Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!
«Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»
Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?
Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)
Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?
Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.
Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.
Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.
Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis
Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:
Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.
Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?
Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.
Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.
Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?
Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.
Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.
Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.
Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.
Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?
Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).
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