2/ Mit Berichten von Menschen aus

Afgahnistan,
Chile,
Libanon,
Mali,
Mosambik,
Palästina,
Senegal,
Sowjetunion,
Tschtschenien und
Vietnam.

Sehr oft wird angemerkt, dass die Personen in der #DDR 1989 bei den Kommunalwahlen wählen durften, in der #BRD aber nicht.

Wusste ich bis gestern nicht, dass die DDR da schon weiter war. Passt auch nicht zu der Idee von staatlichem #Rassismus.

Außerdem interessant: Es gibt mitunter sehr verschiedene migrantische Communities in Ost und West. Die Vietnames*innen in West-Deutschland sind #Boatpeople, die vor den Kommunisten geflohen waren, und die im Osten, sind Menschen, die zum Studium oder für die Berufsausbildung im Osten ausgewählt worden waren. Irgendwie klar, dass die sich nicht lieben.

3/ Danke an @Thumas für den Link:

https://www.ostbeauftragte.de/resource/blob/2038516/2078178/97492dbb719f360b22218c26d6c1080f/migrationsgeschichten-ministerium-austausch-128-druck-data.pdf?download=1

Da kann ich ein paar lustige Zitate bringen:

„Meine Eltern zweifelten
zunächst daran, in die DDR zu gehen. In Zeitungen und Zeitschriften war das Bild von diesem Land kein gutes. Es hieß, in der DDR werden einem die Kinder weggenommen, und es gab sogar das Gerücht, dass Kinder teilweise gegessen werden.“

Das hatten die Chilenen verwechselt: Die mit dem Messer im Mund waren die Russen. Die DDRler waren alle total nett und haben keine Kinder gefressen.

4/ „Als die Mauer im November 89 fiel und die Menschen nach Westberlin
gingen, um sich Bananen zu kaufen, dachte ich, das kann es doch nicht gewesen sein. Es war schrecklich für mich zu erleben, wie man für ein paar D-Mark seine Würde aufgeben kann.“

Crístian Hernán Gárate Garay, Chile

Ja, für mich auch. Das, was die #Ossis als erstes gemacht haben, als sie im Westen waren, war: sich anstellen. An Trucks von Kaisers mit Cola und Kaffee. Zum Schämen!

#DDR #Osten #Mauerfall

5/ Vu Thi Hoang Ha aus #Vietnam beschreibt ihr Studium in #Leipzig. Sehr interessant ist auch die Erwähnung ihres Stipendiums. 300 Mark. #DDR-Student*innen haben 200 Mark bekommen. Ich hatte 300 Mark, weil ich länger bei der NVA war. Mit 200 Mark und erst recht mit 300 Mark konnte man gut leben. Eine Wohnung hat 20 oder 30 Mark gekostet. Ein Zimmer im Wohnheim 10 Mark. Eine Nahverkehrskarte in Berlin 20 Pf, ermäßigt 10 Pf. Ein Liter Milch 66 Pf. Eine Briefmarke 20 Pf.

Im Artikel von der @bpb kann man lesen, dass die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen schlecht bezahlt worden wären. Mit 400 Mark, was dem damaligen Mindestlohn entspräche.

https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/548449/vertragsarbeiterinnen-in-der-ddr/

Dazu kommt später noch mehr. Aber es ist keineswegs so, dass 400 Mark wenig Geld gewesen wäre. Die Gehälter in der DDR lagen sehr eng zusammen. Wissenschaftler*innen hatten zum Schluss wohl so 1100 Mark.

6/ Mist: Das hier war 1/. Ist irgendwie abhanden gekommen.

https://climatejustice.social/@stefanmuelller/114949475279891971

7/ Mahmoud Dabdoub aus Palestina/Libanon hat in #Leipzig Fotografie studiert. Er schreibt:

„Als Student habe ich unheimlich viele Menschen kennengelernt. Ich war neugierig auf die Gesellschaft und lächelte jeden an und grüßte jeden, der mir mit freundlichem Gesicht
begegnete. Unsere Lehrer waren wie Freunde. Wir besuchten sie, saßen zusammen und erzählten. Das war sehr schön und ich fühlte mich an zu Hause erinnert. Nicht weit von der Hochschule entfernt lernte ich eine Familie kennen, mit der ich heute
noch befreundet bin. Der Mann unterrichtete Musik und sie war
auch Lehrerin. Die beiden kleinen Töchter waren sehr niedlich.
So grüßten wir uns und lächelten uns an, bis wir in ein Gespräch kamen. Heute sind die Kinder verheiratet und haben selbst schon Kinder. Viele meiner Freundschaften entstanden
so. Ich wurde zu Weihnachten eingeladen oder einfach so zum
Kaffeetrinken und Süßigkeitenessen. Von den Menschen wurde
ich so aufgenommen, wie ich bin, sodass ich mich nie fremd
gefühlt habe.“

Könnt Ihr verstehen, dass es mich sehr rührt und glücklich macht, diese Zeilen zu lesen? Und es gibt viele davon in diesem Buch. Ich durfte jetzt 35 Jahre lesen, dass es im #Osten nur #Nazis und Rassisten gibt und dass das an der DDR liegt, die inherent rassistisch gewesen sei.

Ja, es gab #Rassismus, aber es gab auch ganz andere Erfahrungen und es ist eine Frage des Ausmaßes. Und dann wird es letztendlich zu einer politischen Frage der Darstellung in den westlich dominierten Medien.

Lest das Buch. Hat schöne Bilder und ist nicht dick. =:-)

8/ Mahmoud Dabdoub aus Palestina/Libanon hat in #Leipzig Fotografie studiert. Er ist traurig, dass er zur Wendezeit nicht fotografiert hat.

„ Was mich bis heute quält und traurig stimmt, ist, dass ich nicht fotografiert habe. Vielleicht war ich feige. Es
erschien mir zu riskant, die Kamera hochzuheben und nicht zu
wissen, wer rechts und links von mir stand. Die einen hätten
mich beschuldigen können, für den Westen zu arbeiten, die
anderen hätten sagen können, der fotografiert für die Staats-
sicherheit. Ich stand zwischen Amboss und Hammer. Die Revolution ist Gott sei Dank friedlich ausgegangen, ganz anders als später in den arabischen Ländern.“

Das kann ich komplett nachvollziehen. Ich habe zu #DDR-Zeiten auch keine Musikfotos gemacht. Das ging nicht. Nur die Stasi hat fotografiert. Oder etablierte Szenefotografen, die die Leute wirklich lange kannten. In Jena haben die Punks mal einem Stasi-Typen die Kamera weggenommen und dann die Bilder entwickelt und verteilt.

9/ Sehr schön sind auch immer wieder Äußerungen zum Ost/West-Thema. Den #Ossis wird ja immer wieder vorgeworfen, #JammerOssis zu sein. Dann ist es lustig, quasi von Dritten Statements zu diesen Fragen zu hören.

Die Ostmigrant*innen sehen sich auch als Ossis und sehen die Probleme.

#Osten #Westen #OssisOfColor

10/ Moussa Dansokho, Senegal.

„Dazu haben natürlich auch andere beigetragen – zum Beispiel Soldaten. In Weimar war ich der einzige Senegalese, die anderen waren in Leipzig, weshalb ich an den Wochenenden oft nach Leipzig fuhr. Der Zug war immer voll, eben auch mit
Rekruten, die Ausgang hatten. Sie waren neugierig und wir haben uns immer unterhalten. So konnte ich meinen Wortschatz verbessern. Am Herder-Institut haben sich unsere Lehrerinnen gut um uns gekümmert, was sehr dazu beitrug, dass wir uns
hier allmählich zurechtfanden. Meine Deutschlehrerin war wie eine Mutter zu mir. Sie zeigte mir, wie man eine Waschmaschine bedient, nachdem mein bester Pullover aus dem Senegal sehr eingelaufen aus der Trommel gekommen war. Sie hat mir und
anderen in Weimar die Klassik, also deutsche Kultur, gezeigt.
Zur Jugendweihe ihres Sohnes waren wir alle eingeladen und haben mit der Familie in Erfurt gefeiert. Daraus wurde eine richtige Freundschaft. Auch als ich nicht mehr in Weimar lebte, habe ich sie jedes Jahr besucht, später kam sie zu unserer Hochzeit. Danach besuchten wir sie als Familie. Zu ihrem Sohn haben wir heute noch Kontakt.“

Die Armisten gaben einen guten Querschnitt durch die Gesellschaft ab.

11/ Moussa Dansokho, Senegal.

„ Im ersten und zweiten Studienjahr stand immer ein deutscher Student zwei ausländischen Studenten zur Seite, um uns zu unterstützen. Im Fach Politische Ökonomie lasen wir etwa die Klassiker Marx, Engels und Lenin. Verstanden wir bestimmte Begriffe oder Wortwendungen nicht, dann fragten wir den deutschen Kommilitonen. Auch die Dozentinnen und Dozenten nahmen sich Zeit, wenn fachliche Schwierigkeiten auftraten, und wir konnten sie nach den Seminaren konsultieren. Die Studentenwohnheime waren nach Studienrichtungen unterteilt. Da gab es den Block für die Mediziner, den für die Ökonomen oder den für die Agraringenieure. Deutsche und
ausländische Studierende lebten gemeinsam im Wohnheim."

Es gab also keine #Segregation. Die gab es bei den Vertragsarbeitern, aber auch nicht überall. In #Kahla/#Thüringen gab es ein achtstöckiges Hochhaus, in dem in den unteren vier Stockwerken Vietnames*innen wohnten. Oben Deutsche. Es gab keine Zutrittsverbote oder Ähnliches, wie es von anderen Standorten beschrieben wurde.

„Beziehungen zwischen ausländischen Studierenden und Deutschen
waren nicht gern gesehen. Wir sollten hier studieren und dann in unsere Heimatländer zurückkehren, um die Entwicklungen dort voranzutreiben“

Hier ist auch das mit den Beziehungen erklärt. Was unmenschlich klingt, hatte einen Sinn und war in Verträgen geregelt. Die Entsenderländer wollten eine Ausbildung für ihre Leute. Sie wollten sie zurückhaben. Sie wollten nicht ihre besten Leute/treusten Kader an die DDR verlieren.

12/ Rudaba Badakhshi, Kabul

#Ossi-Migrantin sagte ich ganz bewusst, es war mein Wort, das sich an die Mehrheitsgesellschaft richtet und ausdrückt: Ihr differenziert zu wenig. Ihr habt keine Ahnung, was im #Osten passiert ist.“

13/ Rudaba Badakhshi, Kabul, Afghanistan

In #Jena bzw. Umgebung ist das heute wohl anders …

Vielleicht nicht am Gymnasium.

14/ Rudaba Badakhshi, Kabul, Afghanistan

Ich weiß nicht, ob hier etwas überinterpretiert wird. Berliner gehen normalerweise nicht aus ihren Kiezen raus. Westberliner*innen genausowenig wie Ostberl*inerinnen. Man könnte sonst Entfernungen wie Tübingen–Stuttgart zurücklegen. Warum sollte man das tun? Ich habe als Jugendlicher auch in Pankow gewohnt. Zum Müggelsee bin ich nur gefahren, weil ein Kumpel, mit dem ich in einer Schule im Zentrum Berlins war, einen Garten dort hatte. Ansonsten war das viel zu weit weg. Wir sind nach Ruhlsdorf zum See gefahren.

Mein Westberliner Freund wurde mal im Prenzlauer Berg nach dem Weg gefragt und antwortete: Ich bin nicht von hier, ich bin aus Charlottenburg.

=:-)

15/ Rudaba Badakhshi, Kabul, Afghanistan

„Zuhause-Sein ist für mich
wesentlich griffiger als der Heimat-Begriff. Der Westen ist nicht
meine Welt und wird es auch nicht werden. Denn ich bin dort
nicht aufgewachsen und habe mich bewusst entschieden, hier
im Osten, in Leipzig, zu bleiben. Mit Ossi-Migrantin meinte ich,
wir haben als Migrantinnen und Migranten unsere eigene ost-
deutsche Geschichte. Das ist weder besonders politisch oder
gar emanzipatorisch gemeint, sondern bezeichnet tatsächliche
Unterschiede. Diese Unterschiede müssen gesehen, erforscht,
erzählt und dürfen nicht vergessen werden.“

16/ Abdoul Coulibaly, Mali

#Magdeburg war wohl, was die Separierung der Student*innen anging anders.

17/ Abdoul Coulibaly, Mali

„Meine, vielleicht provisorische, Antwort ist: Wir haben eine sehr gute Verfassung und sie ist die Grundlage und die beste Möglichkeit, eine gemeinsame Kultur zu entwickeln.
Aktuell haben wir nichts anderes. Aber es gibt Menschen in Deutschland, die die Verfassung ablehnen, und viele, die unsere Verfassung einfach nicht kennen. Wie sonst ist zu erklären, dass
Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe Benachteiligungen jeglicher Art durch ganz normale Deutsche ausgesetzt sind? Wie sonst ist zu erklären, dass ganz gewöhnliche Deutsche rechtsradikale Parteien wählen?“

18/ Doan Ngoc Oánh, #Vietnam

„Für die IFA habe ich zuerst in #Bautzen, dann in #Zittau gearbeitet. Ich arbeitete im Lager, das war für einen 20-Jährigen nicht schwierig. Davor lernten wir zwei kurze Monate Deutsch.
Danach konnte ich „Tschüss“ und „Danke“ sagen und kannte
ein paar Sätze für den Einkauf: Schweinefleisch, Gemüse, Hose,
Hemd, Socken. Dass Verben konjugiert werden, so weit bin ich nicht gekommen. Wir waren sehr glücklich in der ersten Zeit. Die Betreuerin und die deutschen Lehrer schenkten uns sehr
viel Liebe und Zuneigung. Die Arbeit war seriös und lief nach Plan. Mit den Einheimischen haben wir uns gut verstanden. Von der Straßenbahnhaltestelle bis zum Wohnheim waren es ungefähr drei Kilometer zu Fuß. Zwar stellte uns die Fabrik für die Entfernung ein paar Fahrräder zur Verfügung, aber die reichten nicht immer für alle. Lief man zum Wohnheim, passierte es oft,
dass die Deutschen mit ihrem Auto hielten und uns die Strecke
mitnahmen.
Gingen wir mal in die Kneipe, wurden wir von ihnen herzlich begrüßt. Zu dieser Zeit wurden wir von den Einheimischen gemocht und wir hatten unsere Freude. Es war ja auch
unsere Jugendzeit. Es war schön, zusammen im Wohnheim zu
leben, in der Woche zu arbeiten und am Wochenende gemeinsam
etwas zu unternehmen – Fußball spielen zum Beispiel. Das
Leben machte Spaß und war total aufregend.

Doan Ngoc Oánh, Vietnam, S. 87–88

19/ Nguyen Trong Khang, #Vietnam

Hier noch mal zum Lohn und auch zu den Besuchsreglungen.

20/ Yasser Muhammad, Palästina

„Abend für Abend zogen wir durch die Clubs, bis im Oktober das erste Studienjahr für uns begann. Als ausländischer Student musste man
im ersten Jahr mit drei deutschen Studenten auf einem Zimmer
wohnen. Hintergrund war, die Sprache besser zu lernen.“

Also #Weimar anders als #Magdeburg: Ziel war es die Sprache zu lernen. Zimmer waren gemischt.

Studium Bauingenieur.

21/ Yasser Muhammad, Palästina

„Mit meinem deutschen Zimmerkollegen aus dem ersten Studienjahr bin ich noch heute sehr
gut befreundet. Ich habe auch zu seiner Mutter und seinem Bruder ein sehr gutes Verhältnis. Es ist familiär geworden. Wir besuchen uns gegenseitig und meine Frau ist auch mit seiner Frau befreundet.“

22/ Le Thi Thanh Binh, #Vietnam

„In Leipzig habe ich dann drei Jahre lang Filmretuscheurin gelernt. Heute sagt man vielleicht dazu: eine Fachausbildung in Reproduktionstechnik.

Meine Ausbildungszeit habe ich in sehr guter Erinnerung.
Die Lehrerinnen und Lehrer waren freundlich und hilfsbereit,
die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Betrieb auch. Wir fühlten uns akzeptiert und lernten viel von den deutschen Menschen: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit. Das Gelernte
wollten wir nach unserer Rückkehr in Vietnam weitergeben.“

Auch der Punkt mit den Normbrechern. Das ist natürlich ein Problem: Wenn man Menschen für drei Jahre holt und die volle Pulle arbeiten und deshalb dann die Normen hochgesetzt werden und das die, die weiter vor Ort sind, lebenslang betrifft.

Auch Normbrecher wie Adolf Hennecke waren nicht beliebt, wenn das dann mit körperlichen Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe zusammenkommt und bei Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau, wo die deutsche Seite nicht so helle ist, dann …

Ja, dann entstehen die bekannten Probleme.

Dazu noch die Kommunikationsbarrieren, weil die Vertragsarbeiter*innen ja im Gegensatz zu den Student*innen nicht ein Jahr Deutsch gelernt haben. Die sollten ja möglichst lange innerhalb der drei Jahre arbeiten, die sie in der DDR waren.

@stefanmuelller, zuhause ist wo du Freunde hast und dich wohlfühlst. Alles Andere sind Erfindungen von Greisen die aus puerilen Interessen, Linien auf eine Landkarte gezeichnet haben.

@Catweazle

Ja. Das geht dann irgendwann in Richtung Nationalismus und da fangen die Probleme an. Es stehen viele Weisheiten zu dem Thema im Buch.

@stefanmuelller, Fähnchen schwingen ist ein gutes Ablenkungsmanöver für schlichte Gemüter.
@stefanmuelller vielleicht relevant and dieser Stelle 'Die Fremden' von Landolf Scherzer? Andere Gruppen aber größere Zahlen?

@stefanmuelller

Apropos Segregation + wissenschaftliches Arbeiten bei Historiken:

Mir ist dazu die wiederholte Behauptung des Historikers und sog. Experten Patrice Poutrus in seinen Aufsätzen eingefallen: "Zugleich mussten sich Studenten aus der DDR häufig dazu verpflichten, mit ihnen [ausländischen Studenten] keinen außeruniversitären Kontakt zu pflegen."
https://climatejustice.social/@peer/112215278560565111

Ich habe heute noch mal geschaut, ob die angegebene Quelle im Internet leicht verfügbar ist und bin fündig geworden:

https://archive.org/details/schwarz-weisse-zeiten/page/82/mode/2up?view=theater

Diese Behauptung (S. 83 oben) beruht auf der Aussage einer einzigen (!) Zeitzeugin.
Und zwar der Zeitzeugin "Cornelia", die zu der Zeit an einer Sektion studierte, die besonders "starr und unnachgiebig" war, "weil dort Dolmetscher und Leute für den Außenhandel ausgebildet wurden, also wirklich staatstreue Loyalitäten." Es wurde - im Gegensatz zu anderen Sektionen - "streng darauf geachtet, dass jeder zur Stange hielt und Lippenbekenntnisse ablegte." Es wurde gesiebt und überprüft, ob man auch keine Kontakte zu Westverwandten hat, bevor man anfangen durfte zu studieren, meint Cornelia, die Quelle des Historiker und Experten Poutrus.

Als normaler Student in der DDR dürfte man natürlich Kontakte zu Westverwandten haben und viele hatten die auch.

@stefanmuelller

"Könnt Ihr verstehen, dass es mich sehr rührt und glücklich macht, diese Zeilen zu lesen? Und es gibt viele davon in diesem Buch. Ich durfte jetzt 35 Jahre lesen, dass es im #Osten nur #Nazis und Rassisten gibt und dass das an der DDR liegt, die inherent rassistisch gewesen sei."

Dass du 35 Jahre zu viel falsches Zeug gelesen hast, zumindest dem Zeug zuviel Bedeutung beigemessen hast, willst du vermutlich nicht hören.

@peer Doch. Stimmt schon. Aber ich habe eben all das, was wir jetzt haben, kommen sehen und mich darüber geärgert und davor gefürchtet.

@stefanmuelller @bpb

Nicht dem heutigen Mindestlohn, sondern "entsprach damit dem damaligen Mindestlohn."

Der vollständige Satz bei bpb lautet übrigens:

"Der Arbeitslohn betrug im Schnitt etwa 400 DDR-Mark und entsprach damit dem damaligen Mindestlohn."

"Schnitt" und "Mindestlohn" in einem Satz! - Entweder haben alle nur den Mindestlohn=Durchschnitt bekommen oder einige müssen auch weniger als den damaligen Mindestlohn bekommen haben. Das wäre die logische Konsequenz.

Dann wiederum wäre die Unterschreitung des *Mindest*lohns eine weitere, zusätzliche Erläuterung Wert. War das offener Gesetzesbruch?
Da es diese Erläuterung aber nicht gibt, spricht viel dafür, dass es eine Unterschreitung des Mindestlohns auch nicht gegeben hat.

"Niedriglohnsektor" ist auch so eine Sache, in einem Land, in dem es überhaupt nur eine sehr geringe Lohnspreizung gab und eine Müllfahrerin mehr verdienen konnte als ein Arzt. (Vielleicht etwas vereinfacht.)
https://www.gutefrage.net/frage/hat-in-der-ddr-ein-rechtsanwalt-oder-arzt-wirklich-genau-so-viel-verdient-wie-die-putzfrau-oder-der-muellmann#google_vignette

zum Lohn in der Textilindustrie habe ich folgendes gefunden:

"Konkret in der Textilindustrie in Werdau bekamen vietnamesische Vertragsarbeiter laut Zeitzeugen rund 1400 bis 1500 Ost-Mark pro Monat, was für DDR-Verhältnisse ein guter Verdienst war.
Davon mussten die Vertragsarbeiter einen sogenannten „Lohntransfer“ an die Heimatregierung abführen. Diese Abgabequote betrug bei Vietnamesen zwölf Prozent."
https://vietnam-oiger.de/vertragsarbeiter-aus-vietnam/

Für Mosambik gab es bspw. wohl eine staatlich Sonderregelung, die zum staatlichen Abschöpfen und Einbehalt aller Beträge über ca. 350 EUR führte. Vielleicht hat das irgendjemand mit Vietnam verwechselt.
https://dah-bremerhaven.de/objects/oktober-2020-arbeitsbescheinigung-1982

Hat in der DDR ein Rechtsanwalt oder Arzt wirklich genau so viel verdient wie die Putzfrau oder der Müllmann?

Es gab im sogenannten Arbeiter- und Bauernstaat tatsächlich eine Abstufung der sogenannten "Intelligenz"!Als Dipl.-Ing. mit universitärem Abschluss verdiente ich als Steiger unter Tage 940…

gutefrage

@peer Ich habe das repariert. Was ich meinte, war: Wenn es das Konzept Mindestlohn gegeben hätte. War wirr. Ist jetzt besser. Danke.

@bpb

@peer @stefanmuelller wir können leider nur eingeschränkt stellvertretend für die Autorin des Beitrags antworten. Der monatliche Mindestlohn in der DDR betrug für Vollzeitarbeitende seit 1976 400 Mark. Die Angabe "im Schnitt" könnte vielleicht darauf zurückzuführen sein, dass nicht alle Personen Vollzeit gearbeitet haben. Wir geben die Frage an die Redaktion des Deutschlandarchivs weiter und melden uns, wenn wir etwas herausfinden. Viele Grüße vom bpb Social Media Team

@stefanmuelller

Brot und Spiele haben schon das alte Rom zusammengehalten.

@stefanmuelller Shame. What a perfectly western protestant view. Tsk, tsk. Vater der Freundin war Kapitän. Gab ja privilegien. Nun, Vater war ordentlicher Commie. Aber Westware wurde 'eingeführt'. Im Sinne der einzig waren Utopie. Hedonismus.
@stefanmuelller Zumindest für Vietnamesen kenne ich Berichte aus erster Hand, die eher ein Bild zeichnen, wie es in diesem BPB-Artikel beschrieben wird: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/548449/vertragsarbeiterinnen-in-der-ddr/ - wirtschaftliche Ausbeutung und staatlich verordnete Segregation.
Vertragsarbeiterinnen in der DDR

Die Wechselwirkungen von Migration, Frausein und Arbeit sind in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte ein besonderes Themenfeld. Im Beitrag geht es um die Lage vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen.

bpb.de

@Thumas Danke! Lese ich mir durch. Die Berichte im Buch sind nicht beschönigend. Es sind auch Berichte von Vertragsarbeiter*innen im Buch.

Die Autor*innen sind meistens politisch engagierte Menschen, die in Migrationsverbänden organisiert sind. Also nicht irgendwelches Wischiwaschi. Die wissen schon, wovon sie reden. Eine Frau hat das erste vietnamesische Restaurant eröffnet. In Freital. Sie berichtet von einem Besuch von Skinheads und wie sie das überstanden hat.

Ein Mann aus Mali hat Bauingenieur studiert und sich selbstständig gemacht. Er schreibt, dass er sich entschieden hat, nicht als Bauleiter zu arbeiten, weil das mit den Bauarbeitern nicht gegangen wäre.

Yasser Muhammad schreibt über sein Leben in #Weimar: „In der DDR herrschte eine große Sicherheit. Man konnte überall hingehen, wurde weder beleidigt noch blöd angemacht. Mit der großen Freiheit kamen die Neonazis, die ihre Freiheit bereits für sich gefunden zu haben schienen.“

Text hängt an. Da ist beschrieben, wie sie mit den Nazis fertig geworden sind.

Im Buch sind mehrere Texte vietnamesischer Vertragsarbeiter bzw. von vietnamesischen Dolmetscher*innen, die geholfen haben und für die Vertragsarbeiter*innen übersetzt haben. Es steht mehrfach drin, dass die Vietnames*innen die Normen in den Betrieben doppelt übererfüllt haben, weil sie so fleißig und motiviert waren. Für die Arbeiter*innen aus der DDR war das aber ein Problem, weil das zeigte, das man durchaus sehr viel mehr leisten konnte als sie. Und dann bestand die Gefahr der Normerhöhung.

Es hätte auch gekracht, wenn die Normbrecher*innen nicht aus einem anderen Land gekommen wären.

Auch der Aktivist Adolf Hennecke war als Normbrecher nicht beliebt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hennecke

Dazu kam das Problem, dass die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen nicht richtig Deutsch gelernt hatten. Das war bei den Menschen, die zum Studium herkamen, anders. Die hatten ein Jahr Sprachunterricht. Steht auch im Buch.

#Migration #Osten #DDR #Thüringen

@stefanmuelller Ich hab noch mal eine Freundin gefragt, die zu dem Thema wissenschaftlich gearbeitet hat. Sie schreibt: "Politisch gesehen war keine Integration gewollt und auch sozial gab es viele Vorbehalte." Die Motive seien aber nicht so klar gewesen, es ginge vor allem vom vietnamesischen Staat aus, der seine Leute zurückhaben wollte. Aus Sicht der Vertragsarbeiter:innen habe es auch viele positive Aspekte gegeben, wie andere Freiheiten als in VN und einen guten Zusammenhalt untereinander.
@Thumas Danke! Das ist toll. Ich hatte nur die Papierversion. Lag ewig auf meinem Schrank, bis ich es jetzt in den Urlaub mitgenommen habe. Mit PDFs kann man viel besser arbeiten. Man hat sie immer dabei und sie sind durchsuchbar.