Ich verstehe #RogerSchawinski, dass er das mit dem #Talk nicht sein lassen kann. Das Gefühl in so einem Studio ist halt schon irgendwie obercool🚀
#FocusMedia #Weiterbildung #NeverTooLate #Journalism #Talkmaster #Podcast #Studio
Vorgestern, am letzten Sonntag war in Roger Schawinskis «Doppelpunkt»-Podcast Anna Miller zu Gast. Es ging um unseren Umgang mit dem Smartphone – und zwar auf eine Weise, von der ich mich persönlich angegangen fühlte. Denn nach Anna Miller gehöre ich fraglos zu den bedauernswerten Kreaturen, die von den Handyherstellern in eine Abhängigkeit gebracht und nun als sogenannte Phombies (phone zombie) durch ihren Alltag und die Weltgeschichte getrieben werden.
Darum fühle ich mich zu einer Replik bemüssigt. Ich glaube, dass Anna Miller im Kern einige interessante Ideen hat, die in der zugespitzten Form aber unzutreffend sind. Ferner finde ich, dass genau durch diese undifferenzierte Problematisierung die Medien ihren guten Ruf verspielen, weil sie Leute zwecks Bedienung einer These in eine Ecke drängen, wo diese Leute erstens nicht sein wollen und zweitens auch nicht hingehören.
Die Motivation für ihren Feldzug gegen das Smartphone bezieht Anna Miller aus einer Selbstbeobachtung: Es geht um die Vereinnahmung, die sie an sich erlebt, ihr ungutes Gefühl, dass sie beim Pflegen ihrer 1300 Facebook-Freundschaften befällt – und um ihr ambivalentes Gefühl bei der Digitalisierung. Sie hat ausgerechnet, dass sie 20’000 Stunden vor dem Bildschirm verbracht hat. Falls ich es nicht überhört habe, gibt sie in der Sendung bei Roger Schawinski keinen Hinweis darauf, über welchen Zeitraum sie diese Zahl ermittelt hat.
20’000 Stunden vor dem Bildschirm kann ich locker übertrumpfen
Wenn ich von mir ausgehe, dann arbeite ich seit bald dreissig Jahren mit dem Computer. Ein Grossteil davon gehört zu meinem Berufsleben, darum kann man annehmen, dass ich allein mit meiner beruflichen Nutzung bei sehr konservativer Rechnung auf 50’000 Bildschirmstunden komme.
Wenn man nur das Handy in Betracht zieht, wie es Anna Miller wahrscheinlich gemeint hat, dann reden wir bei mir von 13 Jahren Handynutzung, da ich 2008 mit dem iPhone 3G zum Smartphone-Nutzer wurde (siehe Ver-apple iphönelt). So gerechnet, komme ich nur auf ungefähr die Hälfte, wenn ich den von der iOS-Bildschirmzeit ausgewiesenen Durchschnitt von unter zwei Stunden pro Tag grosszügig aufrunde und auf 13 Jahren hochrechne.
Doch schon diese Rechenbeispiele belegen, wie nutzlos diese Betrachtungsweise ist. Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man während seiner Nutzungszeit nur «Candy Crush Saga» spielt oder Pornowebsites konsumiert oder es für sinnvolle Beschäftigungen verwendet. Ich rufe in Erinnerung, dass das Smartphone nicht bloss Telefon ist, sondern auch universelles Kommunikationsmittel und Lieferant für Informationen und Wissen.
Man kann mit diesen Geräten Texte schreiben, Videos und Fotos machen, Notizen und Ideen verwalten, sich in der Welt orientieren, damit Radio hören, fernsehen und spielen. Es hat im Homeoffice noch einmal ordentlich Schub erfahren, indem es für viele Arbeitnehmer zur zentralen Schnittstelle avancierte, mit der sie mit ihren Kollegen kommunizieren. Es ist unvermeidlich, dass viele Leute viel Zeit mit dem Smartphone verbringen. Das als Indiz für eine Abhängigkeit oder Sucht zu nehmen, ist abwegig.
Nein, das Smartphone ist nicht an allem schuld
Auch die weiteren Argumente, mit der Anna Miller ihre These untermauert, haben mich kein bisschen überzeugt. Sie hat auf die Probleme hingewiesen, die wir mit den sozialen Medien, namentlich mit Instagram und Facebook haben.
Damit rennt sie bei mir offene Türen ein – aber ich halte es überzogen, diese Themenbereiche so auszuweiten, dass plötzlich das Smartphone für die mentalen Probleme verantwortlich sein soll, die Instagram bei jungen Frauen auslöst. Nein, ist es nicht. Wenn ich mir hier auch eine Überspitzung erlauben darf, dann halte ich gerne fest, dass das Buch kein schlechtes Medium ist, bloss weil Hitler für «Mein Kampf» einen Verlag gefunden hat.
Richtig genervt hat mich Anna Miller mit einer Nebenbei-Bemerkung, in der sie alle Eltern, die gelegentlich in Gegenwart ihrer Kinder aufs Handydisplay sehen, als schlechten Einfluss gebrandmarkt hat. Diesem Vergehen habe ich mich schuldig gemacht und ich bin heute noch ein Wiederholungstäter.
Die gute alte Rabeneltern-Nummer
Wieso auch nicht, wenn ich meine Tochter zum Spielplatz begleite, wo sie eine Freundin trifft und mit ihr spielt? Ich lasse mir von meiner Tochter auch sagen, wenn sie meine ganze Aufmerksamkeit benötigt und ich das Handy beiseitelegen soll. Was die Zugänglichkeit angeht, brauchen sich heutige Eltern gegenüber den Vorgängergenerationen wirklich kein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. In den 1970er-Jahren, in denen ich Kind war, gab es zwar keine Handys, aber es gehörte zum guten Ton, dass die Kinder ihre Klappe hielten, wenn die Eltern beschäftigt waren.
Anna Miller gab im Podcast auch einige Tipps, wie man sich aus der vermeintlichen Abhängigkeit befreien kann: Gerät ausschalten, nicht bloss in den Flugmodus versetzen, nicht in Griffnähe haben, wenn man sich nicht ablenken lassen will, etc. Die sind per se nicht verkehrt, aber auch nicht revolutionär. Und vor allem braucht es für sie die Fundamentalkritik nicht. Mit Verlaub habe unter anderem ich das mit meinen einfachen Tricks gegen Smartphone-Ablenkung (Paywall), den Methoden, um Instagram (und Chasperli) in die Schranken zu weisen und den Tipps zur optimalen Konfiguration der Benachrichtigungen (Paywall) mehrfach vor Augen geführt.
Verbündeter, nicht Succubus
Um es auf den Punkt zu bringen: Ja, ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Smartphone will gelernt sein. Medienkompetenz und die Fähigkeit, sich abzugrenzen und Offline-Tätigkeiten zu geniessen, sind wichtig; ebenso Reflexionen zur Digitalisierung. Doch mit der impliziten Zuschreibung, die aus moderner Technologie eine Gefahr für die Zivilisation macht, bin nicht einverstanden. Und sie ist der Debatte abträglich:
Ich plädiere dafür, das Smartphone als Freund und Verbündeten im Alltag anzusehen, nicht als eine Art Succubus, dessen eigentliche Aufgabe es ist, den Nutzerinnen und Nutzern die Lebensenergie aus dem Leib zu saugen. Auch von seinen Freunden muss man sich abgrenzen, aber wenn man Zeit mit ihnen verbringt, darf man das mit Spass und Freude tun.
Zwei abschliessende Bemerkungen: Meines Erachtens gehört die Fundamendalkritik zum Geschäftsmodell von Anna Miller. Sie ist gemäss ihrer Website Mental-Health-Expertin und Chefin des Digital Balance Labs, das sich «für einen gesunden Umgang mit digitalen Möglichkeiten» einsetzt. Und da ist es ein starkes Verkaufsargument, wenn man das Smartphone nicht als Universalwerkzeug, das in der Anwendung einige Tücken hat, bezeichnet, sondern als böser König, der uns Nutzer gegen unseren Willen knechtet, und wo wir uns Auflehnung lernen müssen.
Das Smartphone ist Ausdruck menschlicher Stärken
Zweitens sehe ich einen eklatanten Widerspruch zur Selbsteinschätzung, die auf Anna Millers Website zu lesen ist. Sie sei «preisgekrönte Journalistin, Buchautorin, Positive Psychologin und Gründerin des Digital Balance Lab», schreibt sie auf ihrer Website. Roger Schawinski hat sich an der Selbstbezeichnung «preisgekrönte Journalistin» abgearbeitet, wo er sie auf die positive Psychologie hätte behaften müssen.
Die geht von einem positiven Menschenbild aus und will sich nicht an den Defiziten orientieren. Darum passt es gerade nochmals nicht, dass die Anna Miller unseren Umgang mit dem Smartphone pathologisiert. Mit einem positiven Menschenbild ist die Faszination des Smartphones mit der menschlichen Neugierde, der Freude an Kommunikation und unserer Verspieltheit hervorragend zu erklären und zu rechtfertigen.
Wenn Tech-Firmen versuchen, diese Neigungen auszubeuten, dann ist nicht das Smartphone schuld, sondern die Erwartungen der Aktionäre und die Gier der Chefs. Das Smartphone seinerseits ist in Kombination mit dem Web eine der genialsten Errungenschaften der Menschheit – und alle, die wir ein positives Menschenbild haben, zweifeln nicht daran, dass wir Menschen unseren Umgang mit ihm noch perfektionieren werden.
Beitragsbild: Sie sind alle reif für ein Coaching! (Fauxels, Pexels-Lizenz)
Ich bin ein Fan des Radiopioniers: Ich mag seine kämpferische Ader, seine geradlinige Art und die Tatsache, dass er einiges für die Schweizer Medienlandschaft getan hat. Und ich mag ihn auch als Interviewer, auch wenn er für meinen Geschmack manchmal zu parteiisch ist.
Aber geschenkt. Ich hoffe, dass er seine Sendungen auf Radio 1, die ich immer als Podcast höre, noch mit 120 machen wird.
Ein neueres Foto von Roger Schawinski mit passendem Creative Commons habe ich leider nicht gefunden (Roger Schawinski (1991); Walter Rutishauser, Fotograf – Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser/Wikimedia, CC BY-SA 4.0).
Neuerdings kämpft Roger Schawinski einen Kampf, den ich zu einem gewissen Grad verstehe, aber trotzdem für vergebliche Liebesmühe halte. Er setzt sich nämlich gegen die Abschaltung der UKW-Verbreitung des Radios ein. Die hat das Bakom für 2022 und 2023 verordnet. Lineares Radio wird man ab dann noch via DAB+ und natürlich via Internet zu hören sein.
Teure Doppelspurigkeit
Der Grund für die Abschaltung besteht darin, dass die Verbreitung auf drei Wegen sehr teuer ist, gerade in einem bergigen Land wie der Schweiz, wo es für eine flächendeckende Versorgung bis in die hintersten Täler viele kleine Umsetzer braucht. Der Unterhalt dieses UKW-Netzes geht vor allem für die Stationen abseits der grossen Zentren ins Geld, auch wenn Schawinski sicher recht hat, dass diese Sender allesamt abgeschrieben sind.
Da diese Doppelspurigkeit mit der Verbreitung via Luft kein Dauerzustand sein sollte, sollte man sich tatsächlich einige Fragen stellen. Erstens: Braucht es DAB+ überhaupt? Ist es ein so grosser Fortschritt, dass sich der ganze Aufwand lohnt?
Eine berechtige Frage, deren Zeit aber längst verstrichen ist. Der letztmögliche Moment für einen Marschhalt bei der Radiodigitalisierung wäre vor knapp zehn Jahren bei der Umstellung von DAB auf DAB+ gewesen, über die ich mich seinerzeit sehr geärgert habe. Doch inzwischen ist DAB+ im Alltag der Nutzerinnen angekommen. Letztlich zu Recht, denn die Tonqualität ist besser geworden. Das Digitalradio ist benutzerfreundlicher, indem ein Sender in seinem ganzen Verbreitungsgebiet ohne manueller Senderwechsel empfangbar ist.
DAB+: Mehr Auswahl, bessere Qualität
Der Hauptgrund ist aber das grössere Angebot. Die UKW-Frequenzen sind ein knappes Gut, während es bei DAB+ mehr Reserven gibt. Die werden durch Sparten- und Special-Interest-Programme genutzt, die entscheidend für die Medienvielfalt sind. Ich beispielsweise höre täglich SRF4, der Newskanal vom Schweizer Radio und Fernsehen. Für den gibt es keinen analogen Verbreitungsweg.
Gar keine Platzprobleme, wenn man so sagen darf, gibt es im Internet. Darum stellt sich trotzdem die Frage, ob man den klassischen Rundfunk nicht zugunsten des IP-Radios aufgeben sollte. Darum die nächste Frage: Braucht es DAB+, wo die Zukunft doch eh das Streaming ist?
Diese Frage ist die schwierigste: Denn auch ich bin geneigt, sie mit Nein zu beantworten. Das Internet ist ein hervorragender Verbreitungsweg fürs Radio, das ist unbestritten. Trotzdem würde ich nach längerem In-mich-Gehen eine Lanze für diesen Verbreitungsweg brechen: Radio war immer ein niederschwelliges Medium und soll das auch bleiben.
Und ja, DAB+ ist im Vergleich zum Dampfradio etwas komplexer. Aber nur ein bisschen. Selbst technisch unbeleckte Senioren wie meine Grosseltern kamen während ihrer Lebtage damit zurecht. Beim Internetradio ist die Hörerin auf einen funktionierenden Onlinezugang angewiesen – den es bei meinen Grosseltern nicht gegeben hat.
Und ein gutes Argument für DAB+ ist, dass wir die Verbreitung unter Kontrolle haben; anders als beim Internet, wo wir von internationalen Tech-Konzernen abhängig sind. Dieses Argument stammt übrigens aus Roger Schawinskis Sendung «Doppelpunkt» bzw. von seinem Gast Markus Ruoss, der sagt, die Versorgung der Bevölkerung im Erstfall könne mit DAB+ sogar im Bunker sichergestellt werden.
Abschaltung herauszögern?
Letzte Frage: Könnte man die Abschaltung nicht herauszögern, damit sie für das verbliebene UKW-Publikum weniger einschneidend ist? Natürlich, das könnte man. Es ist aber meines Erachtens Geldverschwendung. Auch die Radios haben ganz andere Herausforderungen – auf die ich gleich zu sprechen kommen werde.
Ausserdem zeigt sich am Beispiel von Apple, dass man auch mal einen Pflock einschlagen, damit sich etwas tut: Man muss das optische Laufwerk eliminieren, damit die Leute die Cloud verwenden. Man baut ausschliesslich USB-C ein, damit dieser Standard vorankommt.
Bei DAB+ hat die Autobranche während mindestens zehn Jahren geschlafen, sonst wäre das Hauptargument gegen die UKW-Abschaltung längstens keines mehr: Noch immer können zu wenige Autos DAB empfangen, weil man diese Funktion immer als teures Extra verkauft hat. Da sieht man, wie fortschrittsfeindlich diese Hersteller sind, die nebenbei bemerkt auch bei der Bekämpfung der Klimakatastrophe mittels Technik nicht brillieren.
Und ja, auch vom Problem des Radioempfangs in den Tunnels, der bei DAB+ viel schlechter ist als bei UKW, habe ich schon vor mindestens zehn Jahren geschrieben gesprochen (falls ich mich richtig erinnere, in der Digitalk-Folge 14 von Anfang 2007). Auch das könnte längst gelöst sein.
Es braucht vollendete Tatsachen
Wir lernen: Ohne Druck tut sich nichts. Darum ist es richtig, das nun durchzuziehen.
Und wie gesagt: Der Medienwandel geht am linearen Radio nicht spurlos vorbei. Mein Konsum ist in den letzten Jahren massiv zusammengeschrumpft. Das liegt einerseits am unsäglichen Formatradio, aber andererseits auch an den immer vielfältigeren Alternativen beim Streaming, den Podcasts, Hörbüchern und Audiotheken. Statt die UKW-Romantik aufrechtzuerhalten, würde Roger Schawinski seine Energie besser in ein inhaltliches Zukunftskonzept investieren. Die regionalen Programme haben im Schnitt ein bescheidenes Angebot. Und gerade Radio 1 hat, wenn man das Zugpferd Schawinski weglässt, das auch via Podcast funktioniert, wenig zu bieten. Darum sollte das «sini Idee gsi si»!
Nachtrag
👉 Wir haben auch eine schöne Nerdfunk-Sendung zum Thema gemacht: D UKW-Fee isch bald nienet me
Beitragsbild: Das müsste dann ersetzt werden (Mehmet Turgut Kirkgoz, Unsplash-Lizenz).
Ähnliche Beiträge#medienschelte #roger-schawinski
https://blog.clickomania.ch/2021/05/03/roger-schawinski-kaempft-den-falschen-kampf/
Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF orientiert sich unter der 2018 gewählten Chefin Nathalie Wappler um: Das Projekt heisst «SRF 2024» und sei ein «Aufbruch in die digitale Zukunft», liest man in Medienportal.
Das klingt auf den ersten Blick ausgezeichnet: SRF stärke den Investigativjournalismus und die Informationen über die digitalen Kanäle. Wappler verspricht mehr Livestreams im Sport, Podcasts, Storytelling.
Auf den zweiten Blick beginnt man sich vielleicht über die vielen Schlagworte zu wundern: Da wird das «digital first»-Prizip hochgehalten und von «smarteren» Produktionsmethoden geschrieben. Und auf den dritten Blick – wenn man bis zum Ende liest –, erfährt man, dass der «Ausbau im Digitalen Verzichte im Linearen» erforderlich mache.
An dieser Stelle muss ich mich erst einmal über ein Detail aufregen: Es handelt sich um den unsinnigen Gebrauch des Begriffs «digital». Er ergibt im Kontext von «SRF 2024» absolut gar keinen Sinn. Denn es ist doch so: Quasi alles, was das Schweizer Radio und Fernsehen macht, ist heute digital: Das Analogfernsehen ist spätestens seit 2014 Geschichte; damals hat die UPC die analoge Verbreitung im Kabelnetz beendet. Es mag sein, dass es in einigen kleinen Kabelnetzen noch analoge Fernsehsignale gibt. Und ja, DAB+ zum Trotz wird per UKW Radio noch nicht-digital gesendet. Aber darum geht es in keinster Weise.
Die (verquere) Ausgangslage
Unter «digital» subsumiert SRF, falls ich das richtig dechiffriert habe, die Verbreitungskanäle, die neu hinzukommen oder verstärkt bespielt werden sollen. Das sind Youtube, die eigene Streamingplattform Playsuisse, um die es weiter unten auch noch gehen soll. Gemeint sind wohl auch die Abruf-Inhalte auf den Podcastplattformen und in den eigenen Smartphone-Apps.
Man könnte mir vorwerfen, ich übe hier kleinliche Kritik. Aber das sehe ich nicht so: Wenn man eine Strategie entwirft, benötigt man eine saubere und klare Terminologie – denn sonst reden die Beteiligten aneinander vorbei und die zugewandten Kreise, die man von seinem Projekt überzeugen will, verstehen einen nicht. Und die Unterscheidung in lineare Verbreitung und On-Demand ist so schwierig auch wieder nicht.
Nun, man kann auch weitere Kritik üben. Zum Beispiel, dass für eine Strategie, die für weite Teile des Publikums bislang sehr vage geblieben ist, bereits handfeste Einschnitte erfolgt sind. Es werden diverse Sendungen abgeschafft, beispielsweise «Einstein Spezial», «Blickpunkt Religion», «Netz Natur» oder die tägliche Sportsendung «Sport Aktuell». Auch die Literatursendung «52 beste Bücher» musste über die Klinge springen, wogegen sich die Autorinnen und Autoren zur Wehr gesetzt haben.
Und ja, ich habe ich auch gefragt, ob hier eine hochtrabende Strategie als Vorwand herhalten muss, Gefässe loszuwerden, die irgendwem aus irgendwelchen persönlichen Gründen nicht in den Kram passen – wie das auch bei anderen Medienhäusern anlässlich von Neuausrichtungen schon passiert sein soll. Den Verdacht konnte man schon haben, als die Talksendung «Schawinski» weichen musste. Bei «52 beste Bücher» kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen, dass diese Radiosendung kostenintensiv war und dass sich die Einsparung im Budget gross bemerkbar macht.
Die Kritik
Journalist und Medienwissenschaftler Matthias Zehnder kritisiert in seinem Beitrag Tanker in Seenot: Das Wendemanöver von SRF etwas anderes. Er schreibt:
SRF packt wohl die richtigen Dinge an, packt diese Dinge aber (mindestens was die Kommunikation angeht) nicht richtig an. Ich vermute, SRF hat nur in der digitalen Welt eine Zukunft. Das möchte SRF aus Angst vor den Verlegern und der rechten NoBillag-Polit-Allianz nicht sagen. Auf diese Weise vergräzt SRF aus Angst vor seinen Feinden seine Freunde und steht am Ende alleine da.
Das ist einleuchtend, auch wenn Zehnder das Wort digital genauso falsch benutzt wie SRF. Aber ich stimme ihm zu, dass die Bedeutung der linearen Kanäle ab- und die Nutzung auf Abruf zunehmen wird.
Ohne Zweifel wird sich das auf das Programm auswirken. Wie ich aus dem Buch Die TV-Falle von dem besagten, bei SRF abgesetzten Roger Schawinski weiss, ist für das lineare Programm der Audience Flow wichtig.
Das heisst, wenn das Publikum um 19:30 Uhr für die Tagesschau einschaltet, dann kann man es, wenn man es richtig macht, auch für die Prime-Time-Sendung um 20:05 Uhr bei der Stange behalten. Und vielleicht bleibt es sogar bei der Nachrichtensendung «10 vor 10» mit dabei. (Oder es macht zumindest bei der Quotenerhebung diesen Anschein, wenn der Zuschauer auf dem Sofa eingeschlafen ist, der Fernseher aber weiterläuft.)
Bei der On-Demand-Nutzung kann man nicht auf diesen Audience-Flow zählen. Wenn ein Zuschauer mit der einen Sendung durch ist, sucht er sich die nächste aus. Das heisst, jede einzelne Produktion muss sich selbst ausreichend gut verkaufen können. Damit geht es dem Fernsehen und Radio kein bisschen besser als uns Journalisten der schreibenden Zunft: Früher waren die Welt in Ordnung, wenn die Leserin zufrieden genug war, um einmal im Jahr ihr Abo zu erneuern. Heute, im Internet, kämpft jeder einzelne Artikel um die Gunst des Publikums.
Die Schaumschlägerei
Und ja, die Distributionskanäle sind nicht völlig nebensächlich: Es trägt zum Erfolg bei, wenn Sendungen dort zu finden sind, wo das Publikum sie ohne viel Aufwand abrufen kann. Nun ist es aber kein grosses Ding, eine Fernsehsendung bei Youtube oder eine Radioreihe als Podcast bei Spotify einzustellen. Man braucht einen, der das richtige Passwort kennt und weiss, welche Mediendatei er wo hochladen muss. Aber so eine Person wird sich in einem grossen Unternehmen wie SRF sicherlich finden lassen.
Darum betreibt SRF mit seiner Strategie 2024 für meinen Geschmack etwas zu viel Schaumschlägerei. Denn ob man nun einen Audience Flow hat oder nicht, eines bleibt sich gleich: Für den Erfolg beim Publikum braucht es gute Inhalte. Darum sollte man die Bemühungen in die Frage investieren, wie man das Publikum hinter dem Ofen hervor- bzw. an die Empfangsgeräte lockt – egal, was das für ein Empfangsgerät sein mag und wie die Inhalte auf selbiges gelangen.
Ich persönlich halte es für falsch, dass sich SRF so viele Gedanken macht, ob eine Sendung nun via Youtube oder meinetwegen Tiktok das gewünschte Publikum findet. Gut möglich, dass sich das alle drei Wochen ändert, sodass man bei dieser Frage eh – Achtung, schlimmes Buzzword – agil bleiben muss.
Was es braucht, sind Ideen, welche Inhalte zukunftsträchtig sind und wie man sie attraktiv aufbereitet. Doch die gute Nachricht ist, dass es diesbezüglich bei SRF gar nicht so schlecht aussieht. Das werde ich gleich an fünf Beispielen darlegen.
Meines Erachtens drängt sich darum der Schluss auf, dass das grösste Problem beim Schweizer Rundfunk darin besteht, dass man glaubt, eine allumfassende Zukunftsstrategie haben zu müssen, weil Manager das nun einmal so machen. Doch das bringt die Leute dazu, mit der Brechstange ans Werk zu gehen, obwohl es völlig ausreichend wäre, die richtigen Leute machen zu lassen.
Die Hoffnungszeichen
Also, hier die Punkte, die mich zur Aussage verleitet haben, dass bei den Inhalten und Zukunftsideen SRF gar nicht so schlecht aufgestellt ist:
Die Podcasts. Ich habe in letzter Zeit einige besprochen, nämlich hier «Hotspot» und da «Es geschah am – Postraub des Jahrhunderts». Und auch wenn ich im Detail einiges zu kritisieren habe, so gefällt mir die Stossrichtung. SRF experimentiert mit modernen Erzählmitteln, die zwar von Podcastern erfunden worden sind, aber auch im klassischen Radio gut funktionieren.
Die neue Audioplattform. Die ist Thema im Beitrag Öffentlich-rechtliches Audioglück und sie führt vor Augen, wie man Beiträge aus einem klassisch-linearen Programm anbieten muss, damit auch das On-Demand-Publikum seine Freude daran hat. Und auch wenn in der On-Demand-Welt der Audience Flow nicht mehr greift, so hat der Nutzer solcher Apps die Möglichkeit, sich Sendungen anzuhören, die er bislang niemals konsumiert hätte, weil sie zu einer unpassenden Zeit ausgestrahlt worden sind.
Das Revival des Hörspiels. Das ist Radioform, wie sie klassischer nicht sein könnte. Und wie hier erklärt, funktioniert sie via On-Demand-App so gut wie eh und je. Oder sogar noch besser, weil das Publikum zeitsouverän konsumieren und binge-hören kann.
Zugegeben, das hat noch nicht so brillant funktioniert.Die neue Plattform Playsuisse. Eigentlich hatte ich vor, in diesem Blogpost eine Kritik abzuliefern. Doch während ich mir überlegt habe, wie diese Plattform ins Angebot von SRF und der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG passt, bin ich vom rechten Blogging-Pfad abgekommen und bei dieser Kritik der Strategie 2024 gelandet.
Aber das ist nicht verkehrt. Denn es ist in der Tat so, dass man die Bedeutung der neuen Plattform nicht richtig versteht, wenn man die Identitätskrise beim SRF nicht durchdrungen hat.
Und ich habe versprochen, dass ich die kritische Würdigung der am 7. November gestarteten Streamingplattform bei der nächstbesten Gelegenheit nachreichen werde. Die Gelegenheit ist gekommen; der Beitrag zu Play Suisse ist da: Komaglotzen auf gut Schweizerisch.
Bis dahin halte ich fest, dass dieses Streamingangebot als Pendant zur Audio-Plattform sinnvoll ist und die Chance hat, die Generation Netflix (zu der ich mich zähle) abzuholen.
«Frieden». Die historische Dramaserie in sechs Teilen hat in den sozialen Medien viel positives Echo ausgelöst. Ich habe noch nicht so viel von ihr gesehen, dass ich mir ein abschliessendes Urteil erlauben könnte. Doch wenn das Lob auch nur halb zutrifft, so ist es klar, dass eine solche Produktion im linearen Fernsehen genauso viel Anklang findet wie auf Playsuisse. Denn wie schon vor bald 25 Jahren galt: Content is king.
Beitragsbild: SRF-Medienportal.
https://blog.clickomania.ch/2020/11/18/die-grosse-identitaetskrise-beim-srf/
Wie man Dinge sagt, ohne sie zu sagen
[caption id=““ align=“aligncenter“ width=“520″] Falls das ein Schweizer Berg sein soll, schwenkt der Mann die falsche Flagge. (Bild: Dio Hasbi Saniskoro/Pexels, CC0)[/caption]
Ich habe es wieder getan. Diese Sache, von der ich gesagt habe, dass ich sie nicht mehr tun werde. Nämlich, auf Wespennester zu schlagen. Bzw. mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren.
Dieses Mal bin ich in die Diskussion hineingestolpert und in einen längeren Facebook-Thread verwickelt worden, obwohl ich eigentlich nur kurz meine Meinung habe abgeben wollen. Es geht um Roger Schawinskis Buch über Verschwörungstheorien (Amazon-Affiliate). Die Medienwoche hat eine Besprechung dazu veröffentlicht, die ich nicht stehen lassen wollte. Ich schätze die Medienwoche aufrichtig, nicht zuletzt, weil sie immer mal Themen von mir aufgreifen 😊.
Doch in dem Fall hat sich die Medienwoche verrannt. Sie haben nämlich Schawinskis Buch über die Verschwörungstheoretiker von Stefan Schaer besprechen lassen, der mit den Worten «Er publiziert auf seinem Blog stefan-schaer.ch Inhalte, die andere als Verschwörungstheorien bezeichnen» vorgestellt wird. Das ist eine seltsame Distanzierung, die ich als Autor nicht so akzeptieren würde: Entweder publiziert ein Medium einen Beitrag, weil es hinter dem Autor und seiner Meinung steht. Oder es publiziert den Beitrag, um explizit einer Gegenposition Ausdruck zu verleihen. Dann sollte man das aber auch so deklarieren: «Wir lassen hier Roger Schawinskis Buch über Verschwörungstheoretiker von einem Verschwörungstheoretiker besprechen.»
Nicht nachzuvollziehen
Falls das die Intention gewesen sein sollte, stellt sich allerdings die Frage, was man sich davon verspricht. Natürlich werden die Kritisierten das Buch nicht gut finden. Das ist offensichtlich, und deswegen ist die Stossrichtung eines solchen Artikels von vornherein klar. Vielleicht ist die Argumentation gelungen. In dem Fall finde ich das nicht. Der Artikel ist viel zu lang und wenn man das Buch noch nicht gelesen hat, kaum nachzuvollziehen.
Und eben, es bleibt das Problem, dass die Medienwoche mit diesem Artikel einem Mann eine Plattform und damit Legitimation gibt, der Dinge publiziert, «die andere als Verschwörungstheorien bezeichnen». Da das nur «andere» tun, scheint die Medienwoche damit kein Problem zu haben. Will sie etwa diese Positionen normalisieren und sie in der Mitte der Gesellschaft positionieren? Das ist meiner Ansicht nach nicht sinnvoll. Medien wie die Medienwoche sollten Leuten kommentieren lassen, die Verschwörungstheorien explizit abschwören. Besonders dann, wenn es um ein Buch geht, das Verschwörungstheorien behandelt.
Denn, damit das auch noch gesagt ist, ich verstehe Verschwörungstheorien gemäss der Definition von Wikipedia als «Verschwörungsideologien», die «ihre stereotypen und monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision immunisieren». Will heissen: Die Theorien sind so vereinfachend gestrickt, dass sie nicht wahr sein können. Und gleichzeitig ist es unmöglich, sie zu widerlegen – so wie man eine wissenschaftliche Theorie falsifizieren können muss. Das ist einer Diskussion nicht zuträglich.
Zum Scheitern verurteilt
Im Gegenteil: Die Sache ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie ist zermürbend und sogar kontraproduktiv. Denn wie der SWR hier erklärt, stärken Gegenargumente den Irrglauben oft nur noch:
Die bisherige Forschung zeigt, wenn jemand wirklich von einer Verschwörungstheorie überzeugt ist, dann kriegen sie den oder die auch nicht mehr davon ab. Es gibt empirische Untersuchungen, die nahelegen, dass jemand der mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert wird, danach noch stärker an diese Verschwörungstheorie glaubt. Von daher ist die Empfehlung, die die meisten meiner Kollegen derzeit aussprechen würden: Gar nicht diskutieren!
Aus diesem Grund hat die Medienwoche einen Fehler begangen, den sie korrigieren sollte.
Und aus dem Grund wirkt es umso seltsamer, wenn ich hier einen Teil der (öffentlich einsehbaren) Facebook-Diskussion mit Stefan Schaer zitiere und den kritisierten Fehler der Medienwoche auch begehe, indem ich dem Mann hier eine Plattform gewähre.
Doch ich tue es mit einer kritischen Würdigung und aus zwei Gründen: Erstens, weil ich einen Modus Operandi aufzeigen will. Stefan Schaer bringt sich nämlich als freundlichen und offnenen Gesprächspartner in die Diskussion ein:
Ich bin in Ihren Augen ein Truther und ein Verschwörungstheoretiker, wie ich gerade gesehen habe. Sie schreiben, Verschwörungstheoretiker seien nicht an einem konstruktiven Dialog interessiert.
Damit liegen Sie bei mir falsch. Ich bin interessiert. Also: Über was würden Sie gerne konstruktiv mit mir reden?
PS: Konstruktiv heisst: keine Beleidigungen, keine Pauschalurteile, belegbare Aussagen machen.
Daraufhin habe ich jene Frage gestellt, die ich für überaus wichtig halte: Nämlich die nach der Verantwortung:
Mich würde interessieren, ob Sie sich der zersetzenden Wirkung Ihres Tuns bewusst sind. Gesellschaften funktionieren IMHO nur, wenn man sich grosso modo vertraut – Bürger ihrer Regierung und umgekehrt. Wenn Sie nun, beispielsweise mit den Zweifeln an der offiziellen Erklärung zu 9/11 aber ohne echte Beweise konstant die Unterstellung am Leben halten, dass die Amerikaner und die Weltbevölkerung aufs massivste hintergangen wurden, dann treibt das einen Keil mitten in die Bevölkerung. Sehen Sie die damit verbundenen Gefahren? Und übernehmen Sie die Verantwortung dafür?
Die Antwort darauf lautete wie folgt:
Das heisst, Regierungen dürfen grundsätzlich nicht kritisiert werden, weil das «zersetzende Wirkung» hat? Oder wollen Sie von Fall zu Fall festlegen, ob etwas hinterfragt werden darf? Ist es Ihrer Ansicht nach z.B. richtig, das Tun einer Regierung zu hinterfragen, die eine Krieg führen will? Oder hat das zersetzende Wirkung, weil damit suggeriert wird, dass die Regierung lügen könnte?
Bezüglich 9/11: Will heissen, Sie sind der Meinung, dass man einen 3000-fachen Mord, der mehrere Kriege und zahllose Menschenrechtsverletzungen nach sich gezogen hat, einfach so in die Geschichte eingehen lassen soll? Nicht ich muss irgendwelche Beweise bringen, nein, die US-Regierung muss beweisen, dass ihre Version der Ereignisse richtig ist. Das hat sie bisher nicht getan. Wie ich schon hundert Mal gesagt habe: Viele wesentliche Aspekte der offiziellen Version beruhen auf Aussagen, die unter Folter gemacht wurden. Haben Sie kein Problem damit?
Auf meine Frage nach der Verantwortung ging Schaer nicht ein. Und gleichzeitig zeigt sich eine Schwierigkeit, die ich bei der Diskussion hatte. Stefan Schaer ist nämlich das, was ich einen «gemässigten Verschwörungstheoretiker» nennen würde. Anders als der Mann, auf den ich im Beitrag Wenn es unterm Aluhut hervorknistert bezug nehme, sagt er nämlich nicht, dass alle Terroraktionen grundsätzlich als «false flag» ablaufen. Er als Betreiber von 911untersuchen.ch stellt den offiziellen Untersuchungsbericht in Frage. Er hat Zweifel, denen er Ausdruck verleiht. Und obwohl er sich nach eigenen Aussagen seit 15 Jahren mit 9/11 beschäftigt, hat er, Zitat, «keine Ahnung», wer es denn war, wenn die offizielle Darstellung nicht zutreffen sollte.
Verschwörungstheoretische Kampftechnik
Der zweite Grund für den Blogpost hier ist die interessante und durchaus wirkungsvolle Technik, mit der Stefan Schaer es geschafft hat, ein Diskussionsangebot zu machen und darauf mit sehr vielen Worten nicht einzugehen. Er hat meine Frage nach der Verantwortung offen gelassen – und das mit einer Technik, die ich inzwischen auch schon des öfteren erlebt habe. Es handelt sich um die Technik, Dinge zu sagen, ohne sie wortwörtlich zu sagen. Das ist letztlich eine sehr klare und deutliche Antwort auf meine Frage nach der Verantwortung: Es ist eine Methode, sich der Verantwortung zu entziehen.
Meine Schwierigkeit bei der Diskussion war nämlich, dass ich Schaer nicht gut genug kenne (wieso sollte ich auch), um zu wissen, ob der Mann 9/11 jemals explizit als hausgemacht, als «Operation unter falscher Flagge» bezeichnet hat. Ich habe ihm das unterstellt und genau an dieser Stelle hat er sich festgebissen. Das sieht man schon bei seiner allerersten Bemerkung, wo er «belegbare Aussagen» fordert.
Also, ich nehme an, er hat es tatsächlich nie gesagt, weswegen ich ihm den geforderten wortwörtlichen Beleg nicht liefern kann. Das Problem ist allerdings, dass man Dinge, die man nicht klar sagt, auch insinuieren kann. Man lässt sein Gegenüber zum gewünschten Schluss kommen, ohne dass man die entsprechenden Worte ausspricht. Das ist eine raffinierte Taktik, wie sich zeigt: Man kann nicht behaftet werden und sich einer Anklage – wie ich sie formuliert habe – entziehen. Und trotzdem steht diese Sache im Raum und ist Thema der Diskussion – genauso, wie wenn einer es klar und deutlich ausgesprochen hätte.
Andeutungen über Andeutungen
Ich werde die Technik an dieser Stelle nun einmal selbst anwenden: Sage ich, dass Stefan Schaer gesagt hat, 9/11 sei ein «Inside Job»? Nein, das sage ich nicht. Im Gegenteil, ich würde eidesstattlich aussagen, dass ich vermute, dass das nicht der Fall ist.
Doch was halte ich von Stefan Schaers Antwort auf meine Frage, ob er denn glaubt, dass 9/11 ein Inside Job war? Ich halte sie persönlich für unzureichend. Und zwar für genauso unzureichend, wie der Untersuchungsbericht der US-Regierung zu 9/11 in Stefan Schaers Augen ist. Konkret meine Frage: «Sie glauben also nicht, dass 9/11 ein Inside Job war?». Seine Antwort: «Was ich persönlich glaube, tut überhaupt nichts zur Sache.»
Das ist natürlich ein Irrtum: Denn seine persönliche Motivation ist ein entscheidender Faktor bei meiner ursprünglichen Frage nach der Verantwortung. Will er einfach nur einen besseren Untersuchungsbericht zu 9/11, der auch zum genau gleichen Resultat kommen könnte wie der alte? Oder geht es halt doch um die alte These, dass wir von den Evil Overlords von hinten bis vorne beschissen werden?
Ich werde hier im Blog meine persönliche Ansicht dazu nicht kundtun. Aber die Leserinnen und Leser, die gerne zwischen den Zeilen lesen, werden meine Position womöglich erahnen.
Im «Alle lügen»-Milieu
Und damit ich doch noch etwas deutsch und deutlich gesagt habe, sage ich, dass man sich heute ganz klar von der Theorie der False-Flag-Operation distanzieren muss, wenn man einen besseren Untersuchungsbericht zu 9/11 fordert und nicht für einen Verschwörungstheoretiker gehalten werden will. Denn wenn man die letzten 15 Jahre nicht unter einem Stein gelebt hat, muss man sich im Klaren sein, wie weit die Theorie inzwischen verbreitet und wie gross die Gefahr ist, sich ins «Alle lügen uns an»-Milieu zu begeben.
Also, hier noch die leicht gekürzte Diskussion, in Gänze bei Facebook nachzulesen. Schaer hatte mir in seiner Antwort ja unterstellt, ich würde mit der Frage nach seiner Verantwortung die Kritik an Regierungen unterbinden wollen. Das ist natürlich Unsinn; schliesslich kann man auch verantwortungsbewusst kritisieren. Meine Antwort also:
Selbstverständlich dürfen Regierungen kritisiert werden. In einer Demokratie kann man sie sogar abwählen. Und nein, ich bin kein Fan von George W. Bush und seiner Politik, im Gegenteil. Aber selbstverständlich müssen Sie Ihre Behauptungen beweisen. Eine Umkehr der Unschuldsvermutung ist nicht zulässig – Sie ist die Grundlage auch der Menschenrechte, die ich auf keinen Fall abschaffen will.
Umkehr der Unschuldsvermutung? Ich nehme mal an, Sie meinen eine Umkehr der Beweislast. Da sind wir uns einig: Wer jemandem vorwirft, 3000 Menschen getötet zu haben, der soll das beweisen. Daraus folgt: Die USA sollen beweisen, dass die offizielle Version richtig ist. Ich habe gar niemandem gar nichts unterstellt. Ausser: Ich und viele andere haben gezeigt, dass die offizielle Version von befangenen Leuten geschrieben worden ist, dass sie viele Lücken aufweist und zum Teil nicht funktioniert. Und vor allem, dass sie in weiten Teilen auf Folter beruht.
Selbst wenn es so sein sollte, dass die offizielle Version falsch ist, heisst das noch lange nicht, dass Ihre Theorie deswegen richtig ist. Es bleibt auch dann dabei, dass Sie Beweise erbringen müssen: Wer den Auftrag gab, die Finanzierung ermöglichte, die Sache ausführte. So lange Sie das nicht tun, sind Sie einfach nur einer, der Zweifel sät und das Klima vergiftet. Und damit Leuten wie Trump den Weg ebnen, die das Potential haben, noch viel grösseren Schaden anzurichten.
Zeigen Sie mir bitte, wo ich eine «Theorie» äussere. Merci!
«Was ich glaube, tut nichts zur Sache»
Sie glauben also nicht, dass 9/11 ein Inside Job war?
Was ich persönlich glaube, tut überhaupt nichts zur Sache. «Glauben» ist ohnehin nicht der richtige Ansatz. Es geht um Beweise.
Also: Sie schreiben, ich würde Theorien verbreiten. Bitte zeigen Sie, wo ich das tue. Sonst möchte ich sehr darum bitten, dass Sie aufhören, solche Sachen zu verbreiten.
Wenn Sie hier sagen, dass es keine ausreichenden Beweise gibt, um 9/11 für einen Inside Job zu halten, entschuldige ich mich hier offiziell für meine Unterstellung.
Nein, ich sage, dass es keine ausreichenden Beweise für die offizielle Darstellung gibt.
Ich schlage vor, Sie hören jetzt auf, mir jede Menge Zeugs in den Mund zu legen. Belegen Sie konkret, dass ich Theorien verbreite.
Wer war es denn, wenn die offizielle Darstellung nicht zutrifft?
Ich habe keine Ahnung. Ich verlange einfach Beweise für die offizielle Darstellung. So wie man das bei jedem Kioskraub im Nachbardorf auch macht. Ist das soooo schwierig zu verstehen?
Warum sagen Sie das dann nicht klipp und klar? Sie hätten eine schöne Entschuldigung von mir bekommen.
Ich habe es Ihnen zirka 7 Mal klipp und klar gesagt. Ich sage es seit zirka 15 Jahren klipp und klar. Zum Beispiel hier: http://www.stefan-schaer.ch/…/09/zehn-geschichten-zu-911/
Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie irgendwo eine «Theorie» oder sogar eine «Verschwörungstheorie» finden.
Bei Ihrem Artikel für die Medienwoche steht, dass Sie auf stefan-schaer.ch Inhalte publizieren, «die andere als Verschwörungstheorien bezeichnen». Auf 911untersuchen.ch, einer Website, die Sie laut Impressum betreiben, kommt Doktor Daniele Ganser zu Wort, der den «false flag terrorism» überall wittert. Ihn verteidigen Sie im Artikel auch mit glühenden Worten. Und Sie haben sich in der Diskussion hier nicht von der 9/11-Inside-Job-Theorie distanziert. Wie sollte ich da nicht auf die Idee kommen, dass Sie genau die Idee vertreten – sich aber einfach nicht darauf behaften lassen wollen?
Ich verteidige niemanden mit glühenden Worten. Ich verlange Belege für Behauptungen. Wer anderen Pauschalisierungen und Behauptungen vorwirft, sollte nicht pauschalisieren und behaupten. Darum gehts.
Selbstverständlich dürfen Sie meine Texte interpretieren, wie Sie möchten. Da Sie aber offenbar nicht vorhaben, konkret zu werden, sondern lieber über Ihre Ideen reden, wünsche ich jetzt einen schönen Abend.
Sie hätten nur meine Frage beantworten müssen. Wie gesagt, wenn ich Ihnen Unrecht getan haben sollte, würde ich mich entschuldigen. Ihnen ebenfalls einen schönen Abend.
Visual Bookshelf ¹ hat alle meine Buchrezensionen auf Facebook ins digitale Nirvana befördert bzw. anonymisiert. Als alter Backup-Neurotiker hatte ich die zum Glück alle gesichert und kann sie an dieser Stelle neu auflegen:
Petros Markaris: «Die Kinderfrau: Ein Fall für Kostas Charitos»
Sehr schöne Geschichte, wunderbar unprätentiös, in dem man sehr viel lernt, ohne es überhaupt zu merken.
Stephen Fry: «Columbus war ein Engländer»
Eine ausgezeichnete Biografie, ehrlich und selbstkritisch erzählt (soweit ich das beurteilen kann) und mit einigen Momenten, in denen man sich selbst wiederfindet und völlig verblüfft ist, dass der Autor Emotionen erzählt, bei denen man es für unmöglich gehalten hätte, dass auch andere sie haben. Sehr empfehlenswert und eine gute Ergänzung zu Harry Potter. 😉
Stephen Fry: «Das Nilpferd»
Eine aberwitzige und doch verblüffend einleuchtende Geschichte, deren Auflösung völlig überzeugt. Und einem in Erinnerung ruft, wie wichtig es ist, auch scheinbar offensichtliche Tatsachen zu hinterfragen und auch scheinbar zwingende Schlüsse nicht einfach so zu glauben.
Den Stil von Stephen Fry muss man natürlich mögen – was ich tue! Und es braucht auch einen Sinn für den oft derben Humor – den ich habe. Und gegen Geschmacklosigkeiten muss man immun sein – was ich bin.
Im Moment lese ich gerade «Columbus war ein Engländer» und erkenne diverse autobiografische Elemente im «Nilpferd». Fry schöpft aus seiner Familiengeschichte und seiner Jugend und kann daher auf einen reichen Fundus an Anekdoten zurückgreifen und spinnt daraus mit Fabulierlust eine dichte Geschichte. Auch die eingestreuten Briefe, die mich in anderen Büchern manchmal eher nerven, sind in diesem Buch sehr gekonnt eingesetzt. Stilsicher, sattelfest, hervorragend erzählt, humorvoll und überraschend – was will man mehr? Für mich eine der grössten Entdeckungen seit langem.
Peter Tremayne: «Tod den alten Göttern»
Eine spannende Geschichte mit interessantem Plot, gut zu lesen und unterhaltsam. Die historische Szenerie wirkt auf mich überzeugend und ich erhielt Einblick in eine Welt, die ich nicht kannte. Die Namen sind allerdings ein Problem für mich, zumal ich die Protagonisten nicht immer auseinanderhalten konnte. Um auch noch etwas zu mäkeln, finde ich das Buch sprachlich eher bescheiden. Die Redewendungen sind oft etwas klischee- und formelhaft. Das könnte aber auch an der Übersetzung liegen. Was die Beschreibungen, vor allem die Beschreibungen der Figuren angeht, hätten die etwas lebendiger und lebensechter ausfallen können. Auch die Dialoge könnten noch etwas mehr Würze vertragen, zumal auf dem Klappentext die Spitzzüngigkeit von Fidelma, der Heldin des Buchs, speziell gewürdigt wird.
Ab und zu hat mich das Buch an ein klassisches Point-and-click-Adventure erinnert: Man sieht die gute Nonne Burgen und banditenverseuchte Wälder durchstreifen und Hinweise, Evidenzien sowie silbrige Scheiben aufsammeln. Falls es dieses Game geben sollte, dann werde ich es mir auf alle Fälle besorgen.
Robert Shea: «Illuminatus 01. Das Auge in der Pyramide»
Zu behaupten, das Beste an diesem Buch sei das Cover, wäre… naja, nichts als die Wahrheit.
Markus Werner: «Zündels Abgang»
Das Erstlingswerk von Markus Werner, der zu meinen Lieblings-Autoren aus der Schweiz gehört. Und auch wenn Markus Werner einen bei jedem Buch mit einem tollen ersten Satz hineinzieht, ist der erste Satz in diesem Buch noch immer mein liebster.
Roger Schawinski: «TV-Monopoly. Die Inside-Story»
Schawinski hat das Fernsehen zwar nicht erfunden, bietet aber spannende Einblicke in den Betrieb eines kommerziellen TV-Senders. Man erfährt einiges über die Mechanismen – und würde fürchterlich gerne wissen, welche Erlebnisse Schawinski in diesem Buch nicht erzählt und warum nicht.
«Die Stadt der träumenden Bücher»
Sehr schön, sehr fantasievoll und poetisch!
Fussnoten1) Die Buch-Website Visual Bookshelf ist im Sommer 2011 bei goodreads.com gelandet, wie seinerzeit in diesem Beitrag kommentiert worden ist:
We were sad to see the popular Facebook App Visual Bookshelf, which was one of our largest rivals, close its doors over the weekend. We were honored, however, to be chosen as their preferred successor to their millions of users. In the past few days, a flood of new people have joined Goodreads and cataloged over 1 million books. This meant some extra work for us—it’s no joke adding a million books to the database in two days!—but we’re very happy to welcome these new readers to Goodreads.
Ich habe ein Benutzerkonto dort, aber meine für die alte Plattform verfassten Rezensionen haben es nicht bis dorthin geschafft. Das hat mich gelehrt, meine Besprechungen hier im Blog zu veröffentlichen. ↩
Ähnliche Beiträgehttps://blog.clickomania.ch/2009/05/05/rezensionen-aus-der-gruft/