Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren

Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.

Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».

Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.

Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.

Irgendwas ist faul in Göschenen

Das Vergleichsbild aus dem Staatsarchiv Uri: viele Ähnlichkeiten und Detailunterschiede.

Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.

Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».

So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).

Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.

Da passt gar nichts zusammen

Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.

Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?

Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:

  • Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
  • Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
  • Wie mir ein SBB-Kenner auf Facebook mitteilt, ist die Lok in Wahrheit grün oder braun, jedenfalls nicht rot. Das Originalbild war, wie zu vermuten war, schwarzweiss und wurde eingefärbt.
  • Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
  • Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
Unstimmigkeiten, wohin man schaut: unterschiedliche Schärfen, und Rasterungen. Und die Kabel sind irgendwie mit den Berggipfeln verschmolzen.Das hier ist offensichtlich ein Überbleibsel des Wasserzeichens von Nano Banana, der Bilder-KI in Google Gemini. Zum Vergleich rechts das gleiche Wasserzeichen aus einem Bild, das ich selbst mit Gemini hergestellt habe.

Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?

In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.

Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?

Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Bislang gab es keine Reaktion, doch falls sich das ändert, trage ich die Stellungnahme hier nach.

Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.

Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.

Beitragsbild: Ein Extrazug vom 3. Juni 1982 mit Doppellok Ae 8/14 11801 beim Verlassen des Gotthardtunnels in Göschenen (Hans-Peter Bärtschi/ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).

#DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar

Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch

Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.

Ist das ein echtes Problem?

Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.

Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?

Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:

1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten

Wer hat kein Herz für Esel?

Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.

Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).

2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden

Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.

«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.

Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.

3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station

Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.

Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.

Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:

Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕

4) Der bekehrte Matador

Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.

Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:

Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.

Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.

5) Die stillende Polizistin

Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.

Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.

Im fraglichen Beitrag ist eine argentinische Polizistin die Heldin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:

Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.

Rührseliger Kitsch

Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.

Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:

  • Die Esel:
    Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies.
  • Die Container:
    Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen.
  • Hachikō:
    Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen.
  • Álvaro Múnera Builes:
    Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier).
  • Celeste Ayala:
    Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Teppich gekehrt wird.
  • Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.

    Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.

    Wer hätte es gedacht?

    «Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»

    Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:

    Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)

    Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.

    Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.

    Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.

    Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.

    Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.

    Auch «positive» Fake News sind verheerend

    Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:

    • Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
    • Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
    • Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
    • Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.

    Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.

    Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln,  haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.

    Beitragsbild: Bei ihr hat es jedenfalls gewirkt (RobinHiggins, Pixabay-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien

    Facebook tut gar nichts gegen das riesige Deepfake-Problem

    Neulich habe ich mich herzhaft darüber aufgeregt, dass auf Facebook andauernd KI-Bilder zu sehen sind, die uns als echt verkauft werden. Ob gefälscht oder authentisch – die Leute, die heute noch auf solchen Plattformen unterwegs sind, scheint es nicht gross zu kümmern.

    Leider sind KI-Bilder in sozialen Medien keinen Deut besser, wenn sie nicht als echt ausgegeben werden. Die Gelegenheit zu dieser Erkenntnis ergab sich, als mir der Facebook-Algorithmus mit dreister Hinterhältigkeit einen Post der AfD Offenbach-Land präsentierte.

    Die «dreiste Hinterhältigkeit» sollte ich an dieser Stelle begründen: Facebook gilt nicht zu Unrecht als enormer Datensammler. Das Märchen, wonach wir in unseren Vorlieben und Abneigungen dadurch komplett transparent werden, konnte ich widerlegen (hier auch für Google). Doch selbst der dümmste Algorithmus müsste wissen, dass ich keine Sympathien für die AfD hege – weder für die Ortsvertretung aus Offenbach-Land noch für sonst irgendeinen Ableger dieser in Teilen rechtsextremen Partei. Darum ist der Schluss zwingend, dass mir Facebook diesen Blogpost aus Eigeninteressen präsentiert. Vielleicht aus politischen Gründen. Vielleicht, weil mich die Empörung länger auf der Plattform hält, was ein alter Trick von Mark Zuckerberg ist – und der Grund, warum die sozialen Medien heute derart asozial auftreten.

    Wünschen darf man sich alles

    Darf die Bildunterschrift «Nehmt den Idioten die KI weg!» lauten? Oder wäre das justiziabel?

    Zurück zur AfD: Dort in Offenbach ist in irgendeiner Blitzbirne also die Idee aufgepoppt, mittels KI Bilder von Leuten aus gegnerischen Parteien zu generieren, wie sie obdachlos auf der Strasse wohnen: Olaf Scholz, Karl Lauterbach, Ricarda Lang, Christian Lindner, Robert Habeck und Sahra Wagenknecht. Wobei ich bei den letzten beiden nicht ganz sicher bin; die hat Grok – und welche KI sollte das sonst gewesen sein? – schlecht getroffen.

    Kommentar dazu: «Auch Wünsche können wahr werden»; im Bild steht «Wünschen darf man sich alles». Klar darf man. Der Wunsch könnte allerdings auch lauten, dass es allen gut gehen soll und das politische Klima sich verbessert.

    Zwei Einsichten zu dieser Peinlichkeit der AfD Offenbach-Land:

    Erstens könnte man sich vielleicht an folgendes Versprechen von Meta aus dem April 2024 erinnert fühlen:

    In Kürze werden wir die Kennzeichnung «KI-Info» auf unseren Plattformen anpassen, damit sie den KI-Anteil an den Inhalten besser widerspiegelt. Unser Ziel lautete von Anfang an, den Menschen einsichtig zu machen, wenn sie KI-Inhalte sehen. Wir haben mit Unternehmen aus der gesamten Branche zusammengearbeitet, um unseren Kennzeichnungsprozess zu verbessern, damit die Kennzeichnungen auf unseren Plattformen den Erwartungen der Menschen besser entsprechen.

    Ich weiss nicht, wie es euch geht: Aber ich habe noch nie ein solches KI-Label gesehen, obwohl in Facebook diese künstlich generierten Inhalte omnipräsent sind.

    Die ganze Branche hat versagt

    So ist es etwas peinlich, wenn die gesamte Branche zusammenarbeitet, und das Resultat völlig unbrauchbar ist. Umso mehr, als in dieser Pressemeldung erklärt wird, warum KI-Inhalte – ob fragwürdig wegen des irreführenden Kontexts oder einfach aufgrund des schlechten Stils – weiterhin toleriert werden:

    Wir stimmen mit der Empfehlung des Oversight Board überein, dass die Herstellung von Transparenz und zusätzlichem Kontext jetzt der bessere Weg ist, um gegen manipulierte Medien vorzugehen und das Risiko einer unnötigen Einschränkung der Meinungsfreiheit zu vermeiden, daher werden wir diese Inhalte auf unseren Plattformen behalten, damit wir Kennzeichnungen und Kontext hinzufügen können.

    Mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit sind wir beim zweiten Punkt angelangt:

    Dass sich Menschen auch ohne künstliche Intelligenz herabwürdigen lassen, ist spätestens seit den Karikaturen aus der zu sehr grossen Teilen rechtsextremen Wochenzeitung Der Stürmer bekannt. Nur senkt die KI offensichtlich die Hürden beträchtlich, um solchen Müll zu produzieren. 1933 musste man wenigstens noch zeichnen können. Heute reicht es, wenn einer im Ortsbüro weiss, wie man «Grok» buchstabiert.

    Die Allianz der Menschenfeinde

    Das allein könnte Grund genug sein, sich Gedanken über die Schnittmenge von Meinungsfreiheit und Diffamierung zu machen.

    Stattdessen drängt sich der Eindruck auf, dass hier eine Art informelle Allianz zwischen den Tech-Konzernen entstanden ist. Obwohl Elon Musk und Mark Zuckerberg sich anscheinend nicht sonderlich mögen und Konkurrenten sind, spielen sie sich hier wunderbar in die Hände: Der eine macht es mit seiner KI unglaublich einfach, solche Deepfakes zu produzieren. Und der andere setzt seine eigenen Richtlinien nicht durch, damit sie sich auch schön verbreiten. Das ist wirklich ziemlich übel.

    👉 Warum viele der Motive menschenfeindlich sind, erläutere ich im Beitrag Die Rangliste der idiotischsten Deepfake-Motive auf Facebook.

    Beitragsbild: Ein Beweis, wie einfach es ist, mit Grok einen Deepfake herzustellen. Sogar ich habe es geschafft.

    #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #KI #Politik #SozialeMedien

    Facebook wird zum KI-Misthaufen

    Man kann sich dieser Tage nicht mehr durchs Facebook klicken, ohne auf KI-generierten Müll zu treffen. Beispiele gefällig?

    Man fragt sich: Was soll der Scheiss?

    Ist hier womöglich ein gewisses Muster zu erkennen? Die während ein paar wenigen Tagen gesammelten Beiträge.

    Das Problem ist konkret, dass diese Bilder in aller Regel nicht als kreative Experimente verstanden werden. Sie haben auch keinen illustrativen Charakter und dienen nicht als visuelle Lückenbüsser.

    Nein, sie werden uns als echt verkauft. Das ist besonders stossend beim Beispiel mit dem regenbogenfarbigen Eisberg und beim angeblichen Sonnen-Halo. Beide Bilder stammen aus Facebook-Gruppen, die zumindest dem Namen nach realen Phänomenen verpflichtet sein sollten. Man findet sie unter Amazing Nature und NASA James Webb Space Telescope (JWST).

    Warum lassen sich die meisten User das gefallen?

    Auch bei der Gruppe Kindheitserinnerungen würden die meisten von uns etwas erwarten, das auch tatsächlich stattgefunden hat. Zugegeben, das menschliche Gedächtnis ist bei der Wiedergabe gespeicherter Momente nicht immer zuverlässig. Die Fotografie ist es allerdings schon. Solange wir nicht an den Aufnahmen herumdoktern, können wir uns sicher sein, dass etwas abgebildet wurde, das für einen kurzen Moment genauso existierte.

    Eben entdeckt: der Disco-Eisberg mit eingebauter Lichtshow.

    Darum sind solche Deepfakes doppelt ärgerlich: Sie vergeuden unsere Zeit. Und wir werden von den Urheberinnen und Urhebern für dumm verkauft. Denn KI-Fakes als echt auszugeben, ist nichts anderes als eine Lüge.

    Lügen werden belohnt

    Gleichzeitig haben wir die Gelegenheit, drei Dinge zu lernen:

    Erstens fehlt es an «KI-Awareness». Viele Leute erkennen Deepfakes nicht. Gerade die verkannten Künstler lösen Tausende aufmunternde Kommentare aus. Menschen drücken Bewunderung aus und schreiben aufmunternde Worte, selbst wenn man bloss die Finger der abgebildeten Personen zu zählen braucht, um den Ursprung aus der KI zu erkennen. Mir tut es weh, wenn wohlmeinende Leute derartig hinters Licht geführt werden.

    Zweitens die Skrupellosigkeit der Engagement-Farmer. Die Bewirtschaftung der Emotionen auf Facebook und in anderen sozialen Medien ist zu einem Geschäft geworden. Bei dem ist es nahezu egal, mit welchen Mitteln Aufmerksamkeit generiert wird.

    Man könnte das als Zeichen der Zeit abtun und darauf hinweisen, dass im Weissen Haus bereits die zweite Amtszeit des Präsidenten-Pinocchios begonnen hat. Aber ich bleibe dabei, dass dieser nonchalante Umgang mit Fakten und Fiktion nicht zur Normalität werden darf; Donald Trump zum Trotz. Die meisten Leute bewegen sich nicht auf Facebook, um eine megalomanische Machtstrategie in die Tat umzusetzen und ihrem grenzenlosen Narzissmus zu frönen. Dass Mark Zuckerberg in einem Akt der Unterwerfung die Faktenchecks abschafft und Meinung über Wahrheit stellt, ist ein grober Fehler, auch wenn es danach aussehen mag, dass keiner sich gross daran stört.

    So eine Scheusslichkeit wird in der Gruppe «educated minds» gepostet.

    Drittens ein Hoch auf die Standhaften. Damit meine ich den Journalismus. Allen Verfehlungen zum Trotz – und wo gibt es die nicht? – hält er seine Werte hoch, wonach die Öffentlichkeit erfahren soll, was tatsächlich Sache ist. Und jedes Mal, wenn auf in den sozialen Medien, zu Recht oder zu Unrecht, auf einen Kollegen oder eine Kollegin eingedroschen wird, würde ich mir nur ein kleines bisschen dieser Kritiklust unter einem dieser Postings wünschen, das von einem stammt, der sich zwar nicht Journalist nennt, aber meines Erachtens dennoch keinen Freipass zur Lüge für sich in Anspruch nehmen darf.

    An dieser Stelle stand in der ersten Fassung des Blogposts eine wütende Tirade über die Social-Media-User insgesamt, die sich als unfähig erwiesen hätten, ein soziales Medium verantwortungsbewusst zu nutzen. Ich habe die Passage gelöscht. Sie ist im Kern zwar vollkommen zutreffend: Die Leute machen sich zwar einen Sport daraus, auf die Medien einzudreschen, sind ansonsten aber erschreckend unkritisch.

    Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen: Weil ein paar Leute sich als verantwortungslos gezeigt haben, glauben inzwischen so viele Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook und anderen Plattformen, ein bescheuertes Deepfake-Bild mehr oder weniger würde auch keinen Unterschied mehr machen. Und die Elon Musks und Mark Zuckerbergs haben sich als komplett skrupellos entpuppt und sich von ihren eigenen Mechanismen radikalisieren lassen. Darum ein Hoch auf die Journalistinnen und Blogger, die zwar auch unter dem Zwang der Aufmerksamkeitsökonomie stehen, aber ihre Ideale dennoch nicht verkauft haben.

    👉 Ich habe mich diesem Problem in zwei weiteren Beiträgen angenommen:

    Beitragsbild: Ein Misthaufen, nicht von KI generiert (Antranias, Pixabay-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #KI #SozialeMedien

    Mein Corona-«skeptischer» Freund hat mal wieder auf Facebook gepostet

    Was muss man eigentlich von linth24.ch halten? Das habe ich mich letzte Woche gefragt, nachdem einer meiner Facebook-Freunde einen Link gepostet hat, der Zweifel an der redaktionellen Kompetenz dieses Online-Mediums aufwirft.

    Ein Leserbrief, den die Redaktion sogar mit einer Illustration gewürdigt hat.

    Der Beitrag «Aus Angst vor dem Tod aufs Leben verzichten» stammt von einem Leser. Er wird in der Spitzmarke als Leserbrief gekennzeichnet und im Lead entsprechend eingeführt.

    Darüber hinaus gibt es keinerlei Einbettung. Das widerspricht meiner Erwartung als Mediennutzer. Denn bei einem klassischen Medium erscheinen Leserbriefe in einem eigenen redaktionellen Gefäss. Sie werden mit anderen Einsendungen gebündelt veröffentlicht und decken im Idealfall das ganze Spektrum der Lesermeinungen ab.

    Die Einsendung von Leser Jürg Rückmar steht aber für sich und liest sich wie ein normaler redaktioneller Beitrag. Das lässt nur den Schluss zu, dass die Redaktion von «Linth24» voll und ganz hinter den Aussagen steht. Würde sie es nicht tun, hätte sie am Ende die für Gastbeiträge gerne verwendete Floskel angehängt: «Die Meinung des Autors muss sich nicht mit derjenigen der Redaktion decken.»

    Darum lässt sich an dieser Stelle schon eine Feststellung treffen: Entweder beherrschen die Redaktoren bei «Linth24» ihr Handwerk nicht. Oder aber, sie schicken ihre Leser vor, um Meinungen zu verbreiten, bei denen sich kein Mitarbeiter getrauen würde, sie mit seinem Namen zu zeichnen.

    Von A bis Z absurd

    Denn was Leser Jürg Rückmar in seinem Text schreibt, ist an Absurdität nur schwer zu überbieten. Er fragt: «Warum dürfen wir nicht an Corona sterben? – Täglich sterben Menschen an Herzinfarkt, Krebs, Diabetes oder grippalen Infekten, an Alkoholismus, an unfallbedingten Verletzungen, an Drogen, Selbstmord, Depression, Gewaltverbrechen, Hunger und Durst. Doch ausgerechnet am Corona-Virus darf niemand sterben!»

    Diese Argumentation ist so abwegig, dass sie keine Antwort verdient. Aber weil ich der Ansicht bin, dass man Unsinn am besten mit Sachlichkeit bekämpft, hier trotzdem ein rationaler Einwand:

    Die Schweiz hat 2018 fast 82 Milliarden Franken für das Gesundheitswesen ausgegeben. Corona ist nicht die erste Krankheit, die in diesem Land bekämpft wird. Auch gegen Herzinfarkt, Krebs, Diabetes, grippale Infekte, Alkoholismus, Unfallverletzungen tun wir einiges. Wir versuchen, Drogenkonsumenten und psychisch Kranken zu helfen. Wir lassen Gewaltverbrechen nicht einfach geschehen.

    Und wir sind nicht so schlecht darin zu verhindern, dass jemand in der Schweiz an Hunger und Durst sterben muss. Wir sind nicht immer erfolgreich. Aber das heisst nicht, dass wir es nicht probieren.

    Und was den Hunger und den Durst angeht, darf man geteilter Ansicht sein, ob unsere Anstrengungen global gesehen ausreichen. Aber das ist eine andere Frage.

    «Aus Angst vor dem Tod das Leben ausblenden»

    Leser Jürg Rückmar erklärt, wir würden aus Angst vor dem Tod diesen aus unserem Leben ausblenden, und er fährt in seiner Argumentation fort: «Doch auf einmal ist der Tod wieder allgegenwärtig. Mit erschütternden Bildern wird er an uns herangetragen. Damit können wir nicht umgehen. Wir isolieren uns, verschanzen uns hinter Masken, verdächtigen jeden, der uns begegnet, denn er könnte den Tod zu uns bringen. Kinder sind nun eine Gefahr, alte Menschen bleiben isoliert, bis sie sterben. Um dieser Angst, der Konfrontation mit dem Thema Tod scheinbar zu entrinnen zu können, lassen wir alles über uns ergehen.»

    Diese Behauptung ist genauso abwegig. Wir tragen die Masken nicht aus Angst vor dem Tod, sondern um keine Viren zu verbreiten. Die Masken sind ein Schutz für den Fall, dass wir uns infiziert haben und bereits ansteckend sein könnten, das aber wegen der langen Inkubationszeit selbst noch nicht bemerkt haben. Das ist eine reale Massnahme gegen eine echte Gefahr. Und nicht bloss Ausdruck unserer Unfähigkeit, uns dem Tod zu stellen.

    Man kann die Widersprüchlichkeit des Beitrags auch aufzeigen, indem man darauf hinweist, dass der Autor im Titel nicht aufs Leben verzichten, im Lauftext aber an Corona sterben können will.

    Ich habe meinen Facebook-Freund, der diesen Beitrag gepostet hat, darauf angesprochen, dass niemand wegen der Corona-Schutzmassnahmen «aufs Leben verzichten» müsse. Und auch wenn ich es kaum glauben kann, dass man eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt aussprechen muss, so habe ich es trotzdem getan:

    Eine Maske zu tragen, ist eine kleine Unannehmlichkeit, die jeder vernünftige Mensch klaglos hinnimmt – weil es ein winziger Preis dafür ist, dass wir nicht zum Überträger einer Krankheit werden, die einen anderen Menschen für lange Zeit schädigen oder sogar töten kann.

    Diese Jammerei bringt niemandem etwas

    Und ich habe meinem Facebook-Freund deutlich gesagt, dass ich es sinnlos finde, wenn er solche Beiträge postet. Wir müssen diese Masken jetzt tragen. Deswegen zu jammern, bringt niemandem etwas.

    Die Antwort meines Facebook-Freundes war bezeichnend: «Es ist gar kein Gejammer, sondern einfach ein erweiterter Blick auf Gedanken Andersdenkender. Und dieser hat noch niemandem geschadet.»

    Die Argumentation meines Facebook-Freundes kennt man aus den Kreisen der Verschwörungstheoretiker und -mythiker: «Wir erweitern den Horizont, stellen Fragen – und leisten damit Denkanstösse.» Die implizite Aussage ist, dass niemand etwas gegen solche Denkanstösse haben kann, weil man sich sonst dem Denken gänzlich verweigern würde.

    Aber gerade dieses Beispiel zeigt, wie falsch diese Argumentation ist. Es ist möglich, dass dieser Beitrag jemanden darin bestärkt, keine Maske zu tragen. Diese Person, die sich nun der Maskenpflicht verweigert, kann im Fall einer eigenen Infektion Leute anstecken, die mit der Maske nicht angesteckt worden wäre. Das sorgt für eine weitere Verbreitung des Virus und allenfalls auch zu zusätzlichen, schweren Krankheitsverläufen oder Todesfällen.

    Und ja, jeder, der keine Maske trägt, muss das für sich selbst verantworten. Doch ich verlange von meinem Facebook-Freund und auch von Medien wie «Linth24», die solche Meinungen verbreiten, eine klare Stellungnahme. Sie müssen das Risiko explizit mittragen und dürfen sich nicht hinter Formulierungen wie «ein erweiterter Blick hätte noch niemandem geschadet» verschanzen.

    Was ist eigentlich von Linth24 zu halten?

    Damit sind wir zurück bei der Ausgangsfrage: Was muss man von «Linth24» halten? Nimmt dieses Online-Medium seine Verantwortung wahr?

    Bei persoenlich.com lese ich, dass seit März 2020 Sibylle Marti Chefredaktorin ist. Sie war beim SRF Redaktionsleiterin und Produzentin und müsste das Handwerk daher beherrschen. Auch ihren Vorgänger Mario Aldrovandi kenne ich vom Radio und habe ihn dort als verlässliche Stimme kennengelernt. Vielleicht ist es nur ein Ausrutscher?

    Das kommt heraus, wenn «Linth24» etwas abschreibt, das der «Blick» aus dem «Wall Street Journal» abgeschrieben hat.

    Leider nicht. Der gleiche Facebook-Freund hat schon vor einiger Zeit den Beitrag Wall Street Journal: «Massnahmen tödlicher als das Virus» gepostet. Die Aussage im Lead doppelt nach: «Es würden mehr Menschen wegen der Corona-Massnahmen als wegen des Virus sterben.»

    Bei diesem Beitrag fällt auf, dass «Linth24» sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, den Originalbeitrag zu lesen und zu zitieren, sondern beim «Blick» abgeschrieben hat. Das so nichts Vernünftiges herauskommt, liegt auf der Hand.

    Eine tendenziöse Zusammenfassung

    So, wie «Linth24» den WSJ-Bericht zusammenfasst, muss man unweigerlich zum Schluss kommen, dass die Massnahmen kontraproduktiv waren und sind. Doch das ist nicht, was im Originalbeitrag steht. Der Titel lautet Death Toll From Covid-19 Pandemic Extends Far Beyond Virus Victims. Das besagt, dass das Virus nicht nur direkt, sondern auch indirekt Todesopfer fordert; beispielsweise durch verschobene Operationen oder Herzattacken.

    Es wird aber auch erwähnt, dass die Massnahmen auch Todesfälle in anderen Bereichen verhindert haben und dass man eine endgültige Bewertung wohl erst in Jahren wird treffen können. Und das geht aus dem Text hervor – auch wenn man es noch klarer hätte ausdrücken dürfen: Ohne die Massnahmen hätte das Virus viel mehr direkte Todesopfer gefordert. Aber natürlich wären die Kollateralschäden bei überfüllten Krankenhäusern ebenfalls noch viel grösser gewesen.

    Darum ist die implizite Botschaft von «Linth24» falsch und der Beitrag in dieser undifferenzierten Form verantwortungslos. Und ja, auch der «Blick» bekleckert sich mit seiner Zusammenfassung nicht mit Ruhm. Sie ist oberflächlich, sensationslüstern und reines Clickbaiting.

    Fazit: Was dieses Online-Medium hier tut, ist schlechtes Handwerk. Das ist in normalen Zeiten dem Ruf des Journalismus nicht förderlich. Doch während einer Pandemie ist es fatal – vor allem, wenn man sich eigentlich in der seriösen, unideologischen Ecke positionieren möchte.

    Solche Schludrigkeiten sind nicht akzeptabel

    Tatsächlich: Im Vergleich ist der Umgang mit den «alternativen» oder den weit an den Rändern positionierten Medien einfacher. Die kann und darf man ausgrenzen. Doch ein Regionalmedium wie «Linth24», das bei vielen anderen Themen (wahrscheinlich) gute Arbeit leistet, ist das nicht möglich.

    Darum darf man sich auch als kleine Onlineplattform Schludrigkeiten wie diese beiden Artikel nicht erlauben. Und wir Nutzer von sozialen Medien müssen Beiträge kritisch prüfen, egal aus welcher Quelle sie stammen.

    Beitragsbild: Kein Drama – wirklich nicht! (Anna Shvets, Pexels-Lizenz)

    #Corona #Facebook #FakenewsDeepfakes #Medienschelte #SozialeMedien

    Ein Schweizer Liebling der Verschwörungstheoretiker

    Neulich habe ich  zwei Gründe, keine Videos von KenFM anzusehen oder zu teilen ins Feld geführt. Das war erfolgreich: Einen meiner Facebook-Freunde konnte ich dazu bewegen, seinen entsprechenden Post zu löschen.

    Doch die Freude währte nur kurz. Letzte Woche hat er  wieder im Bodensatz des Internets gerührt und einen besonders illusteren Link nach oben befördert. Diesen Link haben wir,  also seine Internetfreunde, nämlich sogleich zur Begutachtung dargereicht bekommen.

    Deshalb komme ich nicht darum herum, mich an dieser Stelle mit der Website zu beschäftigen, die – mit freundlicher Unterstützung von Facebook – weitere Kreise gezogen hat, als sie es verdient.

    Es handelt sich um die sogenannte «Swiss Policy Research»  (swprs Punkt org). (Ursprünglich «Swiss Propaganda Research»; siehe Fussnote¹.)

    Auf einen Blick ist zu erkennen, wer «nato-konform» ist.

    Das ist eine Website, die mir nicht unbekannt ist. Von ihr stammt jene ominöse Grafik, die von den ein­ge­fleisch­ten Ver­schwö­rungs­theo­reti­kern bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten hervorgezaubert wird.

    Ferngesteuert aus Brüssel

    Dieser sogenannte Mediennavigator soll beweisen, dass wir Journalisten allesamt direkt vom Nato-Hauptquartier in Brüssel ferngesteuert sind.

    Oben die neue Weltordnung, dazwischen ihre Helfer, unten die unwissenden Opfer.

    Eine Variante davon ist die Postulierung eines sogenannten Transatlantik-Netzwerks. Auch das ein infografisches Meisterwerk.

    Es suggeriert, dass alle Medien von der Bilderberg-Konferenz, dem Council of Foreign Relations, der Nato, der Trilateral Commission und dem Atlantik-Brücke-Verein direkt instruiert werden.

    Mehr muss man eigentlich nicht wissen: Das sind die Lieblings-Schlagworte jener Verschwörungstheoretiker, die davon überzeugt sind, dass uns allen die sogenannte Neue Weltordnung übergestülpt werden soll. Belastbare Beweise für diese Behauptung gibt es nicht, aber das hat die Verschwörungstheoretiker bekanntlich noch nie gestört.

    Journis schaffen die Themenwahl allein

    Und nur der Vollständigkeit halber sei festgehalten: Die Journalisten der freien Presse brauchen niemanden, der ihnen bei der Themenauswahl und der Recherche behilflich ist. Das schaffen sie ganz gut allein, auch ohne die Hilfe von Jens Stoltenberg.

    Wenn man sich trotzdem etwas mit der «Swiss Policy Research» beschäftigen möchte, dann fällt auf, dass hier niemand namentlich in Erscheinung tritt. Es gibt keine Kontaktadresse und kein Impressum. Die Begründung auf der «Kontakt»-Seite:

    Die Mitglieder der Forschungsgruppe möchten persönliche Diffa­mie­rungen und berufliche Sanktionen vermeiden und haben sich deshalb entschieden, nicht namentlich aufzutreten. Wir bitten um Verständnis und sind zuversichtlich, dass die präsen­tierten Infor­ma­tionen für sich selbst sprechen können.

    Das ist als Mut getarnte Feigheit. Die Verschwörungstheoretiker geben gerne die unerschrockenen Aufklärer, die einen einsamen Kampf gegen die bösartigen Eliten kämpfen und jederzeit befürchten müssen, für ihre unbequemen Worte im Loch zu landen. Das ist ein Schlag ins Gesicht von allen Journalisten, die in unfreien Ländern tatsächlich im Gefängnis sitzen.

    Die Angst vor Diffamierung geht so weit, dass die mutigen Propaganda-Forscher im Whois-Eintrag ihrer Website bei der registrierenden Organisation «Knock Knock WHOIS Not There, LLC» hinterlegt haben.

    Sind Sie das, Daniele Ganser?

    Trotzdem gibt es gewisse Anzeichen, wer hinter der Seite steckt. Bei der «NZZ am Sonntag» vom 20.01.2018 ist Folgendes zu lesen:

    Die ARD-Journalistin Stöber meint denn auch, dass Ganser hinter der Website Swiss Propaganda Research stehen könnte. Dieser Friedensforscher und Verschwörungstheoretiker – Ganser bezweifelt etwa, dass 9/11 wirklich ein Werk von Usama bin Ladin war – ist seit seinem umstrittenen Auftritt in der «Arena» vom 24. Februar 2017 schweizweit bekannt.

    Beim «Beobachter» heisst es in einem neuen Beitrag von letzter Woche (7. Mai 2020), Anonyme Warner mit scharfem S, Daniele Ganser habe sich von der Website distanziert. Was immer das heisst. Aber es bestehe «Nähe auch zu Sektenführer Ivo Sasek»:

    Der Laienprediger, der unter anderem die Ansicht vertritt, Kindern müsse mit körperlicher Gewalt gegen Kinder das Böse ausgetrieben werden, nimmt gerne Bezug auf die «Forschung» von Swiss Propaganda Research. Er veranstaltet auch die «Anti-Zensur-Koalitions-Konferenz», ein Treffen von allerlei Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretikern. Auch Daniele Ganser ist dort schon als Redner aufgetreten.

    Es gibt auch die Vermutung, Swprs sei der verlängerte Arm der russischen Propagandamaschine. Das wäre ironisch, weil dieses sogenannte Forschungsprojekt dann genau das wäre, was es anderen unterstellt – nämlich ein Söldner in fremden Diensten. Ich habe jedoch keine Quellen gefunden, mit der ich das an dieser Stelle nachvollziehbar belegen könnte. Darum hier der klare Disclaimer, dass das eine Verschwörungstheorie sein könnte.

    Das Impressum wäre wichtig

    Ich habe mir trotzdem erlaubt, diese kleine Mutmassung an dieser Stelle zu erwähnen. Sie zeigt nämlich, wie wichtig das Impressum ist: Man muss sagen, wer man ist – und wie man sich finanziert. Das ist übrigens genau das, womit die allermeisten von Swprs als Nato-Handlanger bezeichneten Medien überhaupt kein Problem haben.

    Braucht es noch eine inhaltliche Auseinandersetzung? Eigentlich nein, da die bekanntlich nichts bringt. Trotzdem noch zwei Worte dazu, weil der Beitrag «Fakten zu Covid-19», der mein Facebook-Freund verlinkt hat, Merkmale aufweist, die für verschwörungstheoretische Werke typisch sind.

    Erstens die Länge

    Der Beitrag erschlägt allein durch seinen enormen Umfang. Es sind um die 150’000 Zeichen bzw. mehr als 530 Absätze. Das ist ein Buch in Form eines einzigen WordPress-Posts.

    Allein das Lesen würde Stunden dauern. Ein Faktencheck des ganzen Werks – das in 22 Sprachen angeboten wird – bräuchte Wochen. Dieser Information overload ist eine bekannte Strategie, um sich gegen Kritik zu immunisieren: Man versammelt so viele Fakten und legt ständig nach, dass die Skeptiker mit fundierten Einwänden nicht mehr hinterherkommen.

    Rosinenpickerei

    Zweitens das Rosinenpicken

    Der Beitrag ist ein Angebot an die Gefolgschaft, das herauszulesen, was sie herauslesen möchte. Der erste Absatz sagte es schon:

    Laut den Daten der am besten untersuchten Länder und Regionen liegt die Letalität von Covid19 bei durchschnittlich ca. 0,2 Prozent und damit im Bereich einer starken Influenza (Grippe) und rund zwanzigmal tiefer als von der WHO ursprünglich angenommen.

    «Alles halb so schlimm – nur eine Grippe. Zurück zum Alltag. Genau das, was Ken Jebsen sagt.» Und bevor ihr fragt: Ja, natürlich, auch Bill Gates, der angeblich grosse Profiteur der Krise, kommt in dieser sogenannten Faktensammlung vor.

    Zur Widerlegung der Behauptung, alles sei ganz harmlos, muss man inzwischen nicht mehr lang recherchieren. Die Meldung, dass Covid-19 die häufigste Todesursache ist, konnte man in den letzten Tagen nicht übersehen: Covid-19 has become one of the biggest killers of 2020, schrieb zum Beispiel «The Economist». Es sind mehr Leute daran gestorben als an Malaria oder Brustkrebs. Dass es nicht noch viel schlimmer ist, verdanken wir den Massnahmen. Das sieht man anhand der Regionen, wo die Kurve nicht rechtzeitig abgeflacht werden konnte: In Bergamo starben sechsmal mehr Menschen als sonst – da sollte man die Mär von der Grippe nun wirklich ad acta legen.

    Was hat das mit Denken zu tun?

    Fazit: Verschwörungstheoretiker behaupten gerne, sie gehörten zu denen, die im Gegensatz zu allen anderen, «selber denken». Was das Lesen abseitiger Quellen und das Posten von solchen Links genau mit Denken zu tun hat, bleibt offen.

    Es ist vielmehr so, dass die Verschwörungstheoretiker sich nicht mit ihren Ängsten und ihren Unsicherheiten auseinandersetzen wollen. Darum werfen sie sich dem ersten in die Arme, der ihnen versichert, es sei alles nur halb so schlimm – egal, wie fragwürdig die Quelle auch sein mag.

    Tut mir leid, aber das hat mit Denken nichts zu tun.

    Fussnoten

    1) Im ursprünglich publizierten Beitrag war an dieser Stelle von «Swiss Propaganda Research» die Rede gewesen. Im Mai 2020 hat sich die Website in «Swiss Policy Research» umbenannt. Ich habe den Beitrag angepasst, um diese Namensänderung zu reflektieren. In den Zitaten habe ich ihn belassen. (14.7.2020.)

    Zwei aktuelle Ergänzungen:

    Beitragsbild: Und jetzt bitte einen Hut daraus basteln (Aluminum foil, close up von Marco Verch/Flickr.com, CC BY 2.0).

    #BillGates #Facebook #FakenewsDeepfakes #SozialeMedien #Verschwörungstheoretiker

    Diesen Link hättest du besser nicht gepostet

    Das hier ist ein Beitrag, den ich für solche Fälle bereithalte wie der neulich bei Linkedin. Da hat ein Mann aus meiner Blase einen Link gepostet, den er besser nicht gepostet hätte. Ich kenne den Mann persönlich und schätze ihn in einem beruflich-fachlichen Kontext. Was er privat tut und für Ansichten hat, weiss ich nicht. Nun könnte man sagen, dass mich das auch nicht näher zu interessieren hat, weil unsere Beziehung rein professioneller Natur ist.

    Soll mir dieser Mann erzählen, wie CO₂ und Klimawandel zusammenhängen?

    Nun leben wir in einer Zeit, wo sich Privates und Berufliches immer mehr vermischt. Darum fand er es wohl okay, einen Link zu posten, der schlecht in dieses professionelle Umfeld passt. Es handelte sich um einen Beitrag von KenFM, in dem es ums Klima geht. Abgebildet ist ein Mann, der so aussieht, wie ich mir einen Waldschrat vorstelle. Jedenfalls nicht wie der typische Klimaexperte. Der Kommentar des Freundes: «Soeben gehört. Das Umweltproblem ist weit komplexer, als man es uns verkaufen will.»

    Also, die Ausgangslage: Dieser Link gehört mit ziemlicher Sicherheit zu der Sorte, die eine Gegenrede provozieren müsste. Denn er stammt von KenFM. Das ist eine Website, die nach eigenem Anspruch als «medialer Mülltrenner» auftritt, was allein schon ahnen lässt, dass man sie dem «alterntiven» Lager zuordnen muss. Wikipedia formuliert es vorsichtig:

    KenFM gilt verschiedenen Quellen als Medium zur Verbreitung von Verschwörungstheorien.

    Psiram wird deutlicher; im Beitrag über Ken Jebsen, der KenFM betreibt, steht:

    Deutschlandweit bekannt wurde Jebsen 2011 durch seine Entlassung beim RBB, nachdem er verschwörungstheoretische Positionen vertreten hatte und der Vorwurf des Antisemitismus gegen ihn erhoben worden war. Jebsen ist Betreiber des Youtube-Internetkanals KenFM, wo er regelmässig seine Verschwörungstheorien verbreitet.

    Was die Klimadebatte angeht, braucht man nur einmal kurz zu googeln, um festzustellen, dass KenFM ins Lager der Leugner gehört.

    Inhaltlich dagegen anzustinken, macht zu viel Arbeit

    Wenn man also auf inhaltlicher Ebene gegen den Link anstinken wollen würde, dann müsste man sich erst das verlinkte Video ansehen, es dekonstruieren, die Fehler finden, Quellen für die richtigen Fakten anführen und aufzeigen, warum man diesen Link so nicht stehen lassen kann und will.

    Dafür fehlt mir erstens die Zeit. Und zweitens bringt es nichts, mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren. Wirklich: Es bringt nichts.

    Darum tue ich das nicht. Was ich aber tue, ist kurz in Erfahrung zu bringen, wer der Waldschrat ist. Im Anriss zum Video heisst es: «Wolf-Dieter Storl ist ein Pionier der Permakultur, Ethnobotaniker, Kulturanthropologe und ein Gegner der allseits verbreiteten Meinung, CO₂ allein sei Schuld am Klimawandel¹.»

    Über den Mann schreibt Spiegel.de:

    Und selbstverständlich wird die Universität rituell geräuchert und gereinigt, bevor das Spektakel beginnt. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl zieht dabei im Kreise seiner Anhänger um die Uni, um bei einem Feuerritual die Schamanen anzurufen. Zwischendurch erklingen Hörner und Trommeln. Der wissenschaftliche Geist muss schliesslich erfolgreich ausgetrieben werden.

    An der Stelle darf man die Recherche getrost einstellen, ohne sich das Video zu Gemüte zu führen: Denn wieso sollte man sich den Klimawandel von einem Schamanen erklären lassen – zumal von einem, der den wissenschaftlichen Geist austreiben will? Ein Klimaexperte wäre offensichtlich die bessere Quelle. Und ich sehe keinen Grund, nicht ganz pauschal zu erklären, dass ich Quellen wie KenFM nicht in meinem Social-Media-Feed haben will.

    Man darf verlangen, dass man problematische Inhalte nicht unreflektiert vor den Latz geknallt bekommt

    Wüki nid. Ich will das Zeug nicht widerlegen und ich will es auch nicht lesen oder ansehen. Und ich möchte nicht, dass es unreflektiert geteilt wird, weil Verschwörungstheoretiker die Feinde der Wahrheit sind. Und Verschwörungstheorien ein gesellschaftliches Gift.

    Deshalb verlange ich von den Social-Media-Nutzern in meinem Umfeld eine gewisse Quellenkritik. Wenn jemand einen Punkt rüberbringen will, dann soll er dafür einen Beleg in einem seriösen Medium suchen. Denn wenn es sich um eine Tatsache und nicht um irgend eine Fakenews, eine Verschwörungstheorie, Propaganda oder um ein Hirngespinst handelt, dann findet sich auch ein glaubwürdiger Beweis. Denn anders als die Verschwörungstheoretiker immer wieder behaupten, unterdrücken die ernsthaften Medien keine Informationen.

    Also:

    Wenn ich diesen Text hier als Kommentar unter deinem Social-Media-Beitrag verlinkt habe, dann bin ich mit deiner Quelle nicht einverstanden. Ich frage mich auch, ob du ein Verschwörungstheoretiker bist, und du das bisher von mir verborgen hast. Oder ob ich es einfach nicht gemerkt habe.

    Vielleicht ging es darum, eine Diskussion anzustossen?

    Zu deinen Gunsten ziehe ich in Betracht, dass du nicht genügend nachgedacht hast. Vielleicht bist du nicht so medienkompetent, wie ich es erwartet habe. Es könnte sogar sein, dass du eine differenzierte Meinung hast und mit dem Mittel einer Provokation eine Diskussion anstossen wolltest. Das wäre unter Umständen in Ordnung. Aber dann müsstest du in deinem Text zum Link irgend eine entsprechende Andeutung machen.

    Du solltest nicht vergessen, dass die Dinge, die du postest, mein Bild von dir prägen – und nicht nur meines, sondern auch das der anderen Leute in deinem Umfeld. Möchtest du als Verschwörungstheoretiker oder als Sympathisant dieser Szene wahrgenommen werden? Denn in einer Zeit, wo sich Berufliches und Privates immer mehr vermischt, könnte sich das auch negativ auf deine professionelle Reputation auswirken.

    Wenn es ein einmaliger Ausrutscher war, Schwamm drüber. Aber wenn ich mehr solche Dinge lese, dann wird das unsere Beziehung belasten. Klar, es kann sein, dass dir das egal ist. Vielleicht bist du auf dem Weg zur Radikalisierung. Und dann ist es sowieso unvermeidlich, dass dir dahin nur ein winziger Teil deines Internet-Bekanntenkreises wird folgen wollen.

    Falschinformationen sind niemals harmlos

    Aber vielleicht bist du dir auch noch nicht so ganz bewusst, dass Verschwörungstheorien keine harmlose Unterhaltung sind: Keine Angst, da geht es dir wie vielen. Aber es wäre nun ein guter Moment, einmal darüber nachzudenken.

    Fazit: Du hättest diesen Link nicht posten sollen. Fühl dich frei, ihn zu löschen. Oder deine Motivation zu erklären. Und auch eine Entschuldigung ist sehr in Ordnung.

    Fussnoten

    1) Ein Strohmann-Argument, wie es im Buch steht: Kein Klimaexperte behauptet, nur CO₂ sei schuld am Klimawandel; «Treibhausgase» wird jeweils im Plural verwendet und wer zuhört, hat zumindest auch von Methan oder Lachgas gehört. ↩

    Beitragsbild: Sie kann leider nicht alle aufhalten (Isaiah Rustad, Unsplash-Lizenz).

    #Facebook #FakenewsDeepfakes #SozialeMedien #Verschwörungstheoretiker