Ein Grund, warum ich mich verhältnismäßig selten zu Politik äußere, aber bei extremen Ereignissen wie aktuell schon, ist dass ich den Eindruck habe, sonst auf andere "verrückt" zu wirken.

Wenn ich kein aktuelles Beispiel habe, das ich als "Beweis" anführen kann, dass unsere Politik, unsere Entscheidungstragenden, selbst "links der Mitte" in unserem stark nach rechts verschobenen politischen Spektrum, wirklich so schlimm sind, werde ich nicht ernst genommen.

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Ich habe schon, seit ich mit 18 das erste Mal vor der Entscheidung stand, wen ich wählen soll und mich deshalb grob über unsere Parteien informiert habe, das Gefühl, vor "Konservativen" warnen zu müssen.

Seit dem hat sich gar nicht so viel verändert.
Ein großer Teil der wahrgenommenen "Radikalisierung nach rechts" war einfach nur eine Verschiebung, was sich Konservative zu sagen trauen und was sich "Linke" über ihre politischen Gegner trauen einzugestehen und einzusehen.

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Die kognitive Dissonanz aus "wenn die wirklich so schlimm sind, wie sie zu sein scheinen, müsste ich ja etwas gegen sie unternehmen" und "aber dann würde das mein eigenes Leben ja viel unbequemer machen und aktuell kann ich es ja noch ignorieren, solange es mich nicht zu sehr betrifft" ist einfach zu groß.

Erst wenn man sich langsam selber "gab es keinen mehr, der protestieren konnte" annähert, gibt es bei vielen überhaupt erst die Brereitschaft, nicht mehr die Augen zu verschließen.

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Es kann gar nicht so schlimm sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Es darf nicht sein, dass Geflüchtete nicht auch einfach problemlos in ihrem Herkunftsland hätten bleiben können, dass Menschen sich nicht auch einfach einen ausreichend gut bezahlten Job suchen könnten, dass um mal extremer zu werden, nicht alle chronisch kranken Menschen Familienangehörige haben, die sie pflegen, statt im Extremfall von unserem "Sozialstaat" sterben gelassen zu werden.

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Währenddessen wird von der offiziell noch linken Seite politische "Schadensbegrenzung" und "Kompromissfindung" betrieben, statt zu versuchen, tatsächlich auch mal was zu verbessern.

Lieber nicht zu viel fordern, lieber die dominant und unvernünftig forderndend auftretenden Konservativen nicht noch wütend machen, sich bloß nicht zu sehr wehren, sonst macht man es bestimmt nur noch schlimmer und wird nachher noch selber zum Ziel, statt nur die, die man politisch zu vertreten vorgibt.

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Wir haben zwar in Deutschland kein 2 Parteien System, wie in den USA, viele Dynamiken sind hier aber recht ähnlich, auch der Anspruch von Grünen und SPD, dass politisch linkere sie unterstützen und ihnen entgegenkommen, während sie weiter rechten entgegenkommen.

Dass wir alle schon "das geringere Übel" unterstützen sollten und dass der Anspruch, mal kein "Übel", sondern tatsächlich nennenswerten Fortschritt und Verbesserung wählen zu können ein übertriebener Anspruch wäre.

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