenbund. Der Verband alleinerziehender MĂŒtter und VĂ€ter (VAMV) erklĂ€rt, Vergleichsstudien von Kindern mit regelmĂ€Ăigem Kontakt und Kindern mit seltenem oder gar keinem Kontakt zum anderen Elternteil wĂŒrden ânur geringe Unterschiede im Wohlbefinden, der psychischen Gesundheit oder den sozialen FĂ€higkeitenâ zeigen. Er widerspricht damit Thesen wie denen des Umgangsbegleiters Guerra.
Eine BĂŒhne bei Riffreporter
Jorge Guerra GonzĂĄlez und seine Mitstreiter bleiben als GesprĂ€chspartner der Medien trotzdem gefragt. Anfang Juni tauchte Guerra in einem Beitrag des Portals Riffreporter auf. Die freie Journalistin Stefanie Unbehauen hatte ein langes Interview mit ihm gefĂŒhrt. Dort nennt Guerra als âKonsequenz der biologisch begrĂŒndbaren Bindungstheorieâ, dass kleine Kinder keine Elterntrennung wĂŒnschen und fehlenden Elternteilen âoft Jahre langâ nachtrauern wĂŒrden. Biologisch begrĂŒndbar? Das dĂŒrfte in der Bindungsforschung eine Einzelmeinung sein.
In anderen Passagen des Interviews nimmt Unbehauen Argumente auf, die oft auch von VĂ€terrechtsverbĂ€nden vorgetragen werden. Beispielsweise â eine der Grundlagen der pseudowissenschaftlichen Entfremdungstheorie -, dass Elternteile falsche VorwĂŒrfe erheben, um sich Vorteile in Umgangs- und Sorgerechtsverfahren zu verschaffen. âSolche VorwĂŒrfe gibt es leider, und zwar relativ oftâ, sagt Guerra. Er gehe immer von beiden Hypothesen aus: âIst das Kind tatsĂ€chlich gefĂ€hrdet oder will man mich in die Irre fĂŒhren und meine TĂ€tigkeit zu kindeswohlwidrigen Handlungen bewegen?â
Petition zu âGewaltschutz im Familienrechtâ
Wohin solches Misstrauen fĂŒhren kann, hat das Deutsche Institut fĂŒr Menschenrechte in seinem im Dezember 2024 vorgestellten Monitor âGewalt gegen Frauenâ festgehalten: Die Praktiken in Familiengerichtsverfahren âhaben zur Folge, dass Betroffene hĂ€uslicher Gewalt und ihre Kinder befĂŒrchten mĂŒssen, ihnen werde nicht geglaubt. Sie verzichten daher auf die Geltendmachung ihrer Gewalterfahrung, um mögliche negative Folgen und eine weitere Verschlechterung ihrer Lage zu vermeiden.â
Christina Mundlos, die ebenfalls ein Buch zum Thema geschrieben hat (âMĂŒtter klagen an. Institutionelle Gewalt gegen Frauen und Kinder im Familiengerichtâ), startete diese Woche eine Petition zum Thema âGewaltschutz im Familiengerichtâ. In der BegrĂŒndung der Petition heiĂt es, hinter dem Konzept der Eltern-Kind-Entfremdung stecke eine TĂ€ter-Opfer-Umkehr par excellence. âGewalt und Missbrauch werden geleugnet oder verharmlost. Als eigentliche KindeswohlgefĂ€hrdung betrachtet wird jede Mutter, die ihr Kind schĂŒtzen will.â Ăhnlich deutlich wurden Heiko Rahms und Stephanie Schmidt in ihrem im April im Deutschlandfunk ausgestrahlten Feature âDie Entfremdungs-LĂŒgeâ.
Eine illiberale, unwissenschaftliche Ideologie
Es geht bei diesem Thema nicht um unterschiedliche Meinungen zu einem Sachverhalt. Sondern darum, ob jemand Propaganda fĂŒr eine illiberale, unwissenschaftliche Ideologie macht. Und auch darum, welche Plattformen in den Medien er (oder sie) bekommt.
Der Autor dieses Textes hat dieses Problem beispielhaft im Mai 2024 an einer âSternâ-Titelgeschichte ĂŒber Trennungskinder beschrieben, in der der Bremer Psychologe Stefan RĂŒcker eine zentrale Rolle spielte. In der âSternâ-Story kamen die vielen Kinder nur am Rande vor, die in toxischen Beziehungen lebten oder leben und die dennoch auch nach hĂ€uslicher Gewalt oder Missbrauch von den Institutionen â JugendĂ€mtern oder Gerichten â zum Umgang mit beiden Elternteilen gezwungen werden. Juristische Angriffe RĂŒckers gegen den Volksverpetzer-Beitrag blieben erfolglos.
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Psychologe im Einsatz fĂŒr Christina Block
RĂŒcker plĂ€diert auf seiner Homepage: âEltern-Kind-Entfremdung ist Kindesmisshandlung und fĂŒr mich ein Verbrechen an der seelischen Entwicklung von jungen, orientierungsbedĂŒrftigen Menschen. Es ist sogar schlimmer als körperliche Verletzungen, weil sie heilen.â Verharmlost der der Psychologe hier körperliche Gewalt?
Immer wieder wird Apologet:innen der Entfremdungs-Theorie dennoch das Mikrofon gereicht. Im Februar 2024 wurde RĂŒcker vom WDR als Experte zum Streit um die Kinder der Steakhaus-Erbin Christina Block in den âBeziehungs-Podcastâ von Lisa Ortgies geholt.
Wie befangen und auch fragwĂŒrdig ein âExperteâ wie Stefan RĂŒcker sein kann, beschrieb Anne Kunze dann im April 2025 in der âZeitâ. In ihrer Investigativrecherche zum Fall der entfĂŒhrten Kinder heiĂt es, dass RĂŒcker mehrere Gutachten fĂŒr Christina Block verfasst hat.
Die âZeitâ schreibt: âRĂŒcker, der auf seiner Homepage mit den Worten ,Dr. Stefan RĂŒcker, der Wegweiser aus Ihrem Eltern-Konfliktâ fĂŒr sich wirbt, ist ein Verfechter der wissenschaftlich umstrittenen Entfremdungs-Theorie. Demnach kann es einem Elternteil gelingen, ein Kind bis zur vollstĂ€ndigen Ablehnung gegen den anderen Elternteil aufzubringen. Laut der Tabelle auf Christina Blocks Laptop erhĂ€lt Stefan RĂŒcker 40.000 Euro. In einem seiner Gutachten, die Christina Block bei Gericht einreicht, schreibt er, David und Emma seien durch ihren Vater von der Mutter entfremdet worden. Mit den Kindern gesprochen hat der Psychologe fĂŒr das Gutachten allerdings nicht.â
Lob von VĂ€terrechtlern
Im Juli startet der Strafprozess gegen Christina Block und sechs Mitangeklagte. Ihr wird vorgeworfen, die EntfĂŒhrung ihrer eigenen Kinder in Auftrag gegeben zu haben. Stefan RĂŒcker derweil wurde von Stefanie Unbehauen fĂŒr deren erst vor einigen Tagen veröffentlichten zweiten Riffreporter-Text befragt. Thema diesmal: Wechselmodell nach Trennung.
Riffreporter stellt RĂŒcker im Bildtext vor als âeinen der deutschlandweit bekanntesten Experten in Fragen des Kindeswohls und Umgangsrechtsâ. Und die Reporterin Unbehauen, die bei Riffreporter neu dabei ist, bewirbt sie auf Twitter als âoffen, ehrlich, nah dranâ: Sie breche Tabus und schaue hin, wo andere wegsehen.
Markus Witt, langjĂ€hriger FunktionĂ€r des VĂ€terrechtler-Verbands VĂ€teraufbruch fĂŒr Kinder, ist voll des Lobes fĂŒr die Arbeit von Unbehauen: âThemen, die Menschen beschĂ€ftigen und belasten, die in unserer heutigen Zeit aber kaum Raum finden und so das Leiden der Betroffenen noch vergröĂernâ, schreibt er auf LinkedIn in einem Kommentar zum JahresrĂŒckblick 2024 von Unbehauen. Der âSternâ unterdessen veröffentlichte im Januar 2025 gleich das nĂ€chste Interview mit Stefan RĂŒcker und lieĂ ihn âVerhaltensregelnâ zu FĂ€llen von Trennung mit Kindern erteilen.
âSpiegelâ wiegelt ab
Bei der notwendigen Selbstkritik von Medien nach solchen einseitigen BeitrÀgen hapert es.
Nach ihrer Kritik an der âkrudenâ Arbeit des âSpiegelsâ bekam Viola Worsch vom WeiĂen Ring eine Antwort mit Textbausteinen aus der Abteilung âLeserserviceâ:
âVielen Dank fĂŒr Ihre offenen Worte und die Zeit, die sie sich dafĂŒr genommen haben. Die Redaktion ist an Kritik interessiert und nimmt sie sehr ernst. Daher haben wir Ihre E-Mail an die Chefredaktion weitergeleitet. [âŠ] NaturgemÀà gibt es auch innerhalb der Redaktion unterschiedliche Blickwinkel und EinschĂ€tzungen. Deshalb sind uns auch die Sichtweisen der Leserschaft so wichtig.â
Von der âSpiegelâ-Chefredaktion hat Viola Worsch nichts mehr gehört.
Ein Sprecher der âSpiegelâ-Unternehmenskommunikation sagte zu dem Vorgang auf Anfrage des Volksverpetzers, die Anmerkungen von Frau Worsch seien âaufmerksam zur Kenntnisâ genommen worden. Aufgrund der Vielzahl an Zuschriften könne jedoch nicht auf jede individuell eingegangen werden.
Das im Artikel ĂŒber den Umgangspfleger behandelte Thema ist seit langem Gegenstand kontroverser Diskussionen in der Ăffentlichkeit und den Medien. âVor diesem Hintergrund bemĂŒht sich der Beitrag um eine möglichst sachliche und umfassende Darstellung. Er beschreibt den Sachverhalt sowie die Perspektiven der handelnden Personen ausgewogen.â
Artikelbild: canva.com
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