Schweizer Rohstoffkonzerne besitzen und betreiben heute knapp 200 Bergwerke. Am hĂ€ufigsten fördern sie den Klimakiller Kohle, aber auch fĂŒr die Energiewende begehrte Transitionsmineralien wie Kupfer und Kobalt. Public Eye hat diese Minen in einer umfassenden Recherche erstmals kartiert. Zehn FĂ€lle illustrieren: Vertreibungen, Umweltzerstörung und lebensgefĂ€hrliche Arbeitsbedingungen gehören zum GeschĂ€ftsmodell.
Turbo-Mode â Die Online-HĂ€ndler Shein und Temu fluten Europa mit Fast-Fashion, die nach kurzer Zeit zu MĂŒll wird. Frankreich hat dagegen ein Gesetz auf den Weg gebracht. FĂŒr die Kundschaft gibt es Alternativen
âWir glauben, dass die Schönheit der Mode fĂŒr alle zugĂ€nglich sein sollte, nicht nur fĂŒr die wenigen Privilegierten.â So wirbt die chinesische Fast-Fashion-Firma Shein. Fast minĂŒtlich gibt es auf der Online-Plattform neue Angebote. Zielgruppe sind vor allem junge Menschen, die hier Partykleider fĂŒr 8,68 Euro oder Hosen fĂŒr 14,87 erstehen können und beim Stöbern zwischen niedlich-sĂŒĂ oder hinreiĂend, lĂ€ssig, sexy oder bescheiden wĂ€hlen können.
Von vielen Ă-30-JĂ€hrigen fast unbemerkt, hat sich die 2008 von drei MĂ€nnern in China gegrĂŒndete Firma zu einem weltweit prĂ€senten Modegiganten entwickelt. Das Konzept ihrer Ultra-Fast-Fashion: Direktversand, ganz ohne Zwischenhandel, teure Lager und LĂ€den. DarĂŒber hinaus wertet Shein automatisch VerkĂ€ufe und Trends mit Hilfe von kĂŒnstlicher Intelligenz aus und schafft Anreize fĂŒr den Aufbau einer Fangemeinde. Teenager filmen sich selbst, wie sie Klamotten und Sets mit kĂŒnstlichen Wimpern auspacken. Influencer*innen erzĂ€hlen, wie toll es ist, bei jeder Gelegenheit ein neues Outfit zu tragen. âAm Anfang war ich skeptisch, aber dann habe ich es gewagt und nicht bereut. Habe sogar meine Eltern damit angesteckt â Preise, die keiner toppen kannâ, schwĂ€rmt eine Vielnutzerin.
Wo und wie die Ware gefertigt wird, erfĂ€hrt die Kundschaft nicht. Die in Deutschland als Verein organisierte âKampagne fĂŒr saubere Kleidungâ hat eine Recherche von Public Eye, einer Schweizer NGO, veröffentlicht. Demnach findet die Shein-Produktion zum GroĂteil in kleineren Firmen in der sĂŒdchinesischen Metropole Guangzhou statt. Shein schreibt die AuftrĂ€ge von oft nur 100 bis 200 StĂŒck online aus; Computer managen das Zuliefersystem hocheffektiv. Hergestellt wird, was schon bestellt ist. Manchmal dauert es vom Design bis zur Verpackung gerade einmal eine Woche; die fertigen StĂŒcke werden dann per Flugzeug nach Europa geschafft.
75 Stunden volles Risiko
Die NĂ€herinnen sind meist sehr erfahren und arbeiten nach StĂŒckzahl. Zwar können sie im Vergleich zu anderen chinesischen Textilarbeiterinnen bei guter Auftragslage mehr verdienen, tragen aber das volle Risiko. In der Regel arbeiten sie 75 Stunden pro Woche, oft ohne einen freien Tag. Einen Grundlohn oder eine Sozialversicherung gibt es ebenso wenig wie ArbeitsvertrĂ€ge. Auch in puncto Arbeitssicherheit sieht es fatal aus in den FertigungsstĂ€tten, die oft in umgebauten WohnhĂ€usern untergebracht sind.
Vieles von dem, was hier geschieht, widerspricht chinesischer Rechtsprechung. âMan sieht dem Produkt an, dass es schnell gehen mussteâ, so das Urteil von Fachfrauen ĂŒber ein Probekleid, das die Rechercheure bestellt hatten. Die QualitĂ€t der Stoffe ist oft schlecht und nicht recycelbar. Ultra-Fast-Fashion soll nach kurzer Zeit zu MĂŒll werden â und Platz fĂŒr Neues im Kleiderschrank schaffen.
Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Shein inzwischen 42 Milliarden Euro im Jahr umsetzt und damit andere Fast-Fashion-HĂ€ndler wie Inditex mit seiner Hauptlinie Zara ĂŒberholt hat. Die Ă€ltere Kundschaft tummelt sich eher auf dem Marktplatz von Temu, wo es auĂer Kleidung auch alles andere gibt, vom Tablet bis zum BlumenkĂŒbel. âShoppe wie ein MilliardĂ€r!â so die Losung dieser ebenfalls chinesischen Plattform.
Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts IFH Köln nutzten im vergangenen Jahr 43 Prozent der Befragten Online-Anbieter wie Shein und Temu. Amazon will mit seiner neuen Discount-Plattform Haul den Anschluss nicht verpassen und setzt dort ebenfalls auf Superbillig statt Superschnell. Seit der Jahrtausendwende hat sich die globale Kleidungsproduktion mehr als verdoppelt.
Am Ende der Lieferkette rollt die Paketlawine
Folge dieses GeschĂ€ftskonzepts ist eine rasch wachsende Paketlawine. Nach Angaben der EU-Kommission kamen im vergangenen Jahr tĂ€glich zwölf Millionen Pakete aus Drittstaaten nach Europa. Weil fĂŒr einen Warenwert von unter 150 Euro kein Zoll fĂ€llig wird, stĂŒckeln die VerkĂ€ufer teurere Lieferungen.
Als erstes EU-Land hat Frankreich jetzt ein Gesetz auf den Weg gebracht, um die Sintflut schnelllebiger Billigmode aus Asien einzudĂ€mmen. Zum einen sollen besonders umweltbelastende Produkte mit einer Strafzahlung von fĂŒnf bis zehn Euro belegt werden. Zum zweiten soll die Werbung fĂŒr Super-Fast- Fashion eingeschrĂ€nkt werden und auch Influencer*innen mĂŒssen mit Sanktionen rechnen. Die wichtigsten politischen HĂŒrden hat der Gesetzentwurf genommen, im Herbst könnte er endgĂŒltig verabschiedet sein. Nicht betroffen davon ist davon allerdings der stationĂ€re Handel, obwohl es bei Primark, Zara und anderen ebenfalls viel Wegwerfmode gibt, die unter katastrophalen Bedingungen produziert wird.
In den USA verlieren Shein und Temu derzeit rasant an Boden, weil US-PrĂ€sident Donald Trump die Zölle fĂŒr chinesische Waren massiv erhöht hat. Deshalb steigern die beiden Anbieter ihre Ausgaben fĂŒr Marketing in Europa und versuchen, mit noch mehr Rabatten und Aktionen KĂ€ufer zu gewinnen. Derweil verschwinden immer mehr BekleidungsgeschĂ€fte aus den InnenstĂ€dten. In den ersten Monaten dieses Jahres ist der Absatz von Hosen, Röcken, T-Shirts und Hemden im deutschen Einzelhandel um fĂŒnf Prozent zurĂŒckgegangen.
Bisher reagiert die EU verhalten auf den Tsunami auf dem Modemarkt. Die EU-Kommission erwĂ€gt zwei Euro ZollgebĂŒhr auf jedes importierte Postpaket aus Drittstaaten. Das aber wird nicht reichen, um die Billigklamottenwelle zu brechen. Eine Ăbernahme und Ausweitung des französischen Gesetzes scheint zielfĂŒhrender. Immerhin steht im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, dass sie in Abstimmung mit der EU den Einzelhandel âvor unlauterem Wettbewerb aufgrund der Flutung durch billige KonsumgĂŒter aus Fernostâ schĂŒtzen will. Notfalls sollten Accounts von Onlinehandelsplattformen gesperrt werden, so die AnkĂŒndigung.
Auch Konsument*innen, die gern hĂ€ufiger etwas Neues anziehen möchten, haben Alternativen. Die litauische Plattform Vinted ist die gröĂte Second-Hand-Plattform Europas, die monatlich von 28 Millionen Menschen genutzt wird. Auch bei Kleiderkreisel oder MĂ€dchenflohmarkt können Privatleute noch tragbare Klamotten kostenlos anbieten oder tauschen. Die Oxfam-LĂ€den nehmen hochwertige Kleidung als Spenden entgegen und verwenden die Gewinne aus dem Verkauf fĂŒr Kampagnen und Hilfsprojekte im globalen SĂŒden. Der Verein âBis es mir vom Leibe fĂ€lltâ betreibt ein VerĂ€nderungs- und Reparaturatelier fĂŒr KleidungsstĂŒcke und gibt Workshops fĂŒr diejenigen, die selbst Hand anlegen wollen. All das funktioniert nur mit Kleidung, die kein Ramsch ist.
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Links wurden nachtrĂ€glich eingefĂŒgt.