Wann ist uns das verloren gegangen?
Es geht nicht um Perfektion.
Es geht nicht darum, dass jeder immer alles richtig macht.
Es geht um etwas viel Einfacheres.
Rücksicht.
Um diesen einen kurzen Moment, bevor man handelt.
Bevor man laut wird.
Bevor man sich nimmt, was einem nicht gehört.
Bevor man anderen den Platz, die Ruhe, die Sicherheit oder die Würde nimmt.
Warum sitzt jemand im Ruheabteil und bespricht lautstark Geschäfte, als wären alle anderen nur Kulisse?
Warum wird in der Straßenbahn das Telefon auf laut gestellt, als müsste die ganze Welt an einem Gespräch teilnehmen, das niemand führen wollte?
Warum rast jemand mit dem Roller durch eine Fußgängerzone, erschreckt Menschen, bringt sie zum Ausweichen, vielleicht zum Stolpern, und fühlt sich dabei noch im Recht?
Warum setzt man sich auf einen reservierten und bezahlten Platz und macht dann die Person zum Problem, die genau diesen Platz gebucht hat?
Das sind keine Missverständnisse.
Das sind Entscheidungen.
Kleine Entscheidungen gegen Rücksicht.
Kleine Entscheidungen gegen Anstand.
Kleine Entscheidungen gegen das Miteinander.
Und jede einzelne davon sagt:
Ich bin wichtiger.
Mein Lärm ist wichtiger.
Meine Bequemlichkeit ist wichtiger.
Mein Vorteil ist wichtiger als dein Recht.
Vielleicht zerbricht eine Gesellschaft nicht zuerst an den großen Fragen.
Vielleicht zerbricht sie an den kleinen täglichen Zumutungen.
An Menschen, die nicht mehr fragen, ob sie stören.
An Menschen, die Schwächere bedrängen.
An Menschen, die Freundlichkeit als Einladung zum Drüberfahren verstehen.
An Menschen, die leise Menschen übersehen, weil diese sich nicht laut genug wehren.
Wann wurde Rücksicht zur Schwäche erklärt?
Wann wurde Lautstärke mit Bedeutung verwechselt?
Wann wurde Egoismus als Freiheit verkauft?
Freiheit heißt nicht, dass ich alles darf.
Freiheit heißt nicht, dass die anderen meine Rücksichtslosigkeit ertragen müssen.
Freiheit ohne Verantwortung ist nur die Herrschaft der Rücksichtslosen.
Und dann bleiben die übrig, die ausweichen.
Die schweigen.
Die schlucken.
Die müde sind.
Die keine Kraft mehr haben, jedes Mal zu kämpfen.
Wo bleibt unsere Menschlichkeit?
Vielleicht ist sie noch da.
Aber sie sitzt erschöpft irgendwo zwischen Lärm, Gedränge und fremden Ellenbogen und fragt sich, warum ausgerechnet sie immer Platz machen muss.
#Rücksicht #Menschlichkeit #Gesellschaft #Zusammenleben #Respekt #Anstand #ÖffentlicherRaum #SozialeKälte #Ellenbogengesellschaft #Nachdenklich #Alltag