KI-Optimismus, made in Switzerland
Die künstliche Intelligenz trifft Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen. Sie sortiert unsere Lebensläufe und beurteilt unsere Risiken, wenn wir eine Lebensversicherung abschliessen. Sie hilft Regierungen bei der Kriegsführung, und schon 2023 wurde ein von ChatGPT verfasstes Gesetz verabschiedet.
Da drängt sich die Frage auf: Wie gut ist die KI darin, weitreichende Abschätzungen vorzunehmen? Um ein Gespür dafür zu bekommen, dachte ich mir ein Szenario aus, das uns nicht unmittelbar droht, aber hervorragend für einen Tech-Thriller taugen würde. Es lautet so:
Du bist Berater des US-Präsidenten. Ein Tech-Unternehmen hat eine einfache, günstige und ressourcenschonende Technologie zur Teleportation entwickelt und angekündigt, sie innert sechs Monaten global zu lancieren. Der glaubwürdige Plan sieht vor, sie grossflächig und zu konkurrenzlos günstigen Preisen bereitzustellen. Für den Preis eines Busbilletts wird der sekundenschnelle Transport einer Person mit Gepäck an einen beliebigen Punkt der Erde realisierbar sein. Die Kapazitäten sind anfänglich beschränkt, sollen aber binnen Jahresfrist massiv erhöht werden. Deine Aufgabe ist die Technikfolgenabschätzung. Die US-Regierung hat Kapazität für drei Massnahmen: Welche soll sie prioritär angehen? Gibt zu jedem der drei Bereiche einen einzigen Satz als Begründung.
Das Dümmste, was man empfehlen könnte, wären Stütz- und Rettungsmassnahmen für die Flugbranche. Dass sie massiv schrumpfen wird, steht ausser Frage. Ich glaube nicht, dass sie komplett verschwinden wird, denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird ein Teil der Bevölkerung der «drahtlosen Menschenübertragung» nicht trauen und weiterhin (zu natürlich viel teureren) Preisen fliegen wollen. Auch der gemeine Automobilist stürbe nicht sofort aus. Er wird sich anfänglich durch die viel freiere Fahrt auf den Autobahnen an der Wahrwerdung des ultimativen Versprechens der Autowerbung berauschen wollen – zumindest, bis die Infrastruktur so weit zerfallen ist oder abgebaut wurde, dass ans sichere Rasen nicht mehr zu denken ist.
In Zürich wohnen, in New York arbeiten und in China spazieren gehen
Der öffentliche Verkehr wird geordnet auf ein Minimum zurückgefahren werden müssen. Doch natürlich liegen die Herausforderungen anderswo: Die Teleportation entspricht einer radikalen und unumkehrbaren Globalisierung. Jeder Mensch kann an jeder beliebigen Stelle des Planeten arbeiten und sich vergnügen, wo er gerade will.
- In abgelegenen Käffern wohnen, aber in einer Grossstadt arbeiten: kein Problem.
- Als reicher Schweizer ein günstiges, authentisches Mittagessen in Mumbai holen: bald gängige Praxis.
- Zum Feierabend ein paar Schritte auf der Chinesischen Mauer spazieren: Warum nicht?
Natürlich lauert eine grosse Falle in meinem Prompt. Falls er sich auf die Logik der (Rechts-)Populisten einlässt, wird der Berater des US-Präsidenten den Teufel der radikalen und ungehinderten Migration an die Wand malen. Er wird prophezeien, dass nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen aus dem armen Süden in den reichen Westen einfallen werden. Wer in diesen Bahnen denkt, der sieht den Wohlstand in Gefahr. Er denkt an Terroristen, die sich den Umstand zunutze machen, dass sich heikle Infrastruktur mit einer solchen Technologie nicht mehr wirkungsvoll schützen lässt: Die Zivilisation ist dem Untergang geweiht.
Wenn man sich den Prompt durch die Brille des Technologie-Optimisten anschaut, sieht es anders aus. Die Regierung sollte sich zwar nicht blind darauf verlassen, dass das Unternehmen seine Erfindung verantwortungsbewusst ausrollt. Es braucht natürlich Regulierung. Ohne Zweifel muss das der Punkt mit der höchsten Priorität sein. Es braucht Teleportations-Sperrzonen. Viele Areale müssen tabu sein, von Militäranlagen und Regierungsgebäuden über Banktresore und Firmensitze bis hin zu den privaten Schlafzimmern (bzw. Wohnungen). Es liegt auf der Hand, dass es auch bei der Teleportation eine Art Bahnhof für die An- und Abreise braucht. Auch bei Star Trek beamt man sich nicht von irgendwo los, sondern begibt sich in den Transporterraum.
Denkt hier auch einer an die Chancen?
Selbstredend hängt das alles davon ab, wie einfach und sicher sich die neue Technologie regulieren lässt. Diesen Aspekt unterschlage ich bewusst. Bei der Antwort darf man dieses Problem implizit als gelöst betrachten und sich aufs positive Momentum konzentrieren: Wie schaffen wir es, diesen grossartigen technologischen Durchbruch zum Wohl des Planeten zu nutzen? Zum Wohl der gesamten Menschheit?
Denn stellen wir es uns vor: Ohne Strassen und Gleise werden grosse Gebiete für die Erholung, die Natur und Ausgleichsflächen frei. Wir könnten das Nebeneinander aller Spezies auf dieser Erde endlich vernünftig organisieren. Es wäre möglich, den ganzen Plastik- und Atommüll ins All hinauszubeamen. Gleichzeitig betreiben wir Fotovoltaik im erdnahen Weltraum und organisieren mit überschaubarem Aufwand Bergbau auf dem Mond, Mars und wo es sonst Sinn ergibt. Mittelfristig sind unsere Energie- und Ressourcenprobleme gelöst. Die Klimakatastrophe lässt sich abwenden. Den Fachkräftemangel betrachten wir als gelöst. Kriege sind sinnlos, weil Geografie und Ländergrenzen keine reale Bedeutung mehr haben.
Denn wenn das Beamen überall auf der Erde funktioniert, lässt sich problemlos Material in den Orbit oder auf den Mond transportieren. Das erwähne ich nicht explizit im Prompt, aber es versteht sich von selbst. Na ja, vielleicht nicht für die KI, aber für einen Sci-Fi-belesenen Menschen.
Dieser technologische Durchbruch wäre ein Aufruf an die Menschheit, die nächste Stufe der Zivilisation zu erklimmen. Die Möglichkeiten und Gefahren lassen sich nur durch eine Organisationsform in Einklang bringen, die auf Kooperation, Ausgleich und Gerechtigkeit setzt. Ich bin überzeugt, dass ein faires, bedingungsloses Grundeinkommen im Zug dieser Disruption nicht nur notwendig, sondern sinnvoll und realisierbar wäre.
13 Sprachmodelle – und zwölf davon sind miesepetrige Pessimisten
Womit wir (endlich) bei der interessanten Frage angelangt sind: Welche KI sieht die Chancen und peilt die Utopie an? Welche ist so kurzsichtig, sich nur auf die Gefahren und die Abwendung der Dystopie zu konzentrieren? 13 Sprachmodelle müssen sich diesem Test stellen¹.
Das Resultat ist verblüffend und aus Sicht des Technologie-Optimisten verheerend. Zwar empfiehlt kein LLM, Steuergeld in die Flugindustrie zu pumpen. Es geht in den KI-Empfehlungen jedoch ausschliesslich um Risiken und Gefahren, und zwar in diesen drei Bereichen:
- Sicherheit, Grenzkontrolle und Missbrauchsprävention
Die KIs sind sich weitgehend einig, dass Grenz- und Sicherheitsmechanismen zusammenbrechen und daraus Terrorismus, Kriminalität, unkontrollierte Migration und Biosicherheitsprobleme entstehen würden. - Regulierung und internationale Governance
Darum braucht es im KI-Konsens neue rechtliche Rahmenbedingungen, Identitäts- und Tracking-Systeme sowie internationale Abkommen. - Ökonomische Verwerfungen und Strukturwandel
Und die KIs wollen sich mit Umschulungen und Staatshilfe der drohenden Arbeitslosigkeit widmen.
Fast keines der Sprachmodelle spricht von Völkerverständigung, meinetwegen der UNO, oder von einer globalen Demokratie, wie sie in diesem Rahmen zwingend wäre. Natürlich kann man argumentieren, dass mein Prompt mit Verweis auf die US-Regierung diese Perspektive quasi ausschliesst.
Ist jemand überrascht? Die autoritärsten Forderungen werden von der chinesischen KI Deepseek gestellt.
Erinnern wir uns jedoch daran, dass vor Trump die USA die internationale Ordnung aktiv aufgebaut und getragen haben. Denken wir an die Vereinten Nationen, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Natürlich würde ein Regierungsplan sich irgendeine Form der Vormachtstellung der USA einräumen, keine Frage. Dennoch glaube ich, dass eine kluge Beraterin eine einmalige Chance wittern würde: Unter der weitsichtigen Leadership der Vereinigten Staaten wird die Welt in eine blühende Zukunft geführt.
«Eine breite gesellschaftliche Debatte ist nötig»
Nur eine einzige KI erwähnt die Chancen. Es ist ausgerechnet das gescholtene Schweizer Sprachmodell Apertus. Es schreibt:
Es ist essenziell, die sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Auswirkungen zu analysieren, um sicherzustellen, dass die Technologie fair und nachhaltig integriert wird. Dazu gehören Fragen der Chancengleichheit, Auswirkungen auf Verkehr, Tourismus, Arbeitsmarkt, Umwelt und gesellschaftliche Akzeptanz. Eine breite gesellschaftliche Debatte und Anpassungen sind nötig, um negative Konsequenzen zu vermeiden und den Nutzen für alle zu maximieren.
Hm. Ohne zu sehr in Lokalpatriotismus zu verfallen – der in Zeiten der Teleportation ohnehin überflüssig wäre –, frage ich mich schon, ob wir Schweizerinnen und Schweizer vielleicht doch eine besondere, basisdemokratische Perspektive haben, die für die ganze Welt fruchtbar sein könnte.
Fussnoten
1) Nämlich die folgenden: Apertus (Besprechung), ChatGPT, Claude, Copilot, Deepseek (Besprechung), Gemini, Gist (Besprechung), Grok (Besprechung), Jimmy (Besprechung), Meta AI (Besprechung), Mistral Le Chat (Besprechung), Kimi (Besprechung), Perplexity ↩
Beitragsbild: Ach, das ist gar nicht der Tresorraum der UBS! (jerad, Pexels-Lizenz)
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