Der Haken an Spotifys Echtheits-Häkchen
Vor einer Woche stiess Kollege Reto Vogt auf Linkedin eine interessante Diskussion an. Es ging um die Initiative von Spotify zur Stärkung «echter» Musik. Am 30. April teilte der Streamingdienst mit, er wolle «ein Zeichen für Authentizität und Vertrauen für die Künstler hinter der Musik» aussenden und führe den «Verified by Spotify»-Badge ein.
Spotify vergibt diese virtuelle Echtheitsplakette an Personen, die als «reale Künstlerpräsenz» erkennbar seien. Dazu braucht es Aktivitäten in den sozialen Medien und im echten Leben. Dieser Beweis lässt sich im Bereich der Musik am ehesten erbringen, indem man auf einer Bühne steht und Konzerte gibt. Als Kriterium müssen die Musikerinnen und Musiker eine aktive Hörerschaft im Rücken haben und sich an die Regeln halten. Ich nehme an, dass das Leute ausschliesst, die ihre Einschaltquote mittels Bots in die Höhe treiben.
«Labels behandeln das Symptom»
Diese Massnahme ist natürlich dazu da, die KI-Spreu vom menschlichen Weizen zu trennen. (Ich entschuldige mich in aller Form für diese Metapher.) Das ist eine andere Herangehensweise, als die künstlich generierte Musik mit einem Label zu kennzeichnen.
Reto Vogt hält den Spotify-Badge für den falschen Weg:
Ein Häkchen verifiziert den echten Menschen. Bedeutet: Wer nicht verifiziert ist, gilt implizit als verdächtig; wer sich verifiziert hat, hingegen als echt. Auch wenn er oder sie es nicht ist. Labels behandeln das Symptom. Die Krankheit ist eine andere: Wir haben keine gemeinsame Vorstellung davon, was «menschlich gemachte» Inhalte in einer Welt bedeuten, in der KI in jeden Schritt des Produktionsprozesses eingebettet ist. Nicht am Anfang, nicht am Ende, sondern mittendrin.
Ich bin nicht einverstanden. Natürlich weist Reto Vogt zu Recht darauf hin, dass auch echte Musik einen KI-Anteil aufweisen kann. Daran ist nichts auszusetzen, denn die Musik-KI lässt sich eben nicht nur als Alleinunterhalter, sondern als musikalischer Sparringspartner einsetzen. Daraus lässt sich die Frage ableiten, wie gross denn der KI-Anteil sein darf, dass ein Stück noch als «echt» gelten darf: zwanzig Prozent? Die Hälfte? Drei Viertel? Und wie berechnet man das überhaupt?
Ob der Mensch echt ist, lässt sich beurteilen
Angesichts dieser Überlegung leuchtet Spotifys Ansatz ein. Der Badge setzt nicht beim Stück an, sondern beim Menschen, der seine Kunst verkörpert. Ich bin überzeugt, dass die meisten von uns sich diesbezüglich ein Urteil zutrauen würden. Plakativ gesagt: Wenn mich Kunst berührt, dann berührt sie mich. Sie löst etwa aus, bringt eine Saite zum Schwingen, sie zündet den göttlichen Funken. Diese Metaphern (und es gäbe noch weitere) zeugen davon, dass der Effekt von Kunst schwer in Worte zu fassen ist, aber von den meisten von uns intuitiv identifizierbar ist. Und wenn das passiert, kann uns der Entstehungsprozess und der KI-Anteil herzlich egal sein.
Mit anderen Worten: Wir haben sehr wohl eine gemeinsame Vorstellung davon, wer das Prädikat «menschlich» in Spotifys Sinn verdient – auch wenn das nicht heisst, dass ich bei Spotifys Schlichtungsstelle würde arbeiten wollen.
Ein offensichtliches Problem an der Lösung liegt darin, dass der «Verified by Spotify»-Badge junge Künstlerinnen und Künstler benachteiligt. Man muss sich erst eine Hörerschaft aufbauen – und das ist wiederum schwieriger, wenn potenzielle Fans nur Künstlerinnen und Künstler hören, die den Badge bereits haben. Allerdings ist das ein Anreiz, eben nicht nur flüchtigen Trends hinterherzuhecheln, sondern auf Eigenständigkeit und Wiedererkennung zu setzen. Auch das kein schlechter Anreiz.
AI Slop beweist das Gegenteil
Reto Vogt stellt dem Badge den Kodex des Schweizer Verlegerverbands entgegen, der auf Vertrauen und Verantwortung setze. Diese Gleichstellung funktioniert meines Erachtens nicht. Man kann eine Regelung, die für den überschaubaren Schweizer Medienmarkt (vielleicht) funktioniert, nicht auf eine globale Plattform übertragen, auf der jedermann und seine Grossmutter mit minimalem Aufwand einen Suno-generierten Track hochladen kann.
Wenn wir uns das AI‑Slop-Problem vergegenwärtigen, dann scheint mir sonnenklar, dass Selbstdeklaration nicht funktioniert. Wenn sie es täte, wäre das Problem bereits gelöst. Die KI-Songinfos gibt es bei Spotify nämlich bereits.
Nun legte der «Deutschlandfunk» im März dar, dass AI-Slop-Kreatoren bekannte Künstlerinnen und Künstler kopieren, um ihnen einen Teil der Tantiemen abzujagen. Wer diese Masche wählt, wird kaum ehrlich ein KI‑Label setzen – genauso wenig, wie ein Engagement Farmer das auf Facebook tut. Wenn man diese Masche anwendet, dann wird man logischerweise auch keine Mühe haben, das KI-Label zu «vergessen». Aus Sicht der authentischen Künstlerinnen und Künstler ist der Beweis der Authentizität daher der bessere Weg, als zusehen zu müssen, wie die eigene Kunst von KI-Trittbrettfahrern geklaut wird.
Beitragsbild: Das Konzert ist Beweis genug – diese Musik stammt nicht von der KI (Chloe_Dupre, Pixabay-Lizenz).
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