Kenia â keine Totalerfassung
Huduma Namba: Wie Kenias Zivilgesellschaft die Totalerfassung der Bevölkerung bekÀmpfte
Mit radikaler Verweigerung brachte die kenianische Zivilgesellschaft eine geplante Mega-Datenbank ihrer Regierung zu Fall. Wie das gelang und warum der Kampf noch nicht gewonnen ist, berichtete Inklusionsaktivist Mustafa Mahmoud Yousif auf dem 39. Chaos Communication Congress in Hamburg.
Hoffnung in verzweifelten Zeiten zu stiften ist keine leichte Aufgabe, das macht Mustafa Mahmoud Yousif gleich zu Beginn seines Vortrags klar. Und doch hat sich der Menschenrechtsaktivist genau das vorgenommen. Er ist nach Hamburg auf den 39. Chaos Communication Congress gekommen, um von der Kraft der Zivilgesellschaft zu berichten und Mut zu machen. Er spricht ĂŒber den erfolgreichen Protest einer BĂŒrger:innenbewegung gegen ein digitales Identifikationssystem in Kenia.
Das Problem mit dem âHuduma Nambaâ genannten System ist schnell umrissen: In einer riesigen zentralen Datenbank wollte die kenianische Regierung 2019 die Bevölkerung erfassen. Diese sollte zahlreiche Angaben ĂŒber sie beinhalten, von GröĂe, Alter, Landbesitz und Stammeszugehörigkeit ĂŒber Einkommens- und Bildungslevel bis zu Angaben ĂŒber Familienangehörige. Auch biometrische Daten und DNA sollten erfasst werden.
Nur wer registriert ist, sollte Zugang zu staatlichen Leistungen bekommen, etwa sein Kind auf eine Schule schicken können. Die Regierung wollte sich zudem das Recht einrĂ€umen, Daten mit autorisierten Stellen zu teilen â auch mit Unternehmen, fĂŒrchtete die kenianische Zivilgesellschaft. Mit den umfangreichen Daten könnten zudem Profile von Personen erstellt werden, so die Sorge. In einem Land, in dem staatlichen Stellen nicht zu trauen sei, eine echte Gefahr, so der Ko-Vorstandsvorsitzende des Instituts fĂŒr Staatenlosigkeit und Inklusion.
Koloniales Echo
Huduma Namba sollte zur âeinzigen Quelle der Wahrheitâ ĂŒber die Menschen in Kenia werden, erklĂ€rt Yousif. Und das in einem Land, das unter britischer Kolonialherrschaft alles andere als gute Erfahrungen mit IdentitĂ€tssystemen gemacht hat. Denn fĂŒr die Kolonialherren war die IdentitĂ€tskontrolle ein Herrschaftsinstrument, mit dem sie die unterdrĂŒckte Bevölkerung spalten und in ihrer Bewegungsfreiheit einschrĂ€nken konnte.
Die Briten hĂ€tten das Land in 42 Regionen fĂŒr 42 StĂ€mme geteilt, mit der Hauptstadt Nairobi als 43. Bezirk. Schwarze Menschen, so Yousif, mussten jederzeit Ausweisdokumente, die sogenannten Kipande, bei sich tragen und der Polizei vorlegen. Die Dokumente enthielten Angaben ĂŒber die IdentitĂ€t der Personen, wo sie lebten und in welchen Gebieten sie sich aufhalten durften. âSie haben die Menschen in Ethnien und Bezirke unterteilt, damit sie nicht gemeinsam aufbegehren könnenâ, so Yousif.
Im digitalen Zeitalter seien Daten zum neuen Rohstoff geworden, der nicht mehr in klassischen Minen, sondern beim Data Mining gewonnen wird. Statt auf Datenminimierung zu setzen, wie es aus Perspektive des Datenschutzes geboten wĂ€re, habe die kenianische Regierung bei âHuduma Nambaâ deshalb auf Datenmaximierung gesetzt.
In einer ĂŒbereilten Roll-out-Phase von nur sechs Monaten habe die kenianische Regierung versucht, die Bevölkerung zur Registrierung zu drĂ€ngen. Gerade ohnehin marginalisierte Gruppen, etwa Menschen ohne gĂŒltige Dokumente, seien jedoch gefĂ€hrdet gewesen, zurĂŒckgelassen zu werden, kritisiert Yousif. Kinder, deren Eltern teils kenianische Staatsangehörige und geflĂŒchtete Personen seien, wĂ€ren auf Dauer als GeflĂŒchtete registriert und dem Risiko der Staatenlosigkeit ausgesetzt worden.
Radikale Verweigerung
Weil es an einer politischen Opposition zu dem Projekt fehlt, habe es an der Zivilgesellschaft gelegen, Widerstand zu organisieren. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen hÀtten sich zusammengeschlossen, um in Sozialen Medien gegen den ID-Zwang mobil zu machen.
Insbesondere die junge Generation sei auf die Kampagne angesprungen. âSie hatten das GefĂŒhl, dass sie in ein System gezwungen werden, bei dem nicht Menschen, sondern UnterdrĂŒckung im Mittelpunkt stehen.â Die Antwort darauf war radikale Verweigerung: Als die Regierung damit gedroht habe, nicht-registrierte Menschen des Landes zu verweisen, trendete der Hashtag #deportme, also âschiebt mich abâ. Zum Schlachtruf der Bewegung wurde der Slang-Begriff âHatupangwingwiâ, das in etwa âWir lassen uns nichts vorschreibenâ bedeutet.
Auch traditionelle Medien hĂ€tten das Thema und dem Protest zu mehr Wucht verholfen. NGOs klagten zudem auf Basis des neuen kenianischen Datenschutzgesetzes. Mit Erfolg: Das Verfassungsgericht erklĂ€rte die Datenbank fĂŒr ungĂŒltig, unter anderem, weil eine Datenschutz-FolgenabschĂ€tzung fehlte. Erhobene DNA-Daten dĂŒrfen zudem nur dann genutzt werden, wenn entsprechende Schutzvorkehrungen getroffen werden.
2022 wÀhlten die Menschen in Kenia eine neue Regierung, die einen Neuanfang versprach und erstmalig Vertreter:innen der Zivilgesellschaft mit an den Tisch holte.
Der Kampf geht weiter
Doch damit endete der Kampf fĂŒr Mustafa Mahmoud Yousif und seine Mitstreier:innen nicht. Auch die neu aufgesetzte Datenbank âMaisha Nambaâ soll umfangreiche Daten ĂŒber die Menschen Kenias enthalten. Auch hier fehlen der Zivilgesellschaft ausreichende Schutzmechanismen, um BĂŒrger:innen vor Profilbildung und Diskriminierung zu schĂŒtzen.
Doch Yousif gibt die Hoffnung nicht auf. Immerhin: Statt einer ĂŒberhasteten Registrierungsphase werden Menschen StĂŒck fĂŒr StĂŒck und ab Geburt registriert. Und die Verantwortlichkeiten fĂŒr das Projekt sind jetzt klarer geregelt, sagt der Aktivist. âWir wissen jetzt, wen wir verklagen mĂŒssen.â
Ingo Dachwitz ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2016 ist er Redakteur bei netzpolitik.org und u.a. Ko-Host des Podcasts Off/On. Er schreibt hĂ€ufig ĂŒber Datenmissbrauch und Datenschutz, Big Tech, Plattformregulierung, Transparenz, Lobbyismus, Online-Werbung, WahlkĂ€mpfe und die Polizei. 2024 wurde er mit dem Alternativen Medienpreis und dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Ingo ist Mitglied des Vereins Digitale Gesellschaft sowie der Evangelischen Kirche. Seit 02/2025 ist sein Buch erhĂ€ltlich: âDigitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und GroĂmĂ€chte die Welt unter sich aufteilenâ Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Bluesky, FragDenStaat. Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von netzpolitik, gemĂ€ss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.