Deutschlandfunk Hörsaal: "Krise der Demokratie - Warum unsere Gesellschaft Vertrauen braucht"
In dieser Folge des Hörsaal-Podcasts legt der Soziologe Aladin El-Mafaalani seine Thesen zum Zustand unserer Gesellschaft dar. Mir erscheint es als die bisher beste Erklärung dazu, was hier heutzutage los ist und wie es dazu kommen konnte.
Es geht um Vertrauen und Misstrauen und auch um es mir selber zu sortieren versuche ich mal, seine Thesen grob zusammenzufassen:
- Vertrauen reduziert die Komplexität des Daseins, weil Aufgaben delegiert werden können. Eine positive Erwartung (in fremde Menschen) wird als unbedingte Voraussetzung für die Entstehung funktionierender Gesellschaften gesehen, weil dadurch überhaupt erst Energie für Entwicklung frei wird.
- Dem steht Misstrauen gegenüber, das mithilfe einfacher Erklärungsmuster ebenfalls Komplexität verringert und das Leben erträglicher macht. Misstrauen zweifelt drei tragende Säulen einer liberalen Gesellschaft prinzipiell an - das wären das Rechtssystem, Journalismus und Wissenschaft.
Im Weiteren argumentiert er:
- Es gibt heutzutage nicht mehr misstrauende Menschen, aber sie waren früher isoliert. Mithilfe heutiger digitaler Vernetzung gewinnen sie an Wirkmacht und Handlungsfähigkeit und erscheinen stark.
- Digitale algorithmische Infrastruktur verstärkt und bevorteilt Misstrauen gegenüber Vertrauen.
- Auch wenn ein gewisses Misstrauen als Regulativ notwendig ist, lassen sich entwickelte (komplexe) Gesellschaften nur durch umfassende Vertrauensstrukturen dauerhaft erhalten.
- Unentschiedene Menschen, die nicht mehr vertrauen, aber noch nicht misstrauen, werden zunehmend eine Seite wählen, weil die Komplexität unserer Zeit nicht dauerhaft auszuhalten ist.
- Dieser unentschiedene Teil ist derzeit noch die Mehrheit, eine Entscheidung 'für' oder 'gegen' führt langfristig dann tatsächlich zu einer Spaltung der Einstellungen in der Gesellschaft.
Seines Erachtens ist der misstrauende Teil der Menschen kaum kurzfristig zurückzuholen. Man adressiert daher besser den unentschiedenen Teil, indem man deren Bereitschaft zu Vertrauen bzw. generell noch verbliebenes Vertrauen in die Systeme stärkt.
Dazu muss sich vor allem der Journalismus und auch die Politik ändern, denn beide haben sich zu einem Teil der von El-Mafaalani sogenannten "Misstrauens-Infrastruktur" entwickelt.
Ich werde mir mal sein Buch "Misstrauensgemeinschaften" besorgen und sehen, was genau dahinter steckt. Fürs Erste ist das aber definitiv eine Hörempfehlung!
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Warum unsere Gesellschaft Vertrauen braucht
Soziologe Aladin El-Mafaalani erklärt, warum Misstrauensgemeinschaften die Demokratie unter Druck setzen, wie sie entstehen und was dagegen helfen kann.




