Warum haben "nette Männer" oft keine Chance? - feddit.org
Überall liest und hört man gerade von der „Male Loneliness Epidemic“. Männer
seien einsam, abgehängt, ohne Nähe, ohne Beziehung, ohne Sex. Das klingt für
mich schräg, denn es gibt in den relevanten Altersgruppen hier etwa gleich viele
Frauen wie Männer, aber vielleicht fühlen sich Singlemänner ja einsamer… deshalb
der Text: Jetzt kann ich euch nicht erklären, wie ihr Frauen allgemein
begeistert, aber ich will hier darauf eingehen, warum ich persönlich bestimmte
Männer begehre und andere nicht. Und wir reden dabei ausdrücklich nicht von den
Arschlöchern, nicht von den kompletten Egozentrikern und nicht von denen, die
nur Sex suchen. Die sind meist schnell aussortiert und verursachen somit nicht
viel Stress. Wir reden heute darüber, warum die „netten Männer“ so oft Single
sein könnten. Bevor man Dating-“Erfolge” analysiert, sollte man sich vielleicht
eine ehrlichere Frage stellen: Habe ich überhaupt Lust eine andere Person
kennenzulernen? Und ich meine das wörtlich. Nicht jemanden finden, nicht
jemanden haben, nicht eine Beziehung führen, sondern einen Menschen tatsächlich
kennenlernen. Mit Interesse, mit Neugier, mit der Bereitschaft, sich irritieren
zu lassen, enttäuscht zu werden, auch mal nicht zu passen. Wenn nicht ist das
nicht verwerflich, dann sollte man sich halt sein Singleleben gemütlich
einrichten. Ich erwähne das zu erst, weil viele dieser „netten Männer“ den
Eindruck erwecken, sie gehen ins Dating mit der stillen Annahme, dass im Grunde
jede passen würde, solange sie nicht unhöflich, gemein oder ausnutzend ist. Und
genau das ist der Punkt, an dem kein Kennenlernen mehr stattfindet. Wer so
denkt, will keinen Menschen entdecken, sondern nicht mehr allein sein und das
macht mich in diesem Gespräch zu 100% austauschbar. Beim Dating erwarte ich
etwas anderes: echtes Interesse an mir als Person. Dass man fragt, zuhört,
nachhakt, sich für meine Gedanken, Gefühle, Beweggründe, meine Sicht auf die
Welt, meine Hobbys und meine Geschichte interessiert, dass heißt nicht alles
teilt oder immer zustimmt, sondern mich als Mensch spannend findet. Das biete
ich selbst genauso an. Ich erwarte nur, was ich auch gebe. Was ich nicht erwarte
- weder von Männern noch von Frauen - ist Rettung, Therapie, ein Ritter auf
weißem Ross oder ein Ratsschlaggeber. Wer mich retten will, ist raus. Beziehung
beginnt für mich bei Gleichrangigkeit und Augenhöhe, wer Bedürftigkeit sucht ist
raus. Da es ja beim Dating für romantische Beziehungen auch um Körperlichkeiten
geht, werde ich auch dazu was sagen. Wer sich selbst nicht als grundlegend
begehrenswert denkt, kann schwer erwarten, dass im Gegenüber Begehren entsteht.
Ich erwarte nicht, dass ein Mann sich selbst großartig findet oder sich
permanent feiert. Aber ich erwarte, dass er grundsätzlich davon ausgeht, dass er
begehrenswert sein könnte. Dass sein Körper wirken darf. Dass sein Charakter,
seine Lebensgeschichte, seine Eloquenz für so spannend sein können, dass ich ihn
haben will. Ohne dieses innere Ja wird Dating schnell zu Bewerbungsgespräch,
Beziehung zu Dankbarkeit und Sex zu etwas, das man sich erarbeiten muss und
nichts das aus beidseitiger Lust aufeinander entsteht. Besonders wichtig ist mir
aber auch, dass mein Datinggegenüber sich selbst genug wert um eine Wahl zu
treffen und nicht den “Spatz in der Hand” zu akzepieren, das beleidigt beide
Betreiligten. Spätestens wer behauptet verliebt zu sein, sollte die andere
Person als unersetzlich wahrnehmen. Bevor es zur härtsten Grenze kommt, gibt es
für mich weitere klare No-Gos. Sprache gehört dazu. Wie jemand über Frauen
spricht, über sich selbst spricht, über (frühere) Beziehungen spricht, über
Menschen in der Gesellschaft spricht, ist kein Nebenschauplatz, sondern zeigt
Haltung des Gegenübers. Dauerndes Jammern darüber, dass Frauen nur Arschlöcher
wollen oder dass man selbst immer übersehen wird, ist mal ok, aber halt mit
reflektierten Gedanken dazu. Und dann gibt es noch diesen Satz: „Ich habe das
nicht so gemeint.“ Der gilt genau einmal. Einmal kann man sich ungenau
ausdrücken, einmal kann man danebenliegen. Ab dem zweiten Mal ist es keine
Ungenauigkeit mehr, sondern Verantwortungslosigkeit. Wer etwas wirklich nicht so
gemeint hat, und über die negativen Folgen seiner Worte aufgeklärt ist, hat mit
nochmaliger Verwendung von “Ich hab das nicht so gemeint”, den Zonk gezogen. Und
selbst wenn all das gegeben ist, also echtes Interesse, Augenhöhe, die
Fähigkeit, sich selbst als begehrenswert zu denken, reflektierte Sprache… gibt
es eine Grenze, an der alles sofort endet. Härter als jede andere. Wenn ich Nein
sage, dann ist das Nein absolut. Wenn ich sage, meine Telefonnummer gebe ich
noch nicht raus, dann ist das keine Einladung zum Nachverhandeln. Wenn ich sage,
ein Treffen ist in den nächsten Wochen nicht drin, dann ist das keine Aufgabe,
mich umzustimmen. Wer über solche Grenzen hinweggeht, verliert in diesem Moment
jede Möglichkeit auf Nähe. Ich begebe mich nicht allein in einen Raum mit einer
Person, die ein Nein relativiert, umspielt oder ignoriert. Meine
Schlussfolgerung: Es geht am Ende nicht darum, wer sich als “nett” definiert,
sondern um Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, ob man einen Menschen kennenlernen
möchte oder eine Rolle besetzen will, ob man momentan überhaupt den Nerv dafür
hat sich auf eine Person komplett einzulassen. Und Ehrlichkeit darüber, ob man
sich selbst genug wert ist, eine Wahl zu treffen und damit auch den anderen
ernst nimmt.