VERBRECHEN
26. September 2024
DIE ZEIT N" 41
>Gewalt gegen die Polizei wird hysterisch skandalisiert<
Rafael Behr hat als Dozent an der Akademic der Polizei Hamburg Tausende Polizisten und Polizistinnen ausgebildct. 49 Jahre nach seinem eigenen Diensteintritt verabschiedet er sich in den Ruhestand und spart nicht mit Kritik an seiner Behörde
Es ist Freitagnachmittag, die Polizeiakademie in Hamburg-Altona wirkt wie ausgestorben. Da offnet Rafael Behr, Professor fĂŒr Polizeiwissenschafien, die BurotĂŒr, Hinter ihm ein Hund namens Xena und ein junger Mann namens Matthis. Dieser ist sein Sobn und zugleich sein "Praktikant, ein glĂŒhender PolizeianwĂ€rter, wie der Vater sagt
DIE ZEIT: Herr Behr, Ihr Sohn tritt wohl bald in die Polizei ein; Sie verlassen sie nach fast 5 Jahrzehnten. Wie fihlt sich das an?
Rafael Behr: Sehr gesÀtigt von Erfahrungen. Und unheimlich erschöpft. Ich habe viele Themen sehr lange durchgedacht. Jetzt bin ich froh, das abgeber zu können.
ZEIT: 1975 haben Sie in Wiesbaden Ihre Ausbildung bei der Polizei begonnen, Was haben Sie fĂŒr eine Institution vorgefunden?
Behr: Ich hatte es mit weiĂen MĂ€nnern zu tun, die rigide sozialisiert waren. Ich habe die Polizei als deutlich autoritĂ€res Regime in Erinnerung, Allerdings waren schon Auswirkungen der Studentenbewegung zu spĂŒren. Die Polizei in Hessen hatte zum Beispiel keine Dienstgradabzcichen. Wir hatten Uniformen, die sahen aus wie ein Ausgehanzug. Die Polizei im zivilen Look. Man wollte keine militaristischen Dinge mehr. Aber das war natĂŒrlich nur aufgesetzt.
ZEIT: Nach innen sah es anders aus?
Behr: Nach auĂen hin und in der offiziellen Polizeikultur wurde das so proklamiert, Aber die Personen die uns was zu sagen hatten, haben immer noch gedacht, der Mensch muss vor allem lernen zu gehorchen. Ein HundertschaftsfĂŒhrer hat beim Sport immer gesagt: "Der Mensch muss gequĂ€lt werden, damit er Lust zum Sterben hat." Diese moralische VerhĂ€rtung haben wir deutlich gespĂŒrt, allerdings nicht so schlimm wie in anderen BundeslĂ€ndern. Die mussten da noch SchĂŒtzengrĂ€ben ausheben, falls gleich die Volksarmee aus dem Osten einmarschiert. Aber in den Dreck werfen, kriechen und volle Deckung grölen - das gab es bei uns auch. Das hat auch SpaĂ gemacht. Seltsam, oder? Nicht alle nehmen die Unterwerfung als negativ wahr sondern ordnen sich da gerne ein
ZEIT: Sie auch?
Behr: VorĂŒbergehend, Bis es mir gegen den Strich ging, MĂ€nnern zu gehorchen, einfach weil sie einen höheren Dienstgrad hatten
ZEIT: Gab es auch Frauen?
Behr: Wir hatten in unserer ganzen Kaserne vielleicht zehn Frauen. Davon wahrscheinlich 5 in der Kantine und 5 Reinigungskrafte. Das war eine reine MĂ€nnergesellschaft.
ZEIT: Sie sagten, ab den 80ern habe es positive VerÀnderungen gegeben. Was ist passiert?
Behr: Es kam neues FĂŒhrungspersonal. Das waren keine Haudegen mehr, sondern eher so neue Managertypen,
ZEIT: Das heiĂt?
Behr: Sie hatten andere Skills: Empathie, Mitarbeiterfuhrung, Mitbestimmung, Es wurde mehr Verantwortung in die FĂ€che gegeben, nicht mehr hierarchisch vom Ministerium in die letzte Polizeidienststelle befohlen. In dcr AuĂenwirkung wurde sehr stark darauf geachtet, dass die Polizei nicht mehr als repressives Organ auftaucht. Frauen kamen nach und nach in den Polizeidienst. Trotzdem gab es in den 80ern viele sehr gewalttĂ€tige Auseinandersetzungen: Startbahn West, die Friedensbewegung. die 1.-Mai-Demos in Berlin.
ZEIT: Brutaler als heute?
Behr: Subjektiv ja. Wir waren schlechter ausgerĂŒstet - nicht so martialisch wie die Beamten heute-, weniger mobil, viel weniger Manpower.
ZEIT: FĂŒhlten Sie sich im Dienst gefĂ€hrdet?
Bchr: Ja. Bei den EinsĂ€tzen an der Starbahn West zum Beispicl, Da gab es jedes Wochenende ritualisierte Gewaltexzesse zwischen Polizei und Demonstranten, Mir ist zum GlĂŒck nie was Passiert., Ich habe umgekchrt auch nie jemanden irreversibel beschĂ€digt, Glaube ich zumindest, Das ist ein wichtiger Punkt: Dic Wahrscheinlichkeit, dass man im Dienst seriös verletzt wird, ist statistisch ebenso gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst jemanden im Dienst verletzt.Es sind wenige, dic tatsichlich schwere Gewalt ausĂŒben oder davon betroffen sind.
ZEIT: Sic haben den Polizeidienst irgendwann verlassen. Warum?
Behr: In meiner Jugend hatte ich keinen Bock aufs lernen. Irgendwann kam aber doch die Lust, Ich machte das Fachabi und studicrte an der Fachhochschule der Polizei fur den gehobenen Dienst. Danach an der Uni in Frankfurt. StĂŒck fur StĂŒck habe ich mich von meiner beruflichen Familie entfernt, Veilich auch immer mchr Fehlstellen gesehen habe.
ZEIT: Seit 2008 unterrichten Sie an der Polizciakademie Hamburg, In diesem Jahr verlassen Sie die Polizei endgĂŒltig, In welchem Zustand lassen Sie die Institution zurĂŒck?
Behr: Ich fĂŒrchte, ich verlasse eine Institution die wieder so autoritĂ€r wird, wie ich sie in den Siebzigern kennenlernte.
ZEIT: Woran machen Sie diese.... 1/3
#Zeit #polizeiGewalt #Behr #RafaelBehr