Über Fehler redet man nicht gerne
Geht mir genauso:
Vor längerer Zeit war auch ich Autofahrer.
Bis vor kurzem lief bei uns noch eine Gasheizung.
Am Klimawandel klar mitschuldig also.
Wer nicht von (lieben) schädlichen Gewohnheiten runterkommt, aber die verbleibenden Schuldgefühle loswerden, zumindest erträglicher machen möchte, sucht - und findet sicherlich auch - Wege.
Eingefleischte Autofahrer wechseln zum Elektroauto, auch wenn das Ding unnötig groß und schwer ist und die Umgebung sogar mit höherem Reifenabrieb belasten sollte. https://www.ardalpha.de/wissen/umwelt/reifenabrieb-mikroplastik-fahrstil-umwelt-100.html
Die 'umweltfreundliche' Alternative zu Erdgas ist Biogas - das, wohlgemerkt, NICHT unbedingt in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln hergestellt sein muß, weil Methan in manchen industriellen Prozessen bei der Verarbeitung von organischen Stoffen anfällt.
https://utopia.de/ratgeber/oekogas-biogas-klimagas-windgas-naturgas-p2gas-erdgas-unterschiede/
https://energiewende.social/@ews/111487446706601269
Es *kann* also sehr sinnvoll sein, industriell produziertes Methan zu verbrennen, anstatt es in die Luft zu entlassen. Trotzdem: Wenn es eine NOCH zukunftsfähigere Heizmöglichkeit gibt, wählt man besser diese.
Es sind aber auch Ausweichangebote 'auf dem Markt', die bei näherer Betrachtung nur zum Schein gut sind: CO2-Zertifikate. Diese sollen den persönlichen CO2-Fußabdruck beispielsweise beim Fliegen verkleinern oder ganz kompensieren.
So könnte man auch andere Zertifikate zum Geschäftsmodell machen:
- Wer bei Rot über die Straße geht und erwischt wird, kann von mir bescheinigt bekommen, daß ich eine Kreuzung zweimal nicht bei Rot überquert habe (*ein* Zertifikat brauche ich für mich selbst).
- Wer jemand um die Ecke gebracht hat, könnte ... Nee, das ginge zu weit.
Manche sind vorsichtig geworden.
Die Lufthansa riskiert nicht zu behaupten, daß das Fliegen mit ihr irgendwann ganz klimaneutral werden könnte, auch wenn die Politik und die Medien so etwas andeuten. Die Lufthansa lagert die Verantwortung für solche Versprechen lieber an Leute aus, die es nicht so genau nehmen. MyClimate.org sagt immerhin: "Klimaneutral heißt nicht CO₂-frei." https://www.myclimate.org/de-de/informieren/faq/faq-detail/was-heisst-klimaneutral/
Man darf es anders ausdrücken: CO2-frei ist nicht unbedingt auch klimaneutral.
Jan Schroeder schreibt in der taz über eine Augenwischerei, wie die sowieso fällige Wiederaufforstung in einem Staatsforst von Rheinland-Pfalz durch CO2-Zertifikate zum Geschäft gemacht wurde.
https://taz.de/!5995947
https://www.ecosystemvalue.org/
Im rheinland-pfälzischen Teil der Eifel waren Bäume mit schwerem Gerät gefällt und samt Totholz weggeräumt worden; der Boden hatte zwischendurch offen dagelegen. Die Erwärmung hatte den Boden zum Kohlenstoff-Emittenten gemacht, was er noch für Jahre nach der Wiederaufforstung bleiben wird. Die Ausgabe von CO2-Kompensationszertifikaten für 90€ je Tonne CO2 verhindert das Fällen der Bäume für gerade einmal 30 Jahre.
Dann erlischt die Pflicht, die Bäume zu erhalten.
Ob der Verkauf dieser Zertifikate ein Fehler ist, möchte ich nicht beurteilen.
Es gibt genug Bereiche, wo sich klima- und umweltschädliche Emissionen auch ohne Zertifikate sehr leicht vermindern ließen: zum Beispiel durch die Ausweisung von Fahrradstraßen und den Bau von Radwegen abseits von stark frequentierten Land- und Bundesstraßen. Ohne Tricks und Selbsttäuschung.
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