Das Metaversum ist tot. Und das ist gut so!

Ist das Metaversum tot oder riecht es bloss komisch?

Die Meldungen sind widersprüchlich. Vor zwei Wochen schrieb Meta, man ziehe Horizon Worlds den Stecker. Als kompletten Strategiewechsel wollte man das nicht verstanden wissen. Man investiere weiterhin ins Quest-Erlebnis, lautete die Durchhalteparole. Ein paar Tage später ruderte Meta-Technikchef Andrew Bosworth noch einige Zentimeter weiter zurück. Er bekräftigte, die vorhandenen Spiele würden verfügbar bleiben.

Doch angesichts weiterer Einschnitte wie der Massenentlassung beim Reality Lab lässt sich die Botschaft kaum fehlinterpretieren: Das soziale Netzwerk für VR-Brillen-User ist Geschichte. Und Mark Zuckerbergs Aufbruch in die virtuelle Realität entpuppt sich als sagenhafter Flop. Es wird zwar noch darüber gesprochen, ob die 80-Milliarden-Investition komplett für die Katz war. «Business Insider» führt an, Metaversum habe sich bei der Hardware breiter aufgestellt, sich von Apple und Google emanzipiert und Synergien zur KI-Initiative geschaffen. Das kann man so sehen, man muss aber nicht.

Jedenfalls gibt mir das – einen Tag vor Aprilbeginn! – Gelegenheit für eine schöne neue Folge meiner Sommerserie. In der krame ich im Archiv und übe Selbstkritik: Wie gut halten meine Behauptungen von damals den heutigen Erkenntnissen stand? Denn natürlich war die Transformation von Facebook zum Metaversum für mich als Digitalredaktor 2021 ein riesiges Thema. Also, habe ich mich blamiert, indem ich damals behauptete, Mark Zuckerberg habe das Ei des Kolumbus gefunden?

Hätte man ahnen können, dass Mark Zuckerberg über die eigenen Füsse stolpern wird?

Fangen wir bei der handfestesten Prognose an: Wird Mark Zuckerberg Erfolg haben?, fragte ich mich selbst am 29. Oktober 2021. Die Antwort lautete, das hänge davon ab, was die Konkurrenz, also Apple, Microsoft, Google und Amazon, tue: Sie «werden nicht tatenlos zusehen, wenn sich in Zuckerbergs Metaversum nennenswerte Ansammlungen von Nutzern ergeben sollten».

Heute wissen wir, dass Apple zwei Jahre später die Vision Pro lancierte. Aber die Strategie wirkt bis heute so halbherzig, dass wir keine Absicht erkennen können, Meta mit dieser Brille nur eine Handbreit Territorium streitig zu machen. Im Gegenteil: Apple scheint so wenig an die virtuelle Realität zu glauben, dass Mark Zuckerberg auf weiter Flur der einzige Tech-Mogul war, der in ihr ein nennenswertes Geschäftsfeld sah. Microsoft, Google und Amazon liessen allesamt die Finger davon und das Metaversum scheiterte trotzdem.

Gesellschaftlich akzeptiert? Oder wie einer auf Twitter schrieb: «Ich kann nicht erwarten, von dieser Dame hier gefeuert zu werden.»

Liess ich die Möglichkeit ausser Acht, dass die Vision selbst nichts taugen könnte? Übersah ich, dass Mark Zuckerberg über seine eigenen Füsse stolpern könnte? Ja! Doch einige seiner Fehleinschätzungen entgingen mir nicht.

«Tragt die Demokratie ins Metaversum!»

Mark Zuckerberg träumt vom Metaversum, unterstellte ich dem Meta-Chef Mitte Oktober 2021. Da steckt der Vorwurf der Abgehobenheit bereits im Titel. Ich machte ihm auch den Vorwurf, mit seinen technoiden Fantasien von den realen Problemen seines Konzerns ablenken zu wollen. Und im Beitrag Metaversum ja – aber nicht nach Zuckerbergs Gusto stellte ich mich auf den Standpunkt, Zuckerberg sei der falsche Mann für diesen Plan: Sein «surreales Insel-Elysium» sei kein Ort, in den sich unsere Gesellschaft führen lassen sollte. «Tragt die Demokratie ins Metaversum!» lautete meine Forderung. Das Metaversum lässt sich nicht allein als technische Herausforderung verstehen, wie es Apple tut. Und es ist mehr als eine weitere Plattform. Es müsste einen klaren, erkennbaren und weithin akzeptierten Nutzen für die Menschheit haben, damit die sich überhaupt damit zu beschäftigen braucht.

Damit sind wir beim Punkt, der etwas interessanter ist als die Frage, wie visionär ich damals im Vergleich zu Mark Zuckerberg war. Es ist die Frage, ob die Idee einer virtuellen Parallelwelt endgültig tot oder bloss aufgeschoben ist.

Ich bin der Überzeugung, dass letzteres der Fall ist. Die Sehnsucht nach Immersion ist viel älter als Zuckerbergs kindlich-kapitalistische Eroberungsmission. Sie spannt sich vom antiken Bühnenbild zum Cyberhelm, und sie ist unzerstörbar. Indessen braucht es eine Zugangsmethode, die nicht auf klobige, teure und unbequeme Hardware setzt, sondern auf eine neuronale Schnittstelle oder meinetwegen auf ein Hirn-Implantat.

Damit sind wir derzeit wieder in der Sphäre der Science-Fiction, wo das Metaversum schon immer am besten aufgehoben war. Dort wird es noch viele Jahre hervorragend aufgehoben sein. Denn vorerst und weiterhin gilt: Künstliche Intelligenz schlägt virtuelle Realität.

Beitragsbild: Bevor es hier weitergeht, wäre zuerst diese Sache mit der KI zu regeln (Shvets Production, Pexels-Lizenz).

#MarkZuckerberg #Sommerserie #Wochenkommentar