Girls & Gods: Inna Shevchenko und die Gretchenfrage
Die klassische Gretchenfrage: Sag, wie hast du’s mit der Religion? Wie anders sie doch klingt, wenn sie nicht Gretchen an Faust im berühmten Drama von Goethe stellt, sondern Inna Shevchenko, die feministische Aktivistin der ukrainischen Gruppe Femen.
Frauen und Fragen
Shevchenko richtet diese Frage nicht an irgendwen oder irgendwo. Sie stellt sie vor der Kamera, sie stellt sie gläubigen wie nicht gläubigen Frauen, die sich mit der Rolle der Frau im Islam, im Judentum oder im Christentum auseinandersetzen.
Einige Frauen wurden in ihrer Religion Opfer von religiös motiviertem Frauenhass oder Unterdrückung. Andere Gesprächstpartnerinnen sind Frauen, die sich für die Gleichberechtigung in ihrer Glaubensgemeinschaft einsetzen, die Grenzen ausweiten und überwinden wollen.
Im Hintergrund all dieser Interviews steht eben jene Gretchenfrage: Wie haben es die Frauen (der drei grossen monotheistischen Religionen) mit der Religion.
Anders formuliert: Ist praktizierte Religion mit Feminismus vereinbar?
Warum glaubst du noch?
In der Dokumentation Girls&Gods, welche letzten Donnerstag in den Schweizer Kinos angelaufen ist, begleiten wir Inna Shevchenko zu ihren Gesprächen mit diesen Frauen. Sie sitzen gemeinsam am runden Tisch, in einer Kirche in Frankreich, sie binden Blumenkränze am Fluss in Würzburg.
Inna Shevchenke demonstriert mit einer Imamin auf der Pride in Berlin oder spaziert mit einer Trans Rabbinerin durch die Strassen von New York. Sie ist aber keine gläubige Frau. Und sie zeigt dies auch in ihren Gesprächen.
Ihr geht es darum zuzuhören und Fragen zu stellen. Ein Gespür zu bekommen für das Verhältnis von patriarchalen Strukturen in den Religionen und lebbarem Feminismus innerhalb dieser Strukturen.
Inna Shevchenko ist kritisch, sie fragt nicht nur einmal nach, sie hakt nach, sie ist hartnäckig, sie hält dagegen, sie will es genau wissen. Ja was eigentlich?
Wie genau diese Frauen an einen Gott glauben können. Oder richtiger formuliert: Teil einer patriarchal geprägten Glaubensgemeinschaft sein können, zu deren Geschichte es gehört, dass Frauen eingeschränkt, gedemütigt und nicht als gleichwertig berechtigte Menschen in der Gesellschaft angesehen wurden. Und es teilweise noch immer werden.
Oder aber: Wie es für sie war, aus diesen Strukturen auszubrechen. Was bestärkt sie, wo stehen sie in ihrem Selbstermächtigungsprozess?
Glaube vor Feminismus?
Es geht um Selbstermächtigung und Gleichberechtigung. Welche Stellung hat die Frau innerhalb der Glaubensgemeinschaft? Welche Rolle kann eine Frau einnehmen, die ihr nicht qua Schriftauslegung von Männern zugewiesen wird?
Immer wieder kommt es in den Gesprächen an den Punkt, wo «weltlicher» auf «religiösen» Feminismus trifft.
Kaum eine der Glaubensgemeinschaften, mit denen sich Shevchenko in der Dokumentation auseinandersetzt, entspricht in der Struktur ihren feministischen Wunschvorstellungen. Trotzdem finden die befragten Frauen einen Weg, innerhalb ihrer Gemeinschaften zu wirken, Veränderungen voranzutreiben. Oder aber sie befreien sich aus diesen.
Eine patriarchal geprägte Gemeinschaftsstruktur steht einer Glaubensüberzeugung gegenüber, in welcher die persönliche Gottesbeziehung im Zentrum steht.
Kein Konsens
Was gebe ich auf, woran halte ich fest und was kann ich verändern? Diese Fragen schweben mal ausgesprochen, mal unausgesprochen über den Interviews.
Mit der deutschen Journalistin und praktizierenden Muslimin Khola Maryam Hübsch diskutiert Shevchenko über die Verschleierung. Wenn Hübsch die Freiheit betont, die die Frau durch ihre Verschleierung erlebt, – Freiheit vom Blick der anderen, Freiheit von Bewertung und Belästigung – kritisiert Shevchenko, dass es überhaupt notwendig ist, sich zu verschleiern, um diese Freiheit zu erleben.
Wo die Fragen ungeklärt bleiben, bleibt zumindest das offene Gespräch. Der Dialog ist das Zentrum des Films, der Dialog, in den alle Beteiligten bereit sind einzutreten. Diese Bereitschaft wirkt auch nach der Dokumentation noch nach.
Nach dem Gespräch mit der iranischen Aktivistin Maryam Namazie umarmen sich Shevchenko und Namazie. Sie haben keinen Konsens gefunden, aber sie haben miteinander geredet, sich gegenseitig zugehört.
In unserem Podcast Popcorn Culture findet ihr ab Samstag, den 20.06.2026 eine ausführliche Besprechung der Dokumentation.
Der Film Girls & Gods ist eine Dokumentation von Arash T. Riahi und Verena Soltiz, Drehbuch und Interviews Inna Shevchenko. Die Dokumentation läuft seit 11.06.26 in der Schweiz im Kino.
Das Beitragsbild wurde vom Filmverleih Vinca Film GmbH zur Verfügung gestellt.
#Feminismus #Film #Glaube






