Der kybernetische Gedächtnismythos (1)
Wieder bin ich einem Mythos auf der Spur. Einer Erzählung, über die das einführende Zitat oben bereits eindeutige Aussagen macht. Der behauptete Anspruch für die Pädagogik, eigentlich ein Teilgebiet der Kybernetik zu sein, sollte sicherstellen, dass die Pädagogik "den Rang einer Wissenschaft beanspruchen" kann. Vor allem von der Didaktik versprach man sich, "passende Lehralgorithmen" bereitzustellen. Auch wenn der Anspruch am Ende so nicht eingelöst wurde, so hatte die Kybernetik, allen voran die "mathematische Kommunikationstheorie Shannons" darin, weitreichende Folgen für die Pädagogik. Ihre "informationstheoretischen Grundlagen" flossen nämlich nicht nur in Überlegungen zur Messung von Intelligenz ein, sondern formulierten auch fundamentale Aussagen über wesentliche menschliche Eigenschaften. Besonders wirkmächtig wurde dabei die - methodisch beabsichtigte - Abstraktion in dem Sinne, dass es egal war, ob die beschriebenen "Systeme physikalisch, physiologisch oder psychologisch zu kennzeichnen sind". Zur Erleichterung des Verständnisses des Standardmodells des Gedächtnisses, um das es nachfolgend geht, sollte zusätzlich so getan werden, "als ob die genannten informationellen Prozesse bewußt erfolgten". Aus den zunächst forschungsmethodischen Entscheidungen der Kybernetiker wurden später ontologische Reduktionen, woraus neben dem Sender-Empfänger-Modell der Mythos des Drei-Speicher-Modells des menschlichen Gedächtnisses entstanden ist. Der Mythos zeigt sich als modales informationstheoretisches Konzept in nahezu sämtlichen Gedächtnistrainings-Ratgebern, aber auch in psychologischen Lehrwerken oder pädagogischen Abhandlungen zum Thema Lernen. Dieser Teil 1 behandelt die Ideengeschichtliche Spurensuche, wie also das Modell also aus der Kybernetik entstanden ist und was dabei historisch Zug um Zug ausgeblendet wurde.https://www.alexander-klier.net/der-kybernetische-gedachtnismythos-1/









