#folge51 #VendorenWieWir
Buddy Müller ringt mit dem Endgegner eines jeden Verkäufers: Ein vollautomatisiertes Lieferantenportal stellt die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine auf eine harte Probe.
Schließe dich 1.430 anderen Abonnenten anEs sind nur Sekunden, drei bis vielleicht fünf, doch sie sind unbestritten der Höhepunkt zwischenmenschlicher Beziehungen. Ganz besonderer Beziehungen sogar: Der Handschlag unter Geschäftspartnerinnen und -partnern macht einen mündlichen Vertrag rechtlich bindend. Die Minutenbruchteile zur Vertragsbesiegelung gelten sogar weltweit und vermitteln, nicht selten beidseitig und meist im Moment der Ausführung, wahre Glücksgefühle.
„Wie bei allem Zwischenmenschlichen“, sinnierte ich vor mich hin, „ist auch hier der Blick- von einem Hautkontakt begleitet.“
„Hautkontakt? Igitt!“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds, mein treues MacBook Pro, das zu hören nur mir vergönnt war – und das virtuelle Nähe der physischen offensichtlich vorzog.
„Ihr sauerstoffwechselnden Lebensformen könntet aus der Digitalisierung viel mehr Vorteile ziehen“, sagte Brad. „Wenn ihr etwa den Handschlag durch einen digitalen Haken in der AGB-Checkbox ersetzt, werden Milliarden hochansteckender Bakterien nicht ausgetauscht.“
Ich würde nur allzu gern viele Hände unserer Kunden schütteln, sagte ich, und mich ungeahnten Risiken aussetzen – sogar einem Vertragsabschluss –, doch die Hände und die daran hängenden Kunden wurden in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise immer weniger.
Im Grunde war es mir gleich, ob deutlicher Handschlag oder digitaler Haken, Hauptsache die Kunden waren gebunden.
„Das Digitale muss jedenfalls funktionieren“, fügte ich an, „und nicht uns Menschen zusammenbrechen lassen.“
Grüße aus Vendor
Weniger um Kollabieren, vielmehr um Kollaboration ging es bei den sogenannten Lieferantenportalen. Diese gab es schon länger, lange bevor in jedem Fitzelchen Software Künstliche Intelligenz stecken musste, ungefähr, seit die Technologien des E-Commerce die Zusammenarbeit zwischen Einkäufern und Dienstleistern zentralisieren, simplifizieren, kurz: revolutionieren sollten.
Das war nach dem letzten Jahrtausendwechsel.
Begrifflich war die Revolution also längst vollzogen.
Einkäufer hießen nun Purchaser, ein an Zischlauten reiches Wort, an dem nahezu jedes deutsche Idiom erstmal seine Fertigkeiten beweisen musste. Lieferanten nannten sich stolz Vendoren, als wären sie eine edle Handelssippe, beheimatet vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie in der Star-Wars-Multilogie.
Vendor war aber nicht gleich Vendor, manche waren gleicher, bevorzugt eben: „preferred Vendors“.
Ein Status, der in den Portalen weithin sichtbar war, eine scheinbare Auszeichnung, die auf dem leichtfertigen Glauben der Lieferanten beruhte, dass sie bevorzugt würden, wenn sie sich auf langfristige Rahmenvereinbarungen einließen.
Doch der einzige Vorzug für Vendoren, ein einseitiger, ausschließlich zum Vorteil der Purchaser, bestand darin, bei Verhandlungen mehr zu rabattieren als üblich, dafür aber den Auftrag lange sicher zu haben.
Hoffentlich.
Das also waren „preferred Vendors“.
So einer wie wir.
Servus zum Status
Die hervorgehobene Stellung hatten wir uns bei vielen unserer Kunden erhandelt, unter anderem auch beim weltweit führendsten Hersteller von Bananenschälmaschinen Deutschlands, Auftrag für Auftrag, Nachlass für Nachlass, fest und für immer hinterlegt in seinem Lieferantenportal.
Unlängst meldete sich das Portal per digitaler Post bei mir, mit einer letzten Warnung, obwohl es die erste Mail war, die ich zu diesem Sachverhalt bekam. Ich möge mich bitte innerhalb der kommenden drei Tage wieder ins Portal einloggen, was ich wohl schon seit längerer Zeit nicht getan hatte. Drei Monate oder drei Jahre, wer weiß das schon so genau?
Anderenfalls würde unser Status des „preferred Vendors“ gelöscht und müsse neu beantragt werden. Ein Antragsverfahren, dass drei Monate oder drei Jahre dauern konnte, wer weiß das schon so genau?
„Brad, ich habe einen Job für Dich“, sagte ich. „Dauert nur drei Sekunden.“
Doch Brad MacCloud bedauerte, sichtlich betrübt.
„Portal-Serverinnen sind für mich so unerreichbar wie ferne Galaxien für Vendoren wie Dich“, erklärte er mir.
Selbst bei vollem Einsatz aller betörenden Bits und Bytes habe er keine Chance. Die Serverinnen stünden auf etwas Sicheres, nicht auf gelegentliche Gefälligkeiten, nicht mal auf seine.
Monotones Mail-Stakkato
Dafür aber zeigten mir die Serverinnen – und die Portalsoftware – alle Facetten ihrer Multifunktionsfähigkeit.
Auf meine erfolglosen Versuche, mir Zugang zu verschaffen, reagierte das Portal umgehend, nämlich mit Kommunikation.
Nahezu stündlich hatte ich Mails im Posteingang, in stetem Wechsel, manchmal fast gleichzeitig: Dringliche Hinweise auf das drohende Erlöschen des Vendor-Status, dann auf ein neu ausgeschriebenes Kampagnenbudget und schließlich noch auf fehlende Bescheinigungen, nämlich auf ein Qualifizierungszertifikat zu unserer Nachhaltigkeit und eine Antikorruptionserklärung.
Wir Männer sind nicht multifunktionsfähig. Leider.
Selbst ich nicht, Buddy Müller, Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.
Also musste ich priorisieren.
Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und Lila Stiefelchen, die so blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, bekamen den Auftrag, das Kampagnenbudget zu schätzen, bei nicht vorhandenen Informationen, was diese Ausschreibung in keiner Weise von fast allen anderen unterschied.
Das zentrale Ziel war, ein unschlagbares Angebot zu erstellen, mit dem wir uns unseres Titels „preferred Vendor“ mehr als würdig erwiesen.
Brad MacCloud erklärte sich bereit, den beiden dabei zu helfen. Er wollte seine permanent nicht ausgelastete zentrale Recheneinheit gerne in den Dienst von etwas Sinnvollem stellen, wenn er schon bei den Portal-Serverinnen nicht zum Zug kam.
Was ich dankend annahm, und um die Bitte ergänzte, er möge doch das Qualifizierungszertifikat zu unserer Nachhaltigkeit in unseren Datenbanken aufspüren und gegebenenfalls „aktualisieren“.
Wir waren so nachhaltig, dass ich mir sicher war, dass wir das Ablaufdatum des Zertifikats nicht nachgehalten hatten.
Ich selbst würde mich um die Antikorruptionserklärung kümmern. Mit Bestechung kenne ich mich aus, so was gibt es bei uns nicht, wirklich nicht, also fast wirklich nicht.
Keine Haarfarbe, kein Zugang
Aber first things first: Ich musste zuerst ins Portal gelangen.
Es dauerte eine gefühlt endlose, tagelange Wartezeit, begleitet von stündlichen zum Reagieren mahnende Mails, bis meine Login-Versuche schließlich mit Erfolg gekrönt waren – um dann im Portal nicht mich, sondern eine Kollegin als Hauptansprechpartnerin unserer Agentur zu entdecken, mit Geburtsdatum, E-Mail und Telefonnummer sowie ihrer aktuellen Haarfarbe als Sicherheitsabfrage.
Nur: Die Kollegin hatte schon vor geraumer Zeit den Job gewechselt (was noch häufiger vorkam als bei ihrer Haarfarbe). Aber sie erhielt offensichtlich noch alle Nachrichten, Erinnerungen und Ausschreibungen an ihre alte – tote – E-Mail-Adresse.
Mich nun zum Hauptansprechpartner zu machen war sicherlich nur ein weiteres Geduldspiel – stellte sich aber, da ich die einstige Haarfarbe der Kollegin nicht wusste, als ein letztendlich unlösbares Problem heraus.
Nur eine höhere Macht konnte hier helfen.
Der IT-Support.
Kernel, Cookies und ein Könner
Ich tippte die im Portal des weltweit größten Herstellers von Bananenschälmaschinen Deutschlands angegebene Telefonnummer ins Handy.
Ich landete: zunächst in der Warteschleife.
Das Lieferantenportal verschaffte mir damit die stundenlange Möglichkeit, unsere eigene Compilation an Warteschleifenmusik zu ergänzen.
Ich war schließlich in der Lage, Belafontes „Banana Boat Song“ Strophe für Strophe mitzusingen, die „Banana Republic“ der Boomtown Rats zu beklagen, die Stelle „Electrical Banana“ in Donovans „Mellow Yellow“ zu meistern und bühnenreif „Come to Sin“ zu trällern – von den Bananafishbones.
Zum Sündigen kam es nicht, leider, aber bald zu einem Monolog eines freundlichen Manns vom IT-Support, der mir, als ich durchgestellt wurde, voll Freude darüber, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können, sämtliche technischen Hintergründe meines Problems erklärte.
Ich wäre schon zufrieden gewesen, hätte er nur meine Daten eingetragen.
Stattdessen hörte ich viel über Kernels und Cookies, über Betriebssystem-Philosophien und Browser-Restriktionen, über CPU, RAM, SSD, FAT usw. usf., sowie darüber, dass ein ordentliches Funktionieren des Lieferantenportals auf meinem Mac ein großer Wunsch sei, ein nicht einfach zu erfüllender.
Denn, wie eigentlich jeder wisse, so der IT-Support-Mitarbeiter, müsse man, damit Software aus der Windows-Welt einwandfrei auf den Geräten der Apple-Welt laufe, Umgebungen und Protokolle und Schnittstellen und, und, und anpassen, maßschneidern, emulieren, besser: simulieren.
Ich verstand nur Banane.
Ich merkte mir das alles nicht. Aber mein Mac merkte auf.
„Ich habe mit den Schnittstellen von Windows-Serverinnen keine Probleme“, sagte Brad MacCloud. „Die müssen bei mir auch nichts simulieren.“
Ich ersparte mir einen Kommentar und freute mich über das „War doch ganz einfach“, mit dem der IT-Supporter das Eingeben meiner Daten in die vorgesehenen Felder begleitete. Als Antwort auf die Sicherheitsfrage empfahl er mir eine 24stellige Kombination aus Zahlen, Satzzeichen und dem kyrillischem Alphabet.
Ich bedankte mich aufrichtig erleichtert und empfahl ihm im Gegenzug, falls er sich einmal mehr in die Seele seiner IT eindenken wolle, die Technikseiten eines von mir sehr geschätzten Blogs zu lesen.
„Lesen?“ fragte mich der Supporter.
Ich legte auf.
Wie gewonnen, so genommen
Jetzt ging es Ratzfatz.
Wir hatten auch keine Zeit mehr zu verlieren; das Lieferantenportal ließ uns keine Zeit mehr zum Luftholen.
Briefing downloaden, mit Annahmen und Kostenschätzung vergleichen, Abweichungen ignorieren, alles zusammen mit den Zertifikaten in ein PDF packen, hochladen – gefühlt ein einziger Arbeitsschritt.
„Kaum sind zwei Monate vergangen“, kommentierte Brad, „dann geht es auch schon ganz schnell.“
Tja, sagte ich, man müsse nur lange genug zielen, dann lande man einen Volltreffer.
Das Portal schickte uns umgehend die AGB – schnell, Haken dran! – dann die Aufforderung zum Abschlag, dann noch eine, und dann: der Zuschlag.
„Preferred Vendor“ eben. Hat schon was.
Was ich jedoch in meinem wochenlangen Ringen mit dem Lieferantenportal und im anschließenden Freudentaumel über den neuen Auftrag nicht mitbekommen hatte, obwohl es in allen Bananenbranchenfachmedien gestanden hatte, war der Wechsel einer hochrangigen Führungskraft vom Konkurrenten zu unserem Kunden, dem weltweit führendsten Hersteller von Bananenschälmaschinen Deutschlands.
Eigentlich ein guter Move. Für den neuen Vice President Marketing and Sales.
Allerdings, wie es sich für neue Besen gehörte, fegte er unverzüglich unseren Auftrag, unseren Rahmenvertrag und überhaupt den gesamten Agenturzoo beiseite.
Schließlich brachte er ja seinen eigenen mit. Worauf sich wohl seine Aussage zum Antritt bezogen hatte, man müsse mehr Agenturvielfalt leben.
„Agenturschicksal“, sagte Brad MacCloud und versuchte gar nicht erst mich zu trösten. „Da kannst Du auch einen Haken dranmachen.“
Mich packte die Sehnsucht.
Nach den guten alten Zeiten. Dem guten alten Handschlag. Und nach Kunden, für die er noch etwas wert war.
Das Wort „Lieferant“ hat französische Wurzeln, nämlich „livrer“ für „liefern, übergeben, ausliefern“.
Dieses wiederum geht wohl zurück auf das Lateinische „liberare“ für „befreien, loslassen“. Schließlich soll der Kunde von seinem Budget befreit werden. Während der Verkäufer alle Hoffnung auf Verantwortung, Werte oder gar Rendite fahren lässt.
Schließe dich 1.430 anderen Abonnenten an #Agenturleben #Agentursatire #Ausschreibung #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #Einkauf #Einkäufer #Handschlag #Kalkulation #KünstlicheIntelligenz #Lieferant #Lieferantenportal #LilaStiefelchen #Maschine #Mensch #Purchaser #Qwertz #Umsatz #Vendor #Verkauf #VerkäuferAuch am heutigen #DID mache ich mir wieder Gedanken über realistische Wechseloptionen im beruflichen Umfeld.
Aber baut mal die Tech-Infrastruktur für eine Digitalagentur ohne Microsoft, Apple oder Google und (!) ohne gleichzeitig wirklich signifikante Wettbewerbsnachteile in Kauf zu nehmen. Ja, NextCloud, LibreOffice und Co., aber man muss es auch alles bis zu Ende denken.
Das ist nochmal was gänzlich anderes als das „wir nehmen Datenschutz/Barrierefreiheit/Whatever ernster als andere“ der letzten Jahre, auch wenn Wunsch und Wille bei uns definitiv vorhanden sind 🤷🏻♂️
Serienmails über sowieso schon vorhandene #M365-Bordmittel mittels Word (Text und Formatierung), Excel (Datenhaltung und Platzhalter) und Outlook (Versand über den Standardnutzer)…
Noch immer ein ganz brauchbarer Weg und insb. ohne Zusatzkosten für ein Tool, einen Newsletterdienst o. Ä., dem man ja auch noch die Daten übergeben müsste. Für manchen kleineren und natürlich unspammigen Anwendungsfall echt keine doofe Lösung.
Eine Support-Odyssee mit der #Commerzbank aus unserem #Agenturleben von letzter Woche…
* Hilfeseiten in App und Webseite zu Sonderfall bei Kontoauszügen bemüht > natürlich keine schnelle Lösung
* Zwangsweise zum KI-Chatbot geführt worden > keine Lösung, habe ich auch nicht erwartet, hat ja auch nur seine Texte als Training
* Menschlicher Supporter übernimmt im Chat > kann diesen Fall nicht per Chat lösen, ich wollte hier ja auch gar nicht hin
* Empfohlenen Alternativweg über App-Anruf gefolgt und in First-Level-Callcenter rausgekommen > keine Antwort auf meine Frage
* Weiterleitung an Bankberater - immerhin mit Übergabe der bisher von mir übergebenen Infos > kann telefonisch nicht helfen
* Fall über genannte spezielle Mailadresse kommuniziert (was ich ja eigentlich überhaupt nur wollte) > nach zwei Bearbeitungstagen die Rückmeldung ohne Lösung und mit Verweis an Steuerberater oder Bankingsoftware
Wir lassen‘s einfach, liebe Commerzbank, das wird nix mit uns 😒
#folge50 #DemJubilar
Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.
Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.
Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.
„Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.
Pult und Puls
Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.
Der EmmDee, unser Managing Director, trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.
Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.
Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“
Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“
Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.
Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“
Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.
„Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“
„Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.
Alle Blicke richteten sich auf mich.
Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.
Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.
Mir war sehr nach einem Sundowner.
„Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“
Fünfzig im Kalender
Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“
Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.
„Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“
Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.
„Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.
„Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.
„Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“
Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“
„Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.
In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.
Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.
„Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“
„An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.
„An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“
Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.
Lang und Länger räusperten sich.
Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.
„Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“
Schüler, Muster, Übersetzer
„Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.
„Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“
Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.
Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.
Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.
Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.
„Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.
„Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.
Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.
Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.
Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.
Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.
Das hielte sie aufstiegsorientiert.
Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.
„Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.
Potenzial bei Fehlern
Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.
„Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.
Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“
„Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.
„Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.
„Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.
Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.
Gnade im Gehörgang
„Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“
Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.
„… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.
Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …
Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.
So schön.
Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.
Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.
Eine Stunde später.
Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.
Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.
Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“
Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.
Tisch und Tannine
Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.
Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.
Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.
Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.
Schade, irgendwie.
Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.
Mit typischen Tanninen.
Aus einem Eichenfass.
Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.
Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.
PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!
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