Hier kam heute die Frage auf, was ein "Sozialstaat" eigentlich ist.

Ich denke, der kleinste gemeinsame Nenner des Grundgesetzes lautet ungefähr so:

In einem #Sozialstaat übernimmt der Staat die Gewährleistungsverantwortung für die Erfüllung des Würdegarantieanspruchs gegenüber allen, und zwar mindestens an allen Orten, an denen er staatliche Gewalt ausübt (oder beansprucht) und zu jeder Zeit.

@AwetTesfaiesus Dem kann ich vollumfänglich zustimmen. Heißt aber auch: Wir haben derzeit keinen.
@atarifrosch heißt: unser Staat wird weder seinem Anspruch noch seinem Auftrag gerecht. Ja

@atarifrosch @AwetTesfaiesus Also, ich mag die Definition und ich stell mich auch gern vorn an, unser System zu kritisieren.

Aber so ein bisschen Graustufen dürfen wir uns schon erlauben. Er ist nicht so stark, wie er sollte, aber im internationalen Vergleich trotzdem einer der Stärksten. "Wir haben keinen" ist schon echt arg pessimistisch.

@Merovius @atarifrosch individuelles erleben ist legitim.

Für Herrn Müller gab es heute keinen Sozialstaat …ist ok.

@Merovius @AwetTesfaiesus Sehe und erlebe ich seit 25 Jahren.
@Merovius @atarifrosch @AwetTesfaiesus
Unser Grundgesetz sagt wir haben einen, er wird uns Bürgern nur Stück für Stück von konservativen Politikern und Wohlhabenden unterm Hintern weggerissen. Zum Wohl der deutschen Wirtschaft werden Arbeitsschutz, Arbeitsrecht und Menschenrecht aufgeweicht. Bis wir Bürger irgendwann wieder der Obrigkeit unterstehen und Arbeitssklaven sind. Nur ein braver Bürger ist ein guter Bürger.

@cojajo @atarifrosch Ich finde "alles scheiße" Hyperbeln auch weiterhin unhilfreich.
Wenn die Union sagt "alle Bürgergeld empfangenden sind faul" oder vom "Lifestyle Teilzeit" spricht, nehmen wir sie nicht ernst. Wenn wir sagen "es gibt keinen Sozialstaat", werden wir nicht ernst genommen.

Sich vom Staat im Stich gelassen zu fühlen ist eine Sache, da würde ich auch nichts sagen. Aber Realitätsverdrehung finde ich eben nicht zielführend. Das macht nur den Diskurs kaputt.

@AwetTesfaiesus Bedingungslose Grundversorgung. Kein Lohnarbeitszwang.
@AwetTesfaiesus
Dazu gehört nach meinem Verständnis auch, dass die Bürger*innen akzeptieren, dass die Menschen wechselwirksam füreinander einstehen. Den #Sozialstaat können wir nur gemeinsam ausfüllen, der Staat sorgt für die passenden Rahmenbedingungen.
@Ostfriesin @AwetTesfaiesus die fallen auffangen und ihnen wieder aufhelfen. Die nicht können beschützen. Die alles haben und nichts wollen auch nichts geben.
@vgoller @Ostfriesin dieser Definition würde ich mich nicht anschließen.
@AwetTesfaiesus
Diese Definition kann ich nicht toppen. Auf den Punkt!
@allgeier sie ist eine Mindestdefinition
@AwetTesfaiesus
Wenn das so ist, dann bin ich abgestumpft. Vermutlich nicht ich alleine. Aber diese Definition befremdet mich, sie erscheint mir surreal angesichts dessen, was ist.
@AwetTesfaiesus Mir fehlt da noch ein Teil, es fällt mir aber schwer das zu formulieren; ich denke, der Sozialstaat hat eher die Rolle des Mittlers, der dafür sorgt, dass sich alle um alle kümmern. Er ist ein Vertrag zwischen allen Teilnehmenden, dass wer braucht, erhält und wer mehr als genug hat, gibt, im Vertrauen darauf, dass dann alle genug haben. Der Sozialstaat steht aber nicht getrennt daneben und gibt nur, woher sollte er denn dann zu geben haben...
@DanielSchwering Ermöglicher?
@AwetTesfaiesus ja, auch. Vielleicht aber auch eine Erziehungs oder gar Aufsichtsfunktion, um sicherzustellen, dass sich alle an den Vertrag halten.
@AwetTesfaiesus
In Anlehnung an Herrman Heller:
„Der Sozialstaat ist die Synthese von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit"
@richtman Das muss ich zugeben: diese Definition verschließt ihre Bedeutung mir gegenüber

@AwetTesfaiesus
Ihre Fragen hier sind häufig sehr inspirierend.

Bei einer kurzen Recherche bin ich auf Hermann Heller gestoßen und habe ihn für mich weiter interpretiert:
'Der soziale Rechtsstaat (oder Sozialstaat? ) garantiert Freiheit für alle, begrenzt sie jedoch dort, wo sie zu Ungleichheit oder Schaden führt, und sorgt zugleich für sozialen Ausgleich, ohne Eigenverantwortung aufzuheben.'
Aber ich bin Laie ..

@richtman sind wir das nicht alle am Beginn neuer Tage?

@AwetTesfaiesus
Mit dem Hinweis auf den Laien, wollte ich darauf hinweisen, dass Sie als Juristin die Expertin zu diesem Thema sind.

Btw. ich bin hier im Team Kant und dem kategorischen Imperativ.

@AwetTesfaiesus

Ein Sozialstaat ist imho ein Staat, der zuerst fragt: "Wie kann ich dir helfen?" und nicht "Was steht dir zu?". Das dürfte auch konsistent mit dem Grundgesetz sein.

@_RyekDarkener_ Kannst du das ausführen?

@AwetTesfaiesus

Eine komplette Ausführung würde den Rahmen sprengen. ;)
Um ein konkretes Beispiel zu nennen: BAföG
Ich bin der Auffassung, dass jeder in Ausbildung befindlichen Person ein auskömmliches BAföG zusteht, also Lebensunterhalt und Miete – unabhängig von der finanziellen Lage der Eltern oder Familie. Diese Leistung ist entsprechend Einkommen und Vermögen solidarisch von der gesamten Gesellschaft zu tragen.
Genug Studien bestätigen, dass dieses Geld gesellschaftlich gut angelegt ist.…

@AwetTesfaiesus

Und der Verwaltungsaufwand würde um 95% sinken.

@AwetTesfaiesus Zu der örtlichen Komponente muss man dann leider sagen, dass wir auf dem Land keinen Sozialstaat haben, da es nichtmal eine prektikable Regelung zur Erreichbarkeit von Ärtz*innen gibt.
@dkleeblatt Das betrifft unmittelbar die Würdegarantie, ja
@dkleeblatt Aber "keinen Sozialstaat haben" ist nicht dasselbe, wie "er wird dem Anspruch nicht gerecht"
@AwetTesfaiesus Stimmt, meine Verallgemeinerung geht zu weit.
@AwetTesfaiesus Der Sozialstaat organisiert und gewährleistet die Solidarität aller seiner Glieder miteinander ohne Ansehen, die Sorge füreinander, übt Gerechtigkeit; seine Vertreter:innen handeln verantwortlich auch für künftige Generationen, ohne nationalen Dünkel.
@Trojaner @AwetTesfaiesus
Klingt heutzutage leicht utopisch!
@AwetTesfaiesus Mich stört der Spruch, die Politik müsse "liefern". Sie muss nur die Rahmenbedingung für eine solidarische Gesellschaft schaffen. Die wurden aber zerstört in den letzten zwei Jahrzehnten – hin zum einem perversen Postpuritanismus : "Jeder für sich selbst, und Gott mit dem Sieger!"

@AwetTesfaiesus "Würdegarantieanspruchs" sehr sperrig, aber ich weiß was damit gemeint ist und das umformuliert bzw. ausformuliert muss doch heißen, dass sich jede Bürgerin und jeder Bürger mal überlegt was das genau für ihn oder sie und alle dazwischen und außerhalb bedeutet.

Und diesen Minimalkonsens wird alle $Intervall (2 oder 3,4 Jahre) neu verhandelt/abgefragt werden, in einer von der aktuellen Regierung losgelösten Volksentscheidung, bindend für diese.

Eine profane Checkliste: Dach über dem Kopf, geheizt, Wasser, Abwasser, Strom, Internet, Lebensmittel, Versicherungen... Swimmingpool, Sauna, Auto usw.

Das muss dann jede:r zum Zeitpunkt ausfüllen. Und wo sich Mehrheiten bilden, das gilt dann für den Zeitraum ohne wenn und aber für alle.

@pluhmen @AwetTesfaiesus

Deine "... profane Checkliste: Dach ..."
ist sehr interessant.
Vor allem die Stellen, an der die Punkte stehen.
1. Dach (trocken warm) bin ich voll dabei
2. H2O (muss aber nicht aus Leitung sein, aber noch OK)
3. Abwasser (bei mir definitiv viel weiter unten)
4. Strom (auch weiter unten)
5. Internet (Luxus)
6. Essen (waere bei mir auf Platz 3)
7. Versicherungen (Luxus)
8. Pool (reiner Luxus)
9. Sauna (fasst wie 8.)
10. Mobilitaet (waere bei mir auf Platz 4)

@pluhmen @AwetTesfaiesus

Also hier mal "Meine" fuer das absolute Minimum (von Wuerde gibt es hier noch keine Spur)
1. Was man unter Houseing versteht
2. Ernaehrung (H2O + Kalorien)
3. Energie
4. Mobilitaet
Ab hier kommt ein bisschen Wuerde dazu
5. Kommunikation
6. Hygienemoeglichkeiten
7. Teilhabemoeglichkeit (auch Arbeit)
8. Moeglichkeit zu "etwas" Luxus (Sauna, Kino...)
Zur Wuerde gehoert fuer mich auch dazu, dass auch die Wuerde von Allen, die von Einem abhaenig sind, auch garantiert ist.

@AwetTesfaiesus Ein Staat = Gesellschaft aller Menschen, die innerhalb bestimmter Gebietsgrenzen leben.
1. Möglichkeit: Solidargemeinschaft = jeder steht für jeden solidarisch ein & jeder nach seinen Möglichkeiten. Starke (z.B. Wohlhabende) unterstützen Schwache (z.B. Arme) im Sinne ECHTER christlicher Werte.
2. Möglichkeit: keine Solidargemeinschaft (aktuell leider der Trend) = jeder sieht nur eigenen Vorteil, Reiche werden immer reicher und alle anderen werden immer ärmer.
@AwetTesfaiesus hier sind bisher nur friedefreudeeierkuchen-definitionen unterwegs die irgendwie schön klingen und man sich auch sicher auf nen Wunschzettel schreiben kann und dann kann man sich wundern warum das in der Realität nie so kommt. deshalb stänker ich jetzt einfach mal: ich würde sagen ein sozialstaat ist ein kompromiss zwischen verschiedenen Zielen, die ein Staat verfolgt: einerseits will er dass Firmen profit machen und steuern zahlen.
@AwetTesfaiesus Dafür ist es besser je mehr Lohnabhängige geknechtet werden, also möglichst wenig absicherungsnetz. mehr angst vor abstieg -> weniger verhandlungsmacht -> weniger Löhne -> mehr profit -> mehr umsatzsteuer. Andererseits sollen die Leute nicht so kaputt gemacht werden dass sie zu krank, zu erschöpft usw sind dass die Produktivität lang und mittelfristig ausgelaugt wird.
@AwetTesfaiesus Diese zweite Funktion können einzelne Firmen eher nicht erfüllen, weil sie gegenseitig in einem Unterbietungswettbewerb sind. Deshalb braucht es einen Sozialstaat der das schlimmste abfedert. ich kann zu dieser ganzen Überlegung das Buch "die misere hat system" sehr empfehlen https://gegen-kapital-und-nation.org/page/die-misere-hat-system-kapitalismus/
Die Misere hat System: Kapitalismus | Gruppen gegen Kapital und Nation

@livthecrow danke für den kritischen Einwurf.

@AwetTesfaiesus
Ich denke mal laut über die Frage nach:

Ein Sozialstaat ist eine Lehre aus den Jahren 1929 bis 33 und den 1000 danach. Er ist eine Antwort auf die Frage "Was kann man tun, wie kann man vorbeugen, dass nicht wie ab '29 zigtausende Menschen in Armut versinken und dann Menschenfängern ins Netz gehen die ihnen sozialen Aufstieg - erst in einer faschistischen Organisation, dann im faschistischen Staat - versprechen"

@musevg und dennoch wird ja Bismarck als Geburtshelfer des Sozialstaates gewürdigt
@AwetTesfaiesus
Hm. Ja, einige Grundlagen hat er gelegt (aber hat vor '49 schon jemand vom Sozialstaat gesprochen?)

@AwetTesfaiesus

Im Grundgesetz steht drin:
Der Staat hat für
g l e i c h w e r t i g e
LebensVerhältnisse
zu sorgen.

Aktuell habe ich Angst davor,
dass sich 1933 wiederholen
könnte, wenn weiter so asoziale
Politik gem8 und der VolksFriede
hierdurch weiter beschädigt wird.

Wer sich die GKV-Reform-Papiere
der sog. FinanzKommission anschaut.
Bald also auch Security in allen
Arzt-Praxen, Krankenhäusern, RTW's,
Apotheken und
GKV-Betriebsstätten.

@AwetTesfaiesus Oder in einfachen Worten: Im Sozialstaat soll überall wo Staat ist soziales Leben in Würde möglich sein

@AwetTesfaiesus Mit anderen Worten: Wenn der Bundeskanzler sagt, "der Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar", so greift er eigentlich direkt die Verfassung an.

Oder verstehe ich da etwas falsch?