Ein liberaler Freund wird sehr vermisst

Joachim “Jo” Scheffer war ein sozialliberaler Kämpfer für Umwelt- und Bürgerrechte, der mit offenem Visier und persönlicher Gradlinigkeit für fortschrittlichen Liberalsimus lebte. Ich kenne wenig Menschen, die ihre Prinzipien und Grundüberzeugung mit Konsequenz und Gradlinigkeit, aber gleichzeitig mit Humor und Leichtigkeit zu vertreten wussten. Ob bei den Jungdemokraten und beim Liberalen Hochschulverband, der Friedrich-Naumann-Stiftung, in der örtlichen FDP und nach Genschers “Wende” 1982 bei den Grünen, im BUND, und  beim Radikaldemokratischen Bildungswerk, dem Oldie-Netzwerk der Linksliberalen Jungdemokrat:innen besonders aber im Liberalen Zentrum Köln.

Jo war immer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde, er tat alles uneitel und unpretentiös und sorgte auch in schwierigen Zeiten immer für Optimismus. Ich lernte Joachim Scheffer bei den Jungdemokraten 1978 kennen, nachdem ich kurz vorher vom Schwäbischen zurück ins Rheinland nach Bonn gezogen war, um zu studieren und Politik zu machen.  Joachim war bei den Jungdemokraten einer der mit allen Menschen sprechfähig war – in einer Zeit, in der insbesondere im Milieu der Studentenverbände Grabenkämpfe an der Uni abspielten. Ralf Fücks war damals noch bei den Chinatreuen K-Gruppen, Joschka Fischer Straßenkämpfer in Frankfurt und Marieluise Beck Trotzkistin. Aber auch die Schwesterorganisation der Jungdemokraten an der Hochschule, der Liberale Hochschulverband (LHV) war damals von Fraktionen bestimmt. 1981 wurde ich zum Bundesvorsitzenden und Joachim mein loyaler Stellvertreter. Wir kämpften damals gegen den Rechtsruck der FDP und den absehbaren Bruch der sozialliberalen Koalition, den Genscher auch im September 1982 durch seine Unterstützung des Mißtrauensvotums vollendete und damit die FDP spaltete. Damit  legte Genscher den Grundstein für das heutige Desaster einer Partei, die niemand mehr braucht. Und wir waren beide mittendrin.

Gemeinsam in der “Zweifrontenauseinandersetzung”

Als wir gemeinsam in den Bundesvorstand gewählt wurden, hatte  bereits Graf Lambsdorff die erste Bombe gegen die sozialliberale Koalition gezündet: Am Haushalt 1982 sollte es “knallen”, Wir als Studentenverband mit Sitz im FDP-Bundesvorstand  wurden mit theoretischen Horrorszenarien konfrontiert, dass angeblich ein Schüler, der BaFöG erhält, sich vom 14. bis zum 26. Lebensjahr ohne Prüfung durchmogeln könne. Den gab es gar nicht, aber es ging schon damals, wie heute bei Rente und Gesundheit um Klassenkampf von oben. Joachim, von Beruf Ingenieur, gab immer Zahlen den Vorrang und argumentierte seriös und sachbezogen. Das war unserer “Verbandsopposition”, eher egal. Die einen waren Grün-nah, die anderen wurden vom DDR-nahen MSB-Spartakus umworben. Wie der ehemalige Schatzmeister Manfred Confurius, später Anwalt zu Hamburg. Der LHV hatte mit meiner Wahl beschlossen, im Herbst “dezentrale Aktionen” mit den Grün-nahen Basisgruppen an den Hochschulen gegen Sozialabbau zu unterstützen. Der MSB orientierte auf “bundesweiten Streik” – zu dem mich Confurius in einem 2-stündigen, sehr einseitigen  Telefongespäch überreden versuchte. Er merkte gar nicht, dass ich nicht zuhörte, sondern Spaghetti kochte, während er mich agitierte. Tissy Bruns, MSB-Vertreterin in den Vereinigten Deutschen Studentenschaften” VDS in Bonn hatte ihn da bereits “auf Linie” der Kommis gebracht. Sechs  Wochen war er auf “Schulung” in der Kaderschmiede der DDR, erfuhr ich Tage später von Günter Verheugen, damals Generalsekretär der FDP und vom Verfassungsschutz informiert. Danach rief ich Jo Scheffer an, der mich wieder aufbaute und humorvoll an den Liberalismus als Lebenshaltung erinnerte. Danke, dafür, Jo!  Als wir beide in den 90er Jahren im Fernsehen sahen, dass die Kommunistin Tissy Bruns, inzwischen rechte Redakteurin bei Springers rechter “WELT”, gemeinsam mit Johannes Rau den Bundespresseball eröffnete,  haben wir gemeinsam am Telefon über den Opportunismus der “Kommunistin” abgegackert.

Ein kurzes, aber ehrenvolles Amt

Als wir gemeinsam ein Jahr im Bundesvorstand der uns beiden fremden Umgebung der politischen Studierendenorganisation zugebracht hatten, erklärte er sich bereit, mein Nachfolger als LHV-Bundesvorsitzender zu werden. Er wurde gewählt, aber schon nach seiner Wahl versuchte die “Verbandsopposition”, die Wahlen zu unterminieren. Sie versuchten in derselben Versammlung, die Mehrheiten zu kippen und wir, die die linksliberal-Jungdemokratischen  Kräfte verlegten sich aufs “filibustern”- nach dem Vorbild des US- Senat, denn man durfte im LHV ohne Redezeitbegrenzung zur Kandidatur reden. Schatzmeister Ulf Gritzka allein redete eine Stunde 20 min. die Diskussion zog sich Stunden hin. Immer mehr “Berliner” reisten in der Nacht an und gegen 8.00 morgens hatten sie die Mehrheit, gegen 10.00 wählten sie Jo Scheffer ab und übernahmen den Bundesvorstand und die Kasse. Ich wäre da ausgeflippt, Joachim reagierte nur souverän und sagte: Die werden keine Freunde daran haben, regen wir uns nicht auf! Und er hatte recht – der LHV versank in der Bedeutungslosigkeit zur Freude der “Julis” um Westerwelle!  Sein sonniges, positives Gemüt tröstete uns alle und machte ihn größer als alle kleinkarierten politischen Zänkereien.

Private und politische Highlights

Neben LHV und Jungdemokraten war das Librale Zentrum in Köln ein wichtiger Punkt der Arbeit Jo Scheffers. Das Liberale Zentrum ist bekannt geworden durch sein Wirken in der Domstadt und Forum für die politisch liberalen Diskussionen, die Gerhart Baum immer wieder angestoßen hat. Dieser politisch-kulturelle Club, der durch das legendäre Gespräch zwischen Gerhart Baum als Innenminister und dem ehemaligen Terroristen Horst Mahler bekannt wurde, war ein weiteres Aktionsfeld von Jo Scheffer. Er blieb dem Verein treu und organisierte Veranstaltungen, als das “LZ” Ende der  90er Jahre seine Veranstaltungsräume aufgeben musste, aber bis heute ein Treffpunkt Linksliberaler Kultur und Politik in Köln geblieben ist, mit vielen Veranstaltungen und Exkursionen, Führungen und Ausstellungen weiterhin präsent in der Domstadt. Joachim war dort aktiv, bis ihn gesundheitliche Probleme  hinderten, sich weiter einzubringen.

Gemeinsam in der DDR

Jo war auch da, wenn wir sensible Missionen zu bewältigen hatten. 1983 fuhren wir gemeinsam auf Politikreise in die DDR. Die Jungdemokraten hatten seit Jahrzehnten im Rahmen der Entspannungspolitik politische Kontakte zur FDJ, der DDR-Jugendorganisationen begründet. 1983 war die Reise von besonderen Umständen geprägt und nicht ganz ohne sensible Vorgänge. Auf Seiten der JuSos fehlte der Delegationsleiter Olaf Scholz, was ich an anderer Stelle politisch beschrieben habe. Auch in dieser schwierigen Situation war es Jo mit seiner Erfahrung und Gelassenheit, in unserer Delegation dafür sorgte, dass wir wie Pech und Schwefel zusammenhielten und den Versuchen der FDJ, politisches Kapital aus der Abwesenheit des Juso-Chefs zu schlagen, entgegenstanden.  Delegationsmitglied Markus Decker, damals befreundeter Gast, heute Journalist des RND, hat die klare Rolle der Jungdemokraten wiederholt gewürdigt.

Nach der “Wende” bei den Grünen

Wie die Mehrheit der ehemaligen Jungdemokrat:innen zog es Joachim Scheffer nach dem Austritt aus der FDP zu den Grünen. Wie der autor und viele andere Linksliberale sahen wir eine Chance, dort bürgerrechtliche, ökologische, soziale und friedenspolitische Ziele, die wir als Jungdemokraten versucht hatten auch in der FDP zu etablieren, zu verstärken und zu unterstützen.  Darüber hinaus engagierte sich Jo Scheffer im BUND, getreu dem Prinzip, das wir als Jungdemokraten gepflegt hatten, dass die eingentliche inhaltliche Basisarbeit in NGO geleistet wird und die Parteien ein Instrument sind, um diese Forderungen realpolitisch umzusetzen.

Persönliches

Es war mehr, als Politik, das uns verband und das ich an Joachim schätzte. Als ich nach Bonn kam, waren wir oft privat zusammen – mit unseren damaligen Freundinnen haben wir schöne Wochenenden verbracht, Baggerseen des rheinischen Braunkohlereviers besucht und philosophische Gespräche geführt und uns geerdet. Denn Jo war als Naturwissenschaftler und FH-Absolvent kein abgehobener Theoretiker, sondern immer auf dem Boden der Realität. Er gehörte dem “Fachhochschul”-Teil des LHV an und das wirkte bis in die Rente nach. Wir trafen uns manchmal in meinem Wohnort Bornheim, weil es hier eine italienische Eisdiele gibt, die für gutes Eis so berühmt ist, dass sogar Bürger des Rhein-Bergkreises (Wesseling) in den Rhein-Siegkreis (Bornheim) kommen. Ich wohne da um die Ecke. Mindestens zweimal haben mich Jo und seine Frau Beate angerufen, ob ich zum Eisessen runterkomme. Ich hatte keine Zeit oder war unterwegs. Schade – heute bedauere ich das, denn jede Minute mit Jo war ein Vergnügen. Danke, mein lieber! Du wirst nicht nur von mir vermisst!

 

 

 

 

 

 

 

Über Roland Appel:

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @[email protected]

Ein liberaler Freund wird sehr vermisst – Beueler-Extradienst

@AwetTesfaiesus Das klingt wohl durchdacht und erinnert mich ein wenig an meine eigene Entscheidung, wobei ich noch ausführen könnte, dass die #FDP nicht in Frage kam, da sie längst ihre Werte verraten hatte. Politische Großmeister wie #GerhartBaum wurden durch lobbyisitische Marketingsprecher wie #Lindner ersetzt - Liberale gibt es dort nicht mehr 😢

#GerhartBaum war der #Sozialliberale in der #FDP

Seine ganze intellektuelle und moralische Größe haben wir leider erst spät bemerkt.

So war er in seiner #Zeit als #Innenminister (ab 1978) der erste #Politiker, der die #Umweltpolitik in seinem Ministerium integrierte.
Und auch im hohen #Alter von 90 Jahren war er sich - anders als seine Parteikollegen - bewusst, dass man auch bei der #Digitalisierung die #Folgenabwägung nicht einfach ignorieren darf!

Selten waren 5 1/2 Stunden so interessant und klug wie in seinem Interview bei "Alles gesagt?"

https://www.zeit.de/politik/2023-05/gerhart-baum-alles-gesagt-interviewpodcast

In seinem Buch " #Menschenrechte "

https://www.beneventopublishing.com/benevento/produkt/menschenrechte/

schrieb er, dass er sich in Hotelzimmern stets auch eine Ausgabe der #EMRK wünschen würde und deren Text auch im #Buch abgedruckt.

So war es uns möglich seinen Wunsch im Rahmen unserer Möglichkeiten zu erfüllen und gleichzeitig war er Inspiration dafür, auch unser restliches Sortiment in einer FeWo zur Verfügung zu stellen.

https://www.airbnb.de/rooms/1338814696072892541

Interviewpodcast "Alles gesagt?": Gerhart Baum, wie war Ihr Leben mit der FDP?

Heinrich Böll nannte ihn "den besten Innenminister, den wir je hatten": Gerhart Baum ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Hören Sie ihn hier im Podcast von 2023.

DIE ZEIT

@ADFC_Rgn @volksverpetzer.de

#FriedrichWeidel bei seinen Reden nicht richtig zu gehört?

Die einzige Frage die bleibt ist, ob dieser damit bei den Gerichten durchkommt.

Deshalb ist das Recht auf einen Anwalt für jeden Bürger - was in den 1970.ern #GerhartBaum durchfechtete - auch nicht besonders beliebt bei diesen #Neoliberalisten !!!

Die zur Bekämpfung der Steuerhnterzieher benötigten Fachkräfte wurden unter Merkel deutlich reduziert.

Auf diese 200 Mrd/J. verzichten die gern

Gerhart Baum über die AfD: "Die alten Nazis sind wieder da"

YouTube
Zitate | Psychotherapie und Psychologische Beratung Hamburg

Zitate Archive | Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologische Beratung in Hamburg

Psychologische Praxis Jan Göritz

Hoffentlich war er nicht der letzte große Sozialliberale in der FDP / in Deutschland

https://www.zeit.de/politik/2025-01/gerhart-baum-fdp-christian-lindner-kriege-liberalismus

#GerhartBaum #Sozialliberal #FDP #Liberalismus

Gerhart Baum : "Das ist doch irre!"

Der frühere Innenminister Gerhart Baum baute einst die FDP mit auf. Hier spricht er über sein Erbe, eine Furie namens Angst und Lindners Annäherungsversuche an Elon Musk.

ZEIT ONLINE

"Besinnt Euch!" - Präsentation von Gerhart Baums letztem Buch mit Renate Liesmann-Baum, Marco Buschmann und Manos Tsangaris, moderiert von Sandra Maischberger am Freitag, den 27. Juni um 18:30 Uhr bei uns im Haus #UnterdenLinden 👉 http://sbb.berlin/a9dwc

#StabiBerlin #GerhartBaum #Lesung #Buchvorstellung #Veranstaltung #Event #Berlin

„Besinnt Euch!“ von Gerhart Baum - Buchvorstellung

Am 16. Juni 2025 erschien mit „Besinnt Euch!“ Gerhart Baums letztes Buch im Suhrkamp Verlag. Entstanden unter Mitwirkung des Journalisten Uli Kreikebaum und mit einem persönlichen Vorwort von Renate Liesmann-Baum, ist es als bewusstes Vermächtnis zu lesen.

Lesering.de