24. November â Geduld
Ich verstehe nicht, nach welchen Kriterien die Suchmechanismen auf lyrikline funktionieren. Aber jedenfalls gibt es viel mehr Autoren, die unter dem Begriff der Geduld herausgefiltert werden als gestern zum Begriff âErleichterungâ. Da war es genau eine Autorin. Jetzt, d.h. zur âGeduldâ sind es immerhin fĂŒnf. Ich schreibe an meinem Wörterbuch der Befindlichkeiten. Und manchmal, wenn ich erst einmal recht ratlos bin, und nur weiĂ, welche Befindlichkeit ich gerne bearbeiten wĂŒrde, hole ich mir Inspiration. Z.B. indem ich den Begriff als Suchkriterium auf lyrikline eingebe. Nicht, weil mir nichts einfĂ€llt. Gerade zur Geduld fĂ€llt mir viel zu viel ein. NĂ€mlich dass ich extrem ungeduldig bin. Dazu könnte ich eine Unmenge von Beispielen auffĂŒhren. Es ist eine groĂe Unruhe in mir. Keine gute Unruhe, die dazu befĂ€higt, tĂ€tig zu werden, Dinge in Gang zu setzen statt noch weiter abzuwarten, sondern so eine Ungeduld, die eine stĂ€ndig zappelig sein lĂ€sst und verhindert, dass ich bei einer Sache bleibe, das Anstehende einfach nach und nach bearbeite. In einem Monat ist Weihnachten. Es wird das letzte Weihnachten in diesem Zuhause, das immerhin fast 16 Jahre lang unser Zuhause gewesen ist, 14 Jahre davon das einer vierköpfigen Familie. Ich bin nicht gut im Abschied nehmen, gerade weil ich es eigentlich in die Wiege gelegt bekommen habe, Abschied nehmen zu mĂŒssen. Vielleicht wird es mir so lange zugemutet, bis ich endlich doch einen eigenen Umgang damit lerne. Ich weiĂ es nicht. In knapp drei Wochen werden wir die SchlĂŒssel fĂŒr die neue Wohnung bekommen, und dann beginnt das Ausmessen, das Ăberlegen, das Einrichten, zunĂ€chst im Kopf und auf dem Papier und dann in der RealitĂ€t. Gleichzeitig ist hier von so vielen Dingen Abschied zu nehmen. Meinen Kleiderschrank habe ich lĂ€ngst auf ein Drittel von dem, was da war reduziert. Auch von vielen BĂŒchern habe ich mich getrennt, was viel schwieriger gewesen ist. Immer noch gibt es Berge von Papier, die durchgesehen werden wollen, um dann zu entscheiden, ob sie mit umziehen oder Altpapier werden. Meine TagebĂŒcher z.B., soll ich die mitnehmen, soll ich diese ganze Vergangenheit mitnehmen, oder ist jetzt vielleicht der Zeitpunkt mich davon zu trennen? Allein die ganzen Kinderzeichnungen wegzuwerfen und nur einige als Erinnerung auszuwĂ€hlen und zu behalten, ist so schwer und krĂ€ftezehrend, dass ich es selbst lĂ€cherlich finde und am liebsten den Kopf darĂŒber schĂŒtteln wĂŒrde. Aber es nĂŒtzt ja nichts. Die Dinge liegen nun einmal so, dass es schwer ist, schwer fĂ€llt, dass es traurig macht und Erinnerungen hervorbeschwört, dass es einen Schmerz auslöst, der erst einmal gefĂŒhlt werden will, bevor ich dann weitergehen kann. Ich erinnere mich an das Interview das Jagoda Marinic auf ihrem Podcast Freiheit Deluxe mit Helga Schubert gefĂŒhrt hat. Annehmen, sagte Helga Schubert, was nicht zu Ă€ndern ist, muss man aktiv annehmen. Im Sinne von das Beste daraus machen, es sich âschönâ machen. Und ich spinne das weiter fĂŒr mich: den Schmerz und die Anforderungen so betrachten, dass sie mir helfen wollen, meine Weg weiter zu gehen, dass sie meine Entwicklung voran treiben. Und sowieso weiĂ ich ja aus so vielen Erfahrungen, dass alles, was so ĂŒberfordernd aussieht, sich in machbares auflöst, wenn man den Weg in viele einzelne Schritte aufteilt. Und dazu braucht man vermutlich in erster Linie Geduld. Ein Gedicht, das die Suche herausgefiltert hat ist von Christian Lehnert und ich verlinke es als Abschluss dieser SĂ€tze, deren Niederschrift mich beruhigt hat. Vielleicht ist das die Voraussetzung fĂŒr Geduld; Ruhe, Beruhigung, weil ich mich nur so wirklich den Dingen zuwenden kann.
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