Slopaganda-Krieg
Iran dominiert im Slopaganda-Krieg: Mit Legosteinen gegen das WeiĂe Haus
Der Iran gewinnt mit KI-generierten Lego-Clips etliche Schlachten gegen die Trump-Regierung â zumindest im Netz. Millionenfach geklickt, weltweit geteilt: Der iranische Propaganda-Erfolg basiert auf einem Prinzip, das lĂ€ngst ein eigenstĂ€ndiges Genre geworden ist.
Im Propagandakrieg mit den USA hat der Iran eine Art neue Wunderwaffe entwickelt: KI-generierte Clips in Legostein-Optik. Die Trump-Administration erscheint in den Videos als inkompetent, verzweifelt, dysfunktional, korrupt und politisch angezĂ€hlt. Mal ist Trump ein Zirkusclown, mal eine senile Karikatur mit einer Liebe zu Diet Coke. Die Lego-Clips sind oft mehrere Minuten lang und bestehen aus Memes, popkulturellen Referenzen sowie schnellen Cuts, mit Rock, Rap oder Trap unterlegt. RegelmĂ€Ăig kommen neue Videos hinzu, die millionenfach geklickt werden. Dieser Typ von Produktionen wird âSlopagandaâ genannt. Ein Kofferwort aus Slop (englisch fĂŒr massenhaft produzierten KI-MĂŒll) und Propaganda.
Kaum war der Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran verkĂŒndet, veröffentlichten offizielle KanĂ€le des iranischen Regimes ein neues Video. Im Bild ein weinender Lego-Trump, der einen Taco isst. Der Post dazu schreibt: âTACO will always remain TACOâ. Eine Anspielung auf âTrump Always Chickens Outâ â das Akronym stammt ursprĂŒnglich von der Wall Street. Trump habe demnach kapituliert, Iran gesiegt und der Welt damit gezeigt, wie man den US-Imperialismus zerschlage. Das iranische Konsulat im indischen Hyderabad trollte wenige Tage spĂ€ter nach und veröffentlichte einen KI-Clip, in dem ein frustrierter Trump mit einer abwesenden iranischen Delegation verhandelt. Die iranische Botschaft in Ghana postete darauf den Lego-Clip eines schlafenden Trumps: Er trĂ€ume wohl davon, den Iran besiegt zu haben. âLasst ihn schlafen.â
Viele Expert:innen sind vom Erfolg der viralen KI-Clips ĂŒberrascht und sich in einer Sache einig: Der Iran hat die Propagandaschlacht im Netz lĂ€ngst gewonnen. Das Institute for Strategic Dialogue (ISD) drĂŒckt dies in konkreten Zahlen aus. Demnach haben Views und Likes offizieller iranischer Regierungs-Accounts in den ersten 50 Tagen seit Kriegsbeginn um das 30-Fache zugenommen. Zusammen kommen diese Accounts auf ĂŒber 900 Millionen Views in den sozialen Medien. Die Trump-Administration ist mit ihrem Material weit entfernt von solchen Zahlen.
Hinter den Lego-Clips steht eine iranische Gruppe namens âExplosive Mediaâ. Nach eigenen Angaben weniger als zehn junge Menschen zwischen 19 und 25 Jahren. Die Gruppe bezeichnet sich als âunabhĂ€ngigâ, ihr Sprecher rĂ€umte im Interview mit der BBC jedoch ein, dass das iranische Regime âKundeâ sei und man eine Lizenz fĂŒr die Internetnutzung habe. So unabhĂ€ngig wie ein Internetzugang im Iran also sein kann. FĂŒr 99 Prozent der iranischen Bevölkerung ist der Internetzugang seit Januar schlieĂlich gesperrt, kritisiert NetBlocks. Das iranische Regime begrĂŒndet dies mit dem Schutz vor âDesinformationâ.
Explosive Media sagte der BBC, das Ziel sei es, Menschen zu erreichen, die sich normalerweise nicht mit Nachrichten zum Iran-Krieg auseinandersetzen. Dass moralische Appelle nicht funktionieren, hat der Iran schnell gemerkt: Die New York Times hat die Evolution iranischer Posts unter die Lupe genommen. Hinweise auf die Zahl toter Kinder erzielten demnach keine Reichweite. KI-Clips gingen demgegenĂŒber durch die Decke. Die Iran-Anthropologin Narges Bajoghli, die seit ĂŒber einem Jahrzehnt politische Diskurse auf Social Media beobachtet, sagte laut Guardian, sie habe in 15 Jahren noch nie ein Thema erlebt, bei dem sich verschiedene politische Algorithmen so deutlich ĂŒberlappten. Von MAGA-Konten ĂŒber moderate Republikaner:innen bis hin zu Linken teilten demnach viele tĂ€glich iranische Propaganda-Inhalte.
AnschlussfÀhig an westliche Internetkultur
âSie haben es geschafft, genau jene Ăsthetik von IdentitĂ€t und Kultur zu treffen, fĂŒr die das Internet eigentlich da istâ, sagt RenĂ©e DiResta gegenĂŒber der New York TimesĂŒber Explosive Media. âSie haben ein Regime, das brutal und ziemlich schrecklich ist und weltweit nicht gerade einen guten Ruf genoss, in eine Art mutigen, sympathischen Underdog verwandelt.â
Dass die Lego-Clips aus dem Iran stammen, wird dabei nicht direkt offensichtlich. Die KI-Clips sollen anschlussfĂ€hig an die westliche Internetkultur sein. Dazu greifen sie insbesondere aktuelle innenpolitische Kontroversen um die Trump-Regierung auf. Der Iran-Krieg ist demnach ein Ablenkungsmanöver von den Epstein-Files. âKriegsministerâ Pete Hegseth ein spielsĂŒchtiger Trunkenbold und FBI-Chef Kash Patel ebenfalls eine Witzfigur mit Hang zum Alkoholexzess. Die Trump-Administration liefert genug Kontroversen fĂŒr das Material. Doch auch groĂe gesellschaftliche ZerwĂŒrfnisse und historische Kriegsverbrechen werden in den Clips verhandelt. Der Iran reiht sich so bei den historisch UnterdrĂŒckten ein. Verkörpert durch die Opfer des Vietnamkriegs, in Gaza, von Hiroshima und Nagasaki oder der Indigenen. Auch die Ikone der US-BĂŒrgerrechtsbewegung Malcolm X ist mit von der Partie.
Der US-Krieg im Iran ist derweil so unpopulĂ€r wie der US-PrĂ€sident selbst. Der Iran weiĂ, dass der Krieg militĂ€risch nicht gewonnen werden kann. Die beste Strategie sei es demnach, die öffentliche Meinung auf die eigene Seite zu bringen, sagte Medienanalytiker Marc Owen Jones zu Al Jazeera. In der heutigen Kommunikationslandschaft sei es so, dass âTroll-Propagandaâ und âSmack-Talkâ die Oberhand gewönnen. Trump selbst hatte dies lange Zeit mit seinen âShitpostingsâ auf Truth Social vorgemacht: Ein Clip etwa zeigt ihn in einem Kampfjet, der Exkremente auf âNo Kingsâ-Demonstrierende abwirft.
Der Propagandaforscher Marcus Bösch von der UniversitĂ€t MĂŒnster ordnet die Welle an Lego-Clips deshalb nicht als isolierte iranische Erfindung ein, sondern als Reaktion. Das WeiĂe Haus habe monatelang selbst auf Memes, KI-Content und Referenzen aus Computerspielen gesetzt. Was Iran jetzt liefere, sagt Bösch dem ZDF, sei eine Spiegelung dieser Logik mit eigenen Mitteln.
Es gibt jedoch auch eine technische BegrĂŒndung fĂŒr Lego: Die kindlich-unschuldige Comic-Optik ist weniger dem Risiko ausgesetzt, von den Plattformen herausgefiltert zu werden. Ein einfacher technischer Workaround, meint Radio Free Liberty. Hinzu komme, dass KI die Lego-Menschen viel schneller berechnen könne. SinngemĂ€Ă: Lego-Körper haben glatte OberflĂ€chen und null Finger. Mimik und Gestik haben die KomplexitĂ€t von Emojis. FĂŒr eine Propagandastrategie, die auch auf QuantitĂ€t setzt, ist das ideal. Wie der Spielzeughersteller Lego Group das hingegen findet, weiĂ niemand. Er hat sich bisher nicht geĂ€uĂert.
Lego-ViralitÀt durch staatliche Propaganda-Strategie
Die Analyseplattform Graphika hat laut Forbes dokumentiert, wie Iran die Clips verbreitete: Explosive Media veröffentlichte das Material auf Telegram und binnen einer Stunde reposteten die staatsnahe iranische Nachrichtenagentur Tasnim und der russische Auslandssender RT diese auf Plattformen wie X. Parallel dazu amplifizierten tausende Accounts die Posts mit gleichen Hashtags und gleicher Rhetorik.
Hinter der organischen ViralitĂ€t steht also eine koordinierte Verbreitungsstrategie. Das ISD beobachtet rund 150 XâAccounts iranischer Diplomat:innen und Regierungsstellen und hat dokumentiert, wie sie sich seit Kriegsbeginn gegenseitig amplifizieren. Der Forscher Joseph Bodnar fasst das Prinzip knapp zusammen: Aus dem klassischen âshock and aweâ der Kriegspropaganda sei âshock and shareâ geworden. Auf Lego-Optik allein setzt Iran dabei nicht. Die iranische Botschaft in Tadschikistan erzielte laut der ISD-Studie den meistgesehenen Einzelpost. 24,1 Millionen sahen sich an, wie Jesus den US-PrĂ€sidenten Trump in eine Feuergrube boxt â und zwar aus dem KI-Bild, das Trump zuvor gepostet hatte. Es zeigt ihn selbst als Jesus.
Die Lego-Propaganda sei nur der sichtbarste Teil einer breiteren iranischen KI-Propaganda, sagt das Reuters Institute: Im selben Informationsraum kursieren Inhalte, die nicht als Satire erkennbar seien. Die staatsnahe iranische Teheran Times postete demnach KI-Fakes von Satellitenbildern eines angeblich von iranischen Drohnen zerstörten US-Radars in Katar. Fast eine Million Views.
Echte Fotos können als KI-Fakes diskreditiert werden, KI-Fakes als echt erklĂ€rt werden. In dieser Umgebung nehmen, so das Reuters Institute, Lego-Clips eine Sonderrolle ein: Sie deklarieren sich selbst als Satire und liefern deshalb keine direkten Anhaltspunkte fĂŒr Faktenchecks.
âUnsere gröĂte BefĂŒrchtung ist eine Eskalation der Rhetorik, die den Krieg als Spiel darstelltâ, sagt Sam Dubberley von Human Rights Watch. âFĂŒr uns ist es in Konflikten entscheidend, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden. Wenn man jedoch Memes, Videospiele oder Lego-Videos verwendet, wirkt der Krieg nicht real. Wenn es zu einer solchen âMemeifizierungâ des Krieges kommt, verschĂ€rft sich die Rhetorik, was zu weiteren Konflikten und mehr zivilen Opfern fĂŒhren könnte.â
Slopaganda etabliert sich
Aus den KI-Clips ist ein Genre geworden: Slopaganda. Der Fokus liegt auf dem, was klickt und zirkuliert, nicht auf dem, was stimmt. Tote Schulkinder finden weniger Aufmerksamkeit als weinende Lego-Trumps. Iran hat lediglich die Logik der westlichen Internetkultur und Aufmerksamkeitsökonomie utilisiert. AuthentizitĂ€t wird dabei optional. Slopaganda, hat der Guardian prĂ€zisiert, ziele nicht auf Faktentreue. Sie wolle nicht ĂŒberzeugen, sondern Assoziationen erzeugen.
Lucasz Olejnik vom Kingâs College London spricht von âWar Gamificationâ: Die kindlich vertraute Optik senke die Abwehr des Publikums genau in dem Moment, in dem die politische Botschaft platziert wird. Daniel Butler, Professor fĂŒr Politikwissenschaft, argumentiert Ă€hnlich, dass Lego-Bilder Krieg und Leid âweniger drastischâ und âleichter teilbarâ erscheinen lassen. Schreckliche RealitĂ€ten wĂŒrden in die Bildsprache von Spielzeug und Kindheit ĂŒbersetzt. Zerbombte Schulen wĂŒrden in Plastikbausteine verwandelt. Der Wert menschlichen Lebens werde gemindert.
YouTube hat den Hauptkanal von Explosive Media Mitte April gesperrt. Er verstoĂe gegen die Richtlinien zu Spam und TĂ€uschung. Auch Instagram ging teilweise gegen Accounts vor. Am 7. Mai schreibt Explosive Media im Telegram-Channel: âDrei Accounts auf einmal! So etwas machen nur Verlierer. Gibt es noch jemanden, der daran zweifelt, von wem Meta seine Anweisungen bekommt?â Auf X und TikTok zirkulieren die Clips ungestört â mittlerweile auch auf Spotify.
Ungeachtet dessen, wie die Plattformen mit den iranischen Lego-Clips umgehen, hat sich der Stil lĂ€ngst verselbststĂ€ndigt. Der US-Filmemacher Drew Ponder mit Sympathien fĂŒr Bernie Sanders beispielsweise produziert nun eigene Videos wie âStrait Outta Iranâ und âWhat Shall We Do with the Drunken Hegseth?â. UrsprĂŒnglich fĂŒr iranische Staatsinteressen konzipiert, dienen Lego-Clips nun auch innenpolitischer Trump-Kritik. Selbst im Iran werden sie inzwischen zur Regierungs-Kritik genutzt. Iranwire dokumentiert, dass Regime-Kritiker:innen die Lego-Ăsthetik bereits gegen die neue FĂŒhrung im Iran einsetzen. Ein Video zeigt, wie Mojtaba Khamenei durch eine Geisterbahn fĂ€hrt und am Ende vom iranischen Volk davongejagt wird.
Denis Glismann ist von April bis Juni 2026 Praktikant bei netzpolitik.org. Er schlieĂt aktuell seinen Master in Politikwissenschaft an der FU Berlin ab. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Bluesky. Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von netzpolitik, gemĂ€ss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.