Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag ist eine argentinische Polizistin die Heldin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies.
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen.
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen.
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier).
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Teppich gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
Beitragsbild: Bei ihr hat es jedenfalls gewirkt (RobinHiggins, Pixabay-Lizenz).
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