Kommentar zu einem #Nichtwählen-Aufruf auf #indymedia
https://de.indymedia.org/node/493467
Da wird ein fast hundert Jahre alter Aufruf, der im Oktober 1930 in einem kleinen anarchistischen Blättchen in Wien erschien, wiederbelebt, als ob es seitdem keinerlei Wandel, als ob es nicht schon damals auch gute Gegenargumente und damit einen dialektischen Diskurs gegeben hätte.
Nach diesem Aufruf gab es in der Weimarer Republik noch drei Wahlen mit Wahlmöglichkeiten (unterschiedlichen Übels), 2x 1932 und die letzte März 1933 - danach hatte niemand mehr die Wahl, auch nicht im Austrofaschismus ab 1934. Welche Situation ist strategisch gesehen besser?
Alleine schon dieser formulierte Standpunkt, "Du doofer Prolet - Ich schlauer Welterklärer", wäre aus herrschaftskritischer Sicht heute ein No Go.
Natürlich ist es stets wahr, dass das Delegieren von #Macht das Rad der Macht (und das dadurch verursachte #Elend) nur verstärkt und dass grundsätzlich gilt, "Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!". Daraus ergibt sich aber nicht zwingend, dass Wählen prinzipiell Scheisse ist: Was spricht dagegen - rein taktisch - das kleinste Übel (denn von Übel sind diese Parteien alle) zu wählen, aber sich weiter in Basisarbeit für eine egalitäre #graswurzelrevolution zu engagieren?
Könnte es nicht vielleicht auch so sein, dass ein Nichtwählen die üblen Kräfte stärkt? Wenn ja, wo ist das Abwägen aller (hier nicht aufgeführten) Pros und Contras abgeblieben?
Dieser von puritanischem Geist der reinen simplen/simplifizierenden Lehre durchseuchten Aufrufe beinhalten die Toxizität binären Denkens und dualistischer Weltbilder. Wer aber Computer bedienen kann, sollte doch bis drei zählen können und damit zu Dialektik und komplexeren Aussagen fähig sein.