Die «Dark Pattern» bei der Online-Physiotherapie
Ein Schmerz in der Schulter bei jeder Bewegung: Was tun? Zum Hausarzt rennen oder darauf hoffen, dass es morgen schon besser sein wird? Oder Dr. Google bzw. Doktorin KI konsultieren?
Es gibt eine weitere Möglichkeit. Auf der Website physiotest.ch wird uns ein Online-Test angeboten. Er liefere einen «vorlĂ€ufigen Indikator» und eine «klare ErklĂ€rung zu den Erkrankungen». Und er macht einen seriösen Eindruck, indem er uns diverse Bewegungen ausfĂŒhren lĂ€sst â jeweils per Video oder in Fotos vorgefĂŒhrt â, bei denen wir jeweils angeben mĂŒssen, ob, wann und wie sehr es schmerzt. Davon verspreche ich mir eine sinnvolle Eingrenzung. Ausserdem heisst es auf der Seite, mehr als 2500 solcher Checks wĂŒrden pro Tag ausgefĂŒhrt. Sie scheint so eine Art Mekka fĂŒr Leute mit Muskel- und Gelenkbeschwerden zu sein.
Das kommt womöglich ĂŒberraschend: Wer die Resultate seiner BemĂŒhungen sehen will, muss ein Abo abschliessen.
Ich kĂ€mpfe mich also von Ăbung zu Ăbung. Ohne mitgezĂ€hlt zu haben, durchlaufe ich etwa drei Dutzend Stationen â mit wachsender Zuversicht, dass sich mit so vielen Daten eine klare Aussage ĂŒber meinen Zustand treffen lĂ€sst. Als der Fortschrittsanzeiger endlich hundert Prozent erreicht, erfahre ich allerdings nicht, ob eine Verspannung, ein Sehnenriss oder eine EntzĂŒndung des Schleimbeutels vorliegt. Stattdessen teilt mir Physiotest.ch mit, ich mĂŒsse ein Abo fĂŒr 2.99 Franken abschliessen, um die Ergebnisse zu erfahren.
Die Inflation ist betrÀchtlich
Nebenbei: Als ich den Test fĂŒr diesen Blogpost ein zweites Mal zufĂ€llig klickend durchlaufe, wird mir am Ende ein Abonnement zum nochmals deutlich teureren Preis von 4.49 Franken in Aussicht gestellt. Und: «Nach sieben Tagen wechselt die Testphase automatisch in ein Monatsabonnement von 17.99 Franken, das jederzeit in Ihrem Konto gekĂŒndigt werden kann.»
Mir ist diese Masche nicht neu. Die allererste Folge in meiner Online-Shit-der-Woche-Rubrik beschÀftigte sich mit den fiesen Psycho-Tricks der Online-Psychologen und einer Website, die vor zwei Jahren nach dem genau gleichen Muster funktionierte: Ohne Deklaration, dass die Auswertung kostenpflichtig ist, werden Nutzerinnen und Nutzer dazu gebracht, ein betrÀchtliches Zeit-Investment zu leisten. Wenn das nicht umsonst gewesen sein soll, hat man keine andere Wahl, als die Zahlung zu leisten.
Aus meiner Sicht ist das ein Dark Pattern, d.h. ein unfreundliches bis ausbeuterisches Designprinzip, das fĂŒr mich nötigenden Charakter aufweist. Es steht ausser Frage, dass ich den Test nicht ausgefĂŒllt hĂ€tte, wĂ€re ich vorab transparent ĂŒber die Bedingungen informiert worden. Ăbrigens bin ich der Meinung, dass ein solcher Test etwas kosten darf, wenn er seriös aufgebaut ist und mir brauchbare Informationen liefert. FĂŒnf Franken fĂ€nde ich völlig okay â aber ein Abo, das ich selbst wieder kĂŒndigen muss und das eine laufende, fĂŒr mich unnötige Dienstleistung beinhaltet, darf nicht auf diese Weise an die Frau und den Mann gebracht werden.
Wo man eine Information platziert, damit sie keiner liest
Ich habe meine Kritik dem Betreiber unterbreitet und (wider Erwarten) eine Antwort bekommen:
Wir entschuldigen uns, dass Sie enttĂ€uscht sind. Physiotest kam nach jahrelanger Arbeit auf den Markt. Es wurde von professionellen Physiotherapeuten auf der Grundlage aller vorhandenen Bedingungen entwickelt. Es hat einen einzigartigen Algorithmus, der Ihre mögliche Erkrankung sehr genau bestimmt (und mit welchen Erkrankungen Sie weniger Ăhnlichkeiten haben). Mit einem kleinen Beitrag fĂŒr den einzigartigen Selbsttest bieten wir die QualitĂ€t, fĂŒr die wir stehen. Zu Beginn des Checks informieren wir unsere Besucher ĂŒber den Preis (ĂŒber dem Weiter-Button). Siehe den angehĂ€ngten Screenshot.
Ein Bildschirmfoto war nicht angehÀngt, aber beim zweiten Durchlauf finde ich den Hinweis selbst. Er erscheint bei der ersten Frage, bei der man das Geschlecht auswÀhlt, und bei einer schematischen Darstellung die Schmerzstelle anklickt. Man stimmt an dieser Stelle den allgemeinen GeschÀftsbedingungen zu.
Hier findet sich â leicht zu ĂŒbersehen und missverstĂ€ndlich formuliert â die Preisangabe. (Die ĂŒbrigens beim zweiten Durchlauf von drei Franken auf 4.50 hochschnellte.)
Am Ende des Textblocks heisst es:
Der Check gibt eine Indikation der Erkrankung(en), unter denen Sie möglicherweise leiden. FĂŒr 4,49 CHF erhalten Sie das vollstĂ€ndige Ergebnis und Beratung zu Ihren Beschwerden.
So baut man kein Vertrauen auf
Macht dieser Hinweis das Dark Pattern weniger «dark»? Ganz klares Nein:
- Erstens legt es der Hinweis geradezu darauf an, dass man ihn leicht ĂŒberliest: Der Test hat bereits begonnen. Man darf voraussetzen, dass die Rahmenbedingungen an diesem Punkt geklĂ€rt sind. Ausserdem ist man damit beschĂ€ftigt, die schmerzende Stelle richtig anzuklicken.
- Und selbst wenn man den Text liest, kann man zum Schluss kommen, dass es ein Resultat in Kurzform â nĂ€mlich die «Indikation der Erkrankung(en)» â gratis gibt. Die Formulierung impliziert, dass man nur fĂŒr die vollstĂ€ndigen Ergebnisse mit Beratung bezahlen muss.
Juristisch dĂŒrfte an diesen suggestiven Trickserei nichts auszusetzen sein. Aber fĂŒr mich ist völlig klar, dass sie in keinerlei Hinsicht dazu geeignet ist, Vertrauen aufzubauen. Als Patient ist man prinzipiell in einer Position des Bittstellers und fĂŒhlt sich verletzlich. Wenn sich der Eindruck einstellt, dass Unachtsamkeiten gnadenlos ausgenutzt oder sogar provoziert werden, dann fĂŒhlt man sich nicht gut aufgehoben. Darum zum Hausarzt â und niemals zu Physiotest.ch.
Aber eine Schlusspointe gibt es noch. Hygieia gefiel es nĂ€mlich, dass meine Schulter am nĂ€chsten Tag tatsĂ€chlich schon viel weniger schmerzte âŠ
Beitragsbild: Wer sich hier durchwalken lÀsst, kann nicht gleichzeitig noch aufs Portemonnaie aufpassen (Sincerely Media, Unsplash-Lizenz).
#DarkPattern #DerOnlineShitDerWoche #Gesundheit