âEin Verbot schadet allenâ
Sexarbeit â Statt Prostitution zu verbieten, gilt es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Sexarbeiter*innen zu verbessern
Im Sommer trifft sich Mel mit ihrer Kundschaft meist im Park, im Winter ist es dafĂŒr zu kalt. Deshalb lĂ€sst sie in der Regel ein Hotelzimmer buchen. Bordell kommt fĂŒr sie nicht infrage. âIch bin nicht angemeldet, habe keinen Hurenpassâ, sagt die 28-JĂ€hrige. Warum nicht? Sie sei trans* und habe eine Behinderung. âIch möchte auf keinen Fall in noch einem Register landen.â Niemand soll wissen, wie sie ihr Geld verdient.
Mel wohnt in einem kleinen Ort in Baden-WĂŒrttemberg. âSexarbeit ist ultra mit Stigma besetzt. Wenn das rauskommt, kann ich umziehen.â Dass jetzt wieder die Forderung nach einem Sexkaufverbot laut wird, findet sie gruselig. âKriminalisierung hat noch nie jemand geschĂŒtzt. Im Gegenteil.â
Sexkaufverbot nach nordischem Modell?
BundestagsprĂ€sidentin Julia Klöckner (CDU) bezeichnet Deutschland als âPuff Europasâ â und befeuert die Debatte ĂŒber ein Sexkaufverbot nach nordischem Modell: Damit wird die Kundschaft kriminalisiert, nicht die Prostituierten. âAls ob damit irgendjemandem geholfen wĂ€reâ, sagt Mel. âAbsoluter Bullshit!â Durch ein Verbot wĂŒrde fĂŒr sie alles nur noch schwieriger â und unsicherer.
Die junge trans* Person bemĂŒht sich, so gut es geht, selbst um ihren Schutz bei der Arbeit. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie auf eine Anzahlung besteht. AuĂerdem mĂŒssen die Kund*innen ihr eine Kopie der BuchungsbestĂ€tigung des Hotels schicken. âDa sehe ich, wie die Person heiĂt.â Mit einem Sexkaufverbot wĂŒrde ihr sicher niemand mehr eine Anzahlung schicken. Und auch keine BuchungsbestĂ€tigung.
Auch Juliane Elpelt, bei ver.di in Hessen fĂŒr Frauen- und Gleichstellungspolitik zustĂ€ndig, warnt vor einem Verbot. Sie kritisiert, dass Sexarbeit meist mit Zwang gleichgesetzt werde. Wichtig sei, Menschenhandel und Zwangsprostitution davon ganz klar zu trennen. âDas sind schwere Straftaten, die auf keinen Fall zu dulden sind und bestraft werden mĂŒssen.â Punkt. Ein Sexkaufverbot wĂŒrde die Risiken nicht verringern, sondern alle in die IllegalitĂ€t drĂ€ngen â und weniger Kontrolle, weniger Sicherheit bedeuten.
Es braucht andere Lösungen
Das Thema sei emotional sehr aufgeladen. Doch egal, welche Haltung man dazu vertrete: âWenn es wirklich darum geht, die Menschen besser zu schĂŒtzen, braucht es andere Lösungen.â Vor allem: mehr UnterstĂŒtzung. In vielen StĂ€dten, gerade auf dem Land, gebe es viel zu wenige Angebote.
Sexarbeit sei total divers, betont Encarni RamĂrez Vega, stellvertretende GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Beratungsstelle FIM â Frauenrecht ist Menschenrecht e.V. â fĂŒr Migrantinnen in Frankfurt am Main. Die LebensumstĂ€nde der Frauen seien völlig unterschiedlich, genau wie ihre Arbeitsbedingungen. Die Klientinnen ihrer Beratungsstelle kommen vor allem aus RumĂ€nien und Bulgarien sowie aus Lateinamerika. âIn der Regel entscheiden sie sich aus schlimmer Armut und groĂer Perspektivlosigkeit heraus fĂŒr die Prostitution.â
Welche Folgen ein Verbot hat, lieĂ sich gut wĂ€hrend der Coronapandemie beobachten. Ăber ein Jahr lang war Prostitution in Hessen verboten, Bordelle mussten geschlossen bleiben. âIm Bahnhofsviertel ist ein groĂer, illegaler StraĂenstrich entstandenâ, sagt Encarni RamĂrez Vega. Und viele illegale Strukturen. âWir konnten beobachten, wie dadurch AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse und Gewalt begĂŒnstigt wurden.â SchlieĂlich sorgten ProstitutionsstĂ€tten auch fĂŒr Schutz, sie mĂŒssten Auflagen erfĂŒllen, etwa ein Notrufsystem bereitstellen, und verfĂŒgten ĂŒber Sicherheitspersonal.
Viele der Sexarbeiter*innen sprechen wenig Deutsch, sind nicht gemeldet, haben keine eigene Wohnung, sondern kommen im Milieu unter oder in prekĂ€ren UnterkĂŒnften. âSie stehen unter groĂem Druck.â Die Frauen könnten sich oft nicht leisten, Freier abzulehnen oder Praktiken zu verweigern. âIn erster Linie muss es darum gehen, sie zu stĂ€rken und zu empowern.â Und nicht im Gegenteil, weiter zu stigmatisieren.
Menschenhandel bekÀmpfen, nicht die Branche
Die aktuelle Debatte setzt Pallas Athene sehr zu. Sie ist Sexarbeiterin und aktiv im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, BesD e.V., der sich fĂŒr mehr Rechte und AufklĂ€rung, gegen MissstĂ€nde und Gewalt einsetzt. âDamit werden populistische Stigmata reproduziert, unter denen wir alle in der Branche sehr leiden.â Es gelte, Menschenhandel zu bekĂ€mpfen. Nicht die Branche. Sie selbst arbeite selbstbestimmt, verdiene so ihren Lebensunterhalt, zahle Steuern.
Pallas Athene ist ĂŒberzeugt: âEin Verbot schadet allen!â Am meisten jenen, denen damit angeblich geholfen werden solle. Wer nicht freiwillig in der Prostitution arbeite, habe hĂ€ufig keine andere Wahl. âDie Menschen sichern so ihre Existenzâ, gibt sie zu bedenken. âWenn ihnen das genommen wird, stehen sie ohne Alternative da, ohne Auffangnetz.â
Was es ihrer Meinung nach stattdessen braucht? âEine bessere Sozialpolitik, eine bessere Migrationspolitik.â Und weniger Stigmatisierung: Prostituierte seien stĂ€ndig Diskriminierung ausgesetzt. Auf Ămtern, ihnen wĂŒrden Wohnungen verweigert, Banken lehnten ab, dass sie ein Konto eröffnen, PayPal sperre den Account und ziehe das Geld ein. âWir werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt.â
Juliane Elpelt von ver.di sieht es als Aufgabe der Gewerkschaften an, sich an die Seite der Sexarbeitenden zu stellen. âSie haben keine Lobby!â Gemeinsam gelte es, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sie verweist auf einen Beschluss der DGB-Frauenkonferenz im Oktober 2025 in Berlin. Darin fordern die Delegierten unter anderem den flĂ€chendeckenden Ausbau und die langfristige Finanzierung unabhĂ€ngiger, professioneller Beratungsstellen und Zugang zu sozialen Sicherungssystemen. AuĂerdem ein Bleiberecht fĂŒr Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Der Antrag mit dem Titel âSexarbeit ist Arbeitâ wurde mit groĂer Mehrheit angenommen, wörtlich heiĂt es darin: âWir als Gewerkschafterinnen stehen fĂŒr SolidaritĂ€t, Selbstbestimmung und soziale Sicherheit. Deshalb lehnen wir das Nordische Modell entschieden ab. Statt Repression fordern wir Rechte, und zwar solche, die auch tatsĂ€chlich greifen.â
Sichere Orte, neue Perspektiven
Wie wichtig soziale Angebote sind, zeigt das Beispiel aus Frankfurt: Erst seit letztem Sommer verfĂŒgt die Beratungsstelle FIM ĂŒber zwei Wohnungen mit jeweils zwei PlĂ€tzen. âViel zu wenigâ, sagt Encarni RamĂrez Vega. Aber immerhin könnten sie jetzt einigen Sexarbeiterinnen, die aussteigen wollen, einen sicheren Ort bieten. Dort können die Frauen zur Ruhe kommen und mit den FachkrĂ€ften ĂŒberlegen, welche Perspektiven es fĂŒr sie gibt.
Und Mel? Sie hat studiert und im sozialen Bereich gearbeitet. Doch auf ihrer Arbeitsstelle sei sie als trans* Person angefeindet worden. âDarunter habe ich sehr gelitten.â Sie habe einen Job gesucht, bei dem sie flexibel und selbstbestimmt Geld verdienen konnte, ohne viel Papierkram. Ihr bereitet Sorgen, wie sehr die gesamte Gesellschaft nach rechts rĂŒckt. Sie fĂŒrchtet sich davor, dass die AfD an die Macht kommt. âWir wissen, was mit Sexarbeiter*innen im Faschismus passiert istâ, sagt Mel.
Genau wie Schwule, Lesben und trans* Personen wurden sie stigmatisiert und drangsaliert, mitunter zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Die 28-JĂ€hrige leidet drunter, stĂ€ndig lĂŒgen und verheimlichen zu mĂŒssen, womit sie ihr Geld verdient. Was ihr helfen wĂŒrde? SolidaritĂ€t. âAuch von jenen, die ein Problem mit meiner Arbeit haben.â Und: âIch wĂŒnsche mir finanzielle Absicherung, einen sicheren Arbeitsplatz â so wie alle anderen auch.â
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Einige Links wurden nachtrĂ€glich eingefĂŒgt.