Die Bibliothek des Charles Darwin
Vor 144 Jahren starb Charles Darwin am 19. April 1882 in Down House/Grafschaft Kent im Alter von 73 Jahren. Wie arbeitete der weithin bekannte Naturforscher? Welche Bücher hat er gelesen, welche inspirierten ihn zu seinen eigenen Forschungen? Diesen Fragen gehen wir in unserem April-Beitrag der TIB-Blogreihe Wissen verbinden nach. Einen Teil der Recherche hat Martje Majowski im Rahmen ihrer FaMI-Ausbildung übernommmen. Vielen Dank!
Darwins Werdegang und die Entstehung der Arten
Charles Darwin, etwa 1857 (gemeinfrei, Wikipedia)Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 auf dem Anwesen Mount House in Shrewsbury als fünftes von sechs Kindern geboren. Sein Vater war der Arzt Robert Waring Darwin (1766–1848), der für ihn ebenso wie für den fünf Jahre älteren Bruder Erasmus Darwin das Studium der Medizin in Edinburgh vorsah. Nach etwas mehr als zwei Jahren wechselte Charles Darwin von der Medizin in das Studium der Theologie nach Cambridge, das er schließlich 1831 mit dem Bachelor of Arts abschloss. Während der Zeit in Cambridge nahm Darwin regelmäßig an Abendveranstaltungen bei Prof. John Henslow teil, der als Priester, Geologe und Botaniker tätig war. Diese Begegnung war entscheidend für Darwins weiteres Leben, denn Henslow empfahl ihn bei Kapitän Robert FitzRoy als naturwissenschaftlichen Begleiter für die Fahrt der HMS Beagle.
Darwins Weltumsegelung mit der HMS Beagle (gemeinfrei, cc-by-3.0 von Devilm25)Während der fünfjährigen Reise (1831–1836) der HMS Beagle füllte Darwin zahlreiche Notizbücher mit botanischen, zoologischen und geologischen Beobachtungen und schuf damit die Grundlage für sein Werk „Über die Entstehung der Arten“. Bis zu dessen Veröffentlichung verfasste Darwin mehrere Bücher über zoologische und geologische Themen. Durch die Hochzeit mit seiner Cousine Emma Wedgwood und den Vermögen von Vater Robert Darwin sowie des Schwiegervaters Josiah Wedgwood konnte Charles Darwin als Privatier leben und seine Evolutionstheorie immer weiter entwickeln. Im November 1859 erschien schließlich On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life und war aufgrund hoher Vorbestellungen sofort vergriffen.
Laut Kellyanne Burbage ist Darwins „Über die Entstehung der Arten“ das am häufigsten verbotene Wissenschaftsbuch. Bereits kurz nach der Veröffentlichung kam es zu zahlreichen Reaktionen, da Darwins Theorie starke Bezüge zu Theologie und Philosophie aufwies. 1895 wurde das Buch schließlich von Darwins Alma Mater, dem Trinity College in Cambridge, wegen Widerspruchs zu christlichen Glaubensgrundsätzen verboten – später folgten Tennessee (1925–1967), Jugoslawien (1935) und Griechenland (1937).
Die Rekonstruktion von Darwins Bibliothek
Titelblatt der ersten Ausgabe von 1859 (gemeinfrei, Wikipedia)„Über die Entstehung der Arten“ legt den Grundstein für die moderne Evolutionsbiologie. Die Grundlagen zu diesem Werk waren jedoch nicht nur die vielen Notizbücher aus der Zeit auf der HMS Beagle. Darwin verarbeitete darin auch viele weitere Erkenntnisse, die er aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Naturwissenschaften, Philosophie, Theologie und politische Ökonomie gewann. Sein Ziel war es, die Entstehung von Arten auf eine breite naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen. Dabei konnte er auf eine umfangreiche Bibliothek zurückgreifen.
Lange wurde davon ausgegangen, dass Darwins Bibliothek 1.480 Bücher umfasst hat und sich diese Werke in den beiden verbliebenen Sammlungen in der University of Cambridge und in Down House befinden. Doch nach Darwins Tod sind unzählige Schriften in alle Himmelsrichtungen zerstreut worden, einen vollständigen Katalog gab es nicht.
Erst durch die seit Anfang 2024 fertiggestellte digitale Rekonstruktion von Darwins Bibliothek steht nun fest, dass diese Sammlungen nur etwa 15 Prozent der Schriften enthielten, die Darwin besessen hat. Die nach seinem Tod erstellte Bestandsaufnahme von 2.065 gebundenen Büchern sowie die Auswertung von Referenzen in Darwins Schriften und seiner Korrespondenz, ein 426 Seiten umfassender handgeschriebener Katalog von 1875, Darwins Lesetagebuch sowie Tagebücher seiner Frau Emma Darwin waren die Puzzlesteine zur digitalen Rekonstruktion von Darwins Privatbibliothek.
Diese ist nun auf der Seite Darwin online recherchierbar und umfasst 7.350 Titel in 13.000 Werken. Neben Büchern zu Biologie und Geologie umfasst sie auch Titel über Landwirtschaft, Tierzucht, Tierverhalten und die Verbreitung von Tieren, sowie Philosophie, Psychologie, Religion, Kunst, Geschichte, Reisen und Sprachen. Auch Notizen von Darwins Studienreisen mit der HMS Beagle können auf der Internetseite ebenso eingesehen werden wie private Dokumente und Familienfotos. Das Tagebuch seine Reise auf der HMS Beagle steht auch als Hörbuch zum Download zur Verfügung.
„Diese nie dagewesene, detaillierte Sicht auf Darwins komplette Bibliothek erlaubt mehr denn je die Einsicht, dass er keine isolierte Figur war, die für sich gearbeitet hat, sondern ein Experte seiner Zeit, der auf die fortgeschrittene Wissenschaft, die Studien und andere Kenntnisse Tausender Menschen aufgebaut hat“, sagte John van Wyhe, Wissenschaftshistoriker und Initiator von Darwin online. Darwin hat damit im besten Sinne unserer Blogreihe Wissen verbunden.
Wie kann Darwin online genutzt werden?
Eine Einführung zu Darwin Online und der Entstehungsgeschichte zu dieser Plattform gibt John van Wyhe auf youtube. Die kostenfrei nutzbare Datenbank (nur englischsprachige Rechercheoberfläche) kann mit Hilfe der einfachen oder der erweiterten Suche (advanced search) durchsucht werden. Letzte ermöglicht beispielsweise die gezielte Suche nach deutschsprachigen Texten. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle aufgeführten Werke als Image, Text oder PDF online einsehbar.
Darwin, Fachreferat und Open Access
Das erste der sechs strategische Handlungsfelder der TIB ist „OPEN SCIENCE – Wissen offen und nachhaltig zugänglich machen“. Die Kategorie #openness beleuchtet im TIB-Blog diverse Aspekte dieses Themas. Open Science und Open Access sind auch wichtige Aufgabenbereiche der Tätigkeit im Fachreferat. Dazu gehört neben der Unterstützung von Studierenden und Mitarbeitenden der Leibniz Universität Hannover (LUH) bei ihren Publikationstätigkeiten auch die Förderung von Open Access im Kontext Bestandsentwicklung. Gerade am Beispiel Darwins und der „banned books“ wird deutlich, wie wichtig Bibliotheken und der freie Zugang zu Wissen und unserem kulturellen Erbe ist.
Darwin in der TIB
Über das TIB-Portal sind neben dem Zugang zu Darwin online mehr als 900 Treffer zu Titeln von oder über Charles Darwin zu finden. Unter anderem auch die vollständige Neuübersetzung von „Über die Entstehung der Arten“ aus dem Jahr 2025. Das AV-Portal bietet darüber hinaus mit der Suche nach Charles Darwin über 30 Filme, die Darwins Arbeiten thematisieren.
Viele Freude beim Stöbern!
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