Eine Verteidigung der Corporate Learning Community
Diesen Beitrag schrieb ich im Sommer 2025 für das Buch „Gemeinsam lernen, gemeinsam wachsen. 15 Jahre Corporate Learning Community – Geschichten, Menschen, Erfahrungen, Themen“. Jetzt ist das Buch erschienen und ich veröffentliche den Beitrag auch hier. Weitere Beiträge anderer Autor:innen aus und zu dem Buch sammeln wir unter dem Hashtag #CLCBuch2025.
Die Corporate Learning Community ist ein bemerkenswert uneinheitliches Gebilde aus locker organisiert in Verbindung stehenden Angestellten, Selbstständigen und potenziell lernlustigen Menschen in Unternehmen, Unis, Schulen, Vereinen oder anderen Organisationen, die sich in vielfältiger Weise dem Lernen in Organisationen verbunden fühlen. „Corporate Learning Professionals“ ist die für mich immer noch gewöhnungsbedürftige Selbstzuschreibung von Ernsthaftigkeit, die sich irgendwann mangels besserer Alternativen etabliert hat.
So informell und vielfältig das Interessengebiet der Community und die namensgebende Profession und Professionalität sind, so differenziert sind auch die Blicke auf, Erwartungen an und Verständnisse davon, wie sich die Community nach außen und innen gibt, was sie antreibt, was sie eint und was sie entzweit. Da jede interessierte Person auch ohne Aufnahme und Mitgliedsausweis mitmachen, sich zugehörig fühlen, Mitgestaltungsansprüche anmelden, Kritik äußern und mit Lob vergiften kann, sind die Ansprüche an die Community und ihre Mitglieder kon-trovers. Es wird gelernt, gespielt, probiert, proklamiert, gedrückt, gezerrt, genervt …
Mein eigenes Verhältnis zur CLC hat sich in den letzten Jahren verändert. So sehr ich mich ab meinen ersten Kontakten ab 2017 schockverliebt verbunden, in meinem Verständnis von Lernen verstanden, im Bestreben nach besserem Lernen in Unternehmen gestärkt und auch in einer sich selbst verstärkenden Echokammer eingerichtet habe, so irritiert und frustriert bin ich seit Anfang 2023 von der zunehmenden und für mich unverständlichen Begeisterung vieler Community-Mitglieder für „KI“-Narrative, durch die Lernpotenziale angegriffen werden und erodieren. So akut wie nie scheint es mir, mich von der CLC abzugrenzen.
Und dann blicke ich auf die vielen kleinen und großen Aktivitäten, die hier trotz „KI“-Sermon immer wieder aufblühen, das gemeinsame Tasten, Ausprobieren und Tun, die guten Gespräche, die schon durch den Aufhänger einer gemeinsamen CLC-Mitgliedschaft mit Badge im LinkedIn-Profil oder uniformen Button am Revers starten, entstehenden oder langjährigen Beziehungen zu vielen Menschen aus der Community, das Vertrauen und die Wertschätzung, die die Mitglieder trotz partiell gegensätzlicher Interessen einander entgegenbringen … und grundsätzlich der großen Wichtigkeit, dass es informell organisierte, organisationsübergreifende Interessengruppen gibt, über die Mitwirkende die Möglichkeit erhalten, die Beschränkungen, Zwänge und Strukturen, die ein Arbeitsalltag mit sich bringt, zumindest zeitweilig zu überwinden und das Interesse zu verfolgen, das sie eigentlich an ihre Profession bindet … .
Und dann überkommt es mich, Stimme für die CLC zu ergreifen, und sie verteidigen zu wollen gegen die Vorwürfe und Kritik derjenigen, die mit ihr nichts (mehr) anfangen, die kein Mitglied (mehr) sein wollen oder die misstrauisch sind, mit welchen Tätigkeiten „Corporate Learning Professionals“ dort ihre (Arbeits-)Zeit verbringen …
Gegen die Nüchternen, die unsere Lernlust nicht teilen
… und sagen, wir wären „ein Haufen naiver Idealisten“. „Ihr feiert Lernen um des Lernens willen. Ihr feiert euch selbst und vergesst eure Kundschaft.“ „Hipp Hipp Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar?“
Ja, die CLC ist ein Hort von Menschen, die heillos ins Lernen vernarrt sind. Die sich ihren Lernlüsten hingeben. Die sich nicht auf gegebene Vorgaben und Rahmenbedingungen beschränken, sondern Lernen entfesseln und über ihre Organisation hinaus weiten wollen … und die darüber bisweilen selbst- und fremdgesteckte Ziele vergessen …
… in Barcamp-Sessions, die den Rahmen sprengen, die goldene Regel „Eine Session dauert 45 Minuten“ schlicht ignorieren oder dem Respekt der nächsten Gruppe geschuldet auf den Fluren weitergeführt, spontan auf den nächsten freien Sessionplan-Slot gesetzt oder am Podcast-Tisch zusammengeführt werden, sich in digitale Sphären verlagern, auch tage- und wochenlang noch das Fediverse (na gut, mittlerweile leider auch LinkedIn) erhitzen, darüber Dritte einbeziehen und uns intellektuell erregen. (Besonders lebendig war dieser temporäre Erregungszustand damals auf Twitter in den #CLChatDE Events zu spüren. Eine Neugeburt im Fediverse steht an!)
… wie in vielen Dutzend #MeinZiel-Lernvorhaben, die ausufern, Jahre statt Wochen und Monate dauern, ihre Ziele aus den Augen verlieren und zufällig über geteilte Ergebnisse stolpernde Mitglieder wie mich inspirieren, weil so viele neue Ziele auf dem Weg liegen oder mit der Community kreiert werden. Dann zeigt mir die CLC immer wieder, wie attraktiv, nahbar, vielfältig und voller Möglichkeiten meine Profession ist. Sie erweitert meine Vorstellung davon, was Lernen in Unternehmen bedeutet. Sie zeigt mir Lernfelder, die mir im Arbeitsalltag unerreichbar sind, macht sie betret- und beackerbar und lässt auf ihnen wachsen, auf dass ich mich in ihnen verheddern, verirren und Lernen um des Lernens willen zelebrieren darf – als Antrieb dafür, nur einen Bruchteil davon in meine Lohnarbeit zu überführen.
Session-Nachbesprechung am Podcast-Tisch auf dem #CLC22 (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Podcast-Nachbesprechung meiner lernOS-Lernzirkelgruppe auf dem #CLC19ko (Quelle: Twitter, Franziska Raabe)Gegen die Kritischen, die unserer kollektiven Intelligenz misstrauen und nur Flachsinn sehen:
… „Triviales Gelaber ohne Punkt und Komma“ – „Hier hat jeder zu allem was zu sagen.“ – „Halbwissen in Endlosschleife“.
Ja, auf den Events der CLC wird geredet und geredet bis tief in die Nacht. Wir loben gemeinsam unser Nicht-Wissen, unser Nicht-Können und unsere unendlichen Lernbedarfe. Wir ehren den unwissenden Lehrmeister. Wir suchen nach fehlenden Worten, gescheiterten Ansätzen, konfusen Konzepten und falschen Ergebnissen. Wir ringen um Deutungen und haben selten den Anspruch, richtig zu liegen. Wir spinnen, experimentieren und verwerfen. So vergewissern wir uns unserer Entwicklungsmöglichkeiten, hinterfragen uns selbst und andere … denn Fragen sind wertvoller als Antworten. Und manchmal erfinden wir für diese Torheiten Hashtags wie #KrasseHerde als Distinktionsmerkmal und Social-Media-verbindende Albernheit.
Improtheater-Session mit Mike Meister auf dem #CLC18 (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Auf der Rückreise vom #CLC19ko (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Gegen die Seriösen, die Ordnung, Klarheit und Professionalität vermissen:
„Wo ist die klare Botschaft?“ – „Unprofessionelles Marketing“ – „Zu viele Kanäle“ – „Alles nerdig“ – „Mit Masto…was? habt ihr mich verloren“ – „Wer ist jetzt verantwortlich?“ – „Selbstorganisation funktioniert nicht“ – „Ihr haltet euch selbst nicht an das, was ihr predigt!“
Ja, die CLC besteht aus ihren Mitgliedern und wird durch ihre Mitglieder organisiert. Das macht uns zur genannten #KrasseHerde, in der alle kakophonisch wuselnd mitblöken und -muhen, in ihrem eigenen Ton, ihrem eigenen Fell. Das sorgt für spontan-überschäumende Exaltiertheit, die wie von selbst entsteht und von außen mit Befremden betrachtet werden darf. Das lässt den Zugang kompliziert erscheinen und macht ihn letztlich umso einfacher, macht Organisation und Durchführung von Events aufwendig und lässt sie dadurch zum Lernfest werden. Neue Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten verbergen sich, manchmal zufällig, manchmal geplant, in jeder CLC-Aktivität.
… entdeckend, was eigentlich dezentrale soziale Netzwerke wie Mastodon sind, wie die ersten Schritte über Karlheinz Papes legendäre Lernbooster-Sessions gelingen und wie die Community-Heimat im Fediverse auf colearn.social ausgebaut werden kann,
… Hands-on als Spiel- und Experimentierwiese für alle möglichen Arten von Konzepten und Techniken, die direkt ausprobiert werden müssen,
… verbindend, wie hybride Veranstaltungen über mehrere Locations, vor Ort und online durchgeführt werden, was funktioniert und was sicher scheitert,
… vorbildhaft, dass sich jede:r mit und nach den eigenen Ressourcen einbringen und auch wieder ausklinken kann,
… und dass etwa 15 regionale Communities, mal mehr, mal weniger, emergent entstehen, wieder einschlafen oder in anderer Besetzung neu zueinander finden, wie z. B. die unstete #CLC10 Berlin, die schon in unterschiedlichen Konstellationen gegründet wurde, wieder auseinander ging, vor und nach der Pandemie verschiedene Hybridformen ausprobierte und aktuell eine neue Blüte erlebt.
Auf dem #CLC22 wird hybrid zwischen den Standorten und Online-Teilgebenden hin- und hergeschaltet (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Als hätten wir es geahnt: Kurz vor Beginn der Pandemie trifft sich die #CLC10-Regionalgruppe und experimentiert mit MS Teams und Hybrid-Settings (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Gegen die Misstrauischen, die an den Vorhaben der Anderen zweifeln:
„Plattform für Werbung und Selbstdarstellung“ – „Zu viele Freiberufler, Berater und Agenturen“ – „Die LinkedIn-Gruppe ist die Hölle.“
Ja, auch in der CLC bieten Handelnde ihre Waren feil, platzieren Werbung und loben ihre Leistung. Das macht das Filtern des Barcamp-Sessionplans anstrengend und lässt auch die LinkedIn-Gruppe so verloren wirken wie das Gros dieses „Business-Netzwerks“. Ebenso zuverlässig aktiviert werblich verdächtiges Gebaren das sensible Immunsystem der Community. Missbrauch wird erkannt, Dreistigkeit geächtet. Von außen nicht unbedingt erkennbar: Auffällige Akteur:innen werden mit leeren Sessions oder stiller Ignoranz honoriert. Gleichsam wird freiberuflich oder beratend tätigen Mitgestaltenden vorbehaltlos vertrauend eine Möglichkeit geboten, ihr Wissen mit allen in der Community zu teilen, ohne ihnen von Vornherein unlautere Absichten zu unterstellen.
Während Selbstdarstellung in kapitalistisch pervertierter Form schwer verdaulich ist, birgt sie in anderem Zuschnitt oft übersehene Chancen der Emanzipation, des Spiels und der eigenen Entfaltung. Die befreienden und lernförderlichen Aspekte von Selbstdarstellung werden in der CLC aktiv gefördert, z. B. über das Projekt „CLC Domain of One‘s Own“. #CLCDoOO unterstützt Community-Mitglieder darin, sich eigene digitale Bereiche im Internet aufzubauen, über die sie selbst volle Kontrolle haben, unabhängig von kommerziellen Plattformen und Algorithmen. Die LinkedIn-Hölle kann jeden Tag verschwinden oder ihre Spielregeln ändern, so wie dieser Tage mit den neuen Datenschutzrichtlinien. Die eigene Domain, ins Leben gebracht mit Unterstützung aus der CLC, bleibt und birgt in ihrer freien Gestaltungsmöglichkeit unermessliche Lernmöglichkeiten.
Online-Teilgabe aus dem Homeoffice beim #CLC21 (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Walk and Talk auf dem #CLC19ko (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Gegen die Mahnenden, die das, was wir tun, für gefährlich halten:
„Ist das auch mit Deinem Arbeitgeber abgestimmt?“ – „Ihr teilt Interna mit der Konkurrenz!“.
Ja, in der CLC teilen wir Ideen, die uns nicht gehören und besprechen Pläne, die in Besprechungsräumen unserer Arbeitgeber geboren wurden. Damit tragen wir sie in ein Anwendungsfeld, erproben sie und bringen sie aufgeladen und verbessert zurück ins eigene Unternehmen. Gleichzeitig finden wir neue Inspiration in der CLC, überführen sie in unsere eigene Arbeit, bringen sie zur Wirkung und entlassen sie in neuer Form zurück in die Community. Die Community erprobt so realitätsnahe, iterative und flexible Arten des Wissensmanagements und zeitgemäße Schleifen firmenübergreifender Kooperation in der Netzwerkgesellschaft. Mit unseren Aktivitäten in der Community repräsentieren wir unsere Arbeit und unsere Arbeitgeber … auf eine informelle Art, was wirksamer sein kann als Formalseiten-Politur. Nebeneffekt: Glaubwürdiges Recruiting und nahbares „Employer Branding“. Firmen-Repräsentant:innen werden ansprechbarer und zugänglicher als auf Jobmessen.
Die weak ties der CLC stärken unser formal-berufliches Wirken stärker als Abschottung und Geheimniskrämerei. Ein Meilenstein in der Entwicklung der CLC und meine ersten Kontakte mit ihr waren das Corporate Learning 2.0 MOOC ab 2015 und der Corporate Learning 2025 MOOCathon #cl2025 in 2017. In beiden MOOCs gestalteten Unternehmen die einzelnen Wochen und boten allen Interessierten eine Möglichkeit, über attraktives, modernes und wirksames Lernen in den gastgebenden Corporates zu lernen und eigene Beiträge beizusteuern.
Zitat von Karlheinz Pape auf dem #CLC22 (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Gegen die Berechnenden, für die der ROI nicht stimmt:
„Das ist doch verschwendete Arbeitszeit“ – „Ich habe keine Leads generiert“ – „Die CLC ist für uns keine Plattform.“ – „Dafür werde ich nicht bezahlt.“
Ja, Engagement in der CLC braucht Zeit. Klassische Zielvorgaben und Vertriebs-Marketing-Metriken scheinen mit der Community schwer in Einklang zu bringen. Die Teilgabe an Barcamps ist Arbeitszeit, die ich nicht fakturieren kann. Diesen Text tippe ich im Urlaub. Wenn Du allerdings bis hierhin gelesen hast und meine Verteidigung der CLC ansatzweise teilst, bin ich optimistisch, dass Du den Faden selbst weiterspinnst. Die CLC unterstützt alle in ihr mitwirkenden Angestellten wie freiberuflich Tätigen darin, engagiert und kompetent zu arbeiten. Sie ist nicht nur eine relevante persönliche Arena der Weiterentwicklung, sondern fördert durch ihr sich in viele Unternehmen erstreckendes Netzwerk die Lebendigkeit von Corporate Learning und der gesamten Branche. Sie unterstützt über Bande auch meinen Arbeitgeber darin, glaubwürdige Angebote in einem dafür reifen Markt zu platzieren.
Sessionplanung auf dem #CLC19ko (Quelle: Twitter, Johannes Starke)Mike Meister hat meine Session auf dem #CLC21 live als Sketchnote verewigt(Quelle: Twitter, Mike Meister)
Die Corporate Learning Community lässt uns in und über unsere Organisationen hinweg lernen. Das ist eine der wichtigsten Treiber unserer Arbeit, bewahrt uns vor Vereinzelung und Entfremdung, lässt uns produktiv und respektvoll streiten, aneinander zerren und nerven. Vielleicht, so seltsam sich das anfühlt, macht mich die CLC in ihrer Vielfalt und unplanbaren Entwicklung sogar erst zum souveräneren „Professional“? Deshalb ist dieser Text meine Abgrenzung von, meine Zuschreibung zu und meine verlässliche Verteidigung der CLC.
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