EIN AUGE, OFFEN

Stunden, maifarben, kühl.
Das nicht mehr zu Nennende, heiß,
hörbar im Mund.

Niemandes Stimme, wieder.

Schmerzende Augapfeltiefe:
das Lid
steht nicht im Wege, die Wimper
zählt nicht, was eintritt.

Die Träne, halb,
die schärfere Linse, beweglich,
holt dir die Bilder.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

zusammen Tanzen

ganz Eins
bewegen wir
uns im Rhythmus
durch die Nacht
bis wir
außer Atem
zitternd da
liegen verschwitzt
berühren Körper
beim tanzen
den Schmerz weg

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»Original 1«

Die Beiden
Hugo von Hofmannsthal

Sie trug den Becher in der Hand
– ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –,
so leicht und sicher war ihr Gang,
kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
und mit nachlässiger Gebärde
erzwang er, dass es sicher stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
den leichten Becher nehmen sollte,
so war es beiden allzu schwer:

denn beide bebten sie so sehr,
dass keine Hand die andre fand
und dunkler Wein am Boden rollte.

#lyrik #sonett #hofmannsthal

»Original 2«, Teil seiner »33 Sonette aus dem Gefängnis«, die er in Gestapo-Isolationshaft schrieb:

»Traduit de Hugo von Hofmannsthal«
Jean Cassou (nach Hugo von Hofmannsthal)

Une coupe au board de la bouche,
elle allait d’un si ferme pas
et la main si sûre que pa,
une goutte ne se versa.

Il montait un cheval farouche.
Si sûre et ferme était sa main
que, frémissant au coup de frein,
le cheval s’arrêta soudain.

Et pourtant, quand la main légère
á l’autre main gantée de fer
cette simple coupe tendit,

ils tremblaient si fort, elle et lui,
que les mains ne se recontrèrent,
et le vin noir se répandit.

#lyrik #sonett #cassou

(Anm.: Ich kann kein Französisch, es sei denn, missverstanden als genuscheltes Latein.)

MIT SEETANG-GESCHMEIDE GEFESSELT,

Die Anrufungen, alle, freigetrunken,
die kämpferischen Klagelaute, – freigelauscht.

Hier herrscht die Ertrunkene Kette.

Den schmalsten Schultern aufgeladen
die übrige Dämmerfracht.

Du hier und du, ihr sollt bleiben:

Es ist euch
noch Anderes zugedacht,
und auch die Klage
will in die Klage,
will in sich zurück.

Aus: #Die_Gedichte_aus_dem_Nachlaß (1997)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

Ein Experiment von mir: Die »Übersetzung« eines Sonetts von Jean Cassou, das selbst eine Übersetzung eines Sonnets von Hugo von Hofmannsthal ist. Meine »Übersetzung«:

»Stille Post«
O. Utis (nach J. Cassou, nach H. v. Hofmannsthal)

Mit dem Kelch am Rand der Lippen
war so leicht und ruhig ihr Gang,
so fest die Hand, dass ihr gelang,
nicht einen Tropfen zu verschütten.

Auf scheuendem Pferd kam /er/ geritten.
Sacht’ und behände war der Mann
als er das Tier zum halten zwang,
da stand es mit gelöstem Zittern.

Als jedoch die leichten Finger
den ritterlich gerüsteten
ihren schlanken Becher gaben,

da verfehlten sich die Hände immer,
weil beide zu sehr zitterten.
So dass Wein und Kelch am Boden lagen.

#lyrik #cassou #hofmannsthal #sonett

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett X

Wie liebe ich dich? Indem ich bleibe, stehe,
und nicht zurückweiche, wenn du fällst.
Ich liebe dich, indem ich dich dir selbst
entschieden gegenübertrete.

Ich liebe dich nicht, um mich zu verlieren.
Ich liebe dich, um dich zu halten aus.
Was zwischen uns geschieht, ist kein Applaus,
es ist ein Ernst, der Nähe garantieren will.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

"mit dem Spätburgunder schaukelnd / vor dem Multifunktionsgebäude / liebst du im lichtschwarzen Kleid" (S. 29)

@olwisch
#lyrik
#gedichte

Allen Fährnissen und Unbilden zum Trotz kann und darf Humor sich immer wieder Bahn brechen. Daher hier eine trotzige Botschaft, ein komisches Gedicht.

#lyrik #komischelyrik #gedichte #gedicht #poesie #poetry #poetryslam #schreibtherapie #bibliotherapie #seelischegesundheit #psychischegesundheit