Der Kneifer, der Messias und das Ende des Westens
Täglich halte ich morgens den Atem an, wenn ich das Frühstücksfernsehen einschalte und die Nachrichten lese. Was hat Trump wieder von sich gegeben? Eigentlich möchte ich diese Artikel gar nicht mehr lesen — sie machen schlechte Laune. Aber die Autoren bringen es auf den Punkt. Deshalb möchte ich sie hier kuratieren und dokumentieren.
TACO Tuesday: Der Kneifer, der trotzdem gefährlich bleibt
Florian Harms bringt es im Tagesanbruch auf den Punkt: Der US-Präsident – selbsternannter größter Staatschef aller Zeiten – habe sich in eine Sackgasse manövriert, und die ganze Welt könne es sehen. Unter Druck keife, fauche und schimpfe er wie ein ungezogener Teenager, ein Bild, das uns jämmerlich und lächerlich erscheint. Aber leider ist die Situation ernst. Dieter Schnaas bezeichnet ihn im Tauchsieder der Wirtschaftswoche als „Prahlhans-Hegemon mit chauvinistischer Agenda und nackten Geschäftsinteressen“, der den Zenit seiner Macht überschritten habe. Doch Trump macht mir weiterhin Angst.
Jonas Stephan analysiert in seinem Gastbeitrag beim Publizisten Jan Skudlarek das sogenannte TACO-Prinzip: Trump Always Chickens Out. Das Meme, entstanden im Mai 2025, als Trump Zölle ankündigte und dann Runde für Runde zurückruderte, hat sich als geopolitische Deutungsfolie etabliert. Gerade zog er im Iran-Konflikt nach wortgewaltigen Ultimaten und martialischen Vernichtungsdrohungen mehrmals in letzter Minute die Reißleine. „Taco Tuesday“ nennt das Bastian Brauns bei t-online.
Die Befürchtung: Irgendwann kneift er nicht mehr
Das Tückische an der TACO-Erzählung ist, was sie verdeckt. Die Rückzieher waren kein spontaner Sinneswandel, sondern das Ergebnis von wirtschaftlichem Druck, politischem Widerstand im eigenen Kabinett und schlichter strategischer Planlosigkeit. Trump kneift nicht aus Klugheit, sondern weil ihm die Kontrolle entgleitet.
Wer ihn als ewigen Kneifer belächelt, übersieht, dass andere den Preis zahlen: Europäer über Energiekosten, Ukrainer über Kriegsleid, vielleicht bald Taiwanesen über etwas noch Schlimmeres. TACO ist kein Trost. TACO ist eine Ablenkung. Und ich habe die Befürchtung, dass er irgendwann einmal nicht mehr zurückzieht. Zuzutrauen ist es ihm. Oder wie es Michael Seemann schreibt: „Und dann wird er irgendwann nicht daran vorbei kommen, ein Exempel zu statuieren, um seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.“
Erlöser, Kreuzzug und Hofprediger: Die neue Staatsreligion
Erst König- und Kaiser-Fantasien, jetzt göttlicher Auftrag: Donald Trumps Selbstinszenierung hat die nächste Stufe erreicht. Beim Oster-Dinner im Weißen Haus zog er offen Parallelen zu Jesus und sich — und seine evangelikalen Hofprediger beeilen sich, diese Vorlage theologisch zu veredeln. Prediger Franklin Graham betete vor laufenden Kameras, Gott habe Trump „erweckt wie die biblische Esther“, um den Iran zu besiegen. Schon nach dem Attentat auf Trump wurde eine Erlösererzählung inszeniert — wer den Schuss überlebt, den schützt offenbar eine höhere Macht.
Was dabei entsteht, ist eine Staatsreligion mit MAGA-Lizenz. Kriegsminister und Kreuzfahrer-Tattoo-Träger Pete Hegseth hält Pentagon-Gottesdienste ab und nennt den Iran-Krieg eine heilige Pflicht. Beraterin Paula White-Cain vergleicht Trumps „Leiden“ — gemeint sind seine juristischen Verfahren — mit dem Kreuzweg Jesu. Die Trennung von Kirche und Staat, eines der Gründungsprinzipien der USA, wird nicht nur aufgeweicht, sondern aktiv umgekehrt.
Bastian Brauns analysiert das bei t-online präzise. Die angeblich christlichste US-Regierung aller Zeiten betreibt eine durch und durch unchristliche Agenda. Und bringt Papst Leo XIV. und rund 400 Bischöfe, Priester und Nonnen gegen sich auf. Arnd Henze, Theologe und Publizist, hat den christlichen Nationalismus im Interview mit der SZ (€) bereits als „eine der gefährlichsten Ideologien der Welt“ bezeichnet, und er hat recht. Wir Europäer empfinden diese Inszenierungen als lächerlich. Trump ist das offensichtlich egal, solange ihm seine Hofprediger in die Hände spielen.
Das ist nicht mehr Innenpolitik. Das ist Außenpolitik — denn ein Präsident, der sich als Werkzeug Gottes versteht, verhandelt nicht. Er verkündet.
Das Ende des freien Westens – und die Chance danach
250 Jahre westliche Ordnung. 1776. 1789. 1791. Aufklärung, Demokratie, Freihandel, universelle Menschenrechte. Friedliches Europa? Aus der Traum. Nach 80 Jahren. Und jetzt?
Dieter Schnaas schreibt im Tauchsieder der WirtschaftsWoche, dass die Jahre 2025 und 2026 als Todesjahre dessen in die Geschichte eingehen werden, was wir 250 Jahre lang unter dem „freien Westen“ verstanden haben. Der transatlantische Pakt, der Europa nach 1945 stabilisiert hat, zerbricht gerade. Trump zieht die USA aus ihrer Rolle als Ordnungsmacht zurück: „America first and America ever, in full power und splendid isolation.“
Für Deutschland und Europa bedeutet das die größte sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Russland nutzt das Vakuum. China beobachtet. Und in Berlin? Die Bundesregierung scheint auf Wunder zu hoffen, statt entschlossen europäisch zu handeln. „Aussitzen ist keine politische Strategie“, schreibt Schnaas.
Schnaas endet nicht in der Resignation. Das Ende des transatlantischen Zeitalters berge – wie nach 1945 – die Chance zur Neugründung Europas. Aus der Krise könnte ein souveränes, strategisch handlungsfähiges Europa entstehen. Die Voraussetzung: politischer Mut, doch wo ist er bisher? Stattdessen lauern allenthalben die rechtsextremen Nationalisten und hoffen auf gute Wahlergebnisse.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ – Aber sie stirbt nicht. Doch müssen die demokratischen europäischen Politikerinnen und Politiker endlich aufwachen und entschlossen handeln.
Quellen
Florian Harms: Tagesanbruch, t-online https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101127282/iran-gegen-usa-waffenruhe-wackelt-europa-sucht-ausweg-aus-der-krise.html
Dieter Schnaas: Tauchsieder, WirtschaftsWoche https://www.wiwo.de/politik/deutschland/dieses-ostern-ist-ein-andauernder-karfreitag-viel-bangen-und-wenig-hoffnung/100213999.html
Jonas Stephan: Gastbeitrag beim Publizisten Jan Skudlarek, Steady (€)https://steady.page/de/janskudlarek/posts/bf24cc53-e2c0-42b4-86e1-402d59f0363b
Bastian Brauns: Trumps Iran-Rückzug, t-online https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_101203388/trump-ruderte-im-iran-zurueck-was-hinter-seinem-rueckzug-steckt.html
Bastian Brauns: Christen schlagen Alarm, t-online https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_101199554/donald-trump-darum-schlagen-immer-mehr-christen-in-den-usa-alarm.html
Arnd Henze: Interview über christlichen Nationalismus, Süddeutsche Zeitung (€) https://www.sueddeutsche.de/politik/donald-trump-religion-christentum-rechte-demokratie-li.3452561
Michael Seemann: Krasse Links No.81 https://mspr0.de/krasse-links-no-81/
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