Das Gift der Gewöhnung

Folgen des Irankriegs: Um Iran wird ein Weltkrieg neuen Typs geführt: Bomben auf ziviles Leben sind heute Absicht. Wer dem nicht widerspricht, hat keinen moralischen Kompass.

In Indien geht das Gas zum Kochen aus, Schulen in Laos kürzen den Unterricht, und auf dem afrikanischen Kontinent werden Lebensmittel unbezahlbar. „Jeder Einzelne in jedem Land auf dieser Welt“ werde früher oder später die Auswirkungen des Irankriegs spüren, sagt die Präsidentin des Internationalen Roten Kreuzes, Mirjana Špoljarić. Manche ziehen Vergleiche mit der Coronapandemie, doch es ist eher von einem Weltkrieg neuen Typs zu sprechen. So entgrenzt seine sozialen Folgen sind, die vor allem die Ärmsten treffen, wo immer sie leben, so ungezügelt ist die Gewalt auf den direkten Schauplätzen des Kriegs.

Es liegt nahe, diesen Gewaltausbruch als Kennzeichen unserer Epoche zu deuten, einer globalen Umbruchzeit. Der geschwächte einstige Hegemon USA taumelt, und Donald Trump verleiht dem Taumeln eine besonders gefährliche Form. Aber dies ist kein vorübergehender Albtraum. Es wird zur neuen Regel, Kriege regellos zu führen, humanitäre Konvention verspottend.

Bomben auf ziviles Leben sind längst nicht mehr Kollateralschäden, sondern militärische Absicht. Das verbindet die Schauplätze Gaza, Sudan, Ukraine nun mit dem südlichen Libanon, wo die Vertriebenen mit einem Blick über die Schulter sehen, wie hinter ihnen die israelische Armee ihre Häuser, Fotoalben, Kinderbetten mit Bulldozern planiert. Für Iran werden Kriegsverbrechen – zivile Infrastruktur vernichten, jede Brücke, jedes Kraftwerk – gleich vollmundig in den Abendnachrichten angekündigt.

Gaza war ein Menetekel, kein Einzelfall. Und während die Kriegsführung verroht, wird weltweit die humanitäre Architektur untergraben. Das Budget des Roten Kreuzes, von Regierungsspenden abhängig, sank um ein Drittel, fast 3.000 Stellen wurden gestrichen, Büros und Programme geschlossen. Das ist die Kehrseite der allenthalben steigenden Militärausgaben. Deutschland, vermeintlich zu schwach, um gegen US-amerikanische und israelische Völkerrechtsvergehen einmal das Händchen zu heben, ist zum viertgrößten Rüstungsexporteur der Welt aufgestiegen, inklusive Waffendeals mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, die in Sudan einen grausamen Stellvertreterkrieg anfeuern.

Lässt sich auf all dies anders als mit Verzweiflung reagieren?

Muss ich noch erwähnen, dass der Irankrieg, vermeintlich gegen eine atomare Gefahrenquelle gerichtet, zur nuklearen Proliferation beitragen wird? Was Iran nach 2015 widerfuhr, nachdem es in einen umfassenden Vertrag eingewilligt hatte, den US-Präsident Donald Trump dann cancelte, ist eine Lektion nicht allein für Nordkorea: Atomwaffenbesitz bietet Schutz, während Abmachungen nicht schützen. Israel, das sein Atomprogramm (anfänglich von der Bundesrepublik mitfinanziert) stets jeder internationalen Kontrolle entzog, führt nun einen vom Westen als legitim erachteten Krieg gegen ein Land, das sein Programm der Kontrolle unterstellte. Voilà.

Lässt sich auf all dies anders als mit Verzweiflung reagieren? Wer nach dem Ende der Sowjetunion Alternativen zur Nato suchte, wurde verhöhnt. Heute bettelt Europa, der irrlichternde Faschist Trump möge das Bündnis nicht verlassen – so weit ist es gekommen. Nahezu alles, was Friedensbewegung und Friedensforschung über Jahrzehnte angemahnt haben, war richtig. Und was sie als künftige Schrecken ausmalten, wird heute von der Realität übertroffen. Die Katastrophe, in der wir uns befinden, war vermeidbar. Es ist wichtig, sich dies wieder und wieder ins Bewusstsein zu rufen, damit wir aus dem Zustand der Hilflosigkeit und des intellektuellen Überwältigtseins hinausfinden.

Es gab eine Zeit, als in Deutschland Faschingsumzüge abgesagt wurden, um stattdessen gegen George W. Bushs Irakkrieg zu demonstrieren: Kein Blut für Öl! Wenn Trump nun ganz offen sagt, er wolle das Öl Irans, herrscht geisterhafte Stille – und politische Verwirrung. Doch gegen diesen Krieg einzutreten, heißt nicht, das Teheraner Regime zu verteidigen. Genauso wenig war es eine Verteidigung der Hamas, gegen den Genozid in Gaza zu protestieren. Sich von solchen ideologischen Kurzschlüssen nicht beeindrucken zu lassen, ist auch ein Beitrag zur eigenen geistigen und emotionalen Gesundheit.

Es täuscht sich, wer meint, diese Art von Kriegen würde uns, die wir abseits stehen und zuschauen, nicht verändern

Denn das Gift der Gewöhnung zersetzt unser Denken ebenso wie unsere Fähigkeit zur Empathie. Es täuscht sich, wer meint, diese Art von Kriegen würde uns, die wir abseits stehen und zuschauen, nicht verändern. Wir sind „nach Gaza“ nicht mehr die Gleichen wie vorher. Es gibt eine indirekte Brutalisierung der Zuschauenden und Schweigenden.

Offene Angriffe müssen empören

Es mangelt heute so oft an einem moralischen Kompass. Das gilt auch für jene Strömung der iranischen Diaspora, die in den USA Trump umschmeichelte und von ihm die Bombardierung Irans verlangte. Eine derartige Forderung mit lang angestauter Verzweiflung zu erklären, mag für Menschen innerhalb Irans gelten. Doch kaum für jene, die aus nächster Nähe Trumps hemmungslosen Rassismus erleben und seine Verachtung aller Nichtweißen. Nun, wie einst der Schah, glauben vielleicht manche heutige Monarchisten, Iraner seien eigentlich Westler und nur durch einen „geografischen Zufall“ in Asien beheimatet.

Es hilft, sich an menschlicher Gleichheit zu orientieren, gerade wenn man den Menschen in Iran ein Leben in Würde wünscht. Ein offen angekündigter Angriff auf iranische zivile Infrastruktur muss genauso empören, als gälte diese Drohung zum Beispiel Österreich. Wenn iranische Krankenhäuser bombardiert werden (und es gibt mehr als 20 verifizierte Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen), ist das genauso verwerflich wie russische Bomben auf ukrainische Kliniken. Und das Teheraner Pasteur-Institut anzugreifen, war so kriminell, als wäre es das Pariser Mutterinstitut gewesen.

Über Charlotte Wiedemann / Gastautorin:

Charlotte Wiedemann ist Autorin von Auslandsreportagen, Essays und Büchern, seit 2003 mit dem Schwerpunkt "Islamische Lebenswelten". Recherchen in etwa 30 außereuropäischen Ländern, darunter Iran, Pakistan, Ägypten, Jemen, Libyen, Saudi-Arabien, Libanon, Türkei, Syrien, Oman, Tunesien, Marokko, Usbekistan, ferner Nigeria, Swasiland, Kamerun, Senegal, Tansania, Sudan und besonders häufig Mali. Ihre hier übernommenen Texte sind zuerst in ihrer "Schlagloch"-Kolumne auf taz.de, für die sie in den 90ern als Korrespondentin in Bonn gearbeitet hat, erschienen.

Das Gift der Gewöhnung – Beueler-Extradienst

Wie kann Wissenschaft dazu beitragen, die Zukunft vorherzusagen und damit bessere politische Entscheidungen zu treffen? Am Beispiel von Trumps Einfluss auf den Russland-Ukraine-Krieg zeigt Jonas J. Driedger Möglichkeiten und Grenzen auf. Jetzt im neuen PRIF Spotlight:
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Krieg und Frieden vorhersagen? Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Prognosen zum Ukraine-Krieg und der Rolle Trumps - PRIF BLOG

Politik muss die Zukunft vorhersagen. Genauer: Strategien zur Lösung schwerwiegender Probleme sollten auf umfassenden und wohldurchdachten Einschätzungen aufbauen – zur Wahrscheinlichkeit zukünftiger Entwicklungen, zu Risiken und zu Chancen. Zentral für solche Einschätzungen sind wissenschaftliche Analysen – auch und gerade bei politisch weitreichenden Phänomenen wie Krieg und Frieden. Dieses Spotlight zeigt daher am Beispiel vergangener Prognosen und Empfehlungen zum Russland-Ukraine-Krieg auf, wie Wissenschaft zur besseren geopolitischen Entscheidungsfindung beitragen kann, wo sie an Grenzen stößt und wo ihre Potenziale liegen. 

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Nüchterne Machtpolitik statt „naiver“ Globalisierungspolitik? Diese Verständnis internationaler Politik greift zu kurz und ignoriert die Risiken der Machtpolitik, argumentiert Dirk Peters im neuen PRIF Spotlight.
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Sicherheit, die uns unsicher macht: Die neue Selbstverständlichkeit der Machtpolitik - PRIF BLOG

Nach Jahren der Globalisierung scheint die Welt in die Logik der Macht zurückzufallen. Die Kritik an „naiver“ Globalisierungspolitik hat Hochkonjunktur. Zunehmend wird auf nüchterne Machtpolitik gesetzt, auf Unabhängigkeit und militärische Stärke statt auf Vernetzung und internationale Organisation. Doch die Hinwendung zur Machtpolitik droht die Fehler der Globalisierungspolitik unter anderen Vorzeichen zu wiederholen. Im sicheren Glauben die Welt nun verstanden zu haben, wird „alternativlose“ Politik betrieben, die ihre eigenen Risiken übersieht und die Welt so auf Dauer unsicherer zu machen droht.

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W&F 1/26 ist da und landet bald in euren Briefkästen! Themenschwerpunkt diesmal: #Ozeanien – die See der Inseln. Mit Beiträgen zu kolonialen Kontinuitäten, Widerstand gegen Strukturen der Gewalt und der Rolle der pazifischen Inselstaaten auf internationaler Bühne. Hier findet ihr die neue Ausgabe ab morgen 👉️www.wissenschaft-und-frieden.de
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Extension of the regional network "Bavarian Centre for Peace and Conflict Research"
https://www.uni-bayreuth.de/en/press-release/extension-regional-network
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Extension of the regional network "Bavarian Centre for Peace and Conflict Research"

The Federal Ministry for Research, Technology and Space (BMFTR) has extended the interdisciplinary regional network "Bavarian Centre for Peace and Conflict Research" until 2028. The network brings together the University of Bayreuth, the University of Augsburg as well as the Institute of Contemporary History (IfZ) Munich–Berlin, and collaborates with additional regional partners such as the Bavarian Research Alliance for Peace, Conflict, and Security Research (FoKS). It examines dynamics of political change and their peace-relevant consequences and pursues regional networking activities to promote peace and conflict research.

#Friedensforschung zeigt seit Popper: Das #Toleranz-Paradoxon gilt besonders gegenüber Tyrannen … wer grenzenlos tolerant gegenüber aggressiver Intoleranz ist, zerstört die Voraussetzungen für Frieden selbst. …

Fabian Scheidler von Kontext TV und Josef Muehlbauer von Empowerment for Peace zum Buch "Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere feinde selbst zu schaffen" (Promedia Verlag)

#frieden #Friedenspolitik #friedensforschung #buchtipp #buch #buchempfehlung #Krieg

https://www.youtube.com/watch?v=BJqHsE6UGUc

Friedenstüchtig - sind wir bereit für den Frieden? - Fabian Scheidler (258)

YouTube

RE: https://mastodon.social/@JosefMuehlbauer/115667276467987507

"Die #Friedensforschung versucht, diese Dynamiken zu deuten. Die #kritischeFriedensforschung geht jedoch weiter – sie beleuchtet, wie gesellschaftliche, politische und ökologische Prozesse miteinander verwoben sind, und zeigt, welche Chancen für Frieden jenseits militärischer Antworten bestehen."

Heinemann: ".. nur wenig Kraft, Energie und Mühe wurden in der Regel darauf verwandt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man hätte Krieg vermeiden können."

Immer noch aktuell, wie wir Frieden erreichen können.

"Das Argument, dass mehr Waffen auch mehr Kriegstote bedeuten, hat – für mich erstaunlich! – keinen erkennbaren Stellenwert bei der Suche nach einer diplomatischen Lösung.

Wer sich dieser Kriegslogik auch nur in Ansätzen widersetzt, zur Vorsicht mahnt und auf eine politisch-diplomatische Kriegsbeendigung drängt, trifft auf eine vergiftete Diskussionsatmosphäre.

Rasch kommt es erneut zu den altbekannten antipazifistischen Reflexen: Die Andersdenkenden seien naiv, weltfremd, politikunfähig oder defätistisch."

https://www.blog-der-republik.de/krieg-in-der-ukraine-ein-gastbeitrag-von-wolfram-wette/

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Krieg in der Ukraine – Ein Gastbeitrag von Wolfram Wette | Blog der Republik

Unser Gastautor Prof. Dr. Wolfram Wette, geboren 1940, Historiker. Von 1971 bis 1995 arbeitete er am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Freiburg im Breisgau, ab 1998 Professor für Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Er ist Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung (AHF) und Mitherausgeber der Reihe "Geschichte und Frieden" sowie des Jahrbuchs "für Historische

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