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Werbearchive der groĂen Plattformen: Zu wenig Daten, kaum vergleichbar und schlecht zu bedienen
Wie setzen groĂe Plattformen die neuen EU-Vorgaben fĂŒr Transparenz bei Online-Werbung um? Schlecht, sagt eine Analyse der Mozilla Foundation. Die Plattformen wĂŒrden Zivilgesellschaft, Journalismus und Forschung weiter Steine in den Weg legen.
16.04.2024 um 07:00 Uhr
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Markus Reuter â in
Ăffentlichkeit â
keine ErgÀnzungen Im Paris des 19. Jahrhunderts war das mit der Werbetransparenz ganz anders.
â Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Bridgeman Images Schwer zu bedienen, kaum vergleichbar und zu wenig aussagekrĂ€ftig: Das Zeugnis, das die Mozilla Foundation den Transparenzarchiven groĂer Plattformen ausstellt, ist verheerend. âKeines der von den elf gröĂten Technologieunternehmen der Welt geschaffenen Tools zur Transparenz von Werbung funktioniert so effektiv wie nötig.â So lautet das Fazit einer heute veröffentlichten Studie, die die Mozilla-Stiftung zusammen mit CheckFirst durchgefĂŒhrt hat.
Das Digitale-Dienste-Gesetz der EU schreibt in Artikel 39 vor, dass Online-Plattformen und Suchmaschinen mit mehr als 45 Millionen Nutzer:innen ĂŒber so genannte âWerbearchiveâ verfĂŒgen mĂŒssen, die sie der Ăffentlichkeit zur VerfĂŒgung stellen. Diese Archive sollen Einblick geben, welche Akteure welche Art von Werbung auf welchen Plattformen schalten â und so mehr Transparenz ĂŒber Online-Werbung und politische Einflussnahme geben. Archiviert werden die Inhalte der Werbeanzeigen von Unternehmen, VerbĂ€nden oder politische Parteien. AuĂerdem enthalten die Archive Meta-Informationen zu Platzierung, Kosten oder Reichweite der Anzeigen.
Doch wie einfach sind diese Bibliotheken fĂŒr Journalismus, Wissenschaft und Interessierte abrufbar? Wie gut und aussagekrĂ€ftig sind die Daten selbst? Werden Sie in strukturierter, maschinenlesbarer und vergleichbarer Form angeboten? Die Mozilla Foundation untersucht diese fĂŒr Werbearchive von folgenden Dienste: AliExpress, Apple App Store, Bing, Booking.com, Alphabet (Google Search und YouTube), LinkedIn, Meta (Facebook und Instagram), Pinterest, Snapchat, TikTok, X und Zalando.
Das Ergebnis ist mehr als ernĂŒchternd. Die Analyse findet groĂe Unterschiede zwischen den Plattformen, aber auch eine Gemeinsamkeit: âKein Werbearchiv ist voll funktionsfĂ€higâ und keines biete Forscher:innen und zivilgesellschaftlichen Gruppen die Werkzeuge und Daten, die sie benötigen, um die Auswirkungen zum Beispiel auf die bevorstehenden EU-Wahlen effektiv zu ĂŒberwachen.
Alle Transparenzarchive fallen durch
Tools zur Werbetransparenz seien fĂŒr die Rechenschaftspflicht von Plattformen unerlĂ€sslich â eine erste Verteidigungslinie, wie Rauchmelder, sagt Claire Pershan von Mozilla. âUnsere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die meisten der weltweit gröĂten Plattformen keine funktional nĂŒtzlichen Werbearchive bereitstellen. Die aktuellen Tools existieren, ja â aber in einigen FĂ€llen ist das auch schon alles, was man ĂŒber sie sagen kannâ, so Pershan weiter.
Konkret untersucht die Studie Faktoren wie die Tiefe der bereitgestellten Informationen ĂŒber die Werbung und ihre Inserenten, die verwendeten Targeting-Kriterien und die Reichweite der Werbung. âAuĂerdem bewerten wir die VollstĂ€ndigkeit des Werbespeichers, die VerfĂŒgbarkeit historischer Daten sowie die ZugĂ€nglichkeit, Konsistenz und Dokumentation der bereitgestellten Toolsâ. Auch Schnittstellen fĂŒr automatisierte Datenabrufe werden untersucht, sofern die Plattformen sie anbieten.
Der gesamte Vergleich ist in der Studie abrufbar.
â Alle Rechte vorbehalten Mozilla FoundationGrundsĂ€tzlich kritisiert die Studie, dass die Datenformate nicht vergleichbar seien, weil alle die gesetzlichen Anforderungen anders aufbereiten wĂŒrden. Als Negativbeispiele nennt die Studie AliExpress, Twitter/X, Bing, Snapchat und Zalando, deren Angebote besonders schlecht seien. Ihnen fehlten aussagekrĂ€ftige Daten und FunktionalitĂ€t.
Die MÀngel der Umsetzungen sind sehr verschiedenen: WÀhrend AliExpress keine Schnittstelle bietet, lÀsst sich bei Apple das Werbe-Targeting nicht auf LÀnderebene auslesen, bei Booking.com lÀsst sich schwer herausfinden, welche Werbung gemeint ist, bei Alphabet (Google) kann man nicht nach Schlagworten suchen, wÀhrend Twitter/X gar keine WeboberflÀche, sondern nur CSV-Dateien zum Download anbietet.
Die Studie kommt zum Schluss, dass keine der Plattformen die Werbedaten in zufriedenstellender Form bereitstelle. âZwar sehen wir gegenĂŒber unseren Bewertungen fĂŒr 2019 deutliche Verbesserungen bei Google und Facebook, wie die kritische Einbeziehung von Targeting- und Engagement-Daten (wie sie im Rahmen des DSA vorgeschrieben sind), doch selbst diese sollten angesichts der anhaltenden EinschrĂ€nkungen bei FunktionalitĂ€t und Zugang nicht als Beispiel dafĂŒr dienen, was ein gutes Werbearchiv fĂŒr Forscher oder die breite Ăffentlichkeit ausmacht.â
Plattformen sollen nachbessern
Von den Plattformen fordert die Mozilla Foundation, dass diese Zugangshindernisse beseitigen. GrundsĂ€tzlich sollten umfassendere Daten ĂŒber Werbekampagnen und detailliertere Informationen ĂŒber Werbeabsichten und -wirksamkeit enthalten sein â und diese Daten auch besser durchsuchbar sein. Luft nach oben gĂ€be es auch bei der Dokumentation und der Bedienbarkeit, sowie bei einer Harmonisierung der genutzten Schnittstellen.
Dem Gesetzgeber schlĂ€gt die Studie vor, gemeinsam mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft Leitlinien fĂŒr die Ausgestaltung der Archive zu entwickeln, sowie standardisierte Schnittstellen verpflichtend einzufĂŒhren, damit eine Vergleichbarkeit hergestellt werden kann. Zudem mĂŒssten Offenlegungsregeln fĂŒr Influencer-Werbung verschĂ€rft werden.
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Author: Markus Reuter
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