Ich sitze in der Empfangsreihe.
Zweite Reihe, ganz außen.
Glück gehabt.
Nicht zu eng.
Nicht mitten drin.
Nur auf einer Seite Menschen.
Trotzdem sind die Schweißausbrüche da.
Vorne spielt Jazz. Begleitung zur Ehrung. Feierlich soll es sein. Dazwischen Politiker, die schön reden. Politiker, die nicht zuhören. Politiker, die selber reden, als hätten sie im Büro nie Zeit dafür.
Ich höre zu.
Oder versuche es zumindest.
Ein Teil von mir ist im Saal.
Ein anderer zählt die Minuten, die Temperatur, die Menschen, den Abstand zum Ausgang.
Dann mein Auftritt.
Nach vorne gehen.
Blicke.
Händeschütteln.
Der Landeshauptmann schaut mich an.
Überraschung in seinen Augen.
O ja, denke ich.
Ich bin älter als du.
Und trotzdem Lehrling.
Ein kurzer offizieller Moment.
Dann der Abgang.
Wieder zurück in die Reihe.
Später kommt die letzte Ehrung.
Der junge Mann ist stark seheingeschränkt. Vielleicht blind. Und für mich ist er der wichtigste von allen an diesem Vormittag.
Nicht als schöne Phrase.
Einfach, weil ich es so empfinde.
Er hatte es wahrscheinlich am schwersten. Und trotzdem steht er dort. Lehrabschluss mit Auszeichnung.
Da wird es für mich stiller als bei den Reden davor.
Zum Schluss die Landeshymne.
Der Text wird zur Sicherheit eingeblendet. Ich erspare den Anwesenden meinen Gesang.
Wobei.
Gesang?
Das Jaulen einer hungrigen Katze hätte wahrscheinlich besser gepasst.
Dann ist der offizielle Teil vorbei.
Das Buffet wird eröffnet. Wer will, kann mit Begleitung ein Foto mit dem Landeshauptmann machen.
Nein.
Brauch ich nicht.
Mir ist ein Foto mit meiner stolzen Mutter lieber.
Also frage ich jemanden, ob er ein Foto von uns zwei machen kann. Nur meine Mutter und ich.
Das ist mir wichtiger.
Wir werden beobachtet. Oder jemand bekommt es mit. Jedenfalls erfahren wir, dass der Landeshauptmann auch von der Bühne herunterkommt, um mit mir und meiner Mutter ein Foto zu machen.
Um es ihr leichter zu machen, mit Rollator.
Wir sind die Letzten in der Reihe.
Das Foto wird gemacht.
Dann ist der Landeshauptmann weg.
Eigentlich könnte es das gewesen sein.
Aber ich muss noch zu dem jungen Mann.
Ich muss ihm die Hand schütteln, weil ich seine Leistung extrem toll finde. Mit seiner Blindheit. Mit allem, was wahrscheinlich dahintersteckt.
Ich sage es ihm.
Er freut sich.
Aber der Landeshauptmann ist schon weg. Wegen dem Foto für ihm wäre es.
Und das fühlt sich falsch an, das er weg ist.
Also sage ich dem Fotografen, dass dieser junge Mann es am meisten verdient hat, ein Foto mit dem Landeshauptmann zu bekommen.
Die Ausrede, er sei schon weg, lasse ich nicht gelten.
Nicht heute.
Nicht in einer Zeit, in der jeder ein Mobiltelefon hat.
Irgendwie muss das möglich sein.
Und ja.
Er kommt noch einmal zurück.
Für ein Foto.
Danach Catering.
Zu langsam für so viele Personen. Aber vielleicht ist das nicht nur schlecht. So bleibt Zeit zum Tratschen. Zeit, wieder etwas herunterzukommen.
Jetzt bin ich auf dem Heimweg.
Durchgeschwitzt.
Müde.
Und ja.
Auch ein wenig stolz auf mich.
#gedanken