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Stromausfall in Spanien – Eine Analyse

Solarenergie kommt als Gleichstrom aus den Solarpanels. Das bedeutet, sie muss in Wechselstrom umgewandelt werden. Diese Aufgabe übernimmt ein sogenannter Inverter.

Inverter müssen sich dabei auf das Stromnetz aufsynchronisieren, das heißt, sie erzeugen exakt die Frequenz, die das Netz vorgibt. Gibt es kein externes Netz, ist das nicht möglich – die Inverter wechseln dann in den sogenannten Inselmodus und erzeugen Strom nur für den lokalen Gebrauch. Wenn meine PV-Anlage beispielsweise keinen Netzstrom hat, kann sie das Haus nicht versorgen, aber Strom über zwei Notstrom-Steckdosen bereitstellen.

Die Frequenz im Netz beträgt in der Regel 50 Hertz. Diese schwankt jedoch – mal etwas mehr, mal weniger. Aus physikalisch-technischen Gründen steigt die Frequenz, wenn zu viel Strom das ist, also zu wenig Strom verbraucht wird, und sinkt, wenn zu viel verbraucht wird.

Um das Netz zu schützen, verfügen Inverter über einen Notabschalt-Mechanismus: Steigt die Frequenz über eine festgelegte Grenze (meines Wissens bei 50,2 Hertz), wechseln sie ebenfalls in den Inselmodus.

Der spanische Energiemix ist ungewöhnlich: viel Kernenergie und viel erneuerbare Energie. Ein Großteil der erneuerbaren Energie stammt wiederum aus der Solarenergie – logisch bei dem Klima.

Kernenergie hat zwei wesentliche Eigenschaften: Zum einen sind Lastwechsel nur sehr langsam möglich, zum anderen produziert ein Kernkraftwerk auch bei Teillast nahezu dieselben Kosten wie bei Volllast. Das bedeutet, man möchte diese Kraftwerke möglichst konstant mit voller Leistung betreiben.

Am Montag ergab sich nun eine besondere Situation: viel Sonne, guter Wind. Schon ab 9 Uhr konnte der gesamte Energiebedarf Spaniens durch Kern- und erneuerbare Energien gedeckt werden. Es wurde sogar mehr Strom erzeugt als benötigt, sodass man begann, so viel wie möglich zu exportieren. Alles, was sich einfach abschalten ließ, wurde abgeschaltet – aber die Kernkraftwerke wollte man aus den oben genannten Gründen nicht drosseln.

Dann geschahen zwei Dinge: Eine Leitung nach Frankreich fiel aufgrund eines Feuers aus, und auf einer anderen Leitung kam es wetterbedingt zu Resonanzen.

Bis hierhin ist das alles belegbar – nun folgt die Spekulation:

Diese Instabilitäten führten dazu, dass der Strom nicht mehr ausreichend abfloss. Die Frequenz im Netz stieg an – und überschritt die kritische Grenze von 50,2 Hz. Viele Solaranlagen schalteten deshalb in den Inselmodus. Zu diesem Zeitpunkt machten sie fast 15 GW Leistung aus, knapp 60 % der Gesamtenergie – und waren schlagartig weg.

Plötzlich fehlten zwei Drittel der Energie. Weder Windkraft noch Kernenergie oder Speicher konnten das auffangen – im Gegenteil. Um Schäden zu vermeiden, gingen auch die Kernkraftwerke in eine Notabschaltung. Das ist besonders problematisch – dazu später mehr. Innerhalb von Sekunden brach das gesamte Netz zusammen. Die Solaranlagen waren bereit, konnten sich aber auf kein Netz mehr synchronisieren.

Alles war dunkel. Auch Portugal und Südfrankreich wurden vom Netz genommen, da sie bis dahin vom spanischen Export profitiert hatten. Das europäische Stromnetz reagierte und warf Spanien aus dem Verbund. In Südfrankreich konnte das Netz dank eigener Reservekapazitäten und Hilfe anderer Länder schnell wiederhergestellt werden. In meiner Heimautomatisierung konnte ich beobachten, wie die Frequenz dort kurz abfiel, bevor die eigene Leistung hochgeregelt wurde.

Portugal traf es härter: Das Land verfügt nicht über die Reserven Frankreichs und ist zudem deutlich kleiner. Von außen konnte niemand helfen – Spanien ist der einzige Nachbar.

Neustart des Netzes – warum das so schwierig ist

Ein solches Netz wieder hochzufahren ist kompliziert – aus zwei Gründen:

  • Erzeugung und Verbrauch müssen stets im Gleichgewicht bleiben. Andernfalls droht erneut ein Zusammenbruch.
  • Kernkraftwerke lassen sich nicht sofort wieder hochfahren. Nach einer Abschaltung leiden sie unter anderem an einer sogenannten Xenonvergiftung (eines der Probleme beim Reaktorunfall von Tschernobyl), die erst abgebaut werden muss. Deshalb sind sie auch zwei Tage später noch offline.

Die Lösung besteht darin, das große Netz in viele kleine Abschnitte zu unterteilen. Für jedes Teilnetz wird zuerst Kapazität aufgebaut, dann wird es ans Netz genommen – und so weiter. Das dauert Stunden. In der Zwischenzeit zieht die Sonne weiter, und selbst wenn die Solaranlagen wieder ans Netz angeschlossen werden, liefern sie längst nicht mehr so viel wie zuvor – und ab etwa 20 Uhr gar keinen Strom mehr.

Spanien brauchte also Hilfe aus dem Ausland. Man verband das Land schrittweise wieder mit dem europäischen Netz – zunächst nur mit kleinen Teilregionen. Ohne diese Hilfe wäre Spanien vermutlich noch immer ohne Strom. Der Strom kam daher zuerst in grenznahen Regionen wie Barcelona zurück, während Portugal am längsten unter dem Ausfall litt.

Anmerkungen

  • Für die Größe des Incidents war die Behebung insgesamt schneller als ich erwartet hatte. In San Sebastian war nach 2h wieder Strom (zum Vergleich: Es gab in Wismar und Umgebung letztes Jahr 45min Stromausfall, weil ein Umspannwerk gewackelt hatte) und nach 23h in Portugal. Ich hatte mit 1-2 Tagem gerechnet.
  • Es war der größte Stromausfall in Europa seit 40 Jahren. Wenn die Annahme stimmt, dass er durch Klima-Ereignisse mit ausgelöst wurde, ist eine Modernisierung des gesamten Stromnetzes für besseren Umgang mit Schwankungen unumgänglich. Dazu gehört auch die geforderte Einführung von Stromzonen in Deutschland.

@masek Danke für die tolle Zusammenfassung - lesbar und gut verständlich. Prima!

Heißt das, dass das Grid Management die eigentliche Herausforderung ist?

Und dass solche Ausfälle in der nächsten Zeit häufiger auftreten könnten - denn es gehen ja viele Erneuerbare ans Netz, aber bis das Grid Management entsprechend ausgebaut ist, dauert es noch?

@slothrop Grid management, Kapazitätsreserven in beide Richtungen und viele und redundante Verbindungen

@masek @slothrop
Kurze FollowUp Frage dazu wenn das beantwort-/spekulierbar ist:

Würde es dazu beim Thema Grid Management es dann nichts bringen - vereinfacht - mehr der jetzt verwendeten kleinen "Mikrozellen" aufzubauen statt das ganze Land als Einheit zu befeuern?

Und gibt es keine Möglichkeit, solche kleinen Zellen bei Abwurf ohne das 50Hz Signal bspw. mit einem synthetischen Signal wieder anzufahren, um bspw. schnell Solar/Wind wieder on zu bekommen?

@JeGr

Beantwortet das nicht Frage 1? 🤔

> "Dazu gehört auch die geforderte Einführung von Stromzonen in Deutschland."

@ePD5qRxX
Jein, bei denen ging es - AFAIR - primär um unsere nicht-existente Nord Süd Verteilung und den Überschuss durch u.a. Wind an der Nord/Ostsee während gleichzeitig Richtung Abend im Süden Mangel herrscht. Klar, spielt im kleinen in eine ähnliche Richtung aber bei den Strom Zonen ging es meine ich primär auch um Strompreise an der Börse für unterschiedliche Bereiche DE.

Das hatte nicht primär Schwarzstart/Verteilungsgründe? Aber klar spielt mit rein.

@ePD5qRxX @JeGr ja und nein, die aktuelle Forderung nach 5 Stromzonen beruht auf Erhebungen von 2019, und mit dem in den letzten sechs Jahren rasanten Ausbau an PV ist vermutlich selbst das nicht genug. Aber Stromzonen sollten eben auch kleinere Steuerungseinheiten darstellen können (ob sie es immer tun, steht nochmal auf einem anderen Blatt).

@oliof @ePD5qRxX
Danke dir :)

Ich las u.a. während der EEG und Balkon-Solar Diskussionen schon oft, dass es sinnvoll wäre das Netz mit Möglichkeit auch bis zum Endkunden regeln und steuern zu können und regionale kleinere Mini-Grids zu schaffen, die untereinander leeren statt Riesenanbietern, um dynamischer Stoßzeiten oder solche Ereignisse wie Spanien abfangen zu können. Die Aufarbeitung hat mich daran erinnert, daher hat mich interessiert wie das in diesem Fall mit rein spielt.

@oliof @ePD5qRxX @JeGr Nein, die Stromtarifzonen dienen nicht der Frequenz-Steuerung.
Solang das Europäische Verbundnetz nicht auf getrennt wird (im Fehlerfall, zum Schutz des Restnetzes) ist es frequenzsynchron vom Polarkreis bis Gibraltar. (und Auftrennen geht jetzt schon, wie gerade gesehen. Oder wenn die Meyerwerft ein Schiff falsch misst, oder klirrende Kälte im Münsterland den Stahl spröde macht.)

@adorfer
Also wenn ich Herr Fette hier https://www.youtube.com/watch?v=oF5rHr0qapg richtig verstanden habe, ist die Frequenz nicht überall gleich.

@oliof @ePD5qRxX @JeGr

Blackout Spanien - Was kann die Ursache gewesen sein? (Teil 1)

YouTube

@oliof @ePD5qRxX @JeGr

Ganz Schweden hat vier Stromzonen, warum würde D so viele mehr brauchen? Weil mehr Spieler dabei sind?

@Januschka "so viele mehr"? Also, genau eine mehr?

https://norden.social/@grimm/114420743342229668 hat einen guten Thread dazu.

@ePD5qRxX @JeGr

Rico Grimm (@[email protected])

Die europäischen Netzbetreiber empfehlen, Deutschland in fünf Zonen aufzuteilen, in denen Strom unterschiedlich teuer ist. Das wird Ärger geben. Der Witz ist: Selbst dieser Vorschlag geht nicht weit genug, um die Energiewende zu vollenden: Mehr hier: https://www.cleantech.ing/p/f-nf-strompreiszonen-f-r-deutschland-49a65734e512b41a

norden.social
@JeGr @masek @slothrop Im Gegenteil, das ist wie mit Aquarien: Je kleiner die Stromnetze, desto instabiler.
Nur für die Schwarzstartfähigkeit braucht es hinreichend viele Netztrennstellen (vorhanden) mit jeweils einzelnen starken schwarzstartfähigen Kraftwerken (z.B. Pumpspeicher). Die sind regional teils sehr knapp. Und für Start über Blockheizkraftwerke, Biogas etc. ist die Netzteilung dann doch nicht klein genug.

@JeGr @masek @slothrop naja das grid management kannst du dort machen wo du genaue Daten über Einspeisung und Verbrauch hast. In Deutschland sind die unteren Ebenen wohl großteils noch mit Schleppzeigern also Messinstrument ausgestattet. Sprich: man kann nur die maximale Leistung auslesen die seit dem letzten Reset aufgetreten ist.

@JeGr @masek @slothrop

Normalerweise hat man zum erzeugen der Frequenz Schwarzstart Fähige Kraftwerke. Also Batterie, Pumpspeicher oder Gaskraftwerke welche ohne Netz starten können. Darauf schaltet man jetzt nach und nach Erzeugung und Verbraucher zu. Da will man aber anfangs nur mit sehr definierten Mengen arbeiten, da man durch die geringe Kapazität nur eingeschränkte Regelfähigkeit hat.

@JeGr @masek @slothrop

Re "microgrids": im Moment wird das ganze europäsche Stromnetz als "Kupferplatte" angesehen und ich vermute dass das auch gut ist weil man damit halt europäisch Strom hin&her schicken kann und damit lokale Probleme abfedern kann.

@JeGr @masek @slothrop
Leider ist's halt physikalisch keine Kupferplatte und deswegen gibt es "redispatch": wenn der Strommarkt in Norddeutschland erzeugten Strom zur Deckung des Bedarfs in Süddeutschland "genutzt" wurde, dann wird die Leitung dazwischen so heiß (=hängt durch = Kurzschluss), dass im Norden ein Windkraftrad aus- und in Süddeutschland ein Gaskraftwerk angemacht wird. Beide werden bezahlt und der deutsche Stromkunde zahlt diese Redispatchkosten (über die Netzentgelte?).

@JeGr @masek @slothrop

Wegen letzterem die Strompreiszonen: wenn man in Süddeutschland keinen norddeutschen Strom mehr kaufen kann (oder nur über Übergabepunkte die man regulieren kann), dann wird dieses Problem weniger.

Damit verlagern sich langfristig Verbraucher von Süddeutschland nach Norddeutschland, was Bayern und BW nicht schmeckt.

Oder man baut Stromautobahnen (
https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesbedarfsplangesetz) die aber langsam gebaut werden, weil massive Infrastruktur und Bayern nur unterirdisch wollte.

Bundesbedarfsplangesetz – Wikipedia

@JeGr @masek @slothrop Das steuern solches Redispatch hängt von den Temperaturen der Freilandleitungen ab: wenn es windig und kalt ist kann man die Leitung mehr belasten und muss erst später redispatch machen als wenn man starre Grenzwerte benutzt. Das spart dementsprechend (massiv!) Geld, weswegen es Projekte wie https://www.tennet.eu/de/blog/netzstabilitaet-bei-hohen-temperaturen-potenziale-des-freileitungsmonitorings und https://www.mccs.com/en/about-mccs gibt
Netzstabilität bei hohen Temperaturen: Potenziale des Freileitungsmonitorings

In einigen Regionen Deutschlands, darunter auch in Niedersachsen, haben die Temperaturen diese Woche die 30-Grad-Marke überschritten. Diese Witterungsbedingungen der Sommermonate ermöglichen es, das Freileitungsmonitoring gezielt einzusetzen, um die Netzstabilität zu optimieren und die Stromversorgung effizient zu steuern.

TenneT

@slothrop
Wenn ich es richtig verstehe, haben wir in D den Vorteil, dass wir keine unflexiblen Kernkraftwerke haben. Was ich bisher gelesen habe, sind insbesondere Gaskraftwerke schnell steuerbar. Bin aber kein Experte.

Zudem scheint es eine unglückliche Verkettung von Ereignissen zu sein. Erinnert mich stark an den Bussard, der vor mehr als 20 Jahren das Bahnnetz in Franken ausgeschissen hat. Auf manches kann man sich nicht vorbereiten. :-)

@masek

@slothrop @masek

Das Management von großen Verbundnetzen ist eigentlich schon seit Jahrzehnten eine Herausforderung, die Parameter ändern sich mit der Zeit und der Stromversorgung, aber es bleibt komplex, weil zu jeder Zeit genau so viel Strom eingespeist werden muß, wie am anderen Ende in Verbrauchern landet.

Als ich vor 30 Jahren bei einem EVU gearbeitet habe, war mein Zimmernachbar Vollzeit mit Lastganganalysen und -prognosen beschäftigt um den Kraftwerkseinsatz der nächsten Tage zu planen

@slothrop @masek

Da waren u.a. Wetterprognosen und das Fernsehprogramm wichtige Planungsinstrumente. Erneuerbare Energie war damals primär Wasserkraft und nur ein paar Prozent, aber bedingt durch die wenigen Fernsehprogrammen, hatten z.B. Tatort oder am Freitag Derrick, sowie Fußball einen durchaus sichtbaren Einfluß auf den Stromverbrauch (in der Halbzeitpause alle in die Küche).

@slothrop @masek

Der Kollege hatte dazu den Entwicklungs-Mainframe jede Nacht für seine Rechnungen und ich habe da meist seine Jobs gestartet weil ich der Letzte war.

Und am nächsten Morgen waren dann die Checks erste Aufgabe für meinen Kollegen, ob die prognostizierten Lastgänge für den Vortag genau genug waren und wo gegengesteuert werden mußte.

@slothrop @masek

Man kann z.B. hier auch den aktuellen Zustand des Verbundnetzes ansehen (gibt verschiedenene Diagramme).

z.B. aktuelle Frequenz und wie Regelleistung eingespeist oder entnommen wird, um die Frequenz immer möglichst nah an 50 Hz zu halten.

https://www.netzfrequenz.info/regelleistung

Regelleistung - Netzfrequenz.info

Anzeige der Beziehung zwischen Netzfrequenz und der eingesetzten Regelleistung

@echopapa @masek Solche Phänomene kenne ich!

Ich bin Wildwasserpaddler. Wir fahren manchmal Strecken, wo der Pegel "kraftwerksgesteuert" ist -- d.h. wie viel Wasser da ist, hängt vom Strombedarf im Netz ab.

Da gibt's dann Strecken, die man eigentlich nur zwischen 7 und 8 Uhr morgens richtig fahren kann, weil da das Wasserkraftwerk ordentlich Wasser durchlaufen lässt, damit alle warm duschen können.

Typische 3-Tages-Pegelkurve für sowas:

@slothrop @masek

genau, da siehst du dann, wann für den Kraftwerksbetreiber der Rubel rollt. Und es ist nicht ein Laufwasserkraftwerk was quasi den ganzen Tag "Grundlast" macht, sondern hat nen Wasserspeicher/Rückstau mit dem man flexibel auf den Bedarf reagieren kann (was manchmal für Dein Hobby gut und zu anderen Zeit schlecht ist ;-) ).

//cc @DoSchu Hier eine in Teilen mögliche Beschreibung des Ausfalls. Gut, dass ihr in Mallorca verschont geblieben seid :)
@johnnythan Ja schon verrückt. 😅 Es zuckte mal und das Internet war ab und zu seltsam wie Schluckauf - aber hier waren wir die Insel der Glückseeligen an diesem krassen Tag.
@masek Das 50,2-Hz-Problem ist so alt, dass ich es eigentlich für gelöst gehalten/erwartet hätte.
Artikel von 2011:
https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/neue-vde-anwenderregel-50-2-hz-problem-beheben/
Neue VDE-Anwenderregel soll 50,2-Hz-Problem beheben

Zurzeit sind in Deutschland Anlagen mit einer maximalen Nennleistung von 17 GW installiert; sie tragen jetzt – da bereits einige Kernkraftwerke abgeschaltet sind – mit dazu bei, deren Ausfall zu kompensieren. Gäbe es nicht die dräuende Gefahr, dass eine Sofortabschaltung all dieser Anlagen das Netz an den Rand des Kollapses bringt – das sogenannte 50,2-Hz-Problem. Eine neue VDE-Anwenderregel soll damit Schluss machen.

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@adorfer @masek das habe ich auch gedacht. Weiß man denn, ob es in Spanien eine ähnliche Norm gibt? Die Lösung (einfach den Schwellwert leicht variiert zufällig zu verteilen) ist ja eigentlich ziemlich trivial, und wenn der Hersteller nicht gerade den Wert fest programmiert hat auch sehr einfach nachzurüsten
@karl @masek Die Vermutung (des TS) ist, dass in Spanien (zu) viele Anlagen in Betrieb sind, welche die AR-N4105 (allmähliches Drosseln auf 5% Maximalleistung bei Überschreiten von 50,2Hz bis zum finalen Abschalten bei 51,5Hz) ignorieren. Und stattdessen mit "sofortigem kompletten Abschalten" bei 50,2Hz regierten.
Darüber hinaus wäre auch das Fehlen von EE-Quellen mit hinreichenden FTR-Fähigkeiten notwendig, damit es sich "wie spekuliert" ereignet haben könnte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Low-Voltage_Ride_Through
Low-Voltage Ride Through – Wikipedia

@adorfer @karl @masek
Wobei das Abschalten unter 49,X Hz ähnlich Problematisch ist, weil dann die Leistung endgültig fehlt

Ich erinnere mich noch daß vor 15 Jahren die Netzbetreiber eine Politik gemacht haben bei der jederzeit die Großkraftwerke die Authorität über die Netzfrequenz haben sollten und PV-Einspeisung wie ein Spielzeug betrachtet wurde, es sollte eben gerade verhindert werden daß sich Inseln lokal stabilisieren können

@masek es wird seit Jahren darüber debattiert, dass die Grenzfrequenzen der Wechselrichter nicht hart sein sollten sondern eine gewisse Streuung benötigen. Aus dem theoretischen Problem wurde jetzt ein praktisches. Ob aus den Debatten schon Ergebnisse existieren oder nicht weiß ich nicht, aber dass es notwendig ist sollte spätestens jetzt jedem klar sein.
Bis sich das auf die installierten Wechselrichter auswirkt vergehen Jahre, falls der Bestand überhaupt aktualisiert werden kann.

@nicoduck

Ist nicht seit 2011 die Regelung das die Grenzfrequenz 51,5Hz ist und sie ab 50,2Hz linear ihre Leistung reduzieren? Keine Ahnung wie sehr das insbesondere bei den günstigeren Wechselrichter implementiert wurde.

@masek

@masek Danke für die Erklärung!

Für mich deutet das darauf hin, dass die Abschaltung bei Solaranlagen nicht darauf optimiert ist, dass sie den Großteil des Netzes ausmachen, sonst hätte der Inselmodus eine randomisierte Verzögerung, so dass nur ein Subset der Anlagen aus dem Netz aussteigt und nicht alle fast gleichzeitig.

Liege ich damit falsch?

@masek Wir haben bei der Anlage übrigens ein Autarkie-Modul zugekauft, durch das auch ohne externes Netz zumindest das Haus versorgt ist. Das stellt immerhin sicher, dass die Kühlschränke und Gefrierschränke der 5-6 nächsten Haushalte bei Stromausfall nicht abtauen (solange wir genug Verlängerungskabel finden, um sie anzuschließen).
@ArneBab @masek leider sind inzwischen die Inverter, die auch den Insel-Modus können, teurer als die Photovoltaik-Module selbst. Und deshalb wird bei den Invertern Geld gespart - also leider am falschen Ende. Wenn das Netz weg ist, bringen diese Inverter dann leider auch nichts.

@das_menschy Wir haben 1500 Euro für ein Autarkie-Modul gezahlt, damit das bei uns geht.

Haben das auch schon getestet: wenn das Außen-Netz weg ist (z.B. weil wir den entsprechenden Schalter umlegen) sind wir binnen 10 Sekunden auf Hausstrom.

Sollte es zu Angriffen auf das Stromnetz in Deutschland kommen, müssen wir allerdings hoffen, dass wir rechtzeitig die Internetverbindung des Inverters kappen (für automatische Updates nötig), damit der nicht geknackt werden kann.
@masek

@masek Sie glauben dass alle PV Anlagen innerhalb von 3 Sekunden komplett abgeregelt haben und das gleichzeitig? Ich glaube das ist Unsinn.

@wgfrie @masek

Das ist das 50,2-Hz-Problem.
https://www.sfv.de/artikel/das_502_hertz_problem
Eine Periode der Netzfrequenz dauert 20ms. Entsprechend schnell kann ein Wechselrichter reagieren.

Das 50,2 Hertz Problem und Stabilisierung des Stromnetzes durch Einsatz dezentraler aufladbarer Batterien

Viele Wechselrichter reagieren aber gar nicht so schnell. Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich dass innerhalb ganz kurzer Zeit 15 GW Leistung durch PV weg fallen.
@eggimt @masek gesehen und heute glaube ich im Podcast angedeutet... Glaube ich
Danke für den link. Gute Erklärung

@OchmennoPodcast Dann muss ich Dir den Link ja nicht mehr schicken :-)
War eine sehr gute Folge, bei der ich noch was gelernt habe, vielen Dank.
Die Meckerer werden sich vermutlich daran aufhängen, dass Du gegen Ende mal "Stromstärke" gesagt hast, aber von der Spannung geredet hast ;-) Sonst ist mir nichts aufgefallen.

Edit: Den Punkt "Abwurf von Erzeugern", was durch schlechtes Setzen der Grenzen laut Verordnung zu Problemen führen kann, hattest Du nicht explizit drin.

@Habrok42 stimmt hast du recht. Wobei große Verbraucher ja das in ihren Verträgen haben. Darum ist Industrie Strom ja billig
@OchmennoPodcast Ja, Abwurf großer Verbraucher, wenn zu wenig Leistung da ist. Hier war es ja wohl Abschalten von zu viel Erzeugungskapazität auf einmal, weil zu viel Strom da war. Wie ich aus Kommentaren gelesen habe, mussten Solar-Wechselrichter früher bei 50,2 Hz abschalten ("die kleinen Solaranlagen"), sollen seit ~2011 ab 50,2 Hz bis 51,5 Hz linear abregeln, vermutlich schalten aber immer noch zu viele bei 50,2 Hz hart ab, was dann überkompensiert hat.
@masek Besten Dank für die gut verständliche Zusammenfassung!👍
@masek wenn die Wechselrichter tatsächlich alle bei genau 50.2Hz abschalten ist das Desaster ja quasi vorprogrammiert.
Da gehört sowohl etwas zeitliche als auch frequenzbezogene Randomness inkl. Flapping-Prevention dazu, dann sollte ein derartiger massiver paralleler Wegfall von diesen Erzeugungsressourcen nicht mehr passieren.
@eliasp
Nein, es wurde bereits vor Jahren erkannt, daß die Abschaltung bei 50,2 Hz zu einem Disaster führen würde. Daher drosseln die Wechselrichter zunächst die Einspeisung ab 50,2 Hz und erst ab 51,5 Hz schalten sie ab. Das gibt den Netzbetreibern genügend Luft rechtzeitig zu reagieren.
@masek

@masek @monoxyd Interessante Erläuterung. Ich weiß leider nicht, wie es in Spanien um die Ausstattung der Solarparks mit Batteriespeichern steht. Ich hoffe nicht, dass in Spanien nur ungenügend virtuelle Trägheit bei dem Energiemix installiert hat.
Traditionell kann ein Energienetz nur dann wirklich kontrolliert werden, wenn genügend Schwungmassen in Form von drehenden Generatoren vorhanden sind. Das Netz stabilisiert sich inhärent erst einmal selbst, indem es Energie aus den Schwungmassen abgeben oder in diese aufnehmen kann. Das verschafft Zeit für Regelsysteme im Bereich von mehreren Sekunden.
Bei Solarparks kann das nur in Form von Batteriespeichern nachgestellt werden. Es geht hier um große kommerzielle Anlagen, nicht um PV-Anlagen auf dem Dach. So ausgestattet können diese Anlagen auch ohne Fremdsynchronisation weiterarbeiten.
Ich habe leider keine Angaben gefunden, wie die Anlagen in Spanien ausgestattet sind.

https://www.elektroniknet.de/power/spannungswandler/virtuelle-schwungmasse-fuer-das-stromnetz-der-zukunft.138767.html

Virtuelle Schwungmasse für das Stromnetz der Zukunft

Der Vormarsch der Erneuerbaren Energien ist für das Stromnetz nicht unproblematisch. Ohne konventionelle Kraftwerke fehlt die Momentan-Reserve der Generatoren, um die Netzfrequenz zu stabilisieren. Doch die rotierende Masse kann durch Leistungselektronik mit virtueller Inertia ersetzt werden.

Elektroniknet
@juergen @masek @monoxyd
Dadurch dass immer mehr große Verbraucher über FUs gesteuert werden (idr für größere Effizienz, da optimale Drehzahl), tragen diese auch nicht zur Stabilisierung der Netze mehr bei (wie halt früher).
Auch Windkraft ist heutzutage über FUs ans Netz angeschlossen, damit das Windrad mit der optimalen Drehzahl drehen kann.
Und afaik können Batteriespeicher halt nicht schnell genug eingreifen, um die ersten 100ms zu stabilisieren, dafür sind rotierende Massen das beste.
@juergen @masek @monoxyd
Das wollte ich nur kurz als Zusatzinfo geben.
Dein Beitrag ist tadellos.

@twe
Ich weiß nicht ob das mit den großen Akkuspeichern tatsächlich so ist, wäre interresant wenn sich jemand melden könnte der das genauer weiß

Es ist jedenfalls kein technisches Problem, jede kleine Netz-Interaktive USV läuft Netzparalell und kann schon innerhalb einer Halbwelle nachregeln und die Sinuskurve stützen

Daß Frequenzumrichter durch ihre konstante Leistungsaufnahme (dynamisch negativer Eingangswiderstand) das Netz destabilisieren ist bekant

@juergen @masek @monoxyd

@masek Danke für die Analyse!
@masek vielen Dank! Sehr verständlich und nachvollziehbar beschrieben.
@masek Vielen Dank. Sehr interessant!
@masek Gute und nachvollziehbare These. Der Punkt der "Resonanzen" ist aber wohl noch etwas zu wenig erforscht.
@masek Danke, genau worauf ich gewartet habe

@masek

Wie schnell bewegen sich Frequenzschwankungen durch das Netz?

@masek die Analyse passt zu diesem Artikel, über den mangelhaften Ausbau des Netzverbund zwischen Spanien und Frankreich:

"[...], EU leaders vowed that year to reach 10% for every country by 2020 [...] Spanish grid operator REE says its capacity to mainland Europe is just 2% – a regression that stems from French policies to shield its nuclear industry from cheap green power from the south."

https://www.euractiv.com/section/politics/opinion/the-brief-how-france-paved-the-way-to-spains-blackout/

@masek One tiny correction: the 15GW of production that disappeared at once were not all solar. 10GW were indeed photovoltaic, 3GW were nuclear, and 2GW were other sources.