Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren

Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.

Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».

Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.

Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.

Irgendwas ist faul in Göschenen

Das Vergleichsbild aus dem Staatsarchiv Uri: viele Ähnlichkeiten und Detailunterschiede.

Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.

Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».

So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).

Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.

Da passt gar nichts zusammen

Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.

Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?

Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:

  • Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
  • Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
  • Wie mir ein SBB-Kenner auf Facebook mitteilt, ist die Lok in Wahrheit grün oder braun, jedenfalls nicht rot. Das Originalbild war, wie zu vermuten war, schwarzweiss und wurde eingefärbt.
  • Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
  • Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
Unstimmigkeiten, wohin man schaut: unterschiedliche Schärfen, und Rasterungen. Und die Kabel sind irgendwie mit den Berggipfeln verschmolzen.Das hier ist offensichtlich ein Überbleibsel des Wasserzeichens von Nano Banana, der Bilder-KI in Google Gemini. Zum Vergleich rechts das gleiche Wasserzeichen aus einem Bild, das ich selbst mit Gemini hergestellt habe.

Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?

In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.

Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?

Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Nach einer Nachfrage erhielt ich eine Auskunft, aus der hervorgeht, dass tatsächlich das Bild aus dem Urner Staatsarchiv, auf das mein Tagi-Kollege und auch ich gestossen waren, als Vorlage diente.

Das Bild ist sehr nah am Originalbild, weshalb eine Deklaration in diesem Fall als nicht angezeigt erschien. Lewin Lempert von der SP Schweiz schrieb¹:

Die Bearbeitungen wurden durch einen Grafiker vorgenommen, KI dabei nur als Hilfestellung verwendet. Das Bild ist sehr nah am Originalbild, weshalb eine Deklaration in diesem Fall als nicht angezeigt erschien.

Diese Einschätzung teile ich nicht.

Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.

Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.

Fussnoten

1) Hier die Stellungnahme im vollen Wortlaut:

Welches ist das Originalbild, das für dieses Motiv verwendet wurde?

Das Originalbild [ist] ein Bild aus dem Urner Staatsarchiv.

Welche Bearbeitungen wurden vorgenommen?

Das Bild wurde koloriert und in der Anordnung einiger untergeordneter Elemente leicht bearbeitet.

Falls im grösseren Stil Bearbeitungen vorgenommen wurden (mit oder ohne KI): Warum sind die nicht transparent gemacht?

Die Bearbeitungen wurden durch einen Grafiker vorgenommen, KI dabei nur als Hilfestellung verwendet. Das Bild ist sehr nah am Originalbild, weshalb eine Deklaration in diesem Fall als nicht angezeigt erschien.

Sind Sie nicht der Ansicht, dass es die Transparenz, Fairness und die generelle Erwartung der Nutzerinnen und Nutzer gebieten würde, eine solche Bearbeitung klar und deutlich zu kennzeichnen? Das Bild insinuiert historische Korrektheit: Sollte im Sinne der Authentizität nicht auf so weitgehende Veränderungen (man könnte auch von Manipulationen sprechen) verzichtet werden?

Wir weisen den Vorwurf der Manipulation entschieden zurück. Das Bild wurde durch einen Grafiker leicht bearbeitet, um es in das Format eines Plakats bringen zu können. Dies entspricht der üblichen Handhabe bei der Erstellung von Politwerbung. Diese Kolorierung wäre auch ohne KI mit anderen Bildbearbeitungsprogrammen möglich gewesen. Wir implizieren zudem nirgendwo, dass Motiv von 1872 stammt. Hier wird klar auf dem Plakat geschrieben, dass 1872 der Baubeginn des Gotthards stattgefunden hat (logischerweise kann der fertiggestellte Tunnel nicht im selben Jahr sein). ↩

Beitragsbild: Ein Extrazug vom 3. Juni 1982 mit Doppellok Ae 8/14 11801 beim Verlassen des Gotthardtunnels in Göschenen (Hans-Peter Bärtschi/ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).

#DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar

Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch

Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.

Ist das ein echtes Problem?

Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.

Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?

Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:

1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten

Wer hat kein Herz für Esel?

Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.

Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).

2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden

Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.

«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.

Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.

3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station

Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.

Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.

Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:

Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕

4) Der bekehrte Matador

Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.

Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:

Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.

Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.

5) Die stillende Polizistin

Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.

Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.

Im fraglichen Beitrag ist eine argentinische Polizistin die Heldin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:

Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.

Rührseliger Kitsch

Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.

Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:

  • Die Esel:
    Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies.
  • Die Container:
    Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen.
  • Hachikō:
    Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen.
  • Álvaro Múnera Builes:
    Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier).
  • Celeste Ayala:
    Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Teppich gekehrt wird.
  • Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.

    Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.

    Wer hätte es gedacht?

    «Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»

    Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:

    Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)

    Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.

    Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.

    Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.

    Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.

    Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.

    Auch «positive» Fake News sind verheerend

    Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:

    • Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
    • Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
    • Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
    • Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.

    Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.

    Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln,  haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.

    Beitragsbild: Bei ihr hat es jedenfalls gewirkt (RobinHiggins, Pixabay-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien

    Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!

    «Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»

    Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?

    Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)

    Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?

    Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.

    Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.

    Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.

    Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis

    Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:

    Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.

    Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?

    Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.

    Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.

    Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?

    Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.

    Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.

    Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.

    Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.

    Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?

    Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Googologie #Wochenkommentar #Youtube

    Die «Dark Pattern» bei der Online-Physiotherapie

    Ein Schmerz in der Schulter bei jeder Bewegung: Was tun? Zum Hausarzt rennen oder darauf hoffen, dass es morgen schon besser sein wird? Oder Dr. Google bzw. Doktorin KI konsultieren?

    Es gibt eine weitere Möglichkeit. Auf der Website physiotest.ch wird uns ein Online-Test angeboten. Er liefere einen «vorläufigen Indikator» und eine «klare Erklärung zu den Erkrankungen». Und er macht einen seriösen Eindruck, indem er uns diverse Bewegungen ausführen lässt – jeweils per Video oder in Fotos vorgeführt –, bei denen wir jeweils angeben müssen, ob, wann und wie sehr es schmerzt. Davon verspreche ich mir eine sinnvolle Eingrenzung. Ausserdem heisst es auf der Seite, mehr als 2500 solcher Checks würden pro Tag ausgeführt. Sie scheint so eine Art Mekka für Leute mit Muskel- und Gelenkbeschwerden zu sein.

    Das kommt womöglich überraschend: Wer die Resultate seiner Bemühungen sehen will, muss ein Abo abschliessen.

    Ich kämpfe mich also von Übung zu Übung. Ohne mitgezählt zu haben, durchlaufe ich etwa drei Dutzend Stationen – mit wachsender Zuversicht, dass sich mit so vielen Daten eine klare Aussage über meinen Zustand treffen lässt. Als der Fortschrittsanzeiger endlich hundert Prozent erreicht, erfahre ich allerdings nicht, ob eine Verspannung, ein Sehnenriss oder eine Entzündung des Schleimbeutels vorliegt. Stattdessen teilt mir Physiotest.ch mit, ich müsse ein Abo für 2.99 Franken abschliessen, um die Ergebnisse zu erfahren.

    Die Inflation ist beträchtlich

    Nebenbei: Als ich den Test für diesen Blogpost ein zweites Mal zufällig klickend durchlaufe, wird mir am Ende ein Abonnement zum nochmals deutlich teureren Preis von 4.49 Franken in Aussicht gestellt. Und: «Nach sieben Tagen wechselt die Testphase automatisch in ein Monatsabonnement von 17.99 Franken, das jederzeit in Ihrem Konto gekündigt werden kann.»

    Mir ist diese Masche nicht neu. Die allererste Folge in meiner Online-Shit-der-Woche-Rubrik beschäftigte sich mit den fiesen Psycho-Tricks der Online-Psychologen und einer Website, die vor zwei Jahren nach dem genau gleichen Muster funktionierte: Ohne Deklaration, dass die Auswertung kostenpflichtig ist, werden Nutzerinnen und Nutzer dazu gebracht, ein beträchtliches Zeit-Investment zu leisten. Wenn das nicht umsonst gewesen sein soll, hat man keine andere Wahl, als die Zahlung zu leisten.

    Aus meiner Sicht ist das ein Dark Pattern, d.h. ein unfreundliches bis ausbeuterisches Designprinzip, das für mich nötigenden Charakter aufweist. Es steht ausser Frage, dass ich den Test nicht ausgefüllt hätte, wäre ich vorab transparent über die Bedingungen informiert worden. Übrigens bin ich der Meinung, dass ein solcher Test etwas kosten darf, wenn er seriös aufgebaut ist und mir brauchbare Informationen liefert. Fünf Franken fände ich völlig okay – aber ein Abo, das ich selbst wieder kündigen muss und das eine laufende, für mich unnötige Dienstleistung beinhaltet, darf nicht auf diese Weise an die Frau und den Mann gebracht werden.

    Wo man eine Information platziert, damit sie keiner liest

    Ich habe meine Kritik dem Betreiber unterbreitet und (wider Erwarten) eine Antwort bekommen:

    Wir entschuldigen uns, dass Sie enttäuscht sind. Physiotest kam nach jahrelanger Arbeit auf den Markt. Es wurde von professionellen Physiotherapeuten auf der Grundlage aller vorhandenen Bedingungen entwickelt. Es hat einen einzigartigen Algorithmus, der Ihre mögliche Erkrankung sehr genau bestimmt (und mit welchen Erkrankungen Sie weniger Ähnlichkeiten haben). Mit einem kleinen Beitrag für den einzigartigen Selbsttest bieten wir die Qualität, für die wir stehen. Zu Beginn des Checks informieren wir unsere Besucher über den Preis (über dem Weiter-Button). Siehe den angehängten Screenshot.

    Ein Bildschirmfoto war nicht angehängt, aber beim zweiten Durchlauf finde ich den Hinweis selbst. Er erscheint bei der ersten Frage, bei der man das Geschlecht auswählt, und bei einer schematischen Darstellung die Schmerzstelle anklickt. Man stimmt an dieser Stelle den allgemeinen Geschäftsbedingungen zu.

    Hier findet sich – leicht zu übersehen und missverständlich formuliert – die Preisangabe. (Die übrigens beim zweiten Durchlauf von drei Franken auf 4.50 hochschnellte.)

    Am Ende des Textblocks heisst es:

    Der Check gibt eine Indikation der Erkrankung(en), unter denen Sie möglicherweise leiden. Für 4,49 CHF erhalten Sie das vollständige Ergebnis und Beratung zu Ihren Beschwerden.

    So baut man kein Vertrauen auf

    Macht dieser Hinweis das Dark Pattern weniger «dark»? Ganz klares Nein:

    • Erstens legt es der Hinweis geradezu darauf an, dass man ihn leicht überliest: Der Test hat bereits begonnen. Man darf voraussetzen, dass die Rahmenbedingungen an diesem Punkt geklärt sind. Ausserdem ist man damit beschäftigt, die schmerzende Stelle richtig anzuklicken.
    • Und selbst wenn man den Text liest, kann man zum Schluss kommen, dass es ein Resultat in Kurzform – nämlich die «Indikation der Erkrankung(en)» – gratis gibt. Die Formulierung impliziert, dass man nur für die vollständigen Ergebnisse mit Beratung bezahlen muss.

    Juristisch dürfte an diesen suggestiven Trickserei nichts auszusetzen sein. Aber für mich ist völlig klar, dass sie in keinerlei Hinsicht dazu geeignet ist, Vertrauen aufzubauen. Als Patient ist man prinzipiell in einer Position des Bittstellers und fühlt sich verletzlich. Wenn sich der Eindruck einstellt, dass Unachtsamkeiten gnadenlos ausgenutzt oder sogar provoziert werden, dann fühlt man sich nicht gut aufgehoben. Darum zum Hausarzt – und niemals zu Physiotest.ch.

    Aber eine Schlusspointe gibt es noch. Hygieia gefiel es nämlich, dass meine Schulter am nächsten Tag tatsächlich schon viel weniger schmerzte …

    Beitragsbild: Wer sich hier durchwalken lässt, kann nicht gleichzeitig noch aufs Portemonnaie aufpassen (Sincerely Media, Unsplash-Lizenz).

    #DarkPattern #DerOnlineShitDerWoche #Gesundheit

    Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe

    Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:

    Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.

    Ist es reine Begeisterung an meinem Blog? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

    Wie angedeutet sind SEO-Angebote auf Basis einzelner Links, meist sogenannte «Gastbeiträge», nicht neu. Die Offerte, dafür gleich meine Website zu veräussern, kam mir bisher jedoch nicht unter.

    Das ergibt verblüffend viel Sinn

    Die hier wollen meine Website kaufen.

    Bei näherer Betrachtung ergibt sie erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.

    Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?

    Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretungperson, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.

    Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein

    Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen meisten anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern auftreiben konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.

    Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:

    • Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
    • Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel diese Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.

    Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:

    Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.

    Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.

    Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen

    Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.

    Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.

    Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachzulesen und deutlich bescheidener.

    Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?

    Zum Schluss eine moralische Erpressung

    Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:

    Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?

    Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.

    Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.

    Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.

    Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!

    Fussnoten

    1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:

    Guten Tag,
    vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
    Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
    Zur Einordnung einige Eckdaten:

    • Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
    • Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
    • Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
    • Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
    • Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv

    Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:

    • Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
    • Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
    • Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?

    Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
    Mit freundlichen Grüssen ↩

    Beitragsbild: Wer hätte das gedacht? Bargeld lacht! (Sasun Bughdaryan, Unsplash-Lizenz)

    #Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEO

    15 abgefahrene Quiz-Spiele rund ums Internet

    Der Teufel steckt im Detail. Diese Lebensweisheit, deren Ursprung nicht gänzlich geklärt ist, trifft in vielen Bereichen zu. Sie gilt bei allen Dingen, die irgendwie mit Politik zu tun haben. Und mit Wirtschaft. Vermutlich trifft sie ebenfalls beim Sport ins Schwarze, aber da kenne ich mich nicht aus. Doch eines ist klar: In der digitalen Sphäre kann das Detail noch so klein sein – einen fetten Teufel gibt es trotzdem.

    Trotz allem bin ich mir sicher, dass ein Mail an diese Adresse nicht ankommen wird.

    Einen beredten Beleg dafür liefert uns die Website e-mail.wtf: Hier finden wir ein Quiz, bei dem wir entscheiden müssen, ob eine E-Mail-Adresse gültig ist oder nicht. Der Betreiber, Sam, ist Vater, Ehemann, Programmierer und Whisky-Trinker und hat eine persönliche Website, die mich schmerzlich daran erinnert, wie schön das Internet früher war.

    So leicht irrt man sich

    Also, unter der Prämisse, E-Mail sei einfach, gibt es ein Quiz, das auf einem Parser für E-Mail-Adressen basiert, der wiederum das Regelwerk (RFC 5322) getreulich umsetzt. Es hat mich nach wenigen Fragen vom hohen Ross heruntersteigen lassen. Ich glaubte, die Gesetzmässigkeiten ungefähr grob verinnerlicht zu haben. Aber denkste! Mein Resultat waren peinliche acht Richtige von 21.

    Fazit: Ein interessanter Zeitvertreib für uns Nerds.

    Es gibt weitere solcher Quizzes, wobei der Abgefahrenheitsfaktor im Einzelfall nicht so gross ist. Dafür können wir diese Spiele für Verwandte und Bekannte nutzen, um sie auf die Gefahren im Netz aufmerksam zu machen. Insbesondere dann, wenn sie uns im Brustton der Überzeugung erklären, dass sie niemals auf ein gefälschtes Mail oder eine Betrüger-Website hereinfallen würden:

    Das Antiphishing-Quiz schult unser Auge auf verdächtige Merkmale von E-Mails.

    Wie Jugendliche etwas über Online-Sicherheit lernen

    Es gibt auch ein Angebot für Kinder und Jugendliche:

    • Für kleinere Kinder geeignet sind die Spiele von internet-abc.de.
    • Wiederum um die Sicherheit geht es auf saferinternet.at. Hier werden auch Themen wie Cybermobbing, Belästigung online und die Influencer angeschnitten.
    • «SRF Kids» hat das Quiz zur Internetsicherheit in petto, in dem es u.a. über das Cybergrooming geht.
    • Eine breite Palette von technischen Wissenstests findet sich auf der etwas chaotischen Website wayground.com.

    Ferner einige spielerische Websites, die wie e-mail.wtf einen technischen Anspruch haben:

    Can’t-Unsee: Auf die Feinheiten kommt es an.Die erste Frage von «Flexbox Froggy» erfolgreich gemeistert!

    Was es nicht alles gibt: Quizspiele für Möchtegern-Hacker und Fans von Vim

    Zum Schluss dieses Beitrags – der nur wegen der teilweise schwer verständlichen RFC-5322-Regeln überhaupt in die Kategorie des Online-Shits der Woche passt – einige Tests, bei denen Expertenwissen gefragt ist und ich darum leider raus bin:

    • Bei Oh My Git! stehe ich auf verlorenem Posten. Jedenfalls geht es hier darum, Verständnis für Git-Repositorys zu entwickeln.
    • Im Cross-Site Scripting (XSS) Game von Google wenden wir unser Wissen über eine der häufigsten Sicherheitslücken im Netz an: Unsere Aufgabe ist es, Javascript-Code auf eine Website einzuschmuggeln.
    • Ebenfalls um Sicherheit für erfahrene Anwender geht es bei den Wargames der Overthewire-Community. Die «Bandit-Spiele» richten sich an Anfänger. Beim ersten Level müssen wir ein Passwort aufspüren und das fürs Log-in via SSH verwenden.
    • The evolution of trust beschäftigt sich mit der Spieltheorie und wendet sie aufs Internet an. Dieses liebevoll gestaltete Wissensspiel stammt von der kanadischen Gamedesignerin Nicky Case.
    • Last und (vielleicht) least die Vim Adventures. Wir lernen, falls wir uns dazu durchringen können, auf spielerische Weise die Bedienung des eigentlich unbedienbaren Vim-Editors.

    Beitragsbild: Er hier fühlt sich offensichtlich unterfordert – tut mir wirklich leid! (Karola G, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche

    Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com, computerbild.de, pons.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was die html-load.com nutzenden Websites betreiben, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung. Sie zeugt von einer Geringschätzung des Publikums³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie lehnen Werbung ab, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z. B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar

    Google Gemini erkennt leider längst nicht alle KI-Deepfakes

    Kollege Thomas Benkö schrieb letzte Woche auf Linkedin über die angebliche Schneeleopard-Attacke in Koktokay. Bei «Blick» dokumentierte er den Fall einer chinesischen Skifahrerin, die mit einem vorbeistreifenden Raubtier ein Selfie machen wollte (gute Idee, übrigens) und daraufhin attackiert wurde. Wie heutzutage kaum mehr anders zu erwarten, war es nur ein KI-Fake. Respektive genauer: Teile der Geschichte scheinen zu stimmen, doch nicht das gesamte Material, das darüber veröffentlicht wurde, ist authentisch.

    Auch das ZDF analysierte die Begebenheit. Sie führt uns vor Augen, dass eine Halbwahrheit problematischer sein kann als eine glatte Lüge. Letztere wischen wir vom Tisch. Doch bei ersterer müssen wir mühselig zwischen realen und erlogenen Details unterscheiden und uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Framing dahinterstecken könnte. In diesem Fall war’s vermutlich schlichte Klickgeilheit.

    An dieser Stelle soll es um ein technisches Detail gehen. Sowohl der «Blick» als auch das ZDF weisen auf SynthID hin. Das ist Googles Methode, KI-generierte Inhalte mit einem digitalen Wasserzeichen erkenntlich zu machen. Das wird nicht nur bei Bildern und Videos eingebettet, sondern selbst bei Text. Ich halte das für eine sinnvolle Massnahme, doch wie hier analysiert, ist es keineswegs ein Patentrezept gegen Deepfakes. Enthält ein Inhalt kein SynthID-Wasserzeichen, ist das kein Beweis für seine Authentizität.

    «Dieses Selfie ist gefälscht»

    Benkö weist darauf hin, dass Googles Chatbot Gemini die SynthID-Markierung ausliest. Und in der Tat: Ein Test mit dem vermeintlichen Selfie der tollkühnen Skifahrerin ergibt das unzweifelhafte Ergebnis:

    Eine Analyse mit dem Tool SynthID hat ergeben, dass Teile des Bildes digitale Wasserzeichen enthalten, die auf den Einsatz von Google KI-Modellen hinweisen.

    Hier ist der Fall klar: Gemini hat das SynthID-Wasserzeichen entdeckt.

    Das bringt uns zur Frage: Wie gut ist Gemini generell beim Enttarnen von KI-Inhalten?

    Bei diesem Test interessiert mich vor allem, wie Googles künstliche Intelligenz im umgekehrten Fall abschneidet. Werden Bilder als authentisch erkannt, wenn sie das erwiesenermassen sind, aber trotzdem aussehen wie KI-generiert?

    Ich verwende für diesen Zweck zwei Aufnahmen, die beide von freien Fotoplattformen stammen¹ und erwiesenermassen echt sein müssen. Sie wurden nämlich veröffentlicht, bevor die KI-Bildgeneratoren mit fotorealistischen Möglichkeiten existierten. Um es kurz zu machen: Bei denen bekleckert sich Gemini nicht mit Ruhm.

    Gemini liegt zweimal voll daneben

    Im Gegenteil; er vermutet in beiden Fällen fälschlicherweise eine KI:

    Weckt zu Unrecht KI-Vibes.

    Mann mit Geldbündeln:
    Dieses Bild weist sehr starke Merkmale einer KI-Generierung auf. Achte auf die Finger der rechten Hand: Sie wirken unnatürlich lang und verformt. Auch die Texturen der Geldscheine und die Schrift darauf («Franklin Barbershop») sind typisch für Bild-KIs, die oft Schwierigkeiten haben, Text und feine Details wie die Sicherheitsmerkmale von Währungen korrekt darzustellen.

    Sieht künstlich aus, stammt aber von 2018.

    Paar auf der Bank (Stockfoto-Stil):
    Auch dieses Bild zeigt bei genauerer Betrachtung Unstimmigkeiten, die auf KI hindeuten. Besonders auffällig ist die Hand der Frau auf dem Rücken des Mannes: Die Fingerstellung und die Anzahl der sichtbaren Finger wirken anatomisch nicht korrekt. Auch der Übergang der Haare zur Schulter zeigt oft unnatürliche Verschmelzungen.

    Immerhin erkennt Gemini die zwei Kontrollaufnahmen, die tatsächlich mit KI generiert worden sind.

    Trotzdem ist Googles Chatbot damit schlechter als zwei spezialisierte Erkennungs-Algorithmen: aiornot.com lag schon 2024 in allen Fällen richtig. Das gleiche gilt für Sight Engine aus meinem letztjährigen Test. Dieser meiner Erfahrung nach sehr zuverlässige Detektor liegt indes beim Schneeleoparden-Bild daneben und attestiert ihm fälschlicherweise Authentizität.

    Bei den Beispielen ohne SynthID vermutet Gemini KI, wo wir es mit echter Fotografie zu tun haben.

    Fazit: Es ist – und bleibt – kompliziert.

    • Gemini hilft uns in eindeutigen Fällen, in denen ein SyntID-Marker vorhanden ist. In allen anderen Fällen ist Googles KI nicht zuverlässig.
    • Umgekehrt zeigt dieses Beispiel, dass auch bewährte KI-Detektoren nicht von false negatives gefeit sind.

    Die Authentizität garantieren kann nur der Urheber einer Aufnahme – sei es, weil die Aufnahme kryptografisch über die Metadaten abgesichert wurde, wie es die Content Authenticity Initiative anstrebt. Oder sei es, weil die Aufnahme über verlässliche Wege aus einer vertrauenswürdigen Quelle zu uns gelangte. In anderen Fällen helfen uns die hier vorgestellten Werkzeuge, unseren Grad der Unsicherheit zu verringern. Aber völlige Gewissheit garantieren sie nicht – und auf alle Fälle müssen wir diese Werkzeuge bewusst und mit Kenntnis ihrer Grenzen einsetzen.

    Der sonst zuverlässige KI-Detektor von Sight Engine liegt hier falsch.

    Fussnoten

    1) Einige Details zu den beiden Aufnahmen:

    Beitragsbild: Das Ding könnte auch aus Plastik sein (Mart Production, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Googologie #KI #VideoBildgenerator

    Eine App, die uns fürs Trinken bezahlt

    Seit sechs Jahren protokolliere ich meinen Flüssigkeitskonsum mit der Water-Minder-App. Eine positive Sache: Ich trinke ausreichend, was mir guttut. Nebenbei habe ich einen Blick auf meinen Alkoholkonsum. Mir fällt es zwar leicht, mich zurückzuhalten. Die Daten sind dennoch nützlich, um mir meine Gewohnheiten und deren Veränderungen bewusst zu machen. Das bewährt sich für mich besser als eine dedizierte Alkohol-Tracking-App.

    Für einige der Getränke gibt es Punkte, für andere nicht.

    Die Water-Minder-App hat sich seit 2020 nur moderat weiterentwickelt. Neulich kam eine Neuerung hinzu, die mein Interesse und mein Misstrauen weckte. Beim Protokollieren von Tee, Milch, Mineral- und Hahnenwasser sowie den El Tonys bietet sie mir an, Punkte zu sammeln. Eine Tasse Tee gibt 8,6 Punkte, die Milch fürs Müesli 6,2. Die Zahl scheint mit der Menge zu korrelieren.

    Ein Gamification-Schnickschnack, könnte man sich denken. Doch das täuscht.

    Die Punkte lassen sich, wenigstens theoretisch, in echtes Geld umwandeln. Für manche mag das so klingen, als ob ein Traum wahr würde: trinkenderweise Geld verdienen? Eine neue Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

    Spoiler: Nein. Der Wechselkurs ist nicht prickelnd: 12878,3 Punkte ergeben einen US-Dollar. Um zehn Dollar zu verdienen, müsste ich mir 374 Liter hinter die Binde kippen. Dank der Water-Minder-App weiss ich, das mein Konsum für 2025 genau 803 Liter betrug (28 Prozent Tee, 24 Prozent Wasser, 15 Prozent Mineral, neun Prozent Schorle und fünf Prozent El Tony und Rivella; unter ferner liefen Suppen, Wein und Bier).

    800 Liter trinken und 15 Dollar kassieren

    Das ergäbe gut zwanzig Dollar, würden alle Getränke angerechnet. Das ist nicht der Fall. Koffeinhaltige Getränke und solche mit mehr als 10 oz sind nicht anrechnungsfähig, und höchstens ein Getränk pro Stunde wird gezählt. Es gibt einige weitere Regeln, die den Erlös reduzieren. Unter dem Strich kämen 15 Dollar rum. Bei mir wird das in einigen Monaten so weit sein. Dann werde ich mir in der App Premium-Funktionen freischalten können, lautet das Versprechen.

    Ignorieren wir die Frage, wie gross der daraus resultierende Anreiz ist. Fragen wir uns stattdessen, wer Geld dafür aufwirft, um Leute wie mich zum Trinken zu bringen – und was seine Gründe sein könnten. Und bringen wir in Erfahrung, wie wir konkret vorgehen müssen, um uns dieses Vermögen in bar auszahlen zu lassen.

    Memecoins! Die Blockchain! Handel mit Swissquote!

    Also: Die App erklärt, dass es sich bei den Punkten um sogenannte $FUNN-Token handelt. Dahinter stecke die Solana-Blockchain.

    Der Kursverlauf der FUNN-Token.

    Aha. Wikipedia weiss zu berichten, Pump.fun sei eine Plattform für Kryptowährungen. Sie existiert seit dem 19. Januar 2024 und funktioniert gemäss Beschreibung wie folgt:

    Mit Pump kann jeder Coins erstellen. Alle auf Pump erstellten Coins werden fair eingeführt, was bedeutet, dass jeder beim ersten Erstellen des Coins den gleichen Zugang zum Kauf und Verkauf hat.
    Schritt 1: Wähle einen Coin, der dir gefällt.
    Schritt 2: Kaufe den Coin auf der Bonding-Kurve.
    Schritt 3: Verkaufe jederzeit, um deine Gewinne oder Verluste zu sichern.

    Auf Englisch ist die Formulierung «auf Pump erstellte Coins» nicht so lustig wie auf Deutsch. Das heisst nicht, dass es auf dieser Handelsplattform nichts zu lachen gäbe. Im Gegenteil: Möchte jemand Testicles kaufen? Das ist ein Coin, der am 21. Dezember 2025 ins Leben gerufen wurde. Am 11. Januar stand der Wert auf 26 Millionen, am 29. Januar noch auf 6,5. Soll ich den Witz machen, dass es niemals eine gute Idee war, sich bei den Finanzgeschäften fremde oder eigene Familienjuwelen zu verjuxen?

    In Testicle zu investieren, ist nicht angezeigt.

    Es gibt auch den Dolan Duck, den Tariff Man, den Sartoshi und den Elon 2024. Und den Wilhelm Tell. Letzterer ist meine Kreation: «As rock solid as the Swiss frank, only much cooler and as sharp as the tip of a crossbow bolt.» Fünf Sekunden nach der Kreation hatte der WTELL eine Marktkapitalisierung von 3400 Dollar. Hat vielleicht Gessler investiert?

    WTELL, anyone?

    Nun wollt ihr sicherlich wissen, ob ihr selbst WTELL kaufen könnt. Die Antwort ist ein Ja. An der Pump-Börse wird Solana akzeptiert, und diese Kryptowährung könnten wir via Swissquote oder eine der anderen Anlaufstellen erwerben oder veräussern. Wir könnten sowohl den WTELL, als auch den FUNN und irgendeine der anderen Spass-Währungen handeln. Ausprobiert habe ich das nicht. Und ohne ein Finanzexperte zu sein, rate ich euch dringend davon ab.

    Zwar entsteht Geld in gewisser Weise aus dem Nichts. Doch jedem von uns sollte klar sein, dass das leider nicht bedeutet, dass jeder von uns es nach eigenem Gutdünken erzeugen kann. Pump erweckt zwar diesen Eindruck. Aber solange keine echte Nachfrage nach einem Meme-Coin entsteht, wird er im Wert nicht steigen. Im Gegenteil: Der wahrscheinlichste Ausgang ist, dass Leute aus Neugierde, Eitelkeit oder Unverständnis ihre Währung erzeugen, Geld darauf setzen und das im weiteren Verlauf der Ereignisse verlieren.

    Eine elaborierte Werbeaktion

    Zurück zur Frage: Warum zum Teufel belohnt mich meine App mit diesen Punkten? Es ist einerseits eine Art Treuesystem, das Nutzerinnen und Nutzer der App bei der Stange halten soll. Andererseits dient es dazu, die User an den Pump-Marktplatz heranzuführen – quasi mit einem nebenbei erarbeiteten Startvermögen. Ich tue vermutlich niemandem Unrecht, dass das dem «Willkommensbonus» im Spielcasino entspricht. Die Gefahr, im Weiteren durch Gebühren und Fehlspekulationen effektiv draufzulegen, ist gross.

    Der Hersteller, Funnmedia, hat weitere Apps in petto, u.a. Fitnessview, Calory und Wins. Ich nehme an, dass der Belohnungsmechanismus von Waterminder ebenfalls in diesen Apps steckt (nachgesehen habe ich nicht).

    Hier kann man seine gesammelten Punkte in die Cryptowährung transferieren.

    Zurück zur eigentlichen Frage: Rollt der Rubel?

    Nein, zumindest bei mir nicht. Es gelang mir nicht, diesen Kreislauf zu schliessen und mir mit Water Minder einen Zufluss an Liquidität zu verschaffen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ein Cryptocurrency-Greenhorn bin. Ich habe es geschafft, mir in der App ein Wallet einzurichten und meine gesammelten Punkte in $FUNN-Coins umzuwandeln. Wie ich weiter mit diesem Wallet verfahren könnte, erschliesst sich mir nicht. Vermutlich könnte ich auf solscan.io damit handeln, aber meine Lust, das auszuprobieren, hält sich in Grenzen. Falls hier Profis sind, die mir Tipps geben können, freue ich mich über einen Hinweis per Kommentar.

    Der App-Store treibt immer seltsamere Blüten

    Fazit: Was mich angeht, wäre es mir definitiv lieber, wenn meine Wasser-Tracking-App mir nicht gleichzeitig den Handel mit Kryptowährungen schmackhaft machen wollte. Mir reicht es, wenn sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Was wir hier sehen, ist ein Zeichen dafür, dass mit Software selbst anscheinend nicht mehr ausreichend Geld verdient wird. Oder dass sie von manchen Herstellern nicht mehr als Wert an und für sich gesehen wird, sondern bloss als Rampe für nachgelagerte Geschäfte, die eine höhere Gewinnspanne versprechen.

    Und die darf man als dubios bezeichnen: Hier wird von einer Klage wegen Marktmanipulation gegen die Pump.fun-Plattform berichtet. Yahoo meldete im Dezember, dass ein ehemaliger Entwickler der Plattform wegen Betrugs in Höhe von zwei Millionen US-Dollar mit Solana zu sechs Jahren Haft verurteilt worden sei. Der FUNN-Coin befindet sich auf Sinkflug.

    Und hey, das Ding heisst Pump. Ich würde behaupten: Wie in Pump and Dump, einer Form der Marktmanipulation durch Insider …

    Beitragsbild: Löscht den Durst und spült Cybergeld in die Kasse (www.kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Geld #Longread

    Facebooks Salamitaktik gegen die Informationen aus dem freien Netz

    Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.

    Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.

    Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.

    Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.

    Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.

    Der Niedergang ist langsam, aber stetig

    Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.

    Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.

    Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.

    Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.

    Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.

    Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:

    Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.

    Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.

    Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.

    Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.

    Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.

    Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.

    Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.

    In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»

    Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.

    Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.

    Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein

    In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.

    Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.

    Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!

    Beitragsbild: Da hinten ist das freie Web – und die Salami aus dem Titel (Dương Nhân, Pexels-Lizenz).

    #Bloggen #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #SozialeMedien