18. März 1848

Was war da nochmal? Ohne den Bundespräsidenten, der zum morgigen “Tag der Demokratiegeschichte” einen Beitrag im Rhein-Sieg-Anzeiger (Kölner Stadtanzeiger) geschrieben hat, wüssten es noch weniger Menschen – im “Bonner Generalanzeiger” findet man den Gastbeitrag übrigens nicht. Das ist traurig und bezeichnend für die überwiegend rechte und reaktionäre Konnotation deutscher Geschichte. Dass an diesem Tag das erste demokratische Revolution in Berlin zu Barrikadenkämpfen und Schüssen des Militärs auf die Demokraten führte und ihren vorläufigen Höhepunkt fand, ist heute zumeist vergessen.

Es ist kein Wissen, das – wie in Frankreich die Revolution von 1789 – an allen Schulen präsent ist. Dabei war die Revolution 1848/49 der Ausgangspunkt der Forderungen, die 1919 in die Weimarer Verfassung und  1949 vom Parlamentarischen Rat ins Grundgesetz geschrieben wurden. Es gibt immer noch keine Geschichtsschreibung, die das Wissen um den langen Kampf um Grund- und Freiheitsrechte in Europa und insbesondere in Deutschland positiv besetzt und ins Bewußtsein der Öffentlichkeit bringt. Dieser Kampf war immer ein internationaler Kampf, denn gleichzeitig begehrten die Demokraten und Liberalen 1789, 1832 und 1848 immer wieder gegen die Obrigkeit und die Fürsten auf. Stattdessen überlässt es die demokratische Öffentlichkeit regelmäßig rechtsreaktionären Geschichtsklitterern, mit Zerrbildern wie der Verniedlichung des Nationalsozialismus als “Fliegenschiß” der angeblich glorreichen, vor allem autoritären und feudalen deutschen Geschichte, das Bewusstsein besonders von jungen Menschen zu beeinflussen.

Demokratische, Grundrechtliche Tradition: Fehlanzeige

Wer weiss schon, dass es bereits 1789 für einige Jahre die “Mainzer Republik” gab, in der Grundrechte galten und Demokratie herrschte? Noch immer herrscht in vielen Geschichtsbüchern, aber auch im allgemeinen Bewusstsein, ein Bild vom Hambacher Treffen europäischer Bürger und Demokraten 1832 vor, das durch reaktionäre Interpretation durch Studentenverbindungen geprägt wurde. Wer dagegen die hervorragende Ausstellung zur Geschichte der Freiheitsbewegungen auf Burg Hambach besucht, dem wird vermittelt, dass sich damals bereits die späteren Revolutionäre von 1848 aus Süddeutschland und vielen anderen Ländern, aus Frankreich und den Niederlanden trafen, um ihre Vorstellungen von Demokratie in ganz Europa auszutauschen.

Quellen gibt es genügend – sie werden nur nicht genutzt

Dabei haben in den vergangenen Jahren Autoren wie Jörg Bong oder Christopher Clark wichtige Beiträge  zur Revolution von 1848/49 in Europa geleistet. 1978 waren es die Jungdemokraten, die Jugendorganisation, die mit der damals noch linksliberalen FDP zusammenarbeitete, die mit Schriften, Köpfen und Musik zu 1848 an die fortschrittliche und soziale Tradition des Liberalismus und der Radikalen Demokraten von den Aufständen und Volksversammlungen in Südbaden bis zur Paulskirche und ihrer Verfassung erinnerten. So forderte die

Offenburger Volksversammlung am 12.9. 1847:

“1. Garantie der Grund- und Menschenrechte – Aufhebung aller diese Rechte einschränkenden Verordnungen und Gesetze wie z.B. die Karlsbader Beschlüsse von 1819.”

“2. Absolute Pressefreiheit ohne jede Zensur.”

“3. Gewissens- und Lehrfreiheit, Gleichheit aller Religionen und Bekenntnisse.”

“4. Vereidigung des Militärs auf die Verfassung.”

“5. …persönliche Freiheit, …Vereinigungsfreiheit … Versammlungsfreiheit…Freizügigkeit…”

“6. Vertretung des Volkes beim deutschen Bund”

7.  Wehrdienst des Volkes statt stehender Heere der Fürsten

“8. Gerechte Besteuerung mit progressiver Einkommensteuer”

“9. Schulausbildung für alle”

“10. Wir verlangen Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital. Die Gesellschaft ist schuldig, die Arbeit zu heben und zu schützen.”

“11. Einsetzung von Geschworenengerichten. Der Bürger werde vom Bürger gerichtet.”

“12. Wir verlangen eine volkstümliche Staatsverwaltung … An die Stelle der Vielregierung der Beamten trete die Selbstregierung des Volkes.” 

“13. Wir verlangen die Abschaffung aller Vorrechte. Jedem sei die Achtung freier Mitbürger einziger Vorzug und Lohn.”

Die Geschichte des Kampfes um demokratische Rechte ist aktueller den je. Vor allem zeigt sie, dass Grund- und Freiheitsrechte nicht durch ihr Niederschreiben in der Verfassung gewährleistet sind, sondern immer wieder gelebt, erkämpft und verteidigt werden müssen.  Und sie müssen an der Realität der Gegenwart gespiegelt und gemessen werden.

Verfassungsanspruch und -Realität

So ist etwa heute die Forderung nach gleichwertiger Bildung materiell und tatsächlich nicht gewährleistet. Unsere Schulen und Hochschulen sind infrastrukturell marode und pädagogisch unterversorgt. Sie sind den Anforderungen einer modernen, auf Einwanderung angewiesenen Gesellschaft insbesondere im Bereich der Sprach-, Demokratie- und Medienkompetenzvermittlung völlig unzureichend gewachsen, bis zum Versagen. Angesichts der Publikumsbeschimpfungen unserer angeblich faulen Gesellschaft von Wirtschaftslobbyistin und Staatssekretärin  Connemann “Lifestyle-Teilzeit” bis zum Kanzler “Mit Vier-Tage Woche und Live Balance bringen wir Deutschland nicht wieder nach vorn” erscheinen die Forderungen 10 bis 13 von 1847 heute geradezu revolutionär. Dabei sind sie heute durch Artikel 14 Grundgesetz (“Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll gleichzeitig dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”) und Artikel 15 GG (Gemeineigentum und Gemeinwirtschaft) aktuelles und ummittelbar geltendes Verfassungsrecht. Sie werden vom Gesetzgeber nur nicht angewendet. Obwohl sie durchaus geeignet wären, den Mißständen durch die Bau- und Mietenpolitik von Immobilienkonzernen und Haus- und Grundbesitzern wie Vonovia und anderen einen Riegel vorzuschieben.

Unkulturminister Weimer

Ein jüngstes Beispiel, wie auch heute wieder Freiheitsrechte durch reaktionäre Politiker eingeschränkt werden, ist das Vorgehen des sich selbst als konservativer Kulturkämpfer verstehenden Kulturstaatsministers Weimer, der angeblich “linke” Buchläden mithilfe einer mißbräuchlichen Nutzung von Geheimdienstinformationen von der Förderung seines Buchhandelspreises ausgeschlossen hat. Dies, und sein Versuch, die Biennale-Chefin Tricia Tuttle aus dem Amt zu drängen, erinnert an die Spitzeltätigkeit der Gesinnungspolizei und Zensur der deutschen und österreichischen Fürsten zu Zeiten des Vormärz 1848 und danach.

Meinungsmanipulation und Pressefreiheit in Gefahr

Die Freiheit der Presse und die Meinungsfreiheit sind wie nie in der jüngeren Geschichte inzwischen bedroht. Und zwar ganz anders, als Demokratiefeinde von J.D. Vance bis zur AfD dies behaupten. Ursache des Zeitungssterbens und des immer schlechter werdenden Journalismus – auch in den öffentlich-rechtlichen Medien – ist die illegale Nutzung personenbezogener im Internet gewonnener Daten durch die Tech-Oligarchen, vornehmlich aus den USA und China. Ihr Geschäftsmodell  “personalisierter Werbung” und ihrer Algorithmnen entzieht der privatwirtschaftlichen Presse weltweit Werbemittel in Billionenhöhe und manipuliert das demokratische Bewusstsein durch die Verbreitung rechtsextremer, menschenverachtender und demokratiefeindlicher Propaganda.

Datenschutz durchzusetzen ist ein Kampf um Freiheitsrechte

Das scheinbar “kostenlose” Angebot begann damit, dass Facebook seine Nutzer zwang, ihre Adressbücher hochzuladen und Google das Suchverhalten seiner Nutzer:innen in allen Details registrierte, analysierte und ausforschte. Es endet noch lange nicht mit der immer differenzierteren Ausspähung aller Nutzer:innen von diesen Plattformen, die von der politischen Einstellung über Hobbys und Konsumverhalten bis zu sexuellen Vorlieben und Orientierungen alles wissen. Ein einschlägiges Verbot personalisierter Werbung auf Plattformen im Internet mit empfindlichen Strafen hat bisher keine Regierung weltweit  gewagt. Manipulation und die Bevorzugung demokratiefeindlicher Inhalte sind die Folge. Statt regulierend einzugreifen und den Konzernen ihre Grenzen aufzuzeigen und vor allem durchzusetzen, ruft man nun ziemlich hilflos zum Social-Media-Verbot für Jugendliche – ein demokratisches Armutszeugnis. Dann die derzeitige Bundesregierung stattdessen mit dem “Omnibus-Gesetz” auf EU-Ebene den Schutz gegen Tech-Oligarchen verwässert und den Datenschutz als “Bürokratie” verunglimpft, ist ein Verrat an den Freiheitsrechten der Bürgerinnen und Bürger und am Grundgesetz.

18. März 1848 – Beueler-Extradienst

Royale Welle?

Erbe der Preußenmonarchie diskutieren: Schwappt eine royale Welle über die Republik? Auf dem Potsdamer Symposium „Die Hohenzollernmonarchie als nationales Erbe“ beobachtete man eine schleichende Renaissance „preußischer Tugenden“.

„Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!“ Im Sinne des Jubelrufs, den der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 vom Balkon des Berliner Reichstages ausstieß, war es eher nicht, als Matthias Platzeck, ehemaliger SPD-Ministerpräsident Brandenburgs, kürzlich seinen Einzug in den Stiftungsrat der Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz bekanntgab.

Er zieht nämlich nicht als einer von sechs öffentlichen Vertretern in die Stiftung. Sie soll nach endlosem Streit mit der öffentlichen Hand die Kunstschätze des gestürzten preußischen Kaiserhauses verwalten. Nein, er tut dies als Vertreter des Hauses Hohenzollern – auf ausdrücklichen Wunsch von Georg Friedrich Prinz von Preußen.

Dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat den Stützbalken für das Goodwill-Instrument einer dubiosen Monarchie spielen will, irritiert zwar. Eine neue, besorgniserregende „Präsenz des Monarchischen“, nach der am Wochenende in Potsdam die Tagung „Pro Gloria et Patria“ des dortigen Brandenburg Museums fragte, lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Trotz dem Bau des Berliner „Disney“-Schlosses, wie der Historiker Magnus Brechtken es während des Symposiums ironisch geißelte, trotz dem Wiederaufbau der nazistisch kontaminierten Potsdamer Garnisonskirche, die dem Architekturwissenschaftler Philip Oswalt ein Dorn im Auge ist, trotz der im März bevorstehenden Wiedereröffnung der restaurierten Hohenzollerngruft im Berliner Dom schwappt derzeit keine royale Welle über die Republik. Zumindest keine derartige „Preußen-Welle“, wie sie sich im Gefolge der Berliner Ausstellung „Preußen – eine Bilanz“ 1981 auftat.

Häh, Preußenkönige als Kulturrevolutionäre?

Auch wenn die Geschichtswissenschaft nach Meinung Brechtkens der „Verklärung“ Preußens Vorschub geleistet habe, weil sie dem Historiker Christopher Clark nicht energisch genug entgegengetreten sei. Der hatte mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ 2012 versucht, die Schuld des Deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg zu relativieren. Ein politisch-kulturelles Massenphänomen ist die Monarchie nicht. Da kann die AfD die Preußenkönige gerade als „Kulturrevolutionäre“ noch so entdecken und ihr „Preußenfest“ feiern.

Die Spuren einer gescheiterten Monarchie sind heute womöglich mehr in der schleichenden Renaissance „Preußischer Tugenden“ zu finden. Zu denen zählt der Historiker Tillmann Bendikowski die „Alles-oder-Nichts“-Haltung, mit der Friedrich II. seine ruchlosen Schlesischen Kriege gewann, oder der Glaube an den autoritären Staat. Für die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, Rektorin des Berliner Wissenschaftskollegs, sind es der „Geist toxischer Männlichkeit, Misogynie und Anticourtoisie“.

Und für die kalifornischen Tech-Milliardäre sollten am besten CEO-Monarchen die Welt regieren. All das sind aber keine preußischen Spezialitäten mehr, sondern inzwischen globales Gemeingut. So wie Donald Trump in seinem explosiven Narzissmus auf dem Besitz Grönlands beharrt, erinnert er fatal an den „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., den brutalen Vater des Schlesien-Räubers Friedrich II. Mit Blick auf sein sandiges Königreich befand der royale Wüterich und Promoter des Soldatenzopfes: „Alles ist meins.“

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Royale Welle? – Beueler-Extradienst

NDR Talk Show: Historiker Sir Christopher Clark - hier anschauen

In seinem neuen Buch 'Skandal in Königsberg' blickt Sir Clark auf eine Episode aus Preußen und zieht Parallelen zur Gegenwart.

#TheMetalDogArticleList #BraveWords RICHIE CASTELLANO On Recording With YES Legend JON ANDERSON – "He Is Always Bursting With Creativity And Ideas" bravewords.com/news/richie-... #JonAnderson #RichieCastellano #ChristopherClark #Yes #TheBandGeeks
RICHIE CASTELLANO On Recording With YES Legend JON ANDERSON – "He Is Always Bursting With Creativity And Ideas"

Jon Anderson has burst back on the scene with a new album that everyone is talking about. “True” is a true collaboration between Anderson and The Band Geeks, who Anderson discovered on a YouTube video playing “Heart Of The Sunrise”. Comprised on a pro team of musicians led by Richie...

bravewords.com

Ohh, pünktlich zum #Eierfest gibt's 'ne neue, dreiteilige #Doku-Reihe mit dem ausgesprochen knuffigen #ChristopherClark (u.a. „Die Schlafwandler“ über den 1. WK) in der @ZDF #Mediathek.

Nach Europa- und Welten-Saga. Diesmal über #Religion(en), im Allgemeinen und im Besonderen.

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/macht-der-goetter-weltgeschichte-der-religionen-mit-christopher-clark-dokureihe-100.html

#Geschichte #History #TerraX

Macht der Götter - Weltgeschichte der Religionen

Was unterscheidet und was verbindet die großen Religionen? Von den Glaubensritualen der Steinzeit bis zu interreligiösen Projekten der Jetztzeit.

Terra X

Christopher Clark ist Historiker und Bestsellerautor. In seinem neuen Buch schreibt er über ein Thema, das er in der Schule noch langweilig fand: die Revolution von 1848.

#1848 #ChristopherClark #FrühlingDerRevolution #Geschichte #Revolution #Sachbuch #Podcasts

https://detektor.fm/politik/leipziger-buchmesse-christopher-clark-ueber-die-europaeische-revolution-von-1848?utm_campaign=share_on_mastodon&utm_medium=mastodon&utm_source=mastodon

Leipziger Buchmesse | Christopher Clark über die europäische Revolution von 1848 – "Die Revolution ist auch ein Gefühl" | detektor.fm – Das Podcast-Radio

Der Historiker Christopher Clark schreibt über die Revolution von 1848 - für ihn die einzige wahrhaft europäische Revolution der Geschichte.

detektor.fm

#Allianz gegen die #Armen🤬
#USA: Das #Militär und das #Großbürgertum sind eine #Allianz eingegangen gegen die #Armen, das #könnte #uns laut #ChristopherClark hier auch #blühen 🤬🤬
#Lanz ab 01:11:02 (Std./Min.)

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-6-dezember-2023-100.html

Markus Lanz vom 6. Dezember 2023

Zur Debatte um den Bundeshaushalt infolge des BVerfG-Urteils, zur Zukunft der Ampelkoalition sowie zum zunehmenden Vertrauensverlust in die Demokratien der westlichen Welt

Markus Lanz

Wat maakt de Australiër Christopher Clark toch een heerlijke reportages, al een week of zes zondag half acht op ZDF. En je kan ze hieronder gewoon terugkijken!

#ChristopherClark #TerraX #ZDF

"Doku | Terra X

Von Istanbul aus geht es ins anatolische Kappadokien und zu den Naturwundern von Pamukkale, weiter zur Insel Rhodos und zu den Meteora-Klöstern und schließlich ins antike Olympia, die Geburtsstätte der Spiele, die noch heute die Welt bewegen."

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/weltensaga-zwei-die-schaetze-griechenlands-und-der-tuerkei-mit-christopher-clark-doku-100.html

Welten-Saga II - Die Schätze Griechenlands und der Türkei

Von Istanbul aus geht es ins anatolische Kappadokien und zu den Naturwundern von Pamukkale, weiter zur Insel Rhodos und zu den Meteora-Klöstern und schließlich ins antike Olympia.

Terra X