Die starke Frau dahinter
Der München-“Tatort” wäre ohne sie nicht das geworden, was er war – aber wer erinnert noch an sie?
mit Update 7.4.
Ohne solche Redakteur*inn*e*n wäre das TV schon lange tot. Sie haben es gross gemacht, zum zeitweise zentralen und mächtigsten Medium der BRD, das auch in der DDR ausgiebig konsumiert wurde. Das German Television. Sie sind heute fast vergessen, weil sie uneitel kreative Arbeit gemacht haben: Stoffe entwickeln, Bühnen bauen, das Senden gegen ignorante kenntnisfreie Chefs durchsetzen, sich still freuen, wenn sich Erfolg einstellt und Stars geboren werden. Horst Königstein (NDR) war so einer, Heidi Steinhaus (WDR, Schimanski-“Tatorte”, noch nicht mal mit Wikipedia-Eintrag) und ganz sicher auch Silvia Koller, ohne die es die gegenwärtigen Oster-Feierlichkeiten nicht geben würde. Aber wer erinnert an sie?
Ich erinnerte mich an eine angemessene Würdigung von David Denk in der taz. Sie erschien nur drei Wochen vor Frau Kollers Tod. Sie starb kurz nach ihrer Pensionierung. Denks würdigenden Text, der mich damals erstmals auf Frau Kollers segensreiches Wirken aufmerksam gemacht hatte, wird vom taz-Archiv frevelhafterweise hinter einer Paywall vergraben. Warum? Fragen Sie in Berlin.
So muss Ihnen und mir der 16 Jahre alte Nachruf ihres Arbeitgebers, des Bayrischen Rundfunks genügen. Mit ihrem kurz angebundenen Interview. Das haben wir mit unseren TV-Gebühren schon bezahlt.
Wie konnte Frau Koller das tun, was sie getan hat?
Es war die Zeit, als es in den öffentlichen Sendeanstaltedn noch Fachredaktionen gab. Die sind heute fast ausnahmslos wegrasiert.
Meine Hypothese: Frau Koller u.a. profitierten beim BR davon, dass die Herden der servilen irren CSU-Karrieristen alle dahin strömten, wo sie glaubten wichtig zu sein: bei dem, was im BR für Journalismus gehalten wurde. “Fiktion” war nicht wichtig, weil mann da weder Mitgliedern der Landesregierung noch der CSU-Parteiführung begegnen konnte. Und genau das liess die Kreativen und Vernünftigen dorthin gehen, ein sicheres Exil. Persönlichkeiten wie Marianne Lienau (WDR) oder Silvia Koller (BR) wurden zu sorgsamen Müttern solcher Exile.
Wer erinnert noch an sie?
Dietrich Leder (72) ist einer der wenigen Medienpublizist*inn*en, die ein Auge für solche wichtigen Persönlichkeiten hatten. Seine Werke sind heute mehrheitlich in Paywall-Kellern vergraben (Medienkorrespondenz), wie es meine (gegen meinen Willen, ich habe weder Geld noch Lust zu prozessieren) bei Augstein sind.
Heute gibt es solche Redakteur*inn*e*n nicht mehr. Die Sendeanstalten haben alles an kommerzielle Produktionsfirmen privatisiert. Die erhalten Aufträge und (nicht wenig) Geld, und geben weniger Widerworte, weil sonst … Sie wissen schon. Frau Koller, so wurde mir von Besserinformierten berichtet, hat nie Filz mit einer Produktionsfirma entstehen lassen, sondern sie regelmässig gewechselt. Ich meine: das war den München-“Tatorten” auch anzusehen. Jede Folge war irgendwie neu. Und sehr viele guckten zu.
Danke an Frau Koller, und alle die uns diese guten Zeiten beschert haben. Vorbei.
Update 7.4.
Aus der Unzahl laberiger Besprechungen hinter meistens digitaler Vermauerung ragt der Kollege Rüdiger Suchsland/telepolis heraus. An seiner Fachkenntnis der Filmproduktionsverhältnisse besteht kein ernsthafter Zweifel, ganz im Gegensatz zu seinem Irrlichtern in Fragen politischer Strategieproduktion. Immerhin kann er sich an Frau Koller erinnern.
Fairness gegenüber Kollegen fällt ihm dagegen schwer. Wie so viele Scheinlinke ohne materialistische Grundkenntnisse ist er nur Objekt des Individualisierungsschubs im Neoliberalismus (s. Männerkrise). So nennt er den Kollegen Matthias Dell, “freier” also prekärer Journalist wie er, ohne Namensnennung “Tatortonkel”, weil er ihm offenbar den besseren Deal (mit der florierenden Zeit statt den honorarsparsamen Heises) neidet. Dells “Tatort”-Kompetenz ist in der Branche anerkannt und respektiert. Respekt fiel Suchhsland aber schon bei der Berlinale schwer, als er sich wie ein Möchtegernexekutor des Windbeutels im Kanzleramt aufführte.
Offenlegung: mit Matthias Dell habe ich kurze Zeit sehr gut zusammengearbeitet, als er beim Vor-Augstein-Freitag in paywallfreier Zeit der exzellenten Medienredakteurin Barbara Schweizerhof nachfolgte. Die ist mindestens so filmkompetent wie Suchsland und hat zu ihm auch eine eigene Meinung.