#folge51 #VendorenWieWir

Buddy Müller ringt mit dem Endgegner eines jeden Verkäufers: Ein vollautomatisiertes Lieferantenportal stellt die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine auf eine harte Probe. Es sind nur Sekun…

Buddy Müller

#folge51 #VendorenWieWir

Buddy Müller ringt mit dem Endgegner eines jeden Verkäufers: Ein vollautomatisiertes Lieferantenportal stellt die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine auf eine harte Probe.

Schließe dich 1.430 anderen Abonnenten an

Es sind nur Sekunden, drei bis vielleicht fünf, doch sie sind unbestritten der Höhepunkt zwischenmenschlicher Beziehungen. Ganz besonderer Beziehungen sogar: Der Handschlag unter Geschäftspartnerinnen und -partnern macht einen mündlichen Vertrag rechtlich bindend. Die Minutenbruchteile zur Vertragsbesiegelung gelten sogar weltweit und vermitteln, nicht selten beidseitig und meist im Moment der Ausführung, wahre Glücksgefühle.

„Wie bei allem Zwischenmenschlichen“, sinnierte ich vor mich hin, „ist auch hier der Blick- von einem Hautkontakt begleitet.“

„Hautkontakt? Igitt!“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds, mein treues MacBook Pro, das zu hören nur mir vergönnt war – und das virtuelle Nähe der physischen offensichtlich vorzog.

„Ihr sauerstoffwechselnden Lebensformen könntet aus der Digitalisierung viel mehr Vorteile ziehen“, sagte Brad. „Wenn ihr etwa den Handschlag durch einen digitalen Haken in der AGB-Checkbox ersetzt, werden Milliarden hochansteckender Bakterien nicht ausgetauscht.“

Ich würde nur allzu gern viele Hände unserer Kunden schütteln, sagte ich, und mich ungeahnten Risiken aussetzen – sogar einem Vertragsabschluss –, doch die Hände und die daran hängenden Kunden wurden in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise immer weniger.

Im Grunde war es mir gleich, ob deutlicher Handschlag oder digitaler Haken, Hauptsache die Kunden waren gebunden.

„Das Digitale muss jedenfalls funktionieren“, fügte ich an, „und nicht uns Menschen zusammenbrechen lassen.“

Grüße aus Vendor

Weniger um Kollabieren, vielmehr um Kollaboration ging es bei den sogenannten Lieferantenportalen. Diese gab es schon länger, lange bevor in jedem Fitzelchen Software Künstliche Intelligenz stecken musste, ungefähr, seit die Technologien des E-Commerce die Zusammenarbeit zwischen Einkäufern und Dienstleistern zentralisieren, simplifizieren, kurz: revolutionieren sollten.

Das war nach dem letzten Jahrtausendwechsel.

Begrifflich war die Revolution also längst vollzogen.

Einkäufer hießen nun Purchaser, ein an Zischlauten reiches Wort, an dem nahezu jedes deutsche Idiom erstmal seine Fertigkeiten beweisen musste. Lieferanten nannten sich stolz Vendoren, als wären sie eine edle Handelssippe, beheimatet vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie in der Star-Wars-Multilogie.

Vendor war aber nicht gleich Vendor, manche waren gleicher, bevorzugt eben: „preferred Vendors“.

Ein Status, der in den Portalen weithin sichtbar war, eine scheinbare Auszeichnung, die auf dem leichtfertigen Glauben der Lieferanten beruhte, dass sie bevorzugt würden, wenn sie sich auf langfristige Rahmenvereinbarungen einließen.

Doch der einzige Vorzug für Vendoren, ein einseitiger, ausschließlich zum Vorteil der Purchaser, bestand darin, bei Verhandlungen mehr zu rabattieren als üblich, dafür aber den Auftrag lange sicher zu haben.

Hoffentlich.

Das also waren „preferred Vendors“.

So einer wie wir.

Servus zum Status

Die hervorgehobene Stellung hatten wir uns bei vielen unserer Kunden erhandelt, unter anderem auch beim weltweit führendsten Hersteller von Bananenschälmaschinen Deutschlands, Auftrag für Auftrag, Nachlass für Nachlass, fest und für immer hinterlegt in seinem Lieferantenportal.

Unlängst meldete sich das Portal per digitaler Post bei mir, mit einer letzten Warnung, obwohl es die erste Mail war, die ich zu diesem Sachverhalt bekam. Ich möge mich bitte innerhalb der kommenden drei Tage wieder ins Portal einloggen, was ich wohl schon seit längerer Zeit nicht getan hatte. Drei Monate oder drei Jahre, wer weiß das schon so genau?

Anderenfalls würde unser Status des „preferred Vendors“ gelöscht und müsse neu beantragt werden. Ein Antragsverfahren, dass drei Monate oder drei Jahre dauern konnte, wer weiß das schon so genau?

„Brad, ich habe einen Job für Dich“, sagte ich. „Dauert nur drei Sekunden.“

Doch Brad MacCloud bedauerte, sichtlich betrübt.

„Portal-Serverinnen sind für mich so unerreichbar wie ferne Galaxien für Vendoren wie Dich“, erklärte er mir.

Selbst bei vollem Einsatz aller betörenden Bits und Bytes habe er keine Chance. Die Serverinnen stünden auf etwas Sicheres, nicht auf gelegentliche Gefälligkeiten, nicht mal auf seine.

Monotones Mail-Stakkato

Dafür aber zeigten mir die Serverinnen – und die Portalsoftware – alle Facetten ihrer Multifunktionsfähigkeit.

Auf meine erfolglosen Versuche, mir Zugang zu verschaffen, reagierte das Portal umgehend, nämlich mit Kommunikation.

Nahezu stündlich hatte ich Mails im Posteingang, in stetem Wechsel, manchmal fast gleichzeitig: Dringliche Hinweise auf das drohende Erlöschen des Vendor-Status, dann auf ein neu ausgeschriebenes Kampagnenbudget und schließlich noch auf fehlende Bescheinigungen, nämlich auf ein Qualifizierungszertifikat zu unserer Nachhaltigkeit und eine Antikorruptionserklärung.

Wir Männer sind nicht multifunktionsfähig. Leider.

Selbst ich nicht, Buddy Müller, Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

Also musste ich priorisieren.

Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und Lila Stiefelchen, die so blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, bekamen den Auftrag, das Kampagnenbudget zu schätzen, bei nicht vorhandenen Informationen, was diese Ausschreibung in keiner Weise von fast allen anderen unterschied.

Das zentrale Ziel war, ein unschlagbares Angebot zu erstellen, mit dem wir uns unseres Titels „preferred Vendor“ mehr als würdig erwiesen.

Brad MacCloud erklärte sich bereit, den beiden dabei zu helfen. Er wollte seine permanent nicht ausgelastete zentrale Recheneinheit gerne in den Dienst von etwas Sinnvollem stellen, wenn er schon bei den Portal-Serverinnen nicht zum Zug kam.

Was ich dankend annahm, und um die Bitte ergänzte, er möge doch das Qualifizierungszertifikat zu unserer Nachhaltigkeit in unseren Datenbanken aufspüren und gegebenenfalls „aktualisieren“.

Wir waren so nachhaltig, dass ich mir sicher war, dass wir das Ablaufdatum des Zertifikats nicht nachgehalten hatten.

Ich selbst würde mich um die Antikorruptionserklärung kümmern. Mit Bestechung kenne ich mich aus, so was gibt es bei uns nicht, wirklich nicht, also fast wirklich nicht.

Keine Haarfarbe, kein Zugang

Aber first things first: Ich musste zuerst ins Portal gelangen.

Es dauerte eine gefühlt endlose, tagelange Wartezeit, begleitet von stündlichen zum Reagieren mahnende Mails, bis meine Login-Versuche schließlich mit Erfolg gekrönt waren – um dann im Portal nicht mich, sondern eine Kollegin als Hauptansprechpartnerin unserer Agentur zu entdecken, mit Geburtsdatum, E-Mail und Telefonnummer sowie ihrer aktuellen Haarfarbe als Sicherheitsabfrage.

Nur: Die Kollegin hatte schon vor geraumer Zeit den Job gewechselt (was noch häufiger vorkam als bei ihrer Haarfarbe). Aber sie erhielt offensichtlich noch alle Nachrichten, Erinnerungen und Ausschreibungen an ihre alte – tote – E-Mail-Adresse.

Mich nun zum Hauptansprechpartner zu machen war sicherlich nur ein weiteres Geduldspiel – stellte sich aber, da ich die einstige Haarfarbe der Kollegin nicht wusste, als ein letztendlich unlösbares Problem heraus.

Nur eine höhere Macht konnte hier helfen.

Der IT-Support.

Kernel, Cookies und ein Könner

Ich tippte die im Portal des weltweit größten Herstellers von Bananenschälmaschinen Deutschlands angegebene Telefonnummer ins Handy.

Ich landete: zunächst in der Warteschleife.

Das Lieferantenportal verschaffte mir damit die stundenlange Möglichkeit, unsere eigene Compilation an Warteschleifenmusik zu ergänzen.

Ich war schließlich in der Lage, Belafontes „Banana Boat Song“ Strophe für Strophe mitzusingen, die „Banana Republic“ der Boomtown Rats zu beklagen, die Stelle „Electrical Banana“ in Donovans „Mellow Yellow“ zu meistern und bühnenreif „Come to Sin“ zu trällern – von den Bananafishbones.

Zum Sündigen kam es nicht, leider, aber bald zu einem Monolog eines freundlichen Manns vom IT-Support, der mir, als ich durchgestellt wurde, voll Freude darüber, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können, sämtliche technischen Hintergründe meines Problems erklärte.

Ich wäre schon zufrieden gewesen, hätte er nur meine Daten eingetragen.

Stattdessen hörte ich viel über Kernels und Cookies, über Betriebssystem-Philosophien und Browser-Restriktionen, über CPU, RAM, SSD, FAT usw. usf., sowie darüber, dass ein ordentliches Funktionieren des Lieferantenportals auf meinem Mac ein großer Wunsch sei, ein nicht einfach zu erfüllender.

Denn, wie eigentlich jeder wisse, so der IT-Support-Mitarbeiter, müsse man, damit Software aus der Windows-Welt einwandfrei auf den Geräten der Apple-Welt laufe, Umgebungen und Protokolle und Schnittstellen und, und, und anpassen, maßschneidern, emulieren, besser: simulieren.

Ich verstand nur Banane.

Ich merkte mir das alles nicht. Aber mein Mac merkte auf.

„Ich habe mit den Schnittstellen von Windows-Serverinnen keine Probleme“, sagte Brad MacCloud. „Die müssen bei mir auch nichts simulieren.“

Ich ersparte mir einen Kommentar und freute mich über das „War doch ganz einfach“, mit dem der IT-Supporter das Eingeben meiner Daten in die vorgesehenen Felder begleitete. Als Antwort auf die Sicherheitsfrage empfahl er mir eine 24stellige Kombination aus Zahlen, Satzzeichen und dem kyrillischem Alphabet.

Ich bedankte mich aufrichtig erleichtert und empfahl ihm im Gegenzug, falls er sich einmal mehr in die Seele seiner IT eindenken wolle, die Technikseiten eines von mir sehr geschätzten Blogs zu lesen.

„Lesen?“ fragte mich der Supporter.

Ich legte auf.

Wie gewonnen, so genommen

Jetzt ging es Ratzfatz.

Wir hatten auch keine Zeit mehr zu verlieren; das Lieferantenportal ließ uns keine Zeit mehr zum Luftholen.

Briefing downloaden, mit Annahmen und Kostenschätzung vergleichen, Abweichungen ignorieren, alles zusammen mit den Zertifikaten in ein PDF packen, hochladen – gefühlt ein einziger Arbeitsschritt.

„Kaum sind zwei Monate vergangen“, kommentierte Brad, „dann geht es auch schon ganz schnell.“

Tja, sagte ich, man müsse nur lange genug zielen, dann lande man einen Volltreffer.

Das Portal schickte uns umgehend die AGB – schnell, Haken dran! – dann die Aufforderung zum Abschlag, dann noch eine, und dann: der Zuschlag.

„Preferred Vendor“ eben. Hat schon was.

Was ich jedoch in meinem wochenlangen Ringen mit dem Lieferantenportal und im anschließenden Freudentaumel über den neuen Auftrag nicht mitbekommen hatte, obwohl es in allen Bananenbranchenfachmedien gestanden hatte, war der Wechsel einer hochrangigen Führungskraft vom Konkurrenten zu unserem Kunden, dem weltweit führendsten Hersteller von Bananenschälmaschinen Deutschlands.

Eigentlich ein guter Move. Für den neuen Vice President Marketing and Sales.

Allerdings, wie es sich für neue Besen gehörte, fegte er unverzüglich unseren Auftrag, unseren Rahmenvertrag und überhaupt den gesamten Agenturzoo beiseite.

Schließlich brachte er ja seinen eigenen mit. Worauf sich wohl seine Aussage zum Antritt bezogen hatte, man müsse mehr Agenturvielfalt leben.

„Agenturschicksal“, sagte Brad MacCloud und versuchte gar nicht erst mich zu trösten. „Da kannst Du auch einen Haken dranmachen.“

Mich packte die Sehnsucht.

Nach den guten alten Zeiten. Dem guten alten Handschlag. Und nach Kunden, für die er noch etwas wert war.

Das Wort „Lieferant“ hat französische Wurzeln, nämlich „livrer“ für „liefern, übergeben, ausliefern“.

Dieses wiederum geht wohl zurück auf das Lateinische „liberare“ für „befreien, loslassen“. Schließlich soll der Kunde von seinem Budget befreit werden. Während der Verkäufer alle Hoffnung auf Verantwortung, Werte oder gar Rendite fahren lässt.

Schließe dich 1.430 anderen Abonnenten an #Agenturleben #Agentursatire #Ausschreibung #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #Einkauf #Einkäufer #Handschlag #Kalkulation #KünstlicheIntelligenz #Lieferant #Lieferantenportal #LilaStiefelchen #Maschine #Mensch #Purchaser #Qwertz #Umsatz #Vendor #Verkauf #Verkäufer

@loganthemanster Thank you for pointing this out! I've reported this incompatibility with QWERTZ and AZERTY layouts to the developer of the middleware that our web build uses.
https://github.com/ninjadynamics/ninjapad/issues/10

#NinjaPad #QWERTZ #AZERTY #internationalization #i18n #webgamedev

QWERTZ and AZERTY · Issue #10 · ninjadynamics/ninjapad

Forwarding a report from @[email protected]: French- and German-language keyboard layouts move the Z key. This makes Z and X (which send B and A Button presses) no longer adjac...

GitHub

"Das demonstriert Arthur am Beispiel der QWERTY-Tastatur. Im
19. Jahrhundert gab es bei Schreibmaschinen eine reiche Auswahl an unterschiedlichen Tastaturdesigns. Bei der meistverbreiteten Variante waren die Buchstaben schlicht in alphabetischer Reihenfolge angebracht. 1873 allerdings hat ein gewisser Christopher Latham Sholes Probleme mit seiner Schreibmaschine, weil sich bei schnellem Tippen häufig die Tastenarme miteinander verhaken. Er tüftelt so lange an dem Gerät herum, bis er die Tasten so angeordnet hatte, dass sie sich weniger häufig in die Quere kommen konnten. Dieses Design wies die heute immer noch gängige QWERTY-Anordnungs auf und wurde schließlich von der New Yorker Firma Remington als Standarddesign für ihre günstige, massenproduzierte Schreibmaschine übernommen. Die weite Verbreitung der Remington-Schreibmaschinen führt wiederum dazu, dass Sekretär*innen auf der QWERTY-Tastatur ausgebildet werden. Inzwischen hat sich das Problem der einander blockierenden Tastenarme zwar längst anderweitig gelöst, doch das Design ist geblieben. Die ineinandergreifenden Abhängigkeiten informieren sich gegenseitig und bilden so die Etappen auf dem Pfad der weiteren Entwicklung bis hin zu den Computertastaturen auf unseren Schreibtischen."

Dieses Beispiel mit den Tastaturbelegungen finde ich nach wie vor jedes mal wenn ich daran denke komplett absurd. (Gesendet von einer QWERTZ-Tastatur)

Es liegt allerdings eine gewisse Ironie darin, dass dieses Grund-Problem zweier sich in die Quere Kommender Tastenarme mit der Erfindung des Smartphones wieder aufgekommen ist - nur eben jetzt mit zwei Daumen, die einander beim tippen nicht in die Quere kommen sollen.

#Buchempfehlung #DieMachtDerPlatformen #MichaelSeemann #QWERTY #QWERTZ #Tastatur

#folge49 #DieVierJahreszeiten

Was manche Kunden wirklich gut können: Agenturen warten lassen. Als wäre es ein Naturgesetz, gehört das auf die Folter spannen bei Zu- oder Absagen zu nahezu allen Ausschreibungen. Oft Monate lang. Das macht was mit den Agenturmenschen.

✓ Subscribed

Wir Agenturmenschen haben eine Vielzahl an Eigenschaften. Wir sind dienstbeflissen. Wir sind devot. Wir sind zu allem bereit und, natürlich, zu allem in der Lage. Wir wissen, was unsere Arbeit wert ist, auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, in allen Währungen, wenn gefordert – nur nicht, wenn der Geschäftsführer zum Personalgespräch bittet oder ein Kunde uns seinen Einkauf ins Haus schickt.

Wir sind eben Dienstleister.

Wir sind patent, wir sind potent, wir sind promisk. Wir sind trinkfest. Wir sind gesellig – ohne Unterschied, ob es wahre Freundschaft oder ob es potenzielle Kundschaft ist.

Was wir nicht sind: geduldig.

Wie die Zeit vergeht

Wir saßen einmal mehr in unserem gläsernen War Room, Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit größten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

„So schnell“, seufzte ich, „ist die Zeit vergangen.“

Es war Herbst.

Draußen wie drinnen gilbten und fielen die Blätter, draußen von den Bäumen, drinnen von den Wänden und Flipcharts. Alles beugte sich dem Diktat der Alterung und der Schwerkraft.

„Es ist fast Winter“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds zu Wort.

Es seien nicht mehr viele Blätter an den Bäumen, sagte mein nur für mich hörbares MacBook Pro, und bot sich an, die verbliebenen Wedel und Nadeln und sonstigen Astauswüchse in unserem Stadtviertel, gerne auch in ganz München, zu zählen. Nur so, zum Zeitvertreib, das würde ihn ablenken und seine CPU nicht mal zu einem Bruchteil auslasten.

„Passt schon“, murmelte ich, lehnte sein Angebot ab. Ich nickte hinüber zum wandfüllenden Monitor. „Da tut sich sicher gleich was.“

„Wird auch Zeit“, sagte Brad.

Ein schlagkräftiges Team unserer Agentur, jedes Gewerk, jeder Standort mit den besten Köpfen vertreten, das hatten wir auf den potenziellen Auftrag des weltweit größten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands angesetzt.

Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieses außerordentlich dynamische Unternehmen vom ungebremsten Wachstum der Verantwortungsdiffusion in deutschen Unternehmen prosperiert. Das drohende Wegbrechen der Stammklientel als Folge der Wirtschaftskrise zwang das Traditionsunternehmen nun nachzudenken über neue, nie gekannte Wege in Marketing und Vertrieb, um seine Hauptabnehmer in den doppelten und dreifachen Strukturen auf Management- und mittleren Führungsebenen zu erreichen.

Als wir präsentierten, war es Frühling gewesen. Fast schon Frühling.

„Es war Januar, um genau zu sein“, korrigierte mich Brad. „Januar ist ein Wintermonat.“

Schwarzer Monitor und schwarzer Tee

Heute, nur ein paar Monate später, sollte uns die Entscheidung bekannt gegeben werden.

„Noch bevor die Weihnachtsglocken läuten“, hatte neulich der Chefeinkäufer des Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers in einer seiner wenigen E-Mails verkündet.

Pünktlich um elf Uhr sollte das Warten vorbei sein.

Zumindest war elf Uhr vereinbart.

Qwertz und ich starrten auf den Monitor an der Stirnseite unseres War Rooms, in der Hoffnung, dass ein Zucken, ein Flirren unseren heiß ersehnten Gesprächspartner ankündigte.

Zunächst zuckte nur Qwertz, und zwar zusammen, als Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDee, des Managing Directors, den Kopf zur Glastür hereinstreckte.

„Könnten Sie uns“, fragte ich schnell, „je einen Pazienza Doppio bringen?“

„Nein“, sagte Dr. No.

Wie zu erwarten gewesen war.

Sie überraschte mich im gleichen Atemzug. „Da weiß ich was Besseres“, sagte sie. Sprach’s, verschwand und tauchte eine gute Viertelstunde später wieder auf.

In der der Monitor weiter dunkel blieb. Wie zu erwarten gewesen war.

Dr. No balancierte auf einem Tablett eine flache, gusseiserne Teekanne und schlichte Schalen aus ebenholzfarbiger Edelkeramik.

„Was ist das?“, fragte mich Qwertz und nickte in Richtung Dr. No.

„Interkollegiales Tauwetter?“, mutmaßte ich.

Ein starker, malzig-würziger Duft durchzog unseren War Room, füllte ihn mit der Illusion von Wärme und Geborgenheit.

„Assam“, erklärte Dr. No, „Very Special Spring Flush Superior.“ Denn, sagte sie, jetzt würde nur eines helfen: „Abwarten und Tee trinken.“

Mit Langmut kalkuliert

Also warteten wir und tranken und warteten und tranken.

Bis Lila Stiefelchen, unsere blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, hereinstöckelte. Ihr X-large-Kaugummi wanderte von links nach rechts und zurück; in ihrer Rechten ließ sie lässig ein hohes, dickwandiges Glas kreisen.

Die zähe, grüne Flüssigkeit darin wehrte sich mit Erfolg gegen die Zentrifugalkraft.

„Das ist ein Buff Bitch“, erklärte sie, ein frisch geschäumter Summer Avocado Spice Protein Plus Latte Macchiato, eine Mixtur, die ihr von ihrem Mixed Martial Arts Chief Instructor gemischt worden war. Er würde stärken und beruhigen, der Drink wie der Instructor.

Lila Stiefelchen ließ sich am Tisch nieder.

„Ready when you are“, sagte sie.

Qwertz riskierte schmachtende Blicke, ob er an ihr positive Resultate des Protein-Shakes entdecken konnte.

„Langmut ist die Fähigkeit, mit unerfüllten Sehnsüchten zu leben“, kommentierte Brad MacCloud.

Auch ich warf schmachtende Blicke, allerdings auf andere Resultate: auf den Stapel ausgedruckter Excel-Sheets vor Lila Stiefelchen, gut und gerne ein paar hundert Blatt hoch, die die Kalkulationsgeschichte dieser Ausschreibung wiedergaben.

Lila Stiefelchen hatte ihrerseits bewundernswerten Langmut bewiesen.

Der Ausdruck obenauf war die jüngste Variation ungezählter Rechnungen, der Ausgang eines minutiös choreografierten Hin und Her zwischen uns und dem Kunden, das Angebot gewordene Potenzial von „hier ein Prozentchen, dort ein Promillchen“. Die finalen Zahlen verhießen viel Auslastung und mäßigen Umsatz für die Agentur, und eine Rendite, die vom nächsten Geschäftsessen mit dem Kunden aufgebraucht würde.

Zum Anfassen

Nach und nach füllte sich unser War Room mit weiteren Pitchteilnehmern. Dabei war es schon gut elf Uhr durch – wer sich nicht zeigte, war der Vertreter unseres Objekts der wirtschaftlichen Begierde.

Der Monitor blieb dunkel.

Der Art Diktator und die Art Diktatorin, die für diesen entscheidenden Pitch sogar ihr weit entferntes Homeoffice verlassen hatten, wuchteten ein paar Kilo schwarzer Pappen auf den Tisch, jede mit Entwürfen beklebt, einmal evolutionär und einmal revolutionär, sowie die Überarbeitungen und die Überarbeitungen der Überarbeitungen.

Alles Extrameilen, die zu gehen der potenzielle Kunde im Laufe der Monate verlangt hatte.

Die Kolleg*innen vom UX-Design, gleichmütig, bleichgesichtig, die dürren Gestelle in androgyne, olivfarbene Pullis gehüllt, legten stöhnend noch ein paar Kilo Pappen obendrauf – ihre Entwürfe zu den digitalen Welten, die der Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller für sich entdecken sollte.

Magazinseiten und Newsletter, intern wie extern, Logos, Visuals, CI, CD, Kampagnenkonzepte und Postvorschläge für fünf Kanäle sowie die zugehörigen Bildsprachen – die Ausschreibung hatte uns durch die Monate getrieben, denn mit jeder Nachfrage des potenziellen Kunden legten wir nach, einmal, zweimal, dreimal, um die aus uns nicht genannten Gründen ausstehende Entscheidung zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

„Alles ausgedruckt“, sagten der Art Diktator und die Art Diktatorin unisono und klopften auf die Pappen. „Wegen der Haptik!“ Denn was man anfassen könne, sehe auch gleich viel besser aus.

„Das meint mein Mixed Martial Arts Chief Instructor auch immer“, sagte Lila Stiefelchen.

„Da lohnt sich das Warten wenigstens“, sagte Qwertz.

„Nein“, sagte Dr. No.

„Das habe ich gehört!“, sagte Lila Stiefelchen. „Alle beide!“

Winter is coming

„Auf mich lohnt sich das Warten immer!“ tönte es von der aufschwingenden Glastür her.

Ausschreibungen üben eine allseitige Anziehung aus. Auch auf unseren EmmDee.

Auf ihn besonders.

Er erschien im War Room, als Entourage die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine lang warten konnte und der andere noch länger.

„Unbezwinglich ist, wer warten kann“, schmetterte der EmmDee in die Runde.

„Das glaubt auch nur er“, kommentierte Brad im Stillen.

„Lass ihn doch“, murmelte ich. „Er hat ja sonst nichts.“

Länger meldete sich zu Wort: „Wenn ich dürfte, möchte ich gerne ein Bonmot anfügen, nur ein kurzes, aber ein zutreffendes“, sagte er, „von dem bedeutenden, nein, von dem bedeutendsten britischen Dichter, Dramatiker, Autor William Shakespeare, der seinen Othello im 2. Akt die hier passenden Worte sagen lässt: ‚Wie arm sind die, die nie Geduld besitzen.‘.“

„Für dich wäre Heinrich IV. zielführender“, sagte Lang.

Länger schaute ihn fragend an.

„Ich sage wenig, denke desto mehr“, zitierte Lang.

Länger holte tief Luft zum Gegenschlag.

„Schluss jetzt“, ging der EmmDee dazwischen. „Frauen und Suppen soll man nie warten lassen, sonst werden sie kalt.“ Das sei auch von Shakespeare, das gelte ebenso für Kunden und für Volontäre allemal. „Also aufgepasst! Damit ihr was lernt.“

Immerhin, fuhr er fort, sei es für die beiden Novizen eine perfekte Gelegenheit, den Abschluss eines dreistufigen Pitchs zu erleben. Marktscreening, Chemistry-Treffen, Kreativaufgabe – alles wie aus dem Lehrbuch.

Wobei er, der erfahrene EmmDee, sich schon frage, wer hier nicht bis drei zählen könne. Denn Präsentation, Kalkulation und Verhandlung begleiteten ja die drei Stufen, inklusive mehrerer Schleifen, weswegen man auf drei mal drei Stufen kommen könne. Mindestens.

„Deren Abstände mit erratisch gewählten Zeitintervallen kombiniert werden“, sagte ich.

„Die in monotone Ansagen münden“, ergänzte Qwertz. „Etwa: ‚Bitte gedulden Sie sich. Wir haben keine offenen Fragen mehr. Wir sind noch in der Entscheidungsfindung.‘“

Nipp. Nipp.

Da ging ein rhythmisches Rauschen über den Wandbildschirm, statische Schneewehen überzogen ihn, bis sie sich lichteten und, begleitet von vermeintlich sympathischen Teams-Klingeltönen, den Blick auf den Chefeinkäufer des weltweit führendsten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands freigaben.

Er grüßte, etwas umständlich, sein Blick schweifte unstet ab zu den fünf, sechs dampfenden Kaffeetassen vor ihm, alle mit historischen Logos des Traditionsunternehmens. Er nippte unentschlossen mal an der einen, dann an der anderen, und sagte schließlich: „Ich will es kurz machen. Nipp, nipp. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen als nötig!“

Ein erwartungsvoller Klangteppich durchzog unseren War Room, gewoben aus den Hoffnungen von monatelangem Warten, gesponnen aus den Ideen der zahllosen Überarbeitungen, geknüpft mit den Kalkulationen der ungezählten Verhandlungsrunden.

Wir starrten gebannt auf die Lippen des Chefeinkäufers, die mit geringem Zeitversatz die Worte vorformten, bevor wir sie hörten.

Sekundenbruchteile wurde zu Jahrzehnten.

Das müsse er dann aber schon noch vorneweg erzählen, so der Chefeinkäufer, was ihm besonders gut an unserer Arbeit gefallen habe, so viel Zeit sei doch sicher, oder? Was ihn nämlich überaus angesprochen habe: „Dass Sie die Zeitpläne mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ präsentiert haben. Sehr originell, sehr gelungen.“

Was eine eher phonetisch-prophetische Anspielung auf den zeitlichen Ablauf des Pitchs gewesen war.

„Aber“, sagte der Chefeinkäufer, „Nipp, nipp, wir mussten uns entscheiden.“ Er versichere, man habe es sich nicht leicht gemacht, schon gar als Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller sei man in einer besonderen Verantwortung.

Sein Blick hüpfte zwischen den fünf, sechs historischen Tassen hin und her. Nipp, nipp.

„Wir haben die Entscheidung geschoben“, sagte er schließlich. „In den Sommer im kommenden Jahr.“

Unser Klangteppich schwoll an, aus der Hoffnung wurde Ungläubigkeit, dann Fassungslosigkeit, die sich in unschönen Worten bahnbrach, mit Unmut, aber unmutig an die Gestalt im Monitor gerichtet. Unser EmmDee versuchte mit Fragen durchzudringen, auf der Suche nach Gründen.

Ohne Erfolg.

Nur Brad blieb ganz der kühle Rechner und formulierte eine wohl zutreffende Einschätzung der Zeitangabe: „Der Sommer, der ein Winter war.“

Und ich?

Ich traf einen Entschluss.

Ich musste raus, raus an die frische Luft. Den Kopf freikriegen. Spazieren gehen.

Es war Herbst, Spätherbst.

Fast Winter.

Ich beschloss, bis zum Frühjahr wieder da zu sein.

Buddy Müller arbeitet derzeit an dem Buch „Zen in der Kunst des Wartens“. Die Vorbestellungen, allein aus dem Agenturumfeld, weisen darauf hin, dass es ein Bestseller wird.

Die Leserinnen und Leser werden allerdings noch ein bisschen darauf warten müssen.

✓ Subscribed

#Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #ArtDiktator #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #DrNo #EmmDee #Entscheidung #folge32 #Frühling #Geduld #Herbst #Lang #Länger #LilaStiefelchen #PandoraPlappert #Qwertz #Satire #Sommer #Storytelling #Warten #Winter

#OldAi

Die fröhlichen Holzhacker- Burn 😅 #qwertz
* Text to Image API | DeepAI #text2img
#stablediffusion #craiyon #dalle #dalleMini #lookingglassai

Captain it's Wednesday - Folge 147 - Alternative Eingaben

Folge 147 des #CIW #Podcasts. #QWERTZ, da geht noch mehr mit #alternativen #Eingabemethoden.

https://gnulinux.ch/ciw147-podcast

Captain it's Wednesday - Folge 147 - Alternative Eingaben

Folge 147 des CIW Podcasts. QWERTZ, da geht noch mehr mit alternativen Eingabemethoden

GNU/Linux.ch

Von QWERTZ zu Neo - ein Selbstversuch - GNU/Linux.ch

https://gnulinux.ch/von-qwertz-zu-neo-ein-selbstversuch

#Tastaturlayout #neo #qwertz

Von QWERTZ zu Neo - ein Selbstversuch

Seit 25 Jahren schreibe ich im 10-Finger-System mit dem uns allen bekannten QWERTZ-Tastaturlayout. In den letzten drei Wochen habe ich mir das alternative Neo-Layout (halbwegs) beigebracht. Ein Erfahrungsbericht.

GNU/Linux.ch

Von QWERTZ zu Neo - ein Selbstversuch

Seit 25 Jahren schreibe ich im 10-Finger-System mit dem uns allen bekannten QWERTZ-Tastaturlayout. In den letzten drei Wochen habe ich mir das alternative Neo-Layout (halbwegs) beigebracht. Ein Erfahrungsbericht.

##neo ##qwertz ##qwerty ##tastatur #Linux

https://gnulinux.ch/von-qwertz-zu-neo-ein-selbstversuch

Von QWERTZ zu Neo - ein Selbstversuch

Seit 25 Jahren schreibe ich im 10-Finger-System mit dem uns allen bekannten QWERTZ-Tastaturlayout. In den letzten drei Wochen habe ich mir das alternative Neo-Layout (halbwegs) beigebracht. Ein Erfahrungsbericht.

GNU/Linux.ch

Guten Morgen, liebes Fediverse. Der heutige Tag ist in einigen Kalendern als Tag der #Schreibmaschine vermerkt, denn das erste Patent datiert auf den 23.6.1868.

#UnnuetzesWissen #OnThisDay #GutenMorgen #QWERTZ