âEin moralischer Abgrundâ
Zalando â SchlieĂung des Standorts angekĂŒndigt. Die BeschĂ€ftigten kĂ€mpfen um ihre Existenz
Die Kundinnen und Kunden können vielleicht âvor GlĂŒck schreienâ, doch die BeschĂ€ftigten haben allen Grund vor Wut zu heulen. Zalando hat ohne Vorwarnung plötzlich angekĂŒndigt, bis Ende September die Tore an seinem Ă€ltesten Logistikstandort Erfurt zu schlieĂen. 2.700 BeschĂ€ftigte stehen damit auf der StraĂe.
Viele der BeschĂ€ftigten sind extra wegen der Arbeit nach Erfurt gezogen. Ihre Existenz hĂ€ngt vom Job ab, fĂŒr manchen auch die Aufenthaltsgenehmigung. Rund 60 Prozent der BeschĂ€ftigten haben einen Migrationshintergrund, die meisten Familie und jede*r hatte auf eine zukunftsfeste Arbeit vertraut. âSie haben ihr Leben auf die Arbeit verplant, Wohnungen gemietet oder gekauft. Sie waren in Schockstarre, als sie es erfuhren, manche in TrĂ€nen aufgelöstâ, berichtet Betriebsrat Thomas Gutberlet.
âDie SchlieĂung ist ein Schlag ins Gesichtâ, sagt Matthias Adorf von ver.di. SchlieĂlich hĂ€tten die betroffenen Kolleginnen und Kollegen dem Zalando-Standort seit mehr als einem Jahrzehnt trotz Niedriglöhnen die Treue gehalten. Betriebsrat Gutberlet kritisiert die VorgĂ€nge: âZum Jahresende waren gerade erst bisher befristete ArbeitsvertrĂ€ge entfristet worden. Nur drei Monate spĂ€ter sollen wir entsorgt werden wie SondermĂŒll. Das wird von ganz oben nach unten hierarchisch entschieden. Widerspruch ist nicht vorgesehen.â
Erfahren haben die BetriebsrĂ€te bei einem Online-Termin von der SchlieĂung. âDas war nicht mal eine richtige Sitzungâ, betont Gutberlet. Bereits eine Stunde spĂ€ter habe die GeschĂ€ftsleitung die BeschĂ€ftigten bei einer Mitarbeiterversammlung informiert. Aber bereits beim Betreten der Arbeitsstelle sei schon allen klar gewesen, hier stimmt was nicht. âĂberall standen Sicherheitsleute und haben mit Detektoren auf mitgebrachtes Metall kontrolliert. Die GeschĂ€ftsleitung hatte wohl Angst, dass die BeschĂ€ftigten ausrastenâ, vermutet Gutberlet.
Da in drei Schichten gearbeitet wird, wurde zuerst die FrĂŒhschicht informiert. Der Zalando-Vorstand reiste dazu aus Berlin an und gab die bereits beschlossene SchlieĂung des Lagers unter dem Tagesordnungspunkt âNeujahrsgrĂŒĂeâ bekannt. âDie Belegschaft ist aus allen Wolken gefallenâ, berichtet Gewerkschafter Adorf. SchlieĂlich hatte im Jahr zuvor die Standortleitung immer wieder betont: âEure ArbeitsplĂ€tze sind sicher. Ihr mĂŒsst euch keine Sorgen machen.â Nichts hĂ€tte darauf hingedeutet, dass Zalando in Erfurt schlieĂen will.
Auch Geld war noch in den Standort gesteckt worden, berichtet Adorf weiter. âEnde letzten Jahres haben sie neue Arbeitskleidung fĂŒr tausende Euro verteilt, haben Kameras auf den ParkplĂ€tzen montiert, AuĂenflĂ€chen neu gemacht und die Beschriftung am AuĂengebĂ€ude erneuert.â Auf allen Betriebsversammlungen der letzten Monate war die ZukunftsfĂ€higkeit des Standorts Erfurt gepriesen worden. âKein Verdacht sollte aufkommen. Es ging nur darum, die BeschĂ€ftigten im WeihnachtsgeschĂ€ft ein letztes Mal auszupressen, bevor man sich ihrer entledigtâ, so Adorf weiter.
Dabei fehle es dem Unternehmen nicht am nötigen Kapital. Es investiert, allerdings woanders. âZalando scheint es profitabler, den Ă€ltesten Standort des Netzwerkes zu schlieĂen und gleichzeitig in GieĂen ein neues Logistikzentrum ans Netz zu nehmen. Das ist ein riesiger moralischer Abgrund, der sich da auftutâ, betont Gewerkschafter Adorf. Die Schicksale der BeschĂ€ftigten seien vollkommen egal, wenn es um das Geld der AktionĂ€re gehe. âNirgendwo zeigt sich die hĂ€ssliche Fratze des Kapitalismus deutlicher als im Versandhandel.â
Wie geht es nun weiter?
Der Betriebsrat will nun zuerst die Mitbestimmung nachholen, denn es handelt sich nach Paragraf 111 Betriebsverfassungsgesetz um eine BetriebsĂ€nderung und hier stehen dem Betriebsrat Informations- und Beratungsrechte zu, die der Arbeitgeber im Vorfeld der SchlieĂungsbekanntgabe ignoriert hat. Um seine Rechte durchzusetzen hat der Betriebsrat eine anwaltliche Beratung hinzugezogen. âWir wollen wissen, welche Ăberlegungen zur SchlieĂung gefĂŒhrt haben und welche Optionen geprĂŒft wurden.â UnverschĂ€mt sei, dass der Arbeitgeber schon fĂŒr die folgende Woche direkt drei Termine fĂŒr Sozialplanverhandlungen angesetzt hatte. âDas haben wir abgelehnt. Wir wollen erst einmal informiert werdenâ, beharrt Gutberlet auf den gesetzlich verbrieften Rechten.
Um jetzt viel zu erreichen, zögen alle an einem Strang, weiĂ auch Gewerkschafter Adorf. Jeder Monat, den es lĂ€nger dauere, komme den BeschĂ€ftigten zugute. Viele der langfristig BeschĂ€ftigten hĂ€tten inzwischen fĂŒnf Monate KĂŒndigungsfrist. Die Gewerkschaft ver.di ist fĂŒr ihre Mitglieder da. âWir treffen uns regelmĂ€Ăig mit unseren Mitgliedern. Das Ziel aller BemĂŒhungen ist, wenn der Verlust der ArbeitsplĂ€tze nicht aufzuhalten ist, dann aber möglichst so sozialvertrĂ€glich wie möglich und möglichst viel fĂŒr die BeschĂ€ftigten rauszuholen. Dazu gehören Interessenausgleich, Sozialplan und hohe Abfindungen.â
Betriebsrat Gutberlet betont: âWir haben polnische, russische, arabische und rumĂ€nische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die sind hier, um in einem Niedriglohnbereich Geld zu verdienen und ĂŒberlegen sich den Beitrag fĂŒr ver.di lieber dreimal. Mit mehr Mitgliedern hĂ€tten wir schon vor zehn Jahren streiken und spĂŒrbar höhere Löhne ĂŒber dem Mindestlohn erkĂ€mpfen mĂŒssen. Dann hĂ€tten wir jetzt einen höheren Abfindungsanspruch, höheres Arbeitslosengeld und spĂ€ter auch eine bessere Rente.â
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.