Vom VerbĂŒndeten zum Gegner
Transatlantischer Stresstest
Einem Göttinger Alumnus wird der Satz zugeschrieben: âStaaten haben keine Freunde, Staaten haben Interessenâ. (Otto von Bismarck). Thesen zur Diskussion Future of Transatlantic Relations an der UniversitĂ€t Göttingen am 22.04.2026
1 Welt im Umbruch: Es gibt keinen Hegemon mehr.
Seit zwei Jahrzehnten wĂ€chst die Zahl von Kriegen zwischen Staaten wieder. Es scheint, als kehrt die GroĂmachtpolitik zurĂŒck. Jedoch, die hat es immer gegeben â in Vietnam, in Grenada, im Irak, in Afghanistan wie in der CSSR. Neu ist die Abwesenheit jedes Hegemons, der in weiten Teilen der Welt seine Ordnung durchsetzen konnte.
1.1 Die Hegemonie der Sowjetunion endete 1990, die der USA im Irak.
Es war ein Irrtum, dass 1990 nur der eine Hegemon zusammengebrochen ist. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde auch das Ende der USA als Hegemon eingeleitet. Die Ăberdehnung der Hegemonie der USA zeigte sich im Irak und Afghanistan.
1.2 Der demokratische Kapitalismus als globales Leitbild erodiert.
Hegemonie beruht nicht nur auf militĂ€rischer und wirtschaftlicher Macht. Sie ruht auch auf Kultur und Konsens. Das war im Kalten Krieg so. Der endete mit einem Sieg des demokratischen Kapitalismus. Dieses Leitbild erodiert. AutoritĂ€re Systeme erfreuen sich weltweit wachsender PopularitĂ€t sogar im Mutterland der Demokratie, den USA. Ein politisch gesteuerter Staatskapitalismus wie in China gilt vielen Gesellschaften des globalen SĂŒdens als Entwicklungsmodell.
1.3 Der Westen ist an sein Ende gekommen.
Das Versprechen des demokratischen Kapitalismus von Wohlstand in Freiheit wurde durch die RealitĂ€t des Kolonialismus konterkariert. âDer Westenâ ist im globalen SĂŒden Synonym fĂŒr Ausbeutung und Unfreiheit. In Lateinamerika und im sĂŒdlichen Afrika wurden Freiheit und Wohlstand gegen Europa und die USA erkĂ€mpft. Europa muss sich vom Begriff des Westens verabschieden.
2 Der neue Imperialismus ist ein Imperialismus der SchwÀche
Der Imperialismus der Kolonialzeit beruhte auf der ĂŒberlegenen ökonomischen, technologischen und militĂ€rischen Macht des alten Westens. Der neue Imperialismus von Trump und Putin ist ein Imperialismus der SchwĂ€che.
2.1 Russland ist eine ökonomische Mittelmacht mit Atomwaffen
Russland lebt fast ausschlieĂlich von â fossilen â Rohstoffexporten. Es hat ein Bruttosozialprodukt Ă€hnlich Spanien oder Italien. Statt 50 oder 60 Millionen Menschen leben in Russland aber ĂŒber 140 Millionen Menschen. Seine SchwĂ€che kompensiert Russland mit Nationalismus nach innen und Aggression nach auĂen â abgesichert durch die FĂ€higkeit zum nuklearen Zweitschlag.
2.2 Trump ist leader oft the pack.
Unter Bush und Obama konnten die USA nicht mehr Hegemon sein. Trump will es nicht mehr. Er möchte AnfĂŒhrer der stĂ€rksten Gang im globalen Bandenkrieg sein. Die USA unter Trump erfahren gerade, dass sie jeden Gegner militĂ€risch schlagen können â aber keinen Krieg politisch gewinnen.
2.3 Der Abstieg der USA ist der Aufstieg Chinas.
Die amerikanische wirtschaftliche Macht ist geschwĂ€cht â trotz der US-Vorherrschaft auf den FinanzmĂ€rkten. China hat in Asien, Afrika und Lateinamerika die USA als wichtigster Handelspartner abgelöst. China ist dabei seinen RĂŒckstand in der Informationstechnologie aufzuholen.
3 Es gibt eine neue Blockkonfrontation: Elektrostaaten vs. Petrostaaten.
FĂŒr Russland und die USA kommt es noch schlimmer. Ăber zwei Jahrhunderte war die Entwicklung der Industriegesellschaft untrennbar mit dem Verbrennen von Kohle, Ăl und Gas verbunden. Das fĂŒhrte in die Klimakrise. Wohlstand beruhte lange auf Fossilen. Nun beginnt sich die Welt davon abzuwenden. Wohlstand wird erneuerbar.
3.1 Erneuerbare gewinnen das Rennen.
Weltweit werden Verbrennungsprozesse durch die Nutzung von erneuerbarem Strom ersetzt. In den letzten zwei Jahren waren gut 90 Prozent der neuen StromerzeugungskapazitĂ€ten erneuerbar. Kohle, Ăl, Gas und Atom teilten sich zusammen eine Nische von 10 Prozent. Innerhalb von fĂŒnf Jahren ĂŒberholte China mit seinen E-Autos erst die USA, dann Japan und dann Deutschland und wurde zum gröĂten Autoexporteur.
3.2 Fossile Macht erodiert â die Kriegsgefahr wĂ€chst.
Ăl und Gas waren lange Grundlage geopolitischer Macht. Russlands Volkswirtschaft hĂ€ngt fast vollstĂ€ndig am Export von Kohle, Ăl und Gas. Die USA sind fossil autark und verstanden es lange besser als die OPEC die globalen Ăl und Gaspreise zu ihrem Vorteil zu steuern. Diese Macht schwindet. Deshalb wĂ€chst die Kriegsgefahr. Trump sagt offen, dass er Grönland wegen der Rohstoffe will, dass ihm Demokratie und Menschenrechte in Venezuela und Iran wenig, deren Ăl aber viel interessiert.
3.3 China ist uns nÀher als Russland und die USA.
China will nicht lĂ€nger von Ăl und Gas abhĂ€ngig sein. Die HĂ€lfte der rund 800 Mrd. globalen Investitionen in Erneuerbare fand in China statt, zuzĂŒglich von dreistelligen Milliardeninvestitionen in Netze, Speicher und Elektrifizierung.
4 Europa: Lost in Transformation
Europa sollte von China lernen. Es hat kein Ăl. Es kann nur Elektrostaat werden oder bleibt von Trump und Putin abhĂ€ngig. Doch Europa verharrt zwischen Anspruch und Appeasement. Besonders Deutschland wirkt wie Lost in Transformation.
4.1 Der gröĂte Binnenmarkt der Welt macht sich klein
WĂ€hrend sich Brasilien und China Trumps Zollkrieg erfolgreich widersetzten, knickte der gröĂte Binnenmarkt der Welt ein. Trump erhielt zollfrei Zugang nach Europa, die EU muss fĂŒnfzehn bis 50 Prozent Zoll zahlen. Als Morgengabe versprach von der Leyen noch, Frackinggas im Wert von 750 Mrd. zu importieren.
4.2 EuropÀische SouverÀnitÀt schaffen .
Europa darf von SouverĂ€nitĂ€t nicht nur reden, sondern muss heute die Grundlage dafĂŒr legen. Es muss sich unabhĂ€ngig von Energieimporten machen, eine europĂ€ische RĂŒstungsindustrie aufbauen und Steuerprivilegien fĂŒr US-Plattformen beenden.
4.3 BĂŒndnis der MittelmĂ€chte vertrĂ€gt keine doppelten Standards
Die transatlantischen Beziehungen mit Kanada sind intakt und mĂŒssen gestĂ€rkt werden. Kanadas Premierminister Mark Carney fordert zurecht ein BĂŒndnis der MittelmĂ€chte. Nur so kann dem Recht des StĂ€rkeren begegnet werden. Nur so können Regeln des Völkerrechts gesichert werden. Zu diesen Regeln muss man auch im Konflikt stehen â vor Grönland, in der Ukraine, in Venezuela wie im Iran. Ohne Angst vor einem âtransatlantischen Stresstestâ (Merz).
5 Der transatlantische Stresstest hat schon lange begonnen
Nachzulesen in Trumps Nationaler Sicherheitsstrategie. Oder man hört ihrem Autor zu. Auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz bekannte sich Merz klar zu Europas SouverĂ€nitĂ€t. Der erteilte Marco Rubio einen Tag spĂ€ter eine beinharte Absage. Worauf sich Boris Pistorius und Johann Wadephul brav erhoben und dem US-AuĂenminister dafĂŒr stehend applaudierten.
5.1 Vom Alliierten zum Gegner â das neue transatlantische VerhĂ€ltnis.
Die EuropĂ€ische Union wird von der US-Administration â anders als Russland oder China â als Gegner beschrieben. Sie soll geschwĂ€cht und gespalten werden. Einzelne Staaten lassen sich besser abhĂ€ngig machen. Damit ist klar: Die Zeiten, in denen Deutschland und Europa unter dem Schutzschirm der USA auf offenen MĂ€rkten weltweit gute GeschĂ€fte machen konnten, sind vorbei.
5.2 Ein BĂŒndnis der MittelmĂ€chte fĂŒr eine regelbasierte Ordnung.
Sollen in der multipolaren Welt Regeln gelten und durchgesetzt werden, braucht Europa BĂŒndnispartner. Partner mit denen freier und fairer Handel möglich ist. Partner, die Konflikte regelbasiert austragen. Das werden viele, aber nicht nur Demokratien sein. Aber alle Gesellschaften, deren Interessen in einer solchen Welt besser aufgehoben sind, als unter dem Recht des StĂ€rkeren sind willkommen.
5.3 âPolitik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeitâ (Kurt Schumacher)
Dazu muss Deutschland sich von seinem lange gepflegten romantischen Transatlantizismus verabschieden.
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von der Homepage des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung. Einige Links wurden nachtrĂ€glich eingefĂŒgt.