Der #FediDay 2025 in Berlin
Update: Die Einbettung der vielen Mastodon-Beiträge scheint WordPress oder manche Browser zu überfordern. Deshalb habe ich stattdessen Screenshots eingefügt und die Beiträge verlinkt.
Am Samstag, Oktober 2025, war ich auf dem #FediDay in der c-base Berlin. Das Programm des Tages war von Vorträgen verschiedener Menschen aus dem Fediverse-Umfeld geprägt, die u. a. aktivistisch tätig sind, sich für die Etablierung des Fediverse und seiner verschiedenen Dienste einsetzen, selbst Angebote im Fediverse entwickeln oder Interessengruppen präsentierten, die das Fediverse nutzen.
Am Sonntag ging das Programm mit dem Schwerpunkt „Medien im Fediverse“, Workshops und einer Paneldiskussion weiter. Ich war familiär verplant und nicht mehr mit dabei, versuche in diesem Beitrag aber, einige meiner Eindrücke vom Samstag zu sortieren und zu verschriftlichen, bevor mich der Alltag in den nächsten Tagen erwartungsgemäß ganz in Anspruch nehmen und die Beschäftigung mit dem Fediverse in eine ihm nicht gerecht werdende Nische drängen wird.
Als ich am Samstagabend nach Hause fuhr, war ich erfüllt erschöpft. Der von mir besuchte Teil des Programm war dominiert von Vorträgen. Für Diskussion direkt im Anschluss an die Vorträge war leider wenig Zeit vorgesehen (diese wurde auf den Abend verlagert), als Wortmeldung waren nur Fragen erlaubt. Ich finde das bedauerlich und hätte mir mehr moderierte Dialogrunden mit allen Beteiligten gewünscht. Vielleicht habe ich das am Abend in der offenen Diskussionsrunde und am heutigen Workshop verpasst – aber dazu reichte meine Energie leider nicht mehr.
Das Publikum schien, wie auch mehrfach in der Abschlussreflektion erwähnt wurde, nicht mehr ganz jung ;), männlich gelesen und technologie-affin. Ich kenne keine Statistiken zur Nutzungsbasis des Fediverse und gerade auf Mastodon, das meine primär gestaltete Heimat im Fediverse ist, machen anderen Nutzer:innen ihr Alter, Geschlecht, Biografie und die Art, wie sie ihre Lebenszeit hauptsächlich verbringen, nur selektiv öffentlich. Deshalb habe ich keine Ahnung, wie repräsentativ die Teilnehmenden des #FediDay für das Fediverse sind. Allerdings vermute ich, dass es nicht leicht werden wird, mit dem aktuellen Fokus, Organisation, Lokalität etc. ein deutlich diverseres Publikum zu erreichen. Vielleicht ist das aber auch ein zu großes Ziel, zu groß derzeit. Ich hatte den ersten #FediDay in 2024 verpasst, aber mehrere Stimmen lassen vermuten, dass die Entwicklung innerhalb eines Jahres beträchtlich war. Vielleicht ist das der derzeit passende Weg und ermöglicht den Aktivist:innen, ihre meist ehrenamtlich und in der Freizeit organisierten Kräfte am besten zu nutzen, um erst einmal die weiter notwendige Grundlagenarbeit zur Etablierung des Fediverse voranzutreiben?
Und an Grundlagenarbeit und -aufgaben mangelt es nicht, das wurde schon in den ersten Beiträgen schnell deutlich. In den meisten Vorträgen wurde betont, wie wichtig es ist, das Fediverse überhaupt als relevante und unabdingbare Alternative zu den Plattformen der monopolistischen us-amerikanischen Tech-Konzerne sichtbar zu machen und zu verankern. (Notiz am Rand: Ich hab mir vorgenommen, den Begriff „Big Tech“ nicht mehr zu nutzen, da er assoziativ-gefühlt nah an Verschwörungsästhetik schippert. Und ich wünschte mir ja tatsächlich, das Fediverse sei Big in Tech … halt mit anderem Ownership und anderer Struktur und Agenda als GAFA.)
Es ging also viel um Sichtbarkeit in der Gesellschaft, in der Politik und um gesetzliche Rahmenbedingungen zur Förderung des Fediverse. Es ging um „Hoffnung“ auf ein besseres Internet, um die Gewinnung von mehr aktiv Nutzenden in der breiten Bevölkerung durch bessere UX, natürlich sehr viel um Alternativen zu den etablierten kommerziellen Services und grundsätzlich um gemeinwohlorientierte Infrastruktur. Der +1 Plan, der von Ralf Stockmann auf dem ersten FediDay 2024 vorgestellt wurde, wurde mehrfach aufgegriffen und diskutiert. Mit Björn Staschen war der Gründer der größere Sichtbarkeit erlangten und von vielen prominenten Stimmen unterstützten Initiative Save Social vertreten. Elena Rossini stellte ihren professionell produzierten und etablierten Sehgewohnheiten folgenden Imagefilm für das Fediverse vor.
Behördernseitig sprach ein Vertreter für Social-Media- und Pressekommunikation des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) über die Content-Strategie auf Mastodon. Und sehr interessant waren die Beiträge verschiedener Personen, die ganz unterschiedliche Angebote im Fediverse entwickeln und pflegen.
Gerade die letztgenannte Gruppe von Vortragenden vertieften sich in ihren Vorträgen auch in technische Details, die ich nicht immer verstand. Dennoch war der #FediDay angenehm vielfältig und kein Tech-Event. Ganz im Gegenteil: Ich verlies die Veranstaltung am Abend außerordentlich inspiriert und erfüllt mit dem Vertrauen darin, dass es immer noch möglich ist, wünschenswerte Zukünfte für unser digitales Zusammenleben zu gestalten … durch ein Zusammenspiel aus besseren politischen Rahmenbedingungen, engagiert aktivistischen Initiativen, persönlicher Pflegearbeit von Entwickler:innen, beharrlicher kultureller Irritation, dem Ausbau technischer Infrastrukturen und natürlich dem Anstreben eines anderen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Systems. Muss ja nicht everything everywhere all at once sein.
Ich habe 12 Vorträge besucht und für mich wichtige Aussagen notiert. Fünf weitere liefen parallel. Ich hoffe, einige davon noch in der Aufzeichnung (diesmal auf Peertube, nicht auf YouTube?) nachsehen zu können.
Im folgenden eine kleine Zusammenstellung von mir wichtig erscheinenden Aussagen aus den von mir besuchten Vorträgen.
Elena Rossini: The Future is Federated
Elena ist eine sehr aktive Promoterin des Fediverse. Als Künstlerin behält sie die ästhetische und gestalterische Dimension ihres Wirkens im Blick. Gerade im Open Source Umfeld werden die Auswirkungen von ‚Äußerlichkeiten‘ auf die Akzeptanz oft vernachlässigt. Ich halte es deshalb für bemerkenswert, dass sowohl Elena in ihren ästhetisch gestalteten digitalen Auftritten als auch später besonders ausdrücklich Ralf Stockmann in seinen Forderungen nach mehr UX-Fokus darauf eingegangen sind.
Elena hat die deutschsprachige Version ihres Fediverse-Imagefilms „Introducing the Fediverse: a New Era of Social Media“ vorgestellt, frisch in deutscher Sprache synchronisiert von Melanie Bartos (die ich auf dem FediDay vermisst habe). Elena erwähnte, dass der Film durch Unterstützer:innen in mittlerweile 14 Sprachen übersetzt sei. Ich finde solche community-basierten Übersetzungsinitiativen immer wieder einen bemerkenswerten Ausdruck von Unterstützung, weil sich Menschen hier vergleichsweise leicht mit ihren Ressourcen und Sprachkenntnissen einbringen und einen relevanten Beitrag leisten können.
Aus Elenas Vortrag habe ich mir notiert, dass ich mir das Mastodon-Frontend PHANPY.social noch einmal näher ansehen möchte, das im Publikum einige Freunde zu haben schien.
Eine Aktion, die Elena vorstellte und die ich in ihrer Einfachheit bemerkenswert finde: Ihr fiel auf, dass die üblichen Stockfotos von Menschen mit Smartphones in der Hand nie Fediverse-Apps auf dem Screen zeigen. Deshalb hat sie eine Stockfoto-Alternative unter CC-BY-ND-Lizenz erstellt, die das ändert:
Foto von Elena Rossini auf UnsplashWeiterhin schreibt sie Behörden an, die auf ihren Webseiten zwar Instagram-, Facebook- oder X-Logos verwenden, aber keine des Fediverse. Das habe bisher zwar zu keiner Reaktion geführt, aber sie werde nicht müde, mit diesen Behörden im Fediverse zu interagieren, um dessen Relevanz zu stärken.
Andy Piper: For Freedom and Sovereignty
Andy Piper ist bei Mastodon Head of Communications. In seinem Vortrag appellierte er an die „Hoffnung“, die wir in kleine und menschliche Communities legen … ein Appell, aus dem ich persönlich nicht viel mitgenommen habe. Auch seine wiederholte Verwendung des Begriffs „Hope“ (u. a. mit Rückgriff auf ein Zitat aus dem mir fernen Star Wars Universum, „Rebellions are built on Hope“, und den Einlassungen zu „Hope“ des spirituell eher anstrengenden Nick Cave) finden bei mir keinen Anschluss.
Ich denke weiter darüber nach, mir kam zunächst die „Zuversicht“, vielleicht halte ich es auch eher wie Şeyda Kurt, die fehlleitender Hoffnung den Trotz entgegensetzt? Ja … Freude darüber, dass sich kluge und engagierte Menschen auf dem FediDay und überall im Fediverse und darüber hinaus für bessere Arten der digitalen Verbundenheit einsetzen, spüre ich. Jetzt erst recht! Ich will mich nicht an Begriffen aufhängen … aber „Hoffnung“ verspüre ich wenig. Auch aus dem Publikum kam die Rückfrage, ob Andy sich mit Kritik am Konzept Hoffnung auseinandergesetzt habe.
Versöhnlich stimmen mich Andys abschließende Worte zu den kleinen diversen Orten und Communities, die sich im Fediverse finden. „You belong here“. Wir finden hier unsere Plätze. Wir haben Möglichkeiten, sie für uns zu gestalten. Wir können eine Weile alleine vor uns hinbasteln, uns ihnen durch Identitäten und Versuche glitchend nähern. Wir brauchen die Arenen der großen Konzernplattformen nicht mehr, denn im Fediverse gibt es für digitale Heimaten und Zukünfte. Das haben die verschiedenen weiteren Talks und vorgestellten Projekte auf dem FediDay verdeutlicht.
Sandra Barthel: Das Fediverse als Baustein für eine gemeinwohlorientierte digitale Infrastruktur
Sandra berichtete von ihrem Engagement, das Fediverse auf politischer Ebene, z. B. im EU-Parlament, als Teil gemeinwohlorientierter digitaler Infrastruktur zu stärken. Dazu gäbe es in der EU zwei Haupt-Diskussionslinien, die digitale Souveränität und Aspekte der Deregulierung von Rechtsgrundlagen wie der DSGVO oder dem Digital Services Market Act, die derzeit als Verhandlungsmasse missbraucht würden, um z. B. geringere Autozölle zu erwirken. In diese Verhandlungen müssen wir uns einschalten, appellierte samvie! Denn gemeinsam mit anderer ‚kritischer‘ Infrastruktur wie Schiene, Wasser, Energie etc sollte der digitale Raum gemeinwohlorientiert gestaltet werden.
Wie mehrere Redner:innen erwähnte auch Sandra Ralfs „+1“-Ansatz, nachdem öffentliche Institutionen verpflichtet werden sollten, neben den kommerziellen Plattformen zumindest ein freies Netzwerk zu bedienen. Für die Wissenschaft solle es Förderprogramme geben, die z. B. Universitäten, Bibliotheken und weiteren Bildungseinrichtungen den Aufbau eigener Instanzen ermöglicht. (Melanie Bartos, die deutschsprachige Stimme in Elena Rossinis Fediverse-Video, leistet da z. B. großartige Arbeit für die Uni Innsbruck!) Wissenschaftliche Forschung zum Fediverse sollte gefördert werden (ein erster kleiner Start wäre doch z. B. der weitere Ausbau der digitalen Zotero-Bibliothek zum Fediverse … und warum ist die eigentlich nicht auch auf Bookwyrm?) Öffentlich rechtliche Rundfunkanstalten sollten ihre Angebote auch im Fediverse zugänglich machen (und z. B. Mediatheken über ActivityPub angebunden sein).
Zu diesen und weiteren Forderungen hat Sandra eine Umfrage erstellt, die ich eben ausgefüllt habe … und das solltest Du auch tun: https://sosci.univie.ac.at/fediday/
Björn Staschen: Save Social – Banden bilden für offene Netzwerke
Und noch ein Vortrag, der die Wichtigkeit offener Netzwerke für Demokratie und Gemeinwohl betont und den Ausbau entsprechender Struktur fordert. Mit Save Social hat Björn die vielleicht sichtbare Initiative für das Fediverse gestartet und viele prominente Stimmen dafür gewonnen.
Gut, dass Björn das sympathische Unterstützervideo von Marc-Uwe Kling abgespielt hat, in dem dieser zu einem „Digitalen Unabhängigkeitstag“ aufruft: An jedem ersten Sonntag im Monat den Wechsel von einem der großen US-Konzerne hin zu einem freien und offenen Netzwerk zelebrieren. (Ich hatte meine früheren Aktivitäten mal im Jahr 2021 aufgeschrieben. Da könnte ich auch mal wieder draufschauen. Und weitermachen … z. B. mit der Apple Cloud, wie Leonid hier beschreibt und … oh, das wird wahrscheinlich der allerschwerste Abschied, vor dem ich mich wirklich fürchte und noch nicht weiß, in welcher Weise ich ihn gestalten soll und kann: …. LinkedIn?)
Sehr nachvollziehen konnte ich, als Björn seinen Wow!-Moment bei der Installation seines WordPress mit ActivityPub-Plugin beschrieb. Plötzlich konnte die Diskussion zu seinen Beiträgen wieder DORT stattfinden und nicht an anderer Stelle, losgelöst und künstlich getrennt auf den bisherigen kommerziellen Plattformen. Das berührt auch eins meiner größten Interessen: Wie integrieren wir Blogs, Podcasts und andere Mikro- und Makro-Ansätze wieder enger in ein lebendiges Austauschnetz ein, so wie es früher einmal war (… auch Matthias Pfefferle kam später darauf zurück).
Skeptisch bin ich bei Björn Aussage, dass breite, offene Netzwerke auch Werbung enthalten müssten und die Möglichkeit, zu werben, ein Teil von Meinungsfreiheit sei. Das mag in der derzeitigen Wirtschaftslogik verargumentierbar sei (auch wenn ich den Begriff „Meinungsfreiheit“ dafür sehr groß finde) …. aber ich bin trotzig, und in meinen wünschenswerten Zukünften des Gemeinschaftens gibt es andere Wege der Bedarfserfüllung.
Tobias Jobke vom BSI: Mastodon als Resonanzraum für die Cybernation Deutschland – Einblicke, Erfahrungen und Ideen für die Zukunft
Dieser Vortrag hat mich wirklich zwiegespalten hinterlassen. Ich finde es bemerkenswert, dass sich das Social Media Team des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik klar dafür einsetzt, ihre Inhalte auch auf Mastodon verfügbar zu machen … aber es ist das Ausspielen von Content nach den üblichen Regeln, Metriken und Logiken der durch die kommerziellen Plattformen geformten Social Media Teams. Ja, das BSI-Team scheint wirklich ansprechbar zu sein (im Gegensatz zu manch anderen Behörden, die im Fediverse eher Blindflug bzw. unidirektionale Kommunikation betreiben). Aber ob sie sich Gedanken machen, welche andere Art der Behörden-Zugänglichkeit und Kommunikation im Fediverse möglich wäre …?
Der Vortrag von Tobias beantwortete die üblichen Fragestellungen des Social Media Managements. Reichweite, Reporting, KPIs, Moderation, Usability … Auf die Frage aus dem Publikum, wie das Team mit Engagement-Zahlen arbeitet, war die Antwort, dass diese mit den bisherigen großen Plattformen verglichen würden (ein unfairer und sinnloser Vergleich, wie z. B. Leena Simon in ihrem lesenwerten Artikel „Die Reichweitenlüge“ verdeutlicht und wie auch schon auf dem re:publica25 Fediverse-Meetup besprochen wurde) und dass ausgewertet würde, welche Themen das meiste Engagement erzeugen.
Lustig und ein bisschen typisch für mich: Unter meinem Toot, in dem ich diese Ernüchterung teilte, entspann sich mit Johnny Than ein schöner Dialog mit „unausgereiften Gedanken“ von uns beiden. Ich weiß nicht, wer aus dem Publikum Johnny Than war. Saß er direkt neben mir? War er im Peertube-Stream von Ferne zugeschaltet? Ich hätte natürlich fragen können, hab den digitalen, schriftlichen Austausch über Smartphone aber genossen.
Am Abend fragte „das Social Media Team“ des BSI über Mastodon, ob sie das von mir gepostete Foto in einem LinkedIn-Beitrag verwenden dürfen. Klar, ich habe bei meinen Fotos ja darauf geachtet, nicht die Gesichter von Menschen zu fotografieren, die sich einen gelben oder roten Punkt aufs Revers geklebt haben ….
Ralf Stockmann: Recht haben reicht nicht – wir müssen auch gewinnen
Nach einer Pause ging es für mich für den weiteren Verlauf des Nachmittags ganz nach oben in das Dachgeschoss der c-base mit fantastischer Aussicht über die Spree und Berlin. (Die c-base ist sowieso eine Location, die mich im Erd- wie Dachgeschoss begeistert hat).
Ich vermute, das Orga-Team hat recht geschickt den Fokus der Vorträge aufgeteilt: Unterm Dach die Projektvorstellungen, während in der Main Hall eher die grundsätzlichen, strukturellen und politischen Fragen geklärt wurden? Für den Rest des Tages genoss ich hier oben nämlich sehr konkrete Praxiseinblicke in die Entwicklung und Ausgestaltung verschiedener Fediverse-Dienste, die mich in Aufregung versetzten: So viel ist möglich, wenn wir uns von den großen und zentralen Anbietern lösen, entwöhnen und stattdessen für unsere kleinen Communities Special-Interest-Instanzen aufsetzen und gegenseitig föderieren! (Und so kompliziert wird es dann auch …)
Ralf schloss mit seinem Vortrag nahtlos an die Grundlagenarbeit im Erdgeschoss an. Grob zusammengefasst war seine Botschaft, dass das Fediverse „Killerfeatures“ brauche, überzeugende Usecases und bessere Zugänglichkeit, um sich besser zu etablieren. („Warum ist Taylor Swift nicht im Fediverse?“)
Einer der Fediverse-Vorteile, die er betonte (und die ich auch an anderen Stellen immer wieder höre), ist der, dass ausgehende Links nicht von einem Algorithmus abgestraft werden. Er nannte die so absurde wie gängige Formulierung „Link in Bio“ den Sündenfall von Instagram, wo dieses Verhalten, keine Links mehr unter Beiträge zu setzen, sondern stattdessen in der Bio (oder wie bei LinkedIn ‚im ersten Kommentar‘) zu verlagern, üblich wurde. Wir halten es heutzutage für völlig normal, nicht mehr auf Quellen zu verweisen, um nicht durch Algorithmen „abgestraft“ zu werden (oh, während ich das tippe …. allein diese schreckliche SEO-Lingo!) Im Fediverse ist das anders, betonte Ralf. Das sei eine gute und starke Geschichte. (Ich stimme zwar zu, bin allerdings auch skeptisch, ob diese Geschichte wirklich so überzeugend ist, dass wir damit auch einen Großteil der Insta- oder Facebook-Nutzenden vom Wechsel überzeugen können …).
Ein wirklich überzeugender Ansatz wurde für mich für die Dauer der FediDays und auch jetzt im Nachklang noch überzeugend gelebt und demonstriert: Die digitale Augmentation von Konferenzen und Meetups. Ich bin damals 2017 über mein erstes Barcamp der Corporate Learning Community zu Twitter gekommen. Twitter war für mich und die anderen Community-Mitglieder immer DAS Medium, das die Veranstaltung auf die digitale Sphäre ausgeweitet hat. Mastodon hat sich natürlich auf dem FediDay und ansatzweise z. B. auch schon auf der letzten re:publica als würdiger Nachfolger erwiesen (in der Corporate Learning Community hat es leider nicht nicht so viel Verbreitung gefunden, dass es an die frühere Lebendigkeit von Twitter heranreicht).
Für diesen Usecase hat Ralf einige tolle Tools gebaut, z. B. die Mastowall, auf der ich mich in seiner Demo gleich wiederentdeckt habe 😅
Ralf merkt an, dass es für die Verbreitung von Mastodon förderlich sei, wenn solche Usecases vorgedacht und in das Standard-Featureset integriert werden würden. Er berichtet, dass es auf der Bibliocon 2025 durch durchdacht orchestrierte Mastodon-Aktivitäten gelungen sei, einen Großteil der Community von Mastodon zu überzeugen. Das Fediverse hat bereits jetzt die Dienste, um einen Großteil der Bedarfe auf Veranstaltungen abzudecken … besser, als das jeder der großen, kommerziellen Einzel-Plattformen kann. Das vorgeschlagene Zusammenspiel ist, wie auf der folgenden Folie zu sehen:
- Vortragsarchiv / Streaming über PeerTube (so wird das diesmal auch auf dem FediDay gemacht)
- Community über Friendica
- Gallerien über PixelFed
- Outreach über Mastodon
- Präsentationen: ? (ich könnte mir vorstellen, dass Präsentationen auf den Blogs der Vortragenden verbleiben, die per ActivityPub angebunden sind?)
- dazu eine Hashtag-Infrastruktur mit einem etablierten und konsequent genutzten Hashtag, einer Mastowall und ggf. einer Hashtag-Suche
Und wie kriegen wir dieses Paket jetzt für möglichst viele Konferenzen (z. B. die nächste Woche stattfindenden Big Brother Awards …) in den Standard? Ralf äußerte erste Ideen zu dieser noch frischen Ideen, u. a. werde es womöglich einen Podcast mit Tim Pritlove und auch ein Hardware-Starterkit geben (wenn ich das richtig verstanden habe ….?).
In manchen Aspekten gehen meine Überlegungen zu einem besseren beruflichen sozialen Netzwerk in ähnliche Richtungen.
Eine interessante und erheiternde, wenngleich sowohl vor Ort als auch auf Mastodon heftige Diskussionen auslösende Frage von Ralf war, wieso Mastodon-Clients quadratische Avatar-Bilder nutzten, während bei den etablierten großen Plattformen runde Avatare gängig sind:
Ehrlich gesagt: Mir ist gar nicht so wichtig, wer nun recht hat, was vorteilhafter ist und welche Gründe zu manchen Design-Entscheidungen führen. Ich fand es einfach sehr erfrischend, dass Ralf solche Fragen stellt und einen Finger in die Wunde vieler Open Source Projekte legt, die teilweise schon aus Prinzip nicht zu viel Ehrgeiz in ordentliche UX/UI-Arbeit zu stecken scheinen.
Deshalb feiere ich auch das von ihm mit breitem Kreuz postulierte „Design Debt Law“ und wünsche ihm mindestens so viel Popularität wie „+1“ aus dem letzten Jahr:
Und auch die Idee, Erik Spiekermann für die Gestaltung einer Fediverse-Schrift zu gewinnen (Hashtag: #erik4fediverse) ist genial! Zumindest auf LinkedIn ist Erik Spiekermann recht aktiv … wer weckt in ihm Interesse für das Fediverse?
Marcus Rohrmoser: Emanzipiertes (Social) Web
In diesem Vortrag stand ich lange auf dem Schlauch. Umso lauter fiel irgendwann der Groschen. In einer Live-Demo, die mir etwas zu flink und verhuscht war, zeigte Marcus die Installation von etwas, von dem ich zunächst dachte, es sei eine simple statische Webseite …. bis ich irgendwann kapierte, dass er da mit überschaubaren Schritten eine über ActivityPub angebundene … ja, was eigentlich …. kleine Blog-Instanz, oder wie nennt man das? … aufgebaut hat? Das Tool nennt sich Seppo, benötigt nicht mehr als einen simplen Webspace, führt mit wirklich überschaubarem Aufwand zu einer Domain of Ones Own … und ich werde es mir in den nächsten Tagen genauer anschauen. Ist das eine gute Alternative zu dem für die meisten viel zu überfrachteten, behäbigen und schwer einzustellenden WordPress? Könnte das nicht Teil des #CLCDoOO Pakets werden?
Dass Marcus einer von den Guten ist und mit seinem Ansatz ohne großes Getöse die dominierenden Tech-Hypes zerlegt, zeigte er auch mit der Nennung seiner Inspirationen:
Ivan Illichs Text von 1973 ist für mich ein absolutes Grundlagenwerk für gute Gestaltung und Wechselwirkung von Technologie und Gesellschaft. Ich habe mich sehr gefreut, es hier auf dem FediDay erwähnt zu finden!
Grindhold: Flohmarkt – Inserate im Fediverse
„Flohmarkt“ ist nach Beschreibung seines Entwicklers Grindhold „das schwarze Brett des Fediverse“. Im Publikum ist das Tool kaum bekannt. Auch ich hatte davon noch nicht gehört. Aber es gehört zu den so einfachen wir nützlichen Dingen, für die das Fediverse bei zweitem Hinsehen wie gemacht zu sein scheint.
Wenn ich in einer Stadt oder in einer lebendigen Nachbarschaft wohne …. wäre es da nicht viel feiner, meine Dachbodenfunde, zerlesenen Bücher oder selbstgekochten Marmeladen über eine Nachbarschaftsinstanz von Flohmarkt zu tauschen, zu verschenken oder zu verkaufen, anstatt es auf Ebay, Kleinanzeigen oder Nebenan.de zu laden? Flohmarkt erlaubt den Aufbau solcher Instanzen.
Das Projekt ist noch klein, hat sich aber schon in mehrere Länder verbreitet. Grindhold weiß von rund 20 Instanzen, vermutlich gäbe es aber mehr. Eine davon ist Flohmarkt.social, die von Digitalcourage betrieben wird. Eine Liste weiterer Instanzen ist auf dem Codeberg-Wiki des Projekts zu finden. Die einzelnen Instanzen sind untereinander föderiert, können aber auch mit allen anderen Diensten im Fediverse interagieren, die private Nachrichten zulassen (ich kann also auch über Mastodon auf ein Flohmarkt-Inserat zugreifen).
Hier gibt es die Aufzeichnung einer Live-Demo auf dem Chaos Communication Camp 2023.
Ich habe längst nicht alles verstanden, was Grindberg an aktuellen Entwicklungen vorgestellt hat. Hängengeblieben ist mir die Aufregung, die bei der Erwähnung des Stichworts „Semantische Tags“ im Publikum zu spüren war. Was das ist? Keine Ahnung, aber ich krieg’s raus. Auch, wie ich ich mehr als 8 Inserate auf einer Flohmarkt-Instanz aufrufen kann, sapperlot!
Matthias Pfefferle: Jenseits der 500 Zeichen – Makroblogging im Fediverse
Oben hatte ich bereits erwähnt, wie Björn Staschen seinen Wow-Moment nach der Installation von WordPress beschrieb: Ich schreibe nicht mehr nur für mich selbst und muss es dann woanders verteilen, sondern die Welt kann auf mein Blog-Geschreibsel direkt reagieren!
Eine ähnliche Begeisterung spürte ich, als ich damals Matthias Pfefferles ActivityPub-Plugin auf meinem kleinen Blog installierte … und ein weiteres Mal, als Leonid mir dann sein Blog-Theme schenkte, auf dem Reaktionen direkt am Beitrag angezeigt wurden.
Ich hab großes Nostalgie zu, Faible für und Interesse an Hyperlinks, Rückkanälen, gegenseitigen Verweisen, Zettelkästen, Aufgreifen von Feedback, Remixen, Aufeinander-beziehen, Blogparaden, Blogrolls, Trackbags, Reactions, Social Interact Tags, Seek > Sense > Share und all das, was die großen, alten Versprechen des Internets nach einem verbundenen großen Weltbewusstsein greifbarer werden lässt. Deshalb resonierte Matthias‘ Beschreibung des „Crossposting-Problems“ sehr in mir: Internetnutzende würden Blogs mittlerweile nicht mehr als Netzwerke sehen. Kommentare und Trackbacks werden abgeschaltet (ja, ich bekenne mich schuldig, ich hatte das einige Zeit auch getan), Beiträge werden über andere Wege verbreitet. Mit seinem ActivityPub-Plugin kehrt ein WordPress-Blog zurück in das Fediverse-Netzwerk, wird erreichbar und erreicht selbst. Ja, es wird selbst zu einer kleinen, eigenen Instanz im Fediverse.
Matthias beschrieb die verschiedenen Probleme und Lösungsansätze, um ein WordPress-Blog als aktiven und gefundenen Teil des Fediverse zu integrieren. Ich konnte nicht allen technischen Ausführungen folgen, habe aber festgestellt, dass ich mich noch nicht annähernd hinreichend mit den Möglichkeiten (sowohl technisch als auch konzeptionell) beschäftigt habe, die mein Blog hier eigentlich bietet. Auch diesen Beitrag werde ich sicher posten und dann mit meinem Mastodon-Account boosten (also genau das Verhalten an den Tag legen, das eigentlich nicht mehr notwendig sein sollte). Aber ich gelobe Besserung!
Jascha: Bookwyrm
Bookwyrm hatte ich vor langer Zeit entdeckt, dann aber wieder vergessen. Es ist ein Tool für Menschen, die gerne lesen, ihre Leseerlebnisse dokumentieren, Listen für zu lesende und gelesene Bücher anlegen oder sich von Listen anderer Lesender inspirieren lassen. Und im Gegensatz zu Goodreads ist es nicht von Amazon … sondern u. a. von Jascha, der es spontan und dank verloren gegangener Präsentation ganz lebendig live vorstellte. 🙂
Ähnlich wie bei der Vorstellung von Flohmarkt wurde mir auch hier ganz kribbelig, was damit alles möglich werden könnte und begann, von Lesezirkeln auf Bookwyrm-Basis zu träumen.
Jascha berichtet von Problemen und Lösungsansätzen in der Entwicklung, von Objekten und eindeutigen Identifiern (z. B. den Vorzügen von ISBN-Nummern als eindeutige Identifier für Bücher, aber erst ab 1972 bzw. in der DDR ab 1986 und nicht für Fanzines o. ä. Publikationen) und dass er einen ähnlichen Dienst auch gerne für Musik entwickeln würde, deren Trägermedien von der Datenstruktur aber noch deutlich komplizierter seien als Bücher.
Für erregte Gegenreden sorgte die Information, dass Bookwyrm unter der Anti-Capitalist Software License veröffentlicht sei, die eine kommerzielle Nutzung verbietet, also auch kleinen Verlagen oder Buchhandlungen. Die Vertiefung der Debatte hätte mich interessiert.
Ich werde meine damaligen Tests auf jeden Fall wieder aufgreifen, denn gerade meine eigenen Leseliste verdienen eine Fediverse-Anbindung. Ich flexe doch so gerne mit Büchern und poste Zitate. Dafür brauch‘ ich doch ein eigenes kleines Tool, das ein bisschen zugänglicher ist als das für mich völlig überdimensionierte Zotero. Bookwyrm, Du hast mich wieder! (Ich scheine sogar bereits einen Account bei @JohannesStarke@bookrastinating.com zu haben …)
Rebecca Sieber: Das Fediverse in der Digitalpolitik
Zurück unten in der Mainhall, meine kognitiven Kapazitäten lassen langsam nach und sind nicht mehr ausreichend für den schnellen Ritt durch die rechtlichen Herausforderungen des Fediverse, durch die Rebecca uns führt. Letztes Jahr berichtete Rebecca über die rechtlichen Rahmenbedingungen, die auf die großen Tech-Konzerne zugeschnitten sind, aber auf das Fediverse nicht passen … ein Problem, das auch auf der re:publica immer wieder erwähnt wurde. Auf diesem Fediday ging die konkreter auf diverse rechtliche Baustellen ein:
Die folgenden Themen ihres Vortrags habe ich mitgeschrieben … sie greifen viele der Forderungen auf, die bereits Sandra Barthel zu Beginn des Tages erwähnte:
- Steuerrecht, z. B. eine Digital Services Tax, die idealerweise auch eine Förderung des Fediverse finanzieren sollte
- Förderung von Gemeinnützigkeit und Ehrenamt: Open Source Projekte sind nicht in der Liste von Gemeinnützigkeit enthalten; Nur teilweise könnte die Kategorie Verbraucherschutz greifen
- Gesellschaftsrecht und Rechtsformen: Es fehlt an einfachen zugänglichen Rechtsformen. Genossenschaften sind aufwendig zu gründen.
- Datenschutz: Würde vorhandenes Datenschutzrecht konsequenter durchgesetzt, müsste vielen kommerziellen Plattformen der Stecker gezogen werden. Das käme dem Fediverse zugute.
- Informationsfreiheitsgesetz: Der mehrfach erwähnte „+1“-Ansatz ergibt sich bereits aus dem Recht für Bürger:innen, öffentliche Informationen kostenfrei und ohne Tracking etc. zu erhalten
- Plattformregulierung: Der Digital Services Act soll eigentlich kommerzielle Dienste regulieren, aber das Fediverse wird davon auch erfasst. Vieles davon ist sinnvoll, aber ebenso müssten sinnvolle Ausnahmen definiert werden.
- Interoperabilitätspflicht: Das könne zu verschiedensten Problemen für das Fediverse führen. Auch stünden der Widerstand gegen die Chatkontrolle und Ruf nach unkompromittierter Verschlüsselung mit dem Bedarf nach Interoperabiltität in Widersprüchen
- Aktuelle Gesetzgebungsintiativen sind der „Digital Omnibus“ (Initiative der European Commission, um Gesetzgebung/Regulierungen zu vereinfachen), der „Digital Fairness Act“ (soll das Problem von Dark Patterns, Fake Accounts etc angehen) und Altersverifikation (die nicht nur strittig, sondern im Fediverse auch kaum umsetzbar ist)
Volker Ralf Grassmuck: Vorstellung des Konzepts zur Förderung des fediverse (FöFed)
Als abschließenden Impuls stellte Volker Ralf Grassmuck das Konzept zur Förderung des fediverse (FöFed) des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie vor.
In Langfassung ist das Konzept oben verlinkt. Die wichtigsten Stichworte sind:
- 1. Bedarfe und Potenziale ermitteln
- 2. Förderprogramm und Vergabestelle
- 3. Service, Beratung und Begleitforschung im laufenden Betrieb (Bsp: jährliche Konferenz!)
- Weitere Fördermaßnahmen, z. B. Aufbau einer European Fediverse Association und entsprechenden deutschen Organisation; Förderungen für spezifische Zielgruppen, z. B. Stadtinformationssysteme, Bildungseinrichtungen etc., „+1“-Prinzip, Leitlinien für Öffentlichkeitsarbeit, eigene Instanzen des Bundes, transnationale Zusammenarbeit …
- Gesetzliche Maßnahmen, um Ehrenamt und zivilgesellschaftliche Organisationen zu unterstützen/entlasten
Adieu und bis zum nächsten Jahr!
Nach einer kleinen Reflexionsrunde der Organisator:innen und Umbau für die nun beginnende Diskussionsrunde beschloss ich erschöpft, erfüllt und beflügelt, den Tag für mich zu beenden und die Heimreise anzutreten.
Und damit beschließe ich auch diese Blogpost-Zusammenfassung, die ich nun auf meinem Blog und damit gleichzeitig auch im Fediverse veröffentliche.
#clcDoOO #erik4fediverse #FediDay