Wolfgang Bosbach, CDU/CSU und AfD
Der nette Wolfgang Bosbach taucht neuerdings hier und da â wie ĂŒbrigens auch Roland Koch, ehemaliger hessischer MinisterprĂ€sident, bekannt fĂŒr rechte Kampagnen (âWo kann ich hier gegen AuslĂ€nder unterschreibenâ) â neuerdings als Kommantator auf Seite vier des ehemals liberalen âKölner Stadtanzeigerâ auf. Beide Unionsrechte vertreten krude, am rechten Rand der Union ansĂ€ssige Thesen â und werden von der Chefredaktion des DuMont-Verlages, dessen Mitglieder inzwischen vorzugsweise aus ehemaligen Springer-HĂ€usern rekrutiert werden, prominent platziert. Ich finanziere das mit meinem Abonnement von inzwischen ĂŒber 66 ⏠monatlich noch, aber nicht mehr lange, denn die intellektuellen BelĂ€stigungen ĂŒbersteigen inzwischen meinen konservativen Wunsch, morgens eine papiergedruckte Tageszeitung in HĂ€nden zu halten.
So kommentierte am Samstag dort Wolfgang Bosbach BĂ€rbel Bas, die, von der AfD angegriffen, im Bundestag völlig richtig und politisch wehrhaft der Diffamierung der AfD widersprach, welche wie immer den Eindruck zu erwecken versuchte, alle FlĂŒchtlinge seien âEinwanderer in unser Sozialsystemâ. Ihre Reaktion wurde am gleichen Abend bereits in den âTagesthemenâ diffamiert, indem die NDR-Redaktion zwei AfD-nahe Medien, nĂ€mlich âNiusâ und âBildâ mit keifenden Redakteuren einblendete, die behaupteten, dass Bas ja nun völlig die angebliche âRealitĂ€tâ ignoriere. Nun gut, ein Migrationsforscher durfte erklĂ€ren, dass da nicht zutrifft.
BĂ€rbel Bas ist Ministerin und Demokratin
Aber das gefiel weder dem âKölner Stadtanzeigerâ, noch deren Lieblingsgast Bosbach, der dort sogar eine regelmĂ€Ăige Kolumne hat â warum eigentlich und was bezahlt man dem CDU-Parteioldie dafĂŒr? Der schrieb am 9.5.2026 munter drauflos. Gegen BĂ€rbel Bas, denn die hatte in der Fragestunde des Deutschen Bundestages auf die gezielt rassistische Anfrage der AfD nach der angeblichen âEinwanderung in die Sazialsystemeâ von Migranten und FlĂŒchtlingen erklĂ€rt, dass es die nicht gĂ€be. Eine wertfreie Feststellung, im Gegensatz zur Hetzrhetorik der AfD. Aufgrund des inzwischen immer weiter nach rechts verschobenen politischen Diskurses wundert es nicht, dass Wolfgang Bosbach meinte, noch einen draufsetzen zu mĂŒssen. Es wundert aber schon, dass der âKölner Stadtanzeigerâ diese Meinung Bosbachs auch noch in den Mittelpunkt seiner âDiskussionsseiteâ stellt.
Ist das fairer, unabhÀngiger Journalismus?
Wolfgang Bosbach verdrehte in seinem Beitrag flugs die RealitĂ€t, um der Vorsitzenden des Koalitionspartners SPD ans Schienbein zu treten. Das ist zum einen politisch unklug, weil es die rot-schwarze Koalition schon wieder als zerstritten und handlungsunfĂ€hig darstellt. Aber es ist auch ein bisschen infam, wie Bosbach wie gewohnt charmant, patriarchalich und tendenziell rechtspopulistisch die Vorsitzende des Koalitionspartners gezielt herabsetzt. Ich mag solche Spielchen vor dem FrĂŒhstĂŒck nicht lesen und meine Toleranz, fĂŒr das Abo einer solchen stĂŒndlich nach rechts wandernden Tageszeitung so viel zu bezahlen, kommt derzeit zum Ende.
Aufnahme und Weiterverbreitung rechtsextremer Begrifflichkeit
Was ist an Bosbachs ĂuĂerung rassistisch? Der Begriff âZuwanderung in die Sozialsystemeâ an sich ist eine rechtsextremistische Standardformulierung, die pauschal unterstellt, dass Zuwanderer, FlĂŒchtlinge oder Einwandernde kĂ€men, um ausschlieĂlich vom âdeutschen Sozialstaatâ zu profitieren. Das Kern-Narrativ von NPD, Republikanern, AfD und allen Rechtsextremisten seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren. Aber auch der CDU. Die Begriffe âAsylschwindel, Asyltourismus, Asylbetrug, Sozialschmarotzerâ hat zu meiner Landtagszeit zwischen 1990 und 1995 der damalige CDU-Fraktionschef Helmut Linssen in jeder 2. Rede verwendet. Solingen, Mölln, HĂŒnxe und Rostock waren 1993 Meilensteine einer Asylkampgne, die damals mit âMusteranfragenâ und âMusterpresseerklĂ€rungenâ vom Konrad-Adenauer-Haus aus bundesweit inszeniert und koordiniert wurde. Claudia Roth und ich haben dies in unserem Buch âDie Asyl-LĂŒgeâ (1992) nachgewiesen.
ZurĂŒck zu Bosbach
Zur BegrĂŒndung zitiert er in seinem Artikel einen angeblichen Anstieg der Soziallasten, und elaboriert: âŠbetrug der Anteil auslĂ€ndischer EmpfĂ€nger von BĂŒrgergeld 2025 47,6 Prozentâ und beklagt einen Anstieg âbis zu den aktuellen Daten, die seit drei Jahren relativ kostant sindâ. Na klar, Du Tuppes: Kein Wunder, das sind die ca. 1,2 Mio. KriegsflĂŒchtlinge, vorwiegend Frauen und Kinder, aus der Ukraine, die nach dem Beschluss des Bundestages, dem die Union zugestimmt hat, EU-BĂŒrgern gleichgestellt sind. Zurecht und aus SolidaritĂ€t mit eine ĂŒberfallenen Land. Diese RealitĂ€t hat er offensichtlich ĂŒbersehen.
Ideologiegesteuerte Politik im Interesse der AfD
Wolfgang Bosbach ist nicht der einzige Unionspolitiker, der faktenfrei polemisiert. Ein anderer innenpolitischer Hardliner â ob beim âGroĂen Lauschangriffâ oder der âVorratsdatenspeicherungâ, ist Innenminister Dobrindt, der trotz festgestellter Verfassungswidrigkeit durch die Karlsruher Richter:innen jetzt wieder mit der Vorratsdatenspeicherung und âPalantirâ das Verfassungsgericht testen will. Dobrindt hat in der vergangenen Woche mit seinem âAbschiebungsprogrammâ die Forderungen der AfD aufgenommen und rechtlich ausformuliert. Ob die Abschiebe- und Entscheidungszentren, die er auĂerhalb der EU errichten will, verfassungskonform sind, ist mehr als zweifelhaft. Schon die Rechtswegsgarantie nach Artikel 19 Absatz 4 Grundgesetz ist dort offensichtlich nicht gegeben, also sind diese Zentren verfassungswidrig. Solange die CDU/CSU, und in diesem Fall auch die SPD, ideologisch dem rechten Rand nachgeben, wird die AfD auch weiter in den Umfragen zunehmen. Die âerstaunlicheâ Entwicklung der Umfragen ist hausgemacht und falscher Politik der Koalition geschuldet.
Auch Miosga greift die Dummheit auf
In ihrer Sendung am Sonntag mit GĂ€stin Manuela Schwesing griff auch Karen Miosga diese Argumentation auf. Auch sie unterstellte der SPD, sie wĂŒrde gegenĂŒber FlĂŒchtligen nicht rigide genug handeln, weil â ja BĂ€rbel Bas und andere wohl zu human argumentierten und nannte auch dies ârealitĂ€tsfernâ. Es gibt offensichtlich mehrere RealitĂ€ten: Die des Grundgesetzes und Rechtsstaates und die des Populismus und seiner Agitation â erfolgreich nicht nur in asozialen Medien, sondern in ARD und Tageszeitungen.
Rechte Politik löst keine Probleme, sondern sucht SĂŒndenböcke âŠ
Ja, unsere Gesellschaft hat Probleme â nicht zuletzt aufgrund der Kriege Russlands und der USA. Aber das angebliche âMigrationsproblemâ ist das geringste von allen und ausschlieĂlich rassistisch aufgebauscht. Von CDU/CSU, AfD und Teilen der SPD. Ohne Zuwanderung, das sagen alle seriösen ökonomischen Analysen, hat die wirtschaftliche Erholung weniger Chancen und von ihr hat die Bundesrepublik immer wirtschaftlich profitiert â trotz Asyldiskussion und GesetzesverschĂ€rfungen im FlĂŒchtlingsbereich.
⊠statt Probleme zu lösen
Ein viel gröĂeres Problem ist der drastisch ansteigende Mangel an qualifizierten ArbeitskrĂ€ften. Das Land braucht dringend Einwanderung, um seine Probleme in Pflege, bei FachkrĂ€ften und im Handwerk zu kompensieren. Und dort passiert nichts, um durch schnellere Integration und bessere Bildung personelle Ressourcen, die hier sind, zu nutzen. Stattdessen werden Sprachkurse gestrichen, FlĂŒchtlinge durch Arbeitsverbote zur UntĂ€tigkeit verdammt, die dann in EinzelfĂ€llen auf dumme Gedanken kommen und Straftaten begehen â womöglich gezielt angestiftet via Internet.
Politik ohne Sachkenntnis
Sollte die âmal so rausgehaueneâ Meinung des Bundeskanzlers, die er beim Besuch des syrischen ĂbergangsprĂ€sidenten zum Besten gab, âinnerhalb von drei Jahren sollten die syrischen FlĂŒchtlinge dorthin zurĂŒckkehrenâ wahr werden, wĂ€ren darunter 7.000 Ărzte, auf die unser Gesundheitssystem dringend angewiesen ist. Die Folge wĂ€re ein gesundheitspolitisches Desaster. Ganz abgesehen von der Frage, dass heute noch völlig offen ist, wohin sich die gemĂ€Ăigt auftretende Regierung ehemaliger IS-AnhĂ€nger in den kommenden Jahren entwickeln wird. Kurden wurden bereits wieder vertrieben und verfolgt, zehntausende IS-KĂ€mpfer und ihre Familien aus Lagern befreit. Die Migrationspolitik der CDU/CSU ist ein einziges politisches Versagen.
Wer den Forderungen der AfD nachgibt, gibt ihr recht
Die ZuwĂ€chse der AfD gehen wesentlich darauf zurĂŒck, dass ihr Merz, Dobrindt und Typen wie Bosbach politsch letztlich recht geben und die WĂ€hler:innen sich denken: âWenn die das auch fordern, dann können wir gleich das Original wĂ€hlen.â So haben Merz & Co die AfD verdoppelt und arbeiten ihr weiter in die Hand. Die CDU sollte sich ehrlich machen und zugeben, dass sie im Grunde mit der AfD ein ganzes Spektrum kultureller Einseitigkeit gemeinsam hat. Auch in der CDU/CSU haben manche Vorbehalte gegen alles Fremde, lehnen DiversitĂ€t und Geschlechtergerechtigkeit ab, ebenso wie geschlechtsneutrale Sprache und das Gendern. Sie verbreiten statt eines europĂ€ischen, offenen Optimismus der bunten Vielfalt die Sehnsucht nach Nationalismus, DeutschtĂŒmelei und spieĂbĂŒrgerlicher Engstirnigkeit. Die bundesweit umbenannten âMinisterien fĂŒr Heimatâ sind die gröĂte Lachnummer des letzten Jahrzehnts. Der Geist der MAGA-Bewegung beflĂŒgelt das noch. Und eine gehörige Portion Unkenntnis oder gar Verachtung von Grundgesetz und Demokratie kommt hinzu.