âImportierter Antisemitismusâ? Warum Fachleute Merz widersprechen
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Antisemitische Straftaten haben 2024 einen neuen Höchststand erreicht. Das ist eine der Kernaussagen des Berichts zur politisch motivierten KriminalitĂ€t (PMK), den das Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam mit dem Bundesministerium des Innern (BMI) am 20. Mai 2025 veröffentlichte. Demnach gab es im vergangenen Jahr 6.236 FĂ€lle, die höchste Zahl seit Beginn der Erhebung 2001. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias), kommt in seinem Bericht fĂŒr 2024 auf 8.627 antisemitische VorfĂ€lle.
Auf diesen Anstieg wurde Bundeskanzler Friedrich Merz wĂ€hrend seiner USA-Reise Anfang Juni angesprochen. In einem sagte er: âOffen gesagt haben wir mit der groĂen Zahl von Migranten, die wir in den letzten zehn Jahren aufgenommen haben, eine Art importierten Antisemitismus.â
âImportierter Antisemitismusâ â dieser Begriff ist nicht neu. Schon vor Jahren kursierte er in medialen und politischen Debatten. Demnach verbreitet sich Antisemitismus in Deutschland zunehmend oder sogar vorranigig bei Menschen mit Migrationshintergrund.
Doch stimmt das? Wir haben uns KriminalitÀtsstatistiken und Studien angeschaut. Und wir blicken auf das Narrativ dahinter.
Die Zahlen aus dem Bericht zur politisch motivierten KriminalitÀt
Die bundesweiten Fallzahlen zur PMK erscheinen einmal jĂ€hrlich, der Bericht lĂ€sst sich auf der Webseite des Bundeskriminalamtes herunterladen. Straftaten werden darin bestimmten PhĂ€nomenbereichen zugeteilt, die auf politischen Einstellungen beruhen (ârechtsâ, âlinksâ, âauslĂ€ndische Ideologieâ, âreligiöse Ideologieâ, âsonstige Zuordnungâ).
Insgesamt gab es 2024 mehr als 80.000 politisch motivierte Straftaten, die HÀlfte davon ist dem rechten Bereich zugeordnet (Seite 4). Die meisten Straftaten sind Propaganda-Delikte (37,1 Prozent), also das Verbreiten von Propagandamitteln oder Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, gefolgt von SachbeschÀdigungen (21,4 Prozent), Beleidigungen (11,8 Prozent) und Volksverhetzungen (10,8 Prozent).
PMK: Die meisten antisemitischen Straftaten sind ârechtsâ zugeordnet, gefolgt von âauslĂ€ndischer Ideologieâ
Die Fallzahlen werden bestimmten Ober- und Unterthemenfeldern (OTF und UTF) zugeordnet. OTF sind beispielsweise âHasskriminalitĂ€tâ, âVerschwörungserzĂ€hlungâ oder âKrisenherde/BĂŒrgerkriegeâ. UTF sind beispielsweise âIslamfeindlichâ, âAntisemitischâ, âBundestagswahlenâ oder âIsraelâ und âPalĂ€stinaâ.
Bei den antisemitischen Straftaten ergibt sich folgendes Bild: Knapp die HĂ€lfte der Straftaten ist dem PhĂ€nomenbereich ârechtsâ zugeordnet (48,4 Prozent), im Vergleich zum Vorjahr ist das ein minimaler RĂŒckgang. An zweiter Stelle folgen mit 31,1 Prozent Straftaten im Bereich âauslĂ€ndische Ideologieâ â das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um mehr als 60 Prozent. 2.832 der 6.236 antisemitischen Straftaten hatten mit den UTF âIsraelâ und âPalĂ€stinaâ zu tun (Seite 24).
Diese Tabelle im PMK-Bericht zeigt den Anstieg der antisemitischen Delikte im Jahr 2024 und ihre Zuordnung zu bestimmten politischen Einstellungen (Quelle: PMK 2024; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Rias ordnet die meisten antisemitischen VorfĂ€lle âantiisraelischem Aktivismusâ zu
Auch Rias â also der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus â ordnet, wenn möglich, antisemitische VorfĂ€lle einem politisch-weltanschaulichen Hintergrund zu. Rias bĂŒndelt die Zahlen regionaler Meldestellen sowie eines Onlineportals. Ziel ist es, auch solche antisemitischen VorfĂ€lle zu erfassen, die womöglich nicht strafbar wĂ€ren â beispielsweise alltĂ€gliche Pöbeleien.
Bei den meisten, nĂ€mlich 57 Prozent, der mehr als 8.500 erfassten FĂ€lle war dies 2024 nicht möglich, da entweder die TĂ€terinnen oder TĂ€ter oder ihre jeweiligen Motivation unbekannt blieben. Bei den VorfĂ€llen, die eindeutig einem politischen Hintergrund zugeordnet werden konnten, war der âantiisraelische Aktivismusâ mit einem Anteil von 26 Prozent die hĂ€ufigste Kategorie, gefolgt von einem rechtsextremen Hintergrund in 6 Prozent der FĂ€lle.
Kritik an den Statistiken der PMK- und Rias-Berichte
Sowohl an den Zahlen der PMK-Berichte als auch an den Rias-Berichten gibt es Kritik. So umfassen die Zahlen der PMK nur das Hellfeld an Straftaten, obwohl viele VorfĂ€lle nicht angezeigt werden. Als Eingangsstatistik umfasst sie zudem auch VorfĂ€lle, bei denen die Ermittlungen eingestellt werden. Ob es zum Beispiel zu einer Anklage oder einem Urteil kommt, wird nicht berĂŒcksichtigt. Weitere Verzerrungen ergeben sich durch mögliche falsche Zuordnungen zu den PhĂ€nomenbereichen oder den jeweiligen UTF.
Kritik an der Statistik zu politisch motivierter KriminalitÀt und antisemitischen Straftaten
Die PMK umfasst nur das Hellfeld und ist eine Eingangsstatistik
Die PMK betrachtet nur tatsĂ€chlich zur Anzeige gebrachte Straftaten, sie ist also von der Anzeigebereitschaft betroffener Personen abhĂ€ngig. Eine Umfrage von 2023 unter jĂŒdischen Menschen in Europa zeigt, dass nicht einmal jede dritte Gewalttat der Polizei gemeldet wurde. In einer Studie der UniversitĂ€t Bielefeld von 2017 gaben nur knapp ein Viertel der Betroffenen an, ein antisemitisches Ereignis der Polizei, Gemeinde oder einer Beschwerdestelle gemeldet zu haben.
Wichtig ist zudem: Bei der PMK handelt es sich um eine Eingangsstatistik. Das heiĂt, hier werden die Straftaten mit Aufnahme der polizeilichen Ermittlungen und damit bereits beim ersten Anfangsverdacht erfasst. Nicht ablesen lĂ€sst sich aus der Statistik der Verlauf der Ermittlungen oder deren Ausgang und ob es ĂŒberhaupt zu einer Anklage kam. Die Statistik enthĂ€lt also mehr FĂ€lle als am Ende verurteilt werden.
Verzerrungen der Zahlen durch falsche Zuordnungen in der PMK
Weitere Verzerrungen in der Statistik können sich durch die Zuordnung der Delikte zu den PhĂ€nomenbereichen durch die PolizeikrĂ€fte ergeben: Zum einen muss die Polizei in der Lage sein, Antisemitismus zu erkennen, und zum anderen ihn richtig zuzuordnen. An dieser Zuordnung gab es insbesondere vor 2023 Kritik: Bis dahin wurden antisemitische Straftaten dem Bereich ârechtsâ zugeordnet, wenn es keine âgegenteiligen Anhaltspunkteâ auf einen der anderen PhĂ€nomenberiche gab. Seit 2024 werden diese im Bereich âsonstige Zuordnungâ erfasst.
Gleichzeitig birgt auch die Unterscheidung der UTF âAntisemitismusâ und âIsraelâ und âPalĂ€stinaâ Verzerrungsgefahr, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen könnten antisemitische VorfĂ€lle verkannt und nur dem UTF âIsraelâ und âPalĂ€stinaâ zugeordnet werden, wie beispielsweise Rias es im Bundesland NRW in mehreren FĂ€llen zwischen 2014 bis 2018 kritisierte.
Zum anderen könnten FĂ€lle erfasst werden, bei denen umstritten ist, ob sie tatsĂ€chlich antisemitisch sind. So gab es beispielsweise unterschiedliche gerichtliche Entscheidungen ĂŒber die Parole: âFrom the river to the sea, Palestine will be freeâ. Manche Gerichte sahen darin ein strafbares Kennzeichen der Terrororganisation Hamas, andere Gerichte verneinten dies. Bislang gibt es diesbezĂŒglich keine Rechtssicherheit. Im Verfassungsschutzbericht 2024 heiĂt es dazu auf Seite 49: âDie Parole ist insbesondere dann verboten, wenn sie im Kontext mit den verbotenen Vereinigungen [etwa Hamas oder Samidoun, Anm. d. Red.] gebraucht wird.â
Auch an den Zahlen von Rias gibt es Kritik: Mit 6 Prozent der gemeldeten FĂ€lle mit rechtsextremen HintergrĂŒnden liegt der Bericht weit hinter den von der PMK im Bereich ârechtsâ erfassten FĂ€lle. Der Journalist Itay Mashiach hat Rias-Berichte in einer Studie von Mai 2025 ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass der âisraelbezogenen Antisemitismusâ ĂŒberbetont und rechtsextreme Straftaten unterschĂ€tzt wĂŒrden. Hinzukommt, dass insbesondere die Kategorie âisraelbezogener Antisemitismusâ umstritten ist, denn manche sehen dadurch Kritik an der Politik des Staates Israel, die sich von Antisemitismus fern hĂ€lt, bedroht.
Was sind klassischer, sekundÀrer und israelbezogener Antisemitismus?
Laut mehreren BeitrĂ€gen der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung und Sina Arnold, Antisemitismusforscherin an der TU Berlin, lĂ€sst sich Antisemitismus in drei verschiedene Formen einteilen:
Der klassische Antisemitismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts und wurde rassistisch begrĂŒndet. Er ist ein Vorurteil und eine Weltsicht, in der jĂŒdischen Menschen bestimmte biologische oder kulturelle Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Stereotype verbinden sich hĂ€ufig zu Verschwörungstheorien. Ein Beispiel: âAuch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groĂ.â
Der sekundĂ€re Antisemitismus ist eine Form der Judenfeindschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte. Er Ă€uĂert sich etwa in Relativierung oder Leugnung des Holocaust oder in der rhetorischen Umkehr von Opfern und TĂ€tern. Ein Beispiel: âViele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen.â
Von israelbezogenem Antisemitismus spricht man, wenn Israel negativ dargestellt wird und diese Darstellung gleichzeitig auf antisemitischen Einstellungen, Vorurteilen, Ressentiments und Weltanschauungen beruht. Kritik an Israel wird beispielsweise als antisemitisch verstanden, wenn die Politik Israels mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird oder wenn an israelische Politik andere Standards als an andere Demokratien angelegt werden. Ein Beispiel: âWas der Staat Israel heute mit den PalĂ€stinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.â
Gerade die letzte Kategorie ist umstritten, denn nicht immer ist eindeutig, was legitime oder auch falsche Kritik an Israel ist, und was Antisemitismus. Exemplarisch zeigt sich das am Streit zwischen den zwei einflussreichsten Definitionen von Antisemitismus: der âInternational Holocaust Remembrance Allianceâ (IHRA) von 2016, die 2017 von der Bundesregierung ĂŒbernommen wurde, und der âJerusalemer ErklĂ€rung zum Antisemitismusâ (JDA) von 2021. Einig sind sich aber beide darin, dass es antisemitisch ist, JĂŒdinnen und Juden das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Israel abzusprechen oder den Holocaust zu leugnen.
Die aufgefĂŒhrten Beispiele stammen aus der Publikation des Mediendienst Integration.
Angesprochen auf die Kritik, schreibt uns Cord-Heinrich Plinke von Rias, der relative Anteil einzelner politischer HintergrĂŒnde könne je nach aktuellem Kontext zu- oder abnehmen. WĂ€hrend der Corona-Pandemie habe etwa das verschwörungsideologische Millieu an Bedeutung gewonnen, seit dem 7. Oktober 2023 der antiisraelische Aktivismus. âDie meisten der politisch zuordenbaren VorfĂ€lle seit Beginn unserer bundesweiten Erhebung fallen in die Kategorie rechtsextrem/rechtspopulistischâ, schreibt Plinke.
Statistiken geben keinen Aufschluss ĂŒber Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund
Gibt es in den Berichten Belege dafĂŒr, dass es in Deutschland â wie von Friedrich Merz behauptet â wegen der groĂen Zahl an Migranten seit 2015 eine âArt importierten Antisemititsmusâ gibt?
In Deutschland leben etwa 14 Millionen AuslĂ€nderinnen und AuslĂ€nder, sprich Menschen ohne deutsche StaatsbĂŒrgerschaft. Fast jede dritte Person in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, also sie selbst oder mindestens ein Elternteil besaĂ bei Geburt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Trotzdem ist mit Merzâ zeitlicher Einordnung âseit 2015â offensichtlich, dass er vorrangig auf Migrantinnen und Migranten aus dem arabischsprachigen Raum und mehrheitlich muslimischen LĂ€ndern abzielt.
Auf unsere Frage nach Quellen fĂŒr den âimportierten Antisemitismusâ antwortete ein Regierungssprecher lediglich: âDie Statistik der politisch motivierten KriminalitĂ€t gibt Aufschluss ĂŒber die hohe Zahl antisemitischer Straftaten, auch auf Basis auslĂ€ndischer Ideologie.â
Doch diese ErklĂ€rung ist irrefĂŒhrend: Das BMI schreibt uns auf Nachfrage, der Anteil auslĂ€ndisch und religiös motivierter Straftaten im Unterthemenfeld âantisemitischâ sei in den elf Jahren seit 2013 um knapp vierzig Prozent gestiegen. Doch: âBei der phĂ€nomenologischen Einordnung wird auf die Motivation des TĂ€ters abgestellt und nicht auf die Staatsangehörigkeit oder einen etwaigen Migrationshintergrund, der nicht erfasst wird.â Ebenso wenig zeigt sich in den vorhandenen PMK-Zahlen zu antisemitischen Straftaten ein markanter Anstieg unmittelbar nach 2015. Stattdessen blieb die Zahl von 2001 bis 2018 etwa gleich; erst danach stieg sie an. Auswirkungen hatte aber regelmĂ€Ăig die Situation im Nahen Osten, insbesondere seit 2021.
Im aktuellen Rias-Bericht taucht das Wort âMigrantâ gar nicht auf, die Begriffe Migrationshintergrund und Muslim nur jeweils an einer â fĂŒr die Behauptung jedoch irrelevanten â Stelle. Auf Nachfrage schreibt Plinken von Rias zu der Behauptung: âNein. Rias wertet keine Informationen zu Staatsangehörigkeit, Religionszugehörigkeit oder Migrationsgeschichte von Personen aus, die antisemitische VorfĂ€lle begehen. Unsere Arbeit basiert auf der Grundannahme, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.â
Soziologe: âDer Migrationshintergrund als solcher hat keinen isolierten Einfluss auf antisemitische Einstellungenâ
Heiko Beyer, Soziologe an der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t in DĂŒsseldorf, schreibt uns auf Nachfrage, der Migrationshintergrund habe keinen isolierten Einfluss auf antisemitische Einstellungen. Das sei das Ergebnis von zwei Studien, eine bundesweite und eine fĂŒr NRW, an der Beyer beteiligt war. Insgesamt gebe es nicht allzu viel Forschung zu dem Thema, merkt er an.
Auch Sina Arnold, Antisemitismusforscherin an der TU Berlin, schreibt in einer Analyse fĂŒr die Bundeszentrale fĂŒr Politische Bildung, dass sich die Vorstellung eines in Deutschland primĂ€r âimportierten Antisemitismusâ empirisch nicht halten lasse. âWĂŒrden âdieâ nicht kommen, hĂ€tten âwirâ kein Problemâ, fasst Arnold die Intention hinter dem Narrativ zusammen. Doch das stimmt laut Arnold nicht, in der gesamtdeutschen Gesellschaft sei Antisemitismus weit verbreitet:
âIn reprĂ€sentativen Meinungsumfragen der letzten Jahre stimmten etwa 6 bis 7 Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung klassisch antisemitischen Aussagen eindeutig zu, weitere 15 bis 20 Prozent befĂŒrworteten sie teils/teils. Ăber ein Drittel stimmt mit sogenannten sekundĂ€rantisemitischen Aussagen ĂŒberein, in denen sich Erinnerungs- und Schuldabwehr in Bezug auf den Holocaust ausdrĂŒcken. Die Zustimmung zu israelbezogenem Antisemitismus findet sich bei bis zu einem FĂŒnftel der Gesamtbevölkerung.â
Die Forschungslage in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund ist laut Arnold uneindeutig: Je nach Studie hĂ€tten sie vergleichbare oder leicht erhöhte Zustimmungswerte zu klassischem Antisemitismus und vergleichbare oder leicht verringerte Werte beim sekundĂ€ren Antisemitismus. âBeim israelbezogenen Antisemitismus zeigen sich bei Menschen mit Migrationshintergrund auĂerhalb der EU höhere Zustimmungswerte, insbesondere aus der TĂŒrkei und arabischen LĂ€ndernâ, schreibt Arnold.
Studien: Muslimische Menschen haben teilweise tendenziell stÀrkere antisemitische Vorstellungen
Was die vorhandene Forschung laut Beyer auch zeige: Muslimische Menschen in Deutschland hĂ€tten tendenziell stĂ€rkere antisemitische Einstellungen, auĂer beim sekundĂ€ren Antisemitismus. Der zentrale Einflussfaktor sei laut Studien, inwieweit der Islam fundamentalistisch interpretiert wird.
UnabhÀngig von der Religion nennt Arnold weitere Einflussfaktoren, etwa die Herkunft, insbesondere die regionale NÀhe zur Konfliktregion Nahost. In einigen HerkunftslÀndern sei Antisemitismus weiter verbreitet als in Deutschland: So seien beispielsweise nicht nur unter muslimischen, sondern auch unter christlichen Menschen im Nahen Osten und Nordafrika die Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen weitaus höher als im weltweiten Vergleich, wie Umfragen von 2014 und 2024 ergaben.
In Deutschland schwindet die höhrere Zustimmung zu Antisemitismus, je lĂ€nger eine zugewanderte Person hier lebt, wie eine Studie von 2019 zeigt. Indirekt relevant fĂŒr höhere Zustimmungswerte sind auch Diskriminierungserfahrungen. Sie könnten zu einer Identifikation mit einer â religiösen, nationalen, ethnischen â âEigengruppeâ mit gleichzeitiger stĂ€rkeren Abgrenzung von vermeintlichen âFremdgruppenâ, darunter jĂŒdische Menschen, fĂŒhren, schreibt Arnold. Dies gelte insbesondere bei Jugendlichen. Neben antisemitischen haben auch rassistische und islamfeindliche Straftaten laut PMK-Bericht in den letzten Jahren deutlich zugenommen.
Zu unseren Rechercheergebnissen Ă€uĂerte sich ein Sprecher der Bundesregierung nicht konkret.
Friedrich Merz bedient sich eines rechtspopulistischen Narrativs
Die Forschung verwendet den Begriff âimportierten Antisemitimusâ nicht, denn er suggeriert, es wĂŒrde in Deutschland ohne Migration keinen Antisemitismus geben â was nachweislich falsch ist. Wie Heiko Beyer von der UniversitĂ€t DĂŒsseldorf in einem Forschungsartikel schreibt, werde das Narrativ insbesondere von rechtspopulistischen Akteurinnen und Akteuren sowie Parteien verwendet. Der Begriff kaschiere nicht nur verschiedene Formen des Antisemitimus sondern verhindere auch eine tiefergehende Analyse des politisch-islamischen Antisemitismus.
Ăhnlich sieht das das Projekt âNichts-gegen-Juden.deâ der Amadeu-Antonio-Stiftung: Judenhass habe eine lange Geschichte im Islamismus, eine Kritik daran sollte sachlich und konkret argumentieren. Das Narrativ des âimportierten Antisemitismusâ sei dagegen rassistisch, heiĂt es auf der Webseite. Insbesondere von Rechten werde es ânicht zur Bekundung ehrlichen Interesses am Schutz jĂŒdischer Kultur und jĂŒdischen Lebensâ, sondern âals Stimmungsmacher gegen die Immigration von insbesondere arabischen oder muslimischen Menschen eingesetztâ.
Rias: âAntisemitismus ist kein nach Deutschland importiertes Problemâ
Auch Cord-Heinrich Plinke von Rias kritisiert auf Nachfrage, dass mit dem Begriff die Debatte verschoben werde, etwa in Richtung einer MigrationsbeschrĂ€nkung. âGerade im Land der TĂ€ter des Nationalsozialismus ist die Vorstellung, Antisemitismus könne oder mĂŒsse hierher erst noch importiert werden, stark verwunderlich.â Antisemitismus sei kein nach Deutschland importiertes Problem. Er trete in allen Teilen der Gesellschaft auf und mĂŒsse gesamtgesellschaftlich bekĂ€mpft werden.
Als âIdeologie mit einer langen Geschichte, einer weltweiten Verbreitung und einer â aufgrund ihres welterklĂ€renden Anspruches â hohen AttraktivitĂ€tâ sei Antisemitismus selbstverstĂ€ndlich auch unter Menschen mit Migrationsgeschichte verbreitet â wie auch in der restlichen Bevölkerung, schreibt Sina Arnold. Das sei aber kein Problem âder Anderenâ, sondern ein Deutsches.
Redigatur: Steffen Kutzner, Max Bernhard
Die wichtigsten, öffentlichen Quellen fĂŒr diesen Faktencheck:
- Jahresbericht: Antisemitische VorfÀlle in Deutschland 2024, Rias: Link (archiviert)
- Sina Arnold: âAntisemitismus unter Menschen mit Migrationshintergrund und Muslim*innenâ, Expertise Mediendienst Integration, April 2023: Link (archiviert)
- Sina Arnold: âAntisemitismus in der Migrationsgesellschaftâ, Bundeszentrale fĂŒr Politische Bildung, August 2024: Link (archiviert)
- Studie: âDie Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland: Befunde aktueller reprĂ€sentativer Befragungen zu Trends seit 2021 und den EinflĂŒssen von Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit und ReligiositĂ€tâ, Zeitschrift fĂŒr Religion, Gesellschaft und Politik, April 2024: Link (archiviert)
- Pressemitteilung zur Studie: âAntisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024â, September 2024: Link (archiviert)
- Studie: âAntisemitismus unter Muslim*innen: Sozialisation, religiöse Tradierung oder herkunftsĂŒbergreifendes Feindbild des islamischen Fundamentalismusâ, Zeitschrift fĂŒr Religion, Gesellschaft und Politik, Dezember 2024: Link (archiviert)
- Pressemitteilung zu Umfrage der Anti-Defamation League zu weltweitem Antisemitismus, Mai 2014: Link (archviiert)
- Pressemitteilung zu Umfrage der Anti-Defamation League zu weltweitem Antisemitismus, Januar 2025: Link (archiviert)
- Studie: âDer Berlin-Monitor 2019â: Link (archiviert)
- Studie: ââImportierter Antisemitismusâ? Differenzierende Wahrnehmungen in Deutschland lebender JĂŒdinnen und Juden zum politisch-islamischen Antisemitismus als Problem und Debatteâ, Zeitschrift fĂŒr Religion, Gesellschaft und Politik, MĂ€rz 2024: Link (archiviert)
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Author: Paulina Thom
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