LinkedIn als Plattform: Selbstinszenierung und Datenstaubsauger
LinkedIn hat sich verändert. Was einmal als berufliches Netzwerk gedacht war, ist heute vor allem eines: eine Bühne für Selbstinszenierung – und, wie man inzwischen weiß, eine Datenschleuder, die weit mehr über ihre Nutzer weiß, als sie zugeben würde. Scheinbar unbemerkt von den Millionen LinkedIn-Nutzern. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Ist LinkedIn kaputt?
Inszenierung statt Austausch
Das zeigt sich besonders deutlich in den Unternehmensbeiträgen. Kaum ein Event, kein internes Treffen, kein Workshop, der nicht dokumentiert wird. Gruppenfotos, lächelnde Gesichter, Hashtags wie #team, #inspiration oder #greatplace. Die Botschaft ist immer die gleiche: Wir sind erfolgreich, wir sind relevant, wir sind ein attraktiver Arbeitgeber. Diese Beiträge sind selten als Diskussionsangebot gedacht – sie funktionieren als interne Kommunikation nach außen.
Mitarbeiter liken, kommentieren, bestätigen. Nicht unbedingt, weil sie es inhaltlich wollen, sondern weil es Teil der impliziten Spielregeln geworden ist. Sichtbarkeit nach außen wird zur Loyalitätsgeste nach innen. Vielleicht etwas zugespitzt formuliert: Wer kein Like hinterlässt, wird schief angesehen. Schlecht für die Karriere.
Parallel dazu hat sich die Selbstinszenierung von Einzelpersonen etabliert. LinkedIn ist voll von Erfolgsgeschichten nach einem klaren Muster: Karriereentscheidungen werden im Nachhinein zu strategischen Wendepunkten umgedeutet, Brüche und Zufälle kommen kaum vor. Manche CEOs investieren laut Berichten mehrere hunderttausend Euro in ihren LinkedIn-Auftritt – inklusive Ghostwriter.
Oder, um es mit den Worten von Volker Weber zu sagen: ein „soziales Netzwerk für Business-Kasper“. Eine dritte Gruppe komplettiert das Bild: selbsternannte LinkedIn-Experten und Agenturen, die Unternehmen erklären, wie wichtig Sichtbarkeit ist – und dabei genau diese Mechaniken für ihre eigene Reichweite nutzen. LinkedIn wird so zum Geschäftsmodell über sich selbst.
Der Algorithmus bestraft, wer verlinkt
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der Algorithmus selbst. LinkedIn optimiert konsequent auf Verweildauer. Posts mit externen Links erzielen laut aktuellen Analysen 40 bis 50 Prozent weniger Reichweite – wer gleich in der ersten Zeile auf eine externe Seite verweist, verliert sogar bis zu 71 Prozent. Wer wie ich LinkedIn hauptsächlich nutzt, um auf Blogbeiträge hinzuweisen, ist strukturell im Nachteil. Ich habe diese Entwicklung schon länger kritisch begleitet: 2023 schrieb ich über LinkedIn als „weichgespültes Facebook für Unternehmen“, 2020 über zu viele Promotions und zu wenig inhaltliche Wärme. Es ist seitdem schlimmer geworden.
Scheinbar unbemerkt: Was LinkedIn wirklich über seine Nutzer weiß
Das alles ist bekannt und wird von den meisten Nutzern – und vor allem von den Unternehmen, die LinkedIn intensiv bespielen – bewusst ignoriert. Weniger bekannt, und das ist der eigentliche News-Wert: LinkedIn geht offenbar noch deutlich weiter. Zwei aktuelle Recherchen machen das deutlich.
BrowserGate: LinkedIn durchsucht deinen Browser
Laut Recherchen des deutschen Vereins Fairlinked e.V., dokumentiert unter browsergate.eu, führt LinkedIn bei jedem Seitenaufruf in Chromium-basierten Browsern einen versteckten Scan aller installierten Extensions durch. Die Ergebnisse werden verschlüsselt an LinkedIn-Server und Drittanbieter übertragen – ohne Hinweis, ohne Einwilligung, ohne Erwähnung in der Datenschutzerklärung.
Die Scan-Liste wuchs von rund 461 Extensions im Jahr 2024 auf über 6.000 bis Februar 2026 – darunter 509 Job-Suchtools, über 200 konkurrierende Recruiting-Apps, aber auch Extensions, die Rückschlüsse auf Religionszugehörigkeit, politische Überzeugungen oder Neurodivergenz zulassen. Das Unternehmen Teamfluence Signal Systems hat Klage beim Landgericht München I eingereicht (Az. 37 O 104/26). LinkedIn und Microsoft haben sich bislang nicht dazu geäußert. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist strukturelle Überwachung – und ein direkter Widerspruch zum Digital Markets Act.
Das blaue Häkchen: Reisepass, Biometrie, 50 Dollar Haftung
Der blaue Haken. Den kennen wir noch von einer anderen Plattform, wo er monetarisiert und missbraucht wird. Unter dem Pseudonym „rogi“ hat sich ein Blogger den Prozess einmal genau angesehen: Er hat die LinkedIn-Identitätsverifizierung durchlaufen, die Datenschutzerklärung gelesen und aufgeschrieben, was da wirklich passiert. Sein Text erschien im Blog The Local Stack, übersetzt von Golem.de.
Wer auf „Verifizieren“ klickt, landet nicht bei LinkedIn, sondern bei Persona Identities, Inc. aus San Francisco – einem Dienstleister, von dem kaum jemand je gehört hat. Was Persona in drei Minuten sammelt: vollständiger Name, Reisepass-Scan beidseitig, Echtzeit-Selfie, biometrische Gesichtsgeometrie, NFC-Chip-Daten, nationale Identifikationsnummer, IP-Adresse, MAC-Adresse, Betriebssystemversion – dazu Verhaltensbiometrie wie Zögerlichkeitserkennung und Copy-Paste-Erkennung. Persona gleicht die Identität mit behördlichen Datenbanken, Melderegistern und Kreditauskunfteien ab. Man scannt seinen Pass für ein Häkchen – und wird nebenbei im Hintergrund gecheckt.
Das Pikanteste: Auf Seite 6 der Datenschutzerklärung, versteckt in einer Tabelle, steht, dass Persona die Reisepass-Bilder zum Trainieren seiner KI nutzt – Rechtsgrundlage: „berechtigte Interessen“. Und: Als US-Unternehmen unterliegt Persona dem Cloud Act – US-Behörden können auch auf Daten zugreifen, die auf einem Frankfurter Server liegen. Bei einer Datenpanne begrenzen die Nutzungsbedingungen die Haftung auf 50 US-Dollar. Für Reisepass, Gesichtsgeometrie und nationale Identifikationsnummer.
„rogi“ fasst es so zusammen: „Der Verifizierungsprozess hat drei Minuten gedauert. Zu verstehen, womit ich mich tatsächlich einverstanden erklärt habe, hat ein ganzes Wochenende in Anspruch genommen – und die Lektüre von 34 Seiten juristischer Dokumente.“ Fazit; Das blaue Häkchen ist Kosmetik. Biometrische Daten bleiben für immer – und ein Gesicht lässt sich, anders als ein Passwort, nicht ändern, wenn es kompromittiert wurde.
Fazit: LinkedIn reiht sich nahtlos ein
LinkedIn ist als soziales Netzwerk schon lange kaputt. Was es heute ist, fügt sich nahtlos in die Liste der asozialen, algorithmischen Medien ein – neben Meta, X und Konsorten. Eine Plattform, die nicht auf Austausch, sondern auf Verweildauer, Datenerfassung und Werbeumsatz optimiert ist. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte LinkedIn rund 16,4 Milliarden US-Dollar Umsatz, die Werbeeinnahmen für 2025 werden auf 8,2 Milliarden Dollar geschätzt. Das Geschäftsmodell funktioniert – nur eben nicht für mich und andere als Nutzer.
In der Öffentlichkeit bleibt das weitgehend unbemerkt. Und von Unternehmen, die LinkedIn intensiv für ihre Eigen-PR nutzen, wird es schlicht bewusst ignoriert. Wer die Plattform braucht, um sich zu inszenieren, fragt nicht allzu genau nach, was LinkedIn im Gegenzug mit den eigenen Daten macht. Das ist das eigentliche Problem: nicht LinkedIn allein, sondern die kollektive Bereitschaft, es einfach hinzunehmen.
Ich nutze LinkedIn heute fast ausschließlich, um automatisiert auf meine Blogbeiträge hinzuweisen – und selbst das wird vom Algorithmus systematisch bestraft. Warum? Noch immer sind viele Bekannte aus meinem beruflichen Netzwerk dort präsent. In den vergangenen 365 Tage ist LinkedIn auf Platz 8 meiner Referrer gelandet, deutlich hinter Google, Facebook, dem WordPress-Reader oder Rivva.
Als aktiver Nutzer bin ich schon lange raus. Kaum oder kein wirklicher Austausch. Und wer jetzt gelesen hat, was LinkedIn offenbar still und heimlich über seine Nutzer sammelt, wird vielleicht verstehen warum.
Quellen: BrowserGate-Recherche (Fairlinked e.V.) | Golem.de: LinkedIn & Persona – In drei Minuten in den Datenschutz-Wahnsinn | LinkedIn Nutzerzahlen DACH | LinkedIn Algorithmus und Reichweite 2026
#Überwachung #BrowserGate #Datenschutz #DSGVO #LinkedIn #Microsoft