Hype um Prediction Markets
Wetten, dass Jesus vor 2027 zurĂŒckkehren wird
Prediction Markets sind in vielen LĂ€ndern illegal. Das Wetten auf zukĂŒnftige politische und gesellschaftliche Ereignisse wird aber immer populĂ€rer. Dabei sind die Wetten manipulationsanfĂ€llig und ethisch teilweise höchst fragwĂŒrdig.
âDie langfristige Vision ist, alles zu finanzialisieren und aus jeder Meinungsverschiedenheit ein Handelsgut zu machenâ, sagt Tarek Mansour, MitbegrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Kalshi. Plattformen wie Polymarket und Kalshi ermöglichen potenziell das Wetten auf jedes zukĂŒnftige Ereignis.
Laut SchÀtzungen von Similarweb verzeichnete Polymarket im MÀrz 2026 etwa 45,3 Millionen Besuche. Die zunehmende PopularitÀt gilt mitunter den Ereigniswetten, also dem Wetten auf den Eintritt oder eben das Ausbleiben jener Ereignisse.
Die Nutzer:innen entscheiden selbst, auf welche Ereignisse sie wetten möchten. âWird Jesus Christus vor 2027 zurĂŒckkehren?â â die Chance steht laut Polymarket bei vier Prozent.
âDystopischer Todesmarktâ
In letzter Zeit hĂ€ufen sich jedoch Berichte ĂŒber weniger harmlose Wettangebote. Ereigniswetten betreffen beispielsweise auch den Beginn und das Ende von Kriegen â oder sogar den detaillierten Verlauf und konkrete Menschenleben.
âEkelhaftâ nennt dies Seth Moulton, US-Kongressabgeordneter der Demokratischen Partei: Nachdem Iran ein US-Kampfflugzeug abgeschossen hatte und die Suche nach dem zweiten Piloten anhielt, hatten Nutzer:innen von Polymarket Wetten auf den genauen Tag seiner Bergung abgeschlossen. Polymarket hat das Wettangebot wenig spĂ€ter aufgrund von âIntegritĂ€tsstandardsâ zwar deaktiviert, doch Moulton konterte, es seien auf der Plattform weiterhin Hunderte solcher âKriegswettenâ aktiv und Polymarket sei ein âdystopischer Todesmarktâ.
Das Wetten auf RaketeneinschlĂ€ge ist ein Routine-Angebot auf Polymarket. Mitunter geht es um hohe BetrĂ€ge. Die Wettenden gewinnen oder verlieren, wenn eine Rakete nicht abgefangen wird oder eben trifft. Das ist die definitorische Voraussetzung in der Rubrik âMilitĂ€rschlĂ€geâ: Es muss ein Treffer sein. Als Basis der ĂberprĂŒfung dient, was in der Presse steht.
Emanuel Fabian, Journalist der Times of Israel, erfuhr dies auf unangenehme Weise. Er hatte im Laufe des 10. MĂ€rz 2026 ein ârelativ unwichtiges Updateâ zu einem bestĂ€tigten Raketentreffer veröffentlicht, sagt er dem Guardian. Kurz darauf erhielt er etliche Drohungen: âDir bleiben noch 90 Minuten die LĂŒge zu korrigieren.â Eine andere Person drohte laut dem Bericht: âNachdem du uns 900.000 Dollar Verlust beschert hast, werden wir mindestens denselben Betrag investieren, um dich fertigzumachen.â
Die Spur der Drohungen fĂŒhrt auf Polymarket: Die WetteinsĂ€tze fĂŒr RaketeneinschlĂ€ge, ĂŒber die Fabian berichtete, beliefen sich am 10. MĂ€rz auf rund 23 Millionen US-Dollar. Drohungen dieser Art lassen laut Fabian die Prognose zu, dass Journalist:innen bald hĂ€ufiger unter dem Druck stehen könnten, ihre Berichterstattung an das gewĂŒnschte Ergebnis von Wetten anzupassen. Denkbar ist, dass eine Beteiligung an Wetten eine falsche oder verzerrende Berichterstattung befördern könnte.
Manipulation und Insiderhandel schwer verhinderbar
âGesellschaftswettenâ haben analog zum klassischen Finanzmarkt aber nicht nur das Problem ethischer GrundsĂ€tze, sondern auch von Insiderhandel. Darunter versteht man, dass Menschen mit Vor- oder Insiderwissen dieses am Markt gezielt ausnutzen, um Gewinne zu machen.
Am Tag vor den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran platzieren mehr als 150 Polymarket-Accounts hohe Wetten, mit denen sie den Angriff noch wenige Stunden vorher richtig âvorhersagenâ. Ein besonders auffĂ€lliger Account konnte ĂŒber den Verlauf mehrerer Wetten 93 Prozent der unangekĂŒndigten US-MilitĂ€rschlĂ€ge korrekt prognostizieren. Kurz vor Beginn des Waffenstillstandes zwischen den USA und Iran wiederholte sich das Muster: Mindestens 50 neu erstellte Polymarket-Accounts wetteten mit hohen EinsĂ€tzen, nur wenige Stunden davor. Ein Ă€hnlicher Vorgang hatte sich bereits im Januar kurz vor der US-MilitĂ€raktion in Venezuela zugetragen. Ein Account âantizipierteâ die Gefangennahme Maduros und konnte damit innerhalb weniger Stunden mehr als 400.000 US-Dollar Gewinn einfahren.
In einem anders gelagerten Fall hat ein Account eine Million US-Dollar durch das Wetten auf Googles âYear in Search 2025â gewonnen. Die Erfolgsrate dabei: 22 von 23 Malen richtig âgeratenâ. Auf die Wallet dieses Accounts wurden vorher drei Millionen US-Dollar eingezahlt und sofort hohe Wettsummen platziert. Auch Googles Freigabedatum von Gemini 3.0 Flash hatte derselbe Account zuvor richtig prognostiziert.
Wer diese mutmaĂlichen Insider:innen sind, ist nur schwer nachverfolgbar. Alle Polymarket-Accounts können anonym betrieben werden. Zudem laufen sĂ€mtliche Trades ĂŒber die Plattform-eigene KryptowĂ€hrung. GeldflĂŒsse lassen sich auf diese Weise offenbar leicht verschleiern. Dennoch sah sich die Trump-Regierung dazu genötigt, eigene Mitarbeiter:innen vor Insider Trading zu warnen, berichtet das Wall Street Journal.
Wir haben sowohl Polymarket als auch Kalshi Presseanfragen geschickt, auf die beide Unternehmen allerdings nicht reagiert haben.
In Deutschland verboten, in den USA Graubereich
In Deutschland sind sogenannte Gesellschaftswetten prinzipiell verboten, die Gemeinsame GlĂŒckspielbehörde der LĂ€nder (GGL) warnt vor der Teilnahme. In einer Mitteilung der Behörde heiĂt es:
Aufgrund der hohen Manipulationsgefahr sind solche Wetten laut § 3 Abs. 1 Satz 4 in Verbindung mit § 4 Abs. 5 des GlĂŒcksspielstaatsvertrags 2021 (GlĂŒStV 2021) nicht genehmigungsfĂ€hig.
Wer bei Polymarket oder anderen Plattformen wettet, macht sich somit strafbar. Polymarket bietet ein deutsches User-Interface an, mit einer deutschen IP-Adresse lassen sich dort keine Wetten platzieren. Solches Geoblocking lÀsst sich allerdings technisch recht einfach umgehen.
In den USA ist die Rechtslage unĂŒbersichtlich. Die US-Aufsichtsbehörde âCommodity Futures Trading Commissionâ (CFTC) untersagt im Prinzip das Wetten in Bezug auf Krieg, Terror und Attentate. Die US-basierte Plattform Kalshi hĂ€lt sich daran, bei Polymarket zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Die Wetten auf Kriegsereignisse laufen dort nicht ĂŒber das US-GeschĂ€ft, sondern ĂŒber die internationale Sparte des Anbieters. Sogenanntes âOffshore Tradingâ macht es möglich.
Indes haben US-Kongressabgeordnete, darunter Chris Murphy (Demokratische Partei), neue GesetzesvorschlĂ€ge eingebracht. Das Wetten auf Regierungshandeln, Krieg, Terror und Ă€hnliche Ereignisse soll demnach auf gesetzlicher Ebene verboten werden. Auch Ereignisse, die sich von Einzelnen leicht manipulieren lassen, sollen darunter fallen â beispielsweise, ob Trump im April das Wort âRINOâ verwenden wird.
Prinzipiell soll das gesetzliche Verbot von Insider Trading auf die Prediction Markets ausgeweitet werden. Eine Abgeordnetengruppe forderte die CFTC zudem dazu auf, bis zum 15. April eine Reihe von Fragen zu ihrer Aufsichtsrolle zu beantworten. Darunter auch, warum die Behörde nicht gegen kriegsbezogene Wetten vorgeht und ob es Interessenkonflikte zwischen Finanzmarkt-Akteuren und hochrangigen Regierungsmitgliedern gibt.
Aktuell ist jedoch mit wenig Gegenwind von US-Behörden zu rechnen. WĂ€hrend die Biden-Administration gerichtlich gegen Prediction Markets vorging, hat die Trump-Regierung die Untersuchungen gegen Polymarket einstellen lassen. Michael Selig, Vorsitzender der CFTC, sagte gar, unter seiner Leitung sei es den Predictions Markets möglich, in den USA âaufzublĂŒhenâ.
Familie Trump will mitmischen
Indes hat die Familie Trump PlĂ€ne fĂŒr eine eigene Prognoseplattform: âTruth Predictâ. Donald Trump Jr. ist zudem nicht nur als Berater fĂŒr Polymarket und Kalshi tĂ€tig, sondern hat mit seiner Investmentfirma 1789 Capital auch direkt in Polymarket investiert.
Da die neuen Online-Plattformen auch im SportwettengeschĂ€ft regulĂ€rer Wettanbieter mitmischen und wenig reguliert sind, seien klassische Sportwettenanbieter laut CNNbesorgt. Eine anonym bleibende Person aus der Branche sagte demnach, die Beteiligung der Familie Trump an PrognosemĂ€rkten sei ein âentscheidender Faktor in dieser politischen Angelegenheitâ.
Abgeordnete der Republikanischen Partei zögerten offenbar, sich in Washington in einen Streit einzumischen, der dem GeschÀft der Familie Trump schaden könnte.
Denis Glismann ist von April bis Juni 2026 Praktikant bei netzpolitik.org. Er schlieĂt aktuell seinen Master in Politikwissenschaft an der FU Berlin ab. Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von netzpolitik, gemĂ€ss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.