Wald soll für sündteure Einfamilienhäuser weichen
Rund zwei Dutzend Interessierte versammeln sich bei strahlendem Sonnenschein in einer eher beschaulichen Ecke Lichterfeldes, vor dem derzeit ungenutzten, 25.000 Quadratmeter großen, Grundstück der ehemaligen Berliner Coca-Cola-Zentrale an der Hildburghauser Straße – nur ein paar Schritte vom S-Bahnhof Osdorfer Straße entfernt.
Es ist ein weiterer Vor-Ort-Termin im Rahmen der Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ des BUND Berlin. Denn auf der frühlingsgrünen und bewaldeten Brache einstiger Lagerflächen plant ein Investor die Errichtung von rund 50 Reihenhäusern – und wie es aussieht, steht eine Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf aus CDU, AfD und FDP hinter den Plänen. Und auch mindestens drei der sechs Bezirksamtsmitglieder inklusive des zuständigen Stadtentwicklungsstadtrats Patrick Steinhoff (CDU).
Flächensparend vernünftig bauen!
Der BUND Berlin stellt sich gegen diese Pläne. Allerdings gibt es hier eine besondere Ausnahme, wie Andreas Faensen-Thiebes, Vorstandsmitglied des BUND Berlin und Naturschutzexperte, bei der Begrüßung erläutert: „Wir wollen hier, wenn man schon baut, so nah am S-Bahnhof, so nah an Einkaufszentren, dann doch bitte so, dass man preiswertes Wohnen schafft.“ Sozial verträglichen, preiswerten Geschosswohnungsbau und nicht Einfamilienhäuser.
Mindestens eine Million Euro würde jedes einzelne der Reihenhäuser kosten, ergibt sich aus den Kostenangaben des Investors, die er gegenüber der BVV machte.
„Hier ist eine Fläche, die eben nicht einfach irgendwie brach liegt, sondern die einen spontanen Wald enthält, der, wie man da sieht, schon sehr hochgewachsen ist. Er hat all die Qualitäten, die es für das Stadtklima, für die Artenvielfalt braucht“, so Faensen-Thiebes weiter. Mit Geschosswohnungsbau ließe sich mehr Wohnraum errichten und gleichzeitig mehr Fläche, mehr Wald von Bebauung freihalten.
Der BUND Berlin hat zum Termin Mitglieder aller demokratischen Fraktionen der BVV eingeladen und auch den Berliner Mieterverein. CDU und FDP haben abgesagt oder gar nicht reagiert, alle anderen sind gekommen.
Auch Achim Förster von der Bezirksgruppe Südwest des BUND Berlin ist vor Ort. „Diese Wälder, die hier in der Stadt spontan entstehen, bestehen aus Bäumen, die sich selbst ihr Domizil suchen mussten“, erläutert er. Die seien nicht in der Baumschule gepflegt worden und seien auch nicht gegossen worden.
Foto: Rick Heger
„Die mussten hier sehen, wie sie hier fertig werden. Und sie stammen aus einem Genom von Stadtbäumen, also von Bäumen, die hier schon eine ganze Weile überlebt haben“, so Förster weiter. „Das heißt, diese Bäume, die hier wachsen, das sind die härtesten, die man sich vorstellen kann.“ Es gehe aber nicht nur um die Bäume, es gehe auch um die Inseln der biologischen Vielfalt.
„Bitte vergreift euch nicht an diesen Wäldern“, appelliert Achim Förster. „Baut was anderes aus, baut höhere Häuser.“
Daniel Buchholz ist Vorstandsmitglied des Berliner Mietervereins und des BUND Berlin Bei diesem Termin spricht das ehemalige SPD-Abgeordnetenhausmitglied für den Mieterverein.
Bezahlbare Mietwohnungen statt Luxus
„Wenn hier etwas gebaut wird, dann werden keine bezahlbaren Mietwohnungen entstehen“, kritisiert Buchholz. 82 Prozent der Menschen in Berlin lebten zur Miete – benötigt werde bezahlbarer Wohnraum. „Und wenn hier Einfamilienhäuser oder maximal eine Reihenhausbebauung entstehen soll, ist natürlich genau das, was wir nicht brauchen. Nämlich ganz hoher Flächenverbrauch mit ganz wenig Ertrag im Sinne von Wohnungen.“
„Deswegen engagiert sich der Berliner Mieterverein in dieser Flächenschutzkampagne“, unterstreicht Buchholz. „Wenn wir etwas bebauen wollen und müssen, dann müssen das die Flächen sein, die bisher schon bebaut, versiegelt sind, also sprich alte, brachliegende Flächen, wo die Flächen schon betoniert sind, wie bei einem ehemaligen Industrieareal.“
Natürlich gehe es auch um die rund zwei Millionen Quadratmeter an Gewerbeflächen, die in Berlin leer stehen, bei denen sich keiner so richtig an die Umnutzung traue. „Das ist ein Potenzial von mehreren 10.000 Wohnungen.“ Und natürlich müsse auch alles, was Zweckentfremdung oder Missbrauch angehe auf dem Wohnungsmarkt wie Kurzzeitvermietungen beendet werden.
Reihenhäuser auf der Fläche errichten zu wollen, sei „eine baupolitische Sünde“, so Buchholz. „Als Mieterverein sagen wir es ganz eindeutig: Es darf nicht passieren, dass Berlin im Jahr 2026 noch so wertvolle Flächen komplett zu bebauen.“ In der Regel hieße das auch, dass Energieverbrauch und damit Ressourcenverbrauch, je nach Bauweise zwischen 50 und 100 Prozent höher lägen als bei einem normalen Miet-Geschosswohnungsbau.
Betonharter Investor
„Wir sehen das als schwierig an, dass der Investor nicht bereit war, sich da auf eine Diskussion einzulassen“, sagt Carolyn Macmillan, Fraktionsvorsitzende der SPD in der BVV Steglitz-Zehlendorf. Man könne erst darüber sprechen, wenn der Bebauungsplan beschlossen sei, habe der Investor ihr gesagt. Also erst in jenem Moment, in dem die BVV nichts mehr in der Hand hat, um Zugeständnisse zu bekommen.
Stadtentwicklungsstadtrat Patrick Steinhoff habe zudem erklärt, dass auch SPD-Bausenator Christian Gaebler hinter dem Projekt stehe. „Es gibt da einen gewissen Phlegmatismus, sich tatsächlich aus einer Komfortzone, wo man sagt, das war schon geklärt, herauszubewegen. Und wir als SPD, hier im Bezirk, haben eine andere Position als unsere Senatsverwaltungsgesellschaft“, sagt Macmillan.
Foto: BUND Berlin/Aruna Reddig
„Im Jahr 2026 schickt sich also unser Stadtplanungsamt an, genau diese völlig veraltete Planung auf den Boden zu bringen und dafür einen Wald wegzuroden“, konstatiert Dennis Egginger-Gonzalez von der Linken in der BVV. „Es ist völlig aus der Zeit gefallen. Aber das große Problem ist, es gibt eine politische Mehrheit dafür. Das muss man ehrlicherweise sagen.“
Er unterstreicht, dass in dieser Frage Grüne, SPD und Linke bis auf Nuancen einer Meinung seien. „Wer fehlt, das sind die FDP und die CDU, die gemeinsam mit der AfD genau diese Pläne, übrigens gegen die Zählgemeinschaft, in der sich die FDP eigentlich befindet, in der BVV durchbuchstabiert und zur Abstimmung bringt“, so Egginger-Gonzalez.
CDU-Stadtrat will Einfamilienhäuser
„Wir haben es auch mit einem Stadtrat der CDU zu tun, der sich, wir hatten Akteneinsicht, alle drei, wir wissen das, der sich persönlich gegenüber dem Berliner Senat dafür einsetzt, dass dieses Verfahren hier beschleunigt wird und das umgesetzt wird“, so der Linke-Politiker weiter.
Es soll hier gebaut werden, es soll eine Blockrandbebauung geben, es soll eine Geschosswohnungsbebauung geben, es soll so viel Wald wie möglich erhalten bleiben – das ist Konsens bei SPD, Grünen und Linke in der BVV.
„Nur dieser Geschosswohnungsbau führt dazu, dass wir eine Sozialquote haben“, so der Linke-Mann. Und rechnet vor: Rund 200 Wohnungen ließen sich in dieser Bauweise unterbringen. Weil dann die Pflicht zu einem 30-prozentigen Anteil von Sozialwohnungen greift, wären das dann allein schon 60 Stück. „Das ist alleine schon mehr als die geplanten 50 Reihenhäuser“, so Egginger-Gonzalez.
Die große Einigkeit der drei Parteien hat für Klara Ruhl, Sprecherin der Grünen Jugend in Steglitz-Zehlendorf die Folge, dass sie als dritte Rednerin keine weiteren Aspekte einbringen kann, wie sie bedauernd feststellt.
Baubefürworter im Bezirk argumentieren, dass der vor 23 Jahren gestartete Prozess zur Bebauung der Fläche nun auch einmal zu Ende gebracht werden müsse und Umplanungen weitere langjährige Verzögerungen mit sich brächten. Den Großteil der Zeit hat es allerdings auch keine konkrete Bauabsicht gegeben, das Grundstück wechselte mehrfach den Eigentümer.
Bauturbo könnte hilfreich sein
„Wir haben einen unsäglichen Bauturbo, der ist wirklich eine Katastrophe“, sagt Andreas Faensen-Thiebes vom BUND Berlin in der Diskussion. „Aber in dem Fall könnte man ja mal sagen: Ohne wieder ein langwieriges neues Bebauungsplanverfahren aufzurollen, bauen wir nach diesem Paragraf 246e des Baugesetzbuches ohne langen Prozess einfach was Vernünftiges.“
Überraschend stößt auch der Steglitz-Zehlendorfer Umweltstadtrat Urban Aykal (Grüne) zu der Runde. In dieser politischen Runde wolle er sich als Teil des Bezirksamts nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, „außer der Tatsache, dass wir als Straßen- und Grünflächenamt, vor allem auch als Umwelt-Naturschutzamt unsere Stellungnahmen entsprechend eingereicht haben. Und die deckt sich mit der Position, die hier sehr wahrscheinlich mehrfach besprochen wurde“, sagt er.
„Und jeder Mensch, der hier steht, sieht und kommt zu der Erkenntnis, oder müsste zur Erkenntnis kommen, dass hier eine andere Bauweise sehr viel zielführender wäre, nämlich nicht horizontal, sondern eher vertikal“, sagt Aykal.
Zeit für politischen Druck
Laut den Ausführungen Urban Aykals stehe auch nicht in Aussicht, dass das Bezirksamt den Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan noch vor Ende der laufenden Legislaturperiode am 20. September der BVV vorlegen würde. Das schafft Zeit, um weiter Druck aufzubauen für die Änderung der Baupläne.
Die ehemalige Grünen Bezirksstadträtin Christa Markl-Vieto plädiert dafür, den Investoren bei seinem Image zu packen. „Und wenn man da mal eine Chance hat, sich wirklich mit einem guten Projekt mal darzustellen, das wäre doch mal was. Und den Versuch, den würde ich auf jeden Fall mal noch machen“, so Markl-Vieto.
CDU-Verordnete gibt sich zu erkennen
Die Skepsis angesichts des Vorschlags überwiegt, Dennis Egginger-Gonzalez von der Linke hält das für komplett unrealistisch. Doch plötzlich meldet sich eine bis dahin stille Beobachterin zu Wort: „Das sehe ich als CDU ganz genau so“, sagt sie. Es ist Christine Mögling von der CDU-Fraktion in der BVV. „Ich würde es genauso machen, dass ich mit diesem Investor nochmal neu spreche, aber ohne ihm die Pistole auf die Brust zu setzen. Sondern versuchen, eine Win-win-Situation zu schaffen und ihm vielleicht auch Möglichkeiten aufzeigen, mit wem er eine Kooperation eingeht, mit wem er Geschossbau gut kann“, sagt sie. Im Hauptberuf ist sie übrigens Maklerin.
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