Van der Bellens #Eröffnungsrede im Wortlaut 1/2
"Meine Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute hier stehen zu können.
Die #Bregenzer #Festspiele sind eine wunderbare österreichische Institution. Und glauben Sie mir, ich würde gerne über die Bedeutung und den Wert dessen sprechen, was unsere Heimat so schön macht – die Bregenzer Festspiele gehören zweifellos dazu – aber es ist wieder einmal Zeit, auch anzusprechen, was angesprochen werden muss.
Es scheint so, als ob sich manche Dinge in unserem Land nicht in die richtige Richtung entwickeln. Und dabei ist es so, dass wir vor großen Aufgaben stehen.
Meine Damen und Herren, Sie kennen vielleicht die "Theorie der zerbrochenen Fenster"? Das ist eine US-amerikanische Sozialtheorie aus den frühen 1980er Jahren, die im Wesentlichen besagt, dass dann, wenn in einem Stadtteil eine zerbrochene Scheibe nicht umgehend repariert wird, schnell alle Fensterscheiben zerbrochen sind. Weil dann der Eindruck entsteht, dass es egal ist, dass sich niemand um diesen Stadtteil kümmert, was dann wiederum äußerst schnell zu Vandalismus und Verfall führt. Ein kleiner Anlass, der übersehen oder übergangen und nicht korrigiert wird, kann schnell als Freibrief verstanden werden, mehr und mehr zu zerstören.
Warum ich diese Theorie erwähne? Weil in unserem Land gerade einige #Fenster zerbrochen werden. Und das muss aufhören. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Sprache wieder zum Ausgrenzen verwendet wird. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass wieder von einem 'wir' und 'den anderen' gesprochen wird. Wir, das sind die 'normalen', das sind 'unsere Leute', das ist 'das #Volk'. Wer oder was sind dann 'die anderen'?
Das Volk, sind das alle Österreicherinnen und Österreicher? Die Einwohner anderer Herkunft, sind das 'die anderen'? Wer sind 'unsere Leut'? Sind uns 'die anderen' dann egal? Wer sagt, wer dazu gehört und wer nicht? Wer bestimmt, wer 'normal' ist und wer nicht? War #Mozart '#normal'? Sicher nicht! Derart außergewöhnliche Begabungen sind nicht 'normal'.
Es ist #brandgefährlich, solche Begriffe so absolut zu verwenden, denn sie werden sehr schnell gedankenlos wiedergegeben und tragen so mehr und mehr zum Zerbrechen unserer Gemeinschaft bei. Und diese Zitate werden nicht nur von den üblichen Verdächtigen verwendet. Es scheint so, als würden sich verschiedene Parteien mittlerweile ein Vorbild aneinander nehmen.
Ich fühle mich manchmal wie im Hochwahlkampf. Kein schönes Gefühl. Manche politischen Akteure, so scheint es, haben die Hoffnung verloren, dass man mit sachbezogenen Argumenten und inhaltlichen Konzepten durchkommt. Dass man mit Ernsthaftigkeit ernstgenommen wird. Weil sie lieber an die Wirksamkeit von #Populismus glauben. Aber Populismus ist nicht daran interessiert, Lösungen zu finden. Populismus will trennen, will ausgrenzen. 'Die da oben' - 'wir da unten'. Populismus will Probleme finden und vergrößern. Und er will, dass sie bleiben. Weil diese Probleme den #Populisten dabei helfen, Emotionen zu schüren und, so die Hoffnung, Wahlen zu gewinnen.
Ich appelliere an alle im politischen Stadtviertel: Hören Sie auf damit, mehr und mehr Fenster zu zerbrechen. Hören Sie auf mit dem Ablenkungskampf um Begrifflichkeiten und Deutungshoheiten. Kämpfen Sie lieber um die besten Lösungen. Und kämpfen Sie darum, diese Lösungen den Menschen dann auch so zu vermitteln, dass sie verstehen, was ihr persönlicher Nutzen ist.
Es gibt so viele Themen, die diskutiert und gelöst und vermittelt werden müssen. Wie können wir unseren #Wohlstand ausbauen und dabei #Klima und #Umwelt berücksichtigen? Kann es so etwas wie eine '#Klimasoziale #Marktwirtschaft' geben und wie sieht sie aus? Wie schaffen wir wieder mehr sozialen #Zusammenhalt? Die Menschen müssen gut und gerne miteinander leben können. Wie schaffen wir ein #Sozialsystem, das für #Zufriedenheit sorgt und echte #Armut verhindert? Wie bilden wir unsere #Kinder, wie vermitteln wir ihnen den Glauben, dass ihre Leistung, ihr Beitrag zur #Gesellschaft, einen Unterschied macht und gebraucht und gewollt ist?
Wenn junge Menschen in Befragungen angeben, dass sie sich in unserer Gesellschaft einsam fühlen. Wie lösen wir das? Sicher nicht mit Populismus. Sicher nicht mit Gerede von 'wir' und 'die anderen'. Wie findet Österreich seinen Platz in Europa, und wie findet #Europa seinen Platz in der Welt? Diese Themen müssen angegangen werden, glaubhaft angegangen werden. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Es gibt noch viele andere, genauso drängende.
Meine Damen und Herren, ich glaube an unsere liberale Demokratie. Ich weiß, dass wir die Lösungen haben. Aber sie werden teilweise diffamiert. Das ist die Art des Populismus. Populismus holt nicht das Beste aus den Menschen hervor, sondern das Niedrigste. Das Trennende, Ausgrenzende. Populismus richtet den Scheinwerfer darauf, was nicht funktioniert. Aber es gibt so vieles, das funktioniert.
#TheorieDerZerbrochenenFenster #VanDerBellen
https://www.derstandard.at/story/3000000179615/van-der-bellen-kritisiert-mikl-leitners-normal-in-festspiel-rede
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