Konsortiale Finanzierung von Diamond-OA-Publikationen: Diskussionen bei den Open-Access-Tagen 2025
Im Rahmen der im September stattgefunden Open-Access-Tage in Konstanz war das Thema „Konsortiale Finanzierung von Diamond Open Access“ an vielen Stellen im Programm präsent. Die TIB unterstützt die Entwicklung solcher Modelle mit Angeboten wie KOALA und dem Diamond Funding Navigator. Aus diesem Grund möchten wir unsere Takeaways von den Open-Access-Tagen 2025 zu diesem Thema hier teilen.
Konsortiale Finanzierung von Diamond Open Access – das Konzept in Kürze
Anknüpfend an das diesjährige Motto der Open-Access-Week „Wem gehört unser Wissen?“, ist zentral für Diamond Open Access (kurz Diamond OA) als Modell des wissenschaftlichen Publizierens definiert, dass dort weder Autor*innen oder Lesende die Kosten tragen müssen. Konsens ist darüber hinaus, dass diese Veröffentlichungen unter möglichst freien Lizenzen stehen (in der Regel CC-BY) und in den Händen der wissenschaftlichen Communities liegen. In der Diskussion ist, wie die Besitzverhältnisse an solchen Publikationen ausgestaltet sein müssen und welche Rolle Verlagen dabei zukommen kann. Wenn also die Frage gestellt wird, wem unser Wissen gehört, ist Diamond OA ein Weg, eine gemeinwohlorientierte Antwort in Bezug auf Besitzverhältnisse, Zugang und Produktionsmöglichkeiten zu geben. Außer Frage steht, dass auch beim Publizieren im Diamond-OA-Modell, nicht anders als bei anderen Modellen, Kosten anfallen. Daher müssen andere Finanzierungslösungen für den Betrieb dieser wissenschaftlichen Publikationen gefunden werden. Neben der Finanzierung durch einzelne Mittelgeber wie Institute, Universitäten oder Projektmittel, hat sich in den letzten Jahren als nachhaltige Alternative die gemeinschaftliche Finanzierung durch sogenannte „Konsortien“ etabliert. Hier tun sich engagierte Einrichtungen zusammen, um gemeinsam vorher fest vereinbarte Summen für definierte Zeiträume zur Verfügung zu stellen, und den Betrieb der nach dem Diamond-OA-Modell operierenden Publikationen sicherzustellen. So können die Publikationen durch Forschende, Studierende und die interessierte Öffentlichkeit weltweit für eigene Veröffentlichungen genutzt, rezipiert und nachgenutzt werden.
Da im Vergleich zu den etablierten Finanzierungsmodellen (Subskription, Article oder Book Processing Charges – APC bzw. BPC, Read-and-Publish-Verträge) das oben beschriebene konsortiale Modell erst im Aufbau befindlich ist, ist die Frage nach der konkreten Ausgestaltung der Finanzierung von Diamond OA-Publikationen ein viel diskutiertes Thema – so auch bei den diesjährigen Open-Access-Tagen. In diesem Blogpost tragen wir unsere Beobachtungen aus den dortigen Fachdiskussionen zusammen und versuchen sie verständlich einzuordnen.
Zentrale Fragestellungen mehrerer Workshops, Posterpräsentationen und Vorträgen waren:
- wie die Nachnutzung konsortialer Modelle unter verschiedenen Rahmenbedingungen gelingen kann.
- welche Rolle diese Modelle innerhalb eines sich stetig weiter entwickelnden Systems verschiedener Ansätze zur Finanzierung in der Zukunft einnehmen kann.
- welche Rolle Infrastruktureinrichtungen wie die TIB bei ihrer weiteren Etablierung spielen können.
- welche zentralen Finanzierungsmechanismen zur Unterstützung von Diamond OA funktionieren können.
- wie Diamond-OA-Publikationen von potentiell finanzierenden Einrichtungen bewertet werden können.
Konsortiale Angebote gemeinsam nachhaltig entwickeln
Mehrere Vertreter*innen existierender Angebote zur konsortialen Finanzierung von Diamond OA – KOALA-TIB, KOALA-SLUB, educonsort.oa – haben die Erkenntnisse und Erfahrungen aus ihrer Arbeit und offene Fragestellungen in Form eines Workshops zur Diskussion gestellt. Unter dem Titel „Wie zukunftsfähig sind konsortiale Diamond-Open-Access-Finanzierungslösungen? Strategien für ein tragfähiges Finanzierungsmodell“ wurden folgende Kernpunkte mit den Teilnehmenden diskutiert:
- Kostentransparenz – ein wichtiges Kriterium für Einrichtungen, wenn sie sich für oder gegen eine Teilnahme entscheiden. Hier sind neben den Betriebskosten der Publikationen auch die Kosten für die Konsortialführung relevant.
- Qualitätssicherung – wie wird die Qualität der Publikationen bewertet und transparent gemacht, die finanziert werden sollen? Wie könnnen ibliotheken dabei sowohl deren Qualität für die eigenen Finanzierungsentscheidungen bewerten, als auch vermeiden, die wissenschaftliche Freiheit einzuengen? Und woran ist Qualität festzumachen – Bibliometrischen Indikatoren, Veröffentlichungszahlen, oder ganz anderen Faktoren? Hier gibt es Überschneidungen mit der generellen Frage der Forschungsbewertung. Wir verweisen hier auf die „San Francisco Declaration on Research Assessment„, die sich dazu verhält.
- Was können Konsortialinitiativen leisten, was nicht? – Als wichtige Aufgaben wurden hier Vertrauensbildung genannt, die Vertretung der Interessen der Bibliotheken als finanzierende Einrichtungen gegenüber z.B. Dienstleistern (Verlagen) und die Stärkung des Diamond-OA-Modells an sich und die Überzeugungsarbeit gegenüber Forschenden für dieses Modell (auch das Ausräumen von Vorbehalten und ggf. unrealistischen Anforderungen an Diamond-OA-Publikationen im Vergleich zu kommerziellen Angeboten). Hier wurde insbesondere die Vernetzung mit wissenschaftlichen Communities über Fachinformationsdienste und Fachgesellschaften genannt. Planbarkeit des Finanzierungsmodus und Nachhaltigkeit der Struktur sind weitere grundlegende Vorteile, die wissenschaftliche Einrichtungen von Konsortialinitiativen erwarten.
- Entscheidungsprozesse bei den finanzierenden Einrichtungen – Diese aufzusetzen ist notwendig, und von den Teilnehmenden wurde konstatiert, dass viele Einrichtungen sich hier in einem frühen Entwicklungsstadium befinden. Teils ist unklar, wer Entscheidungen über die Finanzierung von Diamond-OA trifft, und auf welcher Grundlage Entscheidungen getroffen werden, siehe hier auch das Thema „Qualitätssicherung“. Der Diamond Funding Navigator der TIB kann bei der internen Entscheidungsfindung, aber auch bei der Übersicht über konsortiale Angebote, unterstützen. Denn dort werden sowohl eine Vielzahl konsortialer Diamond-OA-Angebote kompakt dargestellt, als auch die Möglichkeit der Publikationsdatenanalyse bezogen auf einzelne Universitäten ermöglicht.
- Rolle der Verlage – Die Definition von Diamond OA ist laufendes Diskussionsthema. Während unstrittig ist, dass angestrebt wird, dass die Publikationen im Interesse der Wissenschaft agieren sollten, ist unklar, ob dies auch kommerzielle Akteure leisten können, bzw. wie mit nicht-kommerziellen Fachgesellschaften umgegangen werden soll, die bisweilen sehr problematische Summen für ihre Publikationen verlangen. Dabei kann es auch nicht Aufgabe der Bibliotheken sein verschachtelten Stiftungs- oder Unternehmenskonstrukten nachzuspüren, um einwandfrei herauszufinden, ob sie es mit kommerziellen Akteuren zu tun haben. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob und wie Verlage als Dienstleister (aufgrund ihrer Kompetenzen, Nischenpositionen, erprobter Workflows, sowie Expertise) eine Rolle bei nicht-kommerziellen Publikationen haben können. Als wichtige Voraussetzung für alle Überlegungen wurde hierbei erneut die Kostentransparenz hervorgehoben.
Im Workshop „Von Konsortium zu Konsortium? Erfolgreiche Nachnutzung und Weiterentwicklung von konsortialen Finanzierungsmodellen für Diamond OA“ wurde diskutiert, wie die bestehenden Modelle auf andere institutionelle Kontexte übertragen werden, also etwa auf nationaler Ebene implementiert werden können. Initiatorin war Daniela Hahn, die im Rahmen des Projekts CoDOA Strukturen für die konsortiale Finanzierung von Diamond-OA-Publikationen in der Schweiz aufbaut, und diese Veranstaltung mit Kolleg*innen unter anderem von der TIB durchführte. In der Diskussion wurde deutlich, dass eine breite Nachnutzung der Modelle bei gleichzeitiger stetiger Weiterentwicklung und Optimierung nur durch enge Abstimmung und bestmöglichen Transfer von Lessons learned – ganz im Sinne von Open Science – gelingen kann. Auch die bestehenden Modelle wie KOALA entstanden unter Nachnutzung früherer Konzepte. Bei der Adaptierung müssen Unterschiede beispielsweise bei Mittelflüssen zwischen den Einrichtungen, sowie bei Governancemodellen berücksichtigt werden, während z.B. Mindeststandards für die Publikationen weitgehend unabhängig von institutionellen Rahmenbedingungen nachgenutzt werden können. Die zeitnah zu den Open-Access-Tagen gegründete neue Fokusgruppe Konsortiale Open-Access-Finanzierung wird die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung der Expert*innen im Sinne einer nachhaltigen Weiterentwicklung und Nachnutzung der konsortialen Modelle vorantreiben. Diskutiert wurde auch die Frage, ob eine Zunahme von konsortialen Angeboten wünschenswert ist, und welche Einfluss das auf die Finanzierungspraxis der Bibliotheken hat. Einhellige Position der Teilnehmenden war, dass mehr Angebote nur dazu führen dürfen, dass mehr Mittel für Diamond-OA-Angebote freigemacht werden müssen, bzw. Erwerbungsetats entsprechend flexibilisiert werden müssen. So, wie Diamond-OA auch wissenschaftspolitisch an vielen Stellen erwünscht wird, ist es keine Lösung, die Zahl der Angebote gering zu halten, damit keine Konkurrenz um begrenzte Mittel eintritt.
Konzepte und Visionen für nachhaltiges Diamond OA und darüber hinaus
Im weiteren Sinne um ein konsortiales Modell für die Finanzierung von Diamond OA ging es in der Keynote von Bernhard Mittermaier (Forschungszentrum Jülich, „Die Diamond OA-Abgabe. Ein Vorschlag.“, Aufzeichnungen aller Keynotes im TIB AV-Portal: https://av.tib.eu/series/1977). Er stellte ein im Rahmen des Schwerpunkts „Digitalität in der Wissenschaft“ der Allianz der Wissenschaftsorganisationen erarbeitetes Modell vor. Zentrales Element ist der „Deutschland-Fonds Diamond Open Access“ (DeFDOA). In diesem Modell sollen Diamond-OA-Publikationen über ein Umlage-Prinzip finanziert werden, das etablierte Zahlungsflüsse nutzt: Wissenschaftliche Einrichtungen Deutschlands speisen einen kleinen Prozentsatz ihrer Erwerbungs- und Publikationsausgaben in einen deutschlandweiten Diamond-Fonds ein oder finanzieren entsprechende Publikationen direkt. Die potentiell von der MPDL Services gGmbH verwalteten Mittel sollen Publikationen zugutekommen, die in Deutschland herausgegeben werden, und in Ausnahmefällen auch im Ausland, wenn sie von hoher Bedeutung für Deutschland sind. Berechtigt sollen sowohl Neugründungen, bestehende und auch auf Diamond OA umstellende Zeitschriften sein. Für die Auswahl der Publikationen verwies er auf die KOALA-Mindeststandards und den im Rahmen des DIAMAS-Projekts entwickelten Diamond Open Access Standard (DOAS); als Akteur für den ausschließlich formalen Auswahlprozess wird der Arbeitskreis Forum 13+ vorgeschlagen. Laut diesem Vorschlag von Bernhard Mittermaier sollen in einem ersten Schritt dafür 2% der aktuellen Erwerbungsausgaben der deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken einfließen, allerdings in einem freiwilligen Modell, sodass zumindest Aufmerksamkeit bezüglich einer tatsächlichen Teilnahme der Bibliotheken geboten ist. Nach der deutschen Bibliotheksstatistik, die 2024 Erwerbungsausgaben von ca. €416 Millionen angibt, entsprechen 2% ca. €8 Millionen. Die genehmigten Anträge sollen dann je nach Publikationsanteil eine Förderung aus dem DeFDOA erhalten.
Die zweite der drei Keynotes der Open-Access-Tage thematisierte offene Informations-Infrastrukturen als oft unsichtbare, aber essentielle Säule für nachhaltiges Diamond OA: Marco Tullney, Leiter des Bereichs Publikationsdienste der TIB, sprach über Herausforderungen bei ihrer auf Dauerhaftigkeit angelegten Entwicklung und ihrem Betrieb und legte anhand von Beispielen dar, dass Einrichtungen viele Möglichkeiten haben, diese mitzugestalten und zu tragen. Das Thema der Infrastruktur und ihre Aufrechterhaltung ist gerade für die Diamond OA unterliegenden Dienste und Strukturen von zentraler Bedeutung: Ohne dauerhaft gesicherte technische sowie finanzielle Rahmen und Infrastruktur können sich gerade kleine oder nicht-kommerziell agierende Zeitschriften nur schwierig behaupten.
In der dritten Keynote argumentierte Pierre Mounier (EHESS, unter anderem Co-Koordinator von OPERAS) am letzten Konferenztag, dass diese Zeitschriften sich bei allem Pragmatismus Markt-Logiken entziehen. Wenn Diamond OA im Wettbewerb mit kommerziellen Subskriptions oder APC-Modellen steht, kann kein gemeinsamer Markt mit Preisen realisiert werden, da die Angebote nicht vergleichbar sind und für Diamond OA der finanzielle „Preis“, der für dem Markt essentiell ist, nachrangig ist. Stattdessen agiere Diamond OA aus dem Prinzip der Freiwilligkeit – zwar nicht außerhalb von finanziellen Notwendigkeiten, aber, wie Pierre Mounier sagte: „We are not outside of the market, but we are not driven by the market.“ Zentral sei als Ersatz des organisierenden Prinzips von Märkten die Community, wobei vage blieb, wer diese Gemeinschaft genau ausmacht. Organisationshubs dieser Community seien die inzwischen sich etablierenden nationalen und europäischen Hubs: EDCH und in Deutschland SeDOA.
Über konsortiale Modelle und auch Visionen zentraler Finanzierungen hinaus, agieren auch andere Akteure mit großem Engagement und testen verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten aus. In einer Fishbowl-Diskussion wurden die Herausforderungen des Subscribe2Open-Modells (S2O) bei kleinen und mittelständischen Verlagen von Verlags- und Bibliotheksvertretenden diskutiert. In diesem Modell können Subskribtions-basierte Publikationen den Schritt zu Open Access machen, indem sie bei Erreichen einer gewissen, durch Subskriptionen gedeckten Summe alle Publikationen im jeweiligen Jahr Open Access bereitstellen. Dieses Modell ist gerade für kleinere Verlage relevant, die nicht Teil von größeren Open-Access-Rahmenverträgen mit einer Vielzahl von Bibliotheken sind, oder nicht die finanzielle Flexibilität haben, die für ein APC-Modell nötig ist. S2O kann dabei beim Umstieg von Subskritions-Modell in OA-Modelle helfen, kann aber nicht mit schwankenden Artikelzahlen umgehen und bietet keine finanzielle Transparenz. S2O bietet Verlagen die Möglichkeit, am Kundenstamm festzuhalten, anders als bei einer direkten Umstellung auf ein APC-Modell. Wie sich in der Diskussion zeigte, ergibt sich dennoch das Problem des „Freeriding“: Manche Bibliotheken hoffen, dass auch ohne ihre finanzielle Beteiligung die Finanzierungs-Schwelle erreicht wird, und ihre Klient*innen somit kostenfrei publizieren und lesen können. Es wurden Fragen zur Transparenz der Verlagskosten, des Umgangs mit dem Schritt zurück ins Closed-Access-Modell, wenn die Finanzierung nicht gelingt, der diesbezüglichen Kommunikation mit Autor*innen, sowie der Kalkulation bei steigenden Publikationszahlen diskutiert.
Insgesamt zeigte sich, dass sich das Thema Finanzierung von Diamond OA im Fokus vieler Diskussionen befindet. Die oben angerissenen Lösungsvorschläge, teils bereits praktiziert, teils in der Konzeptphase, sind vielfältig, aber alle bekunden, dass Diamond OA mehr und beständigerer Finanzierung bedarf, um in Quantität und Qualität zu wachsen. Die TIB bleibt hier auch weiterhin engagiert und ist gespannt auf die zukünftigen Entwicklungen – um auch in Zukunft das Wissen in den Händen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zu behalten.
Beitragsbild: caro_oe92 auf Pixabay (Pixabay-Lizenz)

Gelebte Offenheit in der Wissenschaft finden wir gut! 



